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Das Zehnte gehimmelt & gestürzt |
ouk interview: Nikolaas Deiker |
Von den Einen werden sie belächelt, von den Anderen bewundert. Sie zerreißen sich für Dinge, denen sie einen besonderen Wert beimessen und verfolgen konsequent den eingeschlagenen Weg. Bei vielen stoßen sie dabei auf Unverständnis, vor allem bei denen, die keinen Zugang hierzu finden können. Die Rede ist von Freaks, positiv Verrückten, die ihre gesamte Persönlichkeit in eine Sache einbringen und sich dabei nicht beirren lassen. Hierfür ist ihnen kein Preis zu hoch und kein Weg zu weit. Auch im Großraum Stuttgart finden sich Unzählige dieser Menschen, ohne die die Welt ein ganzes Stück ärmer wäre. Nicolaas Deiker ist einer von ihnen. Der 22-jährige Chemiestudent ist einer derer, denen wir (vor allem künftig) die glücklicherweise nie enden wollende Flut an Veröffentlichungen im Bereich der elektronischen Musik verdanken, einer derer, die Musik atmen, für sie leben und ihr alles unterordnen. Der Fast-Food- und TV-Junky ist dem Insider im Zusammenhang mit dem derzeit von Lob überschütteten Label Mutter-Tonträger" bekannt, was uns veranlasste, ihn (mal wieder bei Bella, vielen Dank für die Gastfreundschaft) zum Gespräch zu bitten:
ouk: Das Mutter"-Label ist derzeit in aller Munde, Dein Name taucht dabei aber nur selten auf und wenn, dann nur am Rande. Wie ist da jetzt konkret Dein Beitrag? Produziert ihr alles gemeinsam?
Nico: Tja, es ist wohl Zeit, da mal einiges klarzustellen. Produzieren ist in diesem Zusammenhang zu einer Art Lieblingsreizwort für mich geworden. WIR produzieren, das kannst Du Dir dann folgendermaßen vorstellen: Meinetwegen Bella sitzt jetzt dahinten am Mischpult und ich komme zu ihr und jetzt produzieren wir mal (steht auf und setzt sich unter Gelächter in einen Ohrensessel): Mmh, die Bassdrum kickt noch nicht so richtig. Weißt Du, es muß eher so klingen, wie Landstrumm, die muß fetter sein, irgendwie...
Bella: Ach so einfach ist das, ich glaube ich werde auch Produzent ...
Nico: Alles ganz leicht, ja.
ouk: Heißt das, das Du derjenige an den Geräten bist und die anderen sich im Sessel breitmachen?
Nico: Genau so ist es, ja. Und dann gibt es solche Knäblein ohne eigenen Stil, die den Leuten nur hinterherlaufen, alles nachplappern und das dann als eigene Meinung oder eigenes Wissen darstellen. Solche Leute behaupten dann, der Remix, den Benavente für das neue Akkustik"-Label gemacht hat, ist supergeil. Fakt ist, daß der Remix von mir ist. Benavente saß dabei weit zurückgezogen in einem Sessel und hat ein paar entfernte Anweisungen gegeben, und das wars. Ich frage mich sowieso, wie die Leute eigentlich produzieren, ohne überhaupt Geräte zu haben!?! Dazu gibt es dann Neider, die gerne verbreiten, daß man das verwöhnte Kind reicher Eltern ist, das die Tausender nur so zugeschoben bekommt, nur um sich zu amüsieren. Weil ich ja nichts besseres zu tun habe, als das Geld für Geräte einfach nur rauszuschmeißen...Der einzige, der ab und zu wenigstens mal etwas in den Computer eingibt, ist der Yentner, aber generell das Ganze Produzieren" zu nennen wäre Schwachsinn. Die Sounds, die sie verwenden, habe ich gemacht, die sind schon in den Maschinen, wenn sie kommen, und dann geht es vielleicht noch darum, wo man die jetzt hinsetzt, und das wars. Von den ersten drei Platten sind nur zwei Stücke nicht von mir (das eine von Jens Abel, das andere von Slotty) .
ouk: Was mich zu der Frage bringt, warum lassen Leute wie Du das mit sich machen? Da gibt es ja genug Beispiele: Hildenbeutel/Väth, Bartz/Hell usw..
Nico: Kindliche Dummheit...Es dauert eben manchmal, bis Du begreifst, wo es lang geht.
ouk: War das dann so, daß die schon von vornherein gesagt haben, alles klar, unser Name steht auf dem Cover und Du wirst noch klein irgendwo erwähnt, oder hat man Dich vor vollendete Tatsachen gestellt?
Nico: Letzteres. Ich bin da ziemlich überrascht worden.Ich habe die erste Mutter-Platte gesehen und dachte mir dann, hoppla, Co-Produzent, das sieht dann so aus, als ob ich mich hinsetzen würde, während die anderen arbeiten und vielleicht noch letzte Instruktionen geben. Aber ich mache ja die eigentliche Arbeit. Bei Väth/Hildenbeutel ist es zudem so, daß Hildenbeutel dafür bezahlt wird, daß andere die Credits einheimsen. Wenn mir jemand 80% des Gewinnes gibt, lasse ich mich von mir aus als Co-Produzent titulieren. Aber bei mir war es so, daß ich die Geräte stelle, mein know-how, Strom... und ich habe keinen Pfennig dafür gesehen, auch bei Sachen, wo definitiv Geld geflossen ist. Bei den Platten habe ich ja keinen Einblick, ob da jetzt Gewinn gemacht wird, oder nicht. Ich meine, ich hätte mich ja schon gefreut, wenn sie gesagt hätten, hier hast Du 50 Mark, geh damit Spaß haben, aber mir wurden bereits Vorhaltungen gemacht, als ich 10 Stück für mich und meine Freunde wollte.
ouk:: Gab es wenigstens ein Dankeschön?
Nico: Nein, im Gegenteil, ich wurde noch kritisiert, aber was will man erwarten...
ouk: Du hast sicherlich das Interview in de:bug" gelesen, was denkt man sich dabei?
Nico: Absoluter Schwachsinn. Das ist ein Beschmieren mit Ruhm, aber es ist nun mal Fakt, daß diese Leute Techno nicht nach Stuttgart gebracht haben. Allein in der jüngeren Vergangenheit gab es ja schon die Dream Factory, Motor City oder Leute wie Euch, die viel bewegt haben, bevor Daniel Benavente kam. Über so etwas lacht man dann schon. Über die Sachen mit meiner Person kann man hinwegsehen, ich habe mich schon damit abgefunden, daß ich abgezockt wurde, aber dieser ganze Rest ist wirklich Kinderfasching. Das ist schlicht vorstadtpubertär. Auch die Sache mit den deutschen Namen der Stücke ist Blödsinn. Das haben andere lange vor ihnen gemacht. Außerdem sind sie ja ganz heiß darauf, so zu klingen wie die Briten, dann wäre es doch eigentlich logisch, englische Tracknamen zu verwenden. Dann wären sie ihren Idolen noch näher... Angesichts des Interviews fällt mir noch etwas zu dem Begriff Freunde ein. Unter Freunden verstehe ich, daß man sie auch mal einfach so anruft und fragt, wie es ihnen geht und sich nicht nur dann meldet, wenn man etwas braucht. Genau so war es aber mit den Mutter-Leuten. Viele denken jetzt vielleicht, wow, der verbaut sich ja gerade alles mit denen. Aber ich brauche von diesen Leuten gar nichts. Die einzigen, die ich wirklich brauch sind die Leute im Kernkraftwerk, die mir den Strom liefern und den Supermarkt um die Ecke, wo es Tiefkühlpizza und Cola gibt. Bezeichnend ist, daß ich von dem Interview in de:bug" erst von Bella erfahren habe. Sie haben mir gar nichts darüber gesagt, kein Wort...
ouk: Warst Du mit den Mutter-Produktionen überhaupt zufrieden?
Nico: Naja, ich höre sie mir ehrlich gesagt nicht mehr an. Die Platten sind nicht besonders aufwendig und auch nicht besonders fett produziert. Es fehlt die Liebe. Es mußte immer schnell gehen, an einem Abend, wenn sie mal gerade Zeit hatten. Das hat sich natürlich ausgewirkt. Und obwohl sie nur Sofaproduzenten waren, hatte ich trotzdem wenig künstlerische Freiheit. Im Nachhinein gesehen sind die Platten für mich einfach langweilig. Also nach der Fertigstellung habe ich nicht gesagt Das ist es", wie bei anderen Sachen, die ich nur auf Dat habe. Sie haben mir aber geholfen, Erfahrung zu sammeln und einen tiefen Einblick in die manchmal korrupte Welt des Business zu bekommen. Ich habe daraus gelernt und habe mein Lehrgeld bezahlt.
ouk: Wie sieht die Zukunft aus? Ist etwas mit Elef geplant?
Nico: Ja, Shokoy 13 wird von Nedim Tezkosar und mir sein. Sie erscheint unter dem Namen Riffraff:Accelerator-EP" in der 3.Dezemberwoche.
ouk: Sitzt Nedim dann auch im Sessel und schaut zu? (Allgemeines Gelächter, Nedim blickt entrüstet auf)
Nico: Nein, natürlich nicht, Nedim kennt sich mit den Geräten aus, hat ein Instrument gelernt. Das sind ganz andere Voraussetzungen. Benavente kann kein Instrument und kennt sich überhaupt nicht mit der Materie aus, Yentner kann vielleicht ein bißchen mit dem Computer umgehen.
ouk: Wie ist das, wenn zwei tatsächlich zusammenarbeiten? Wie teilt man das sinnvoll auf?
Nico: Jeder von uns kreiert Sounds, der eine macht anschließend vielleicht die Bassline, der andere das Drumgerüst. Wenn wir das fertig im Computer haben, macht jeder ein paar Mixe und den besten nehmen wir dann, egal wer den jetzt gemacht hat.
ouk: Ist die Liaison mit Mutter jetzt eigentlich beendet?
Nico: Ja definitv. Es war zwar eine Soloplatte im Gespräch, aber ich möchte mir in meine Produktionen nicht mehr reinreden lassen, vor allem nicht von Leuten, die sich nicht auskennen, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Ideen umzusetzen. Und warum sollte ich Mutter dazu verhelfen, mit mir Geld zu verdienen? Nein, nein, Mutter ist definitiv gelaufen.
ouk: Wissen die das schon?
Nico: Nein, das wird wohl eine Überraschung werden. Das Label wird ohnehin Probleme bekommen, weil die Jungs in meinen Augen unfähig zu dessen Führung sind. Sie haben keine Ahnung vom Management, vom Produzieren, haben sich viel zu wenig informiert. Es geht halt nicht, zu sagen, wir machen jetzt ein Label und das wird schon, wenn man von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Ihnen fehlt hierfür die geistige Reife. Sie versuchen halt ihr Ding, aber mit Kultur oder Kunst hat das wenig zu tun. Sie bleiben auch nicht kontinuierlich am Ball, d.h. sie benötigen für den nächsten Release 4 Tracks, also kommen sie vorbei und wollen 4 Tracks, dann ist wieder 2 Monate Sendepause, sie haben nichts in der Hinterhand. Für meinesgleichen ist Musik ein bestimmender Teil des Lebens, ich bin ständig an den Geräten und mache täglich neue Tracks. Ich will damit sagen, daß Benavente und Yentner mehr Konsumenten sind. Sie leben nicht für das Produzieren.
ouk: Beschäftigst Du Dich nur mit Techno?
Nico: Nein, bei Techno allein würde ich verblöden, geistiger Ausverkauf sozusagen. Mir gefällt vieles, sei es nun Jungle, House oder Hip Hop. Es gibt überall gute Sachen. Es gibt sowieso kein Gut oder Schlecht, kein mathematisches Richtig oder Falsch, denn wir sind ja der berühmte Musikant mit dem Taschenrechner in der Hand. Unsere Musik besteht aus endlosen Verknüpfungen von Zahlen. Außerdem ist Musik einfach Geschmackssache, jeder sieht sie anders.
ouk: Ein paar Worte zur Stuttgarter Szene?
Nico: Oh je, hierüber könnte man auch Stunden philosophieren. Vor einem Jahr hat noch alles über Jungle geschimpft und heute findet es jeder ganz toll, genauso mit Elektro. Leute, die davon noch vor 2 Jahren nichts wissen wollten, schmücken sich heute mit dem Begriff Elektro-DJ.
Dann gibt es in Stuttgart immer viel Gerede, dem selten Taten folgen. Was mich auch nervt, ist dieses Schubladendenken. Wenn ich ein Elektrostück mache, werde ich gleich in diese Ecke gestellt. Da sieht man dann die Schmalspurigkeit. Die Prag-Leute stehen nur auf ihren harten Sound, anderswo hört man nur Garage. Dieses Denken ist doch Schwachsinn, denn die wahre Kreativität liegt doch in der Fähigkeit variabel zu sein. Da wird es für mich erst interessant. Die Vielfalt machts. Viele Stilarten gründen ja auch aufeinander, was viele nicht wahrhaben wollen.
ouk: Wir versuchen auf unseren Partys inzwischen auch von Hip Hop über Jungle bis zu Detroit-Techno alles unterzubringen, weil der Abend dadurch viel ausgefüllter ist und wir eben diesen breitgefächerten Musikge-schmack haben. Da tauchen dann auch ab und zu Leute auf, die sich darüber beschweren, weil sie einfach zu engstirnig sind. Das ist sehr schade.
Was stört Dich sonst noch an Stuttgart?
Nico: Liveact-Verbuchungen, bei denen man über den Tisch gezogen wird, also nicht die vereinbarte Kohle bekommt oder wo alles schiefläuft. Bspw. kommt man wie besprochen um 9 und darf erst mal 1 Stunde warten und dann wird verlangt, daß man in 10 Minuten aufbaut und Soundcheck macht, oder die Anlage ist kaputt...
Bella: Geht es Dir gar nicht um die Musik? Nur ums Geld?
Nico: Es geht sicher nicht nur um Geld, aber es geht nun mal auch darum, daß man gebührend für die erbrachte Leistung entlohnt wird. Klar ist Idealismus immer dabei, aber ich muß auch leben. Der Clubbesitzer verdient schließlich daran. Ich habe eben das Gefühl, daß viele angesichts meines Alters denken, ach da kommt das kleine Vorstadtdummchen, den kann man kurz abzocken. Das lasse ich mir jetzt halt nicht mehr gefallen. Das heißt nicht, daß ich nicht mit mir reden lasse, wenn der Abend schlecht gelaufen ist, aber es muß eben im Rahmen bleiben.
ouk: Hattest Du schon Auftritte, die sich für Dich gelohnt haben?
Nico: Naja in Stuttgart ist es ja fast immer leer und dann vor 5 eher zufällig Anwesenden zu spielen, die sowieso nicht wissen, was da passiert, ist nicht die Erfüllung.
ouk: Ich frage deshalb, weil mich interessiert, ob live spielen für Dich nur notwendiges Übel oder echter Spaßbringer ist.
Nico: Sicher letzteres. Wenn das Ambiente und die Anlage stimmen, ist das schon eine tolle Sache, eine ganz andere Erfahrung, als im Studio zu sitzen. Es ist auch eine Herausforderung, weil man ja nicht alle Geräte mitnehmen kann und in seinem Schaffen dadurch begrenzt ist. Es gab dieses Jahr in Berlin einen Auftritt, der wirklich gut war. Das war im Eimer", weil da alles gestimmt hat, Location, Anlage u.s.w.. Allerdings sind wir da auch abgezockt worden, kein Geld, keine Übernachtungsmöglichkeit, wie versprochen. Aber das hat einfach Spaß gemacht und da ist mir das Geld auch egal gewesen, weil es einfach ein toller Abend war. Aber das ist halt nicht immer so. Vor allem bei den Stuttgartern habe ich das Gefühl, daß die nur abzocken wollen. So wie an einer billigen Baustelle, wo dann ein Mann gräbt und die anderen zuschauen. Hauptsache der Gewinn stimmt und wenn das auf Kosten des anderen geht, stört das nicht weiter. So etwas nennt man dann Freundschaft...
ouk: Treibst Du Sport?
Nico: Nein, nur reiten ist ganz amüsant, Pferde mag ich nicht so...
ouk: Glaubst du an Außerirdische?
Nico: Nein.
ouk: Warum nicht?
Nico: (grinst) Es gibt nur meine Intelligenz...
ouk: Sonst noch was?
Nico: Es wäre natürlich falsch, zu behaupten, daß in Stuttgart alles schlecht ist. Ich denke da z.B. an die Dream-Factory oder Motor-City. Großen Respekt habe ich auch vor den Stuttgartern, denen es wirklich um die Musik geht, die einen Dreck auf die Meinung anderer geben, Idealisten wie beispielsweise Klangstabil. Leider sind das nicht viele... ][ motik
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