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Punk strikes back ]
Ein Nachtrag zum Jahre 97 - Ein Auftakt zu 1998.
Da 1998 noch kein neues schwarzes Gold in meine Hände hat purzeln lassen, und es noch
eines wichtigen Nachtrags aus längst vergangener Zeit bedarf, sei hier an dieser Stelle
noch eine Tübinger Veröffentlichung erwähnt, die erst ganz zum Schluß des Jahres
erschien:
Die Essighaus/Masons Split-EP auf Eric Bauers eigenem Label Middle Class Pig Records. Essighaus, bekannt und geliebt nicht zuletzt durch den alles miteinbeziehenden, räumlich abgetrennten Auftritt im Sudhaus als Abendhöhepunkt zu der mehr von Polizisten als Begeisterten besuchten Love and Hate Parade am 18.07.97, stellen hier ihre, erstmals auf Tonträger festgehaltene, innovative Schrägheit in ihrer eigentümlichen Konsequenz vor. Auf dem pink strahlenden Vinyl der 10´ (MCP 002), das es in allen renommierten Vinylläden käuflich zu erwerben gibt, präsentieren sie sich diesmal stückweise mit leicht veränderter Besetzung, so daß über und auch hinter einer klanglichen Welt, hervorgezaubert aus Stahlfässersounds, dezent begleitet von Schlagwerktönen und einer Harmonie von Bass mit Gitarre sowie analogen Syntheseklängen, es dem gesanglichen Wunderwonneproppen Michael Zimmermann gestattet wird, die abgedrehte polnische Realität der Bernsteinkinder dem interessierten Zuhörer preiszugeben.
Weiterhin verlaufen die gesanglosen Stücke in einer gamelanartigen, zeitgerafften
Weise, die nur ihre unerwünschten Enden durch ein platzbedingtes Rillenproblem in einem
lange nachhallenden Raum finden, wie ein stetiges Rauschen mit verhalten zurückversetztem
Melodieansatz. Melodie, die sich genauso rar macht, wie die von Stefan gespielten
Gitarrenriffs, aber an harmonischem Gezerre nichts einbüßend. Jochen Braun, hier nicht
ausschließlich Meister der Perkussion, sondern auch basslich am werken, auf oben
genannter Veranstaltung, an einem der wenigen sonnigen Tage des Sommers ´97, auch
gesanglich unterwegs gewesen, stellt zusammen mit Michael Z., diesmal im Blechtrommellook
deutsche Schlagersänger persiflierend, auch das Bindeglied zu der in einem
Paralleluniversum existierenden Vereinigung mit Namen VEB-Kunstblume dar.
Diese gaben am Freitag den 9.1.98 auf dem Brechtbaufest im Neup(h)il(l)ologikum eine
heldenhafte Stunde lang einen Ausschnitt ihres musikalischen Repertoirs preis. So wie es
Superman(n) und Spiderman(n) nur selten vergönnt ist, eine gemeinsame Geschichte zu
erleben,war dieser Tag einer der wenigen Momente in Tübingen, bei dem das super zahlreich
erschienene Publikum vor dem westminsterabtei-artigen-Westbim-Westbam-4-To-The-Floor-Brei
des Tanzsaales in die Idylle dieses Nebenraumes flüchten konnte. Endlich umschmeichelt
von klassischen Instrumenten wie Piano und Akkordeon, welches angeblich Erich Honnecker
auch schon gehört hatte, oben genügend Attribut gezolltem Vokalisten neben einer
rythmischen Begleitung auf Farbeimern sowie zu Schorle verkonsumierten Weinflaschen,
gespielt von Tonnenspezialist Jochen, durfte man belustigt und aufmerksam den selbst
komponierten deutschen Chansons lauschen. Auf den "vertrauten" Instrumenten
begleitete Thilo Alexe die dicht aneinander gedrängten Ohren unter anderem auf eine Reise
durch die "Männerwelt" des "Maskaravampiers" auf dem
"Sambesi", um über einen "Hartplatz" an dem "Goldrand" des
"öden Lauf der Tage" angelangt "eine Minute" lang "Sabse",
"Dolphin" und den "drei Schnecken im Haus" "Zucker und Zimt"
wie ein "dunkler Stern" ins Leben zu streuen.
Kleine Ausrutscher, oder auch improvisationsbedingte Kreativität in der Stimmlage und ähnliche Fehlerkunst, die eine wohltuende menschliche Leichtigkeit ausdünsteten, wurden von dem, auch zum Teil auf Stühle, gefesselten Publikum, dank des virtuos charmanten Witzes der Drei und einiger "Internwitze", mit Begeisterung aufgenommen.
"Danke".
Auch für die 1, 2, ..., 38317 nicht über einen Taschenrechner sich ergießenden, sondern wieder in unseren ,und nicht Graf Zahls, Kehlen sprudelnden Cola-Schorles. ][ g
Change
Things have to ( Rainycity )
Wer sich in letzter Zeit in die neue Britische House-Avantgarde verliebt hat, dürfte
auch mit diesem Double-Imprint wahre Glücksgefühle erleben. Das Team um
B.F.T.P/Afrodizzyact & Elastic Band zelebrieren Treffsicheres jenseits von Speed und
Garage. Besitzen dreiviertel aller Mixe House meets Filter meets Percussion"
Charakter, überzeugt das letzte Viertel durch DownTempo par exellence. Elastic Band
erzeugen mit BluMix eine wahre DownTempo Hommage. Sanfte, flüsternde Stimmen bereiten uns
den Weg zu Vibraphon und Baß. Kostprobe auf den Frühling. ][ enco
Dubtribe Sound System - Wednesday Night ( Imperial Dub
)
Es gab Zeiten in SanFrancisco, in denen jede Nacht einer Woche durchgetanzt wurde. Die
Gebrüder Jones, Inhaber des in SanFrancisco heimischen Imperial Dub Labels, haben diese
Zeit wohl am eigenen Körper miterlebt. Sie erzählen von den Freuden und Schmerzen jener
Nächte und von der Wirkung, die House auf ihr Leben hatte. Treibende Drums und filigrane
Percussionparts lassen einen den Schweiß dieser Nächte deutlich spüren. Die von Funk
nur so sprühenden Synthesizer- und Gitarrenriffs brennen sich förmlich ins Hirn und mit
dem Break wird einem klar, wie gefährlich Musik wirklich sein kann. ][ mb
Black hole project - Communication EP ( Shokoy 14 )
Goran Besov und Savas Pascalidis formieren sich auf der neuen Shokoy zu einem Dreamteam
und liefern damit mal eben die definitive Platte des Monats ab. Jedem stand eine Seite zur
Verfügung und das Ergebnis ist extraklasse: Vorwärtstechno, der auch dem größten
Tanzmuffel das Stillstehen unmöglich machen dürfte. Großartig! ][ motik
Markus Liefke - Mo-Fon ( Mutter 04 )
Ähnlich wie Shokoy steigert sich auch Mutter von Release zu Release und wirft hier den
ersten wahrlich überdurchschnittlichen Plastikrundling auf den Markt. Was den
Normalbürger wohl schnurstracks zur Flucht bewegen würde, läßt unsereins die
Freudentränen in die Äuglein steigen: 4-to-the-floor und ein Monsterbass, der einem die
Eingeweide nach außen kehrt und jede Räumlichkeit bis in die Grundfesten erschüttert.
Eile ist geboten, denn weiterhin ist die Auflage lediglich bei 600 Exemplaren. Es lohnt
sich. ][ motik
Ashley Beedle - Black Jazz Chronicles II ( Nuphonic )
Der zweite Teil der Black Jazz Chronicles, diesesmal merklich beschwingter und somit auch
grooviger, läßt sich mit Sicherheit erst beim zweiten Mal hinhören mit House in
Verbindung bringen. Ashley Beedle präsentiert hier modernen (elektronischen) Jazz und
zeigt gleichzeitig seine musikalische Bandbreite. Wie immer vom typischen NuHouse-Stil
geprägt - und im Vergleich zur ersten Platte unterscheiden sich die 4 Tracks deutlicher
von einander. ][ mb
The Songstrees - Seeline Women ( Ibadan )
The People Movers hatten mit C-lime Women das Thema schon 97 erörtert, doch verhält sich
Seeline Women umgekehrt proportional zum Eye Q Output. Die persönlichen Freunde Kerri
Chandler und Jerome Sydenham bewegen durch archaische Klänge. Seeline Women ist rauh,
ohne roh zu sein. Jazz und lebhaftiger Soul definieren den Spiritual Life-Style. Dies
dürfte nicht mehr nur als Trend verbucht werden, sondern als eine eigenständige
Bewegung. Der Blues aus dem Süden, produziert in N.Y. und NewJersey. Essentiell! ][ enco
Kenny Dixon Jr. - Black Mahogany ( KDJ )
Zwei Fragen, die sich mir beim Moodymann-Platten-Hören immer stellen: Schläft
Kenny Dixon Jr. im Studio" und Wieviele Marvin Gaye und Curtis Mayfield Platten
befinden sich in seiner Sammlung"? Musikalisch gesehen ist Kenny Dixon Jr. auf jeden
Fall ein Genie, und obwohl seine Platten allesamt mit heftigen (anti)rassistischen Texten
versehen sind, ist sein Musikstil alles andere als einseitig und abgrenzend. Generell
bestehen Moodymann-Tracks aus bereits bestehendem Material, neu arrangiert und verfremdet.
Dazu kommen Vokalsamples, die in ihrer Art einzigartig als Instrumente eingesetzt werden.
So ist es auch immer wieder ein Genuß, sich auf der Couch zu plazieren und in den Tiefen
dieser Platte zu versinken. Denn wir reden hier von echtem Deep House. Sei noch erwähnt,
daß Moodymann-Platten auch Nachts um 3.00 Uhr im Club funktionieren, wie Kollege Wulf
erst neulich bewiesen hat. ][ mb
Run DMC: Together forever 1983-1991 ( Profile/Edel )
Als unser aller Lieblings-Hell vor gut einem dreiviertel Jahr eine kleine gelbe Platte auf
die Teller warf, genügten die ersten 16 Takte, um die Anwesenden restlos von ihr zu
überzeugen. Ein gewisser Jason unterlegte den Run-DMC-Klassiker It´s like
that" mit einem treibenden Housebeat und mogelte sich damit in die Plattenkiste der
meisten progressiv denkenden House- und Techno-DJ´s. Als das Werk plötzlich die Charts
stürmte, wollten viele von ihnen zwar nichts mehr davon wissen, es läßt sich aber
schwerlich leugnen, daß hier eine der wenigen Platten vorliegt, auf die sich Untergrund
und breite Masse einigen konnten. Daß Joseph Run" Simmons, Darryl
DMC" MC Daniels und Jason Jam Master Jay" Mizell aber keineswegs
eines Remixes bedürfen, um die oberen Positionen der Hit-Rankings zu erreichen, ist
hinlänglich bekannt. Schön also, daß Edel das 1991 auf Profile erschienene Greatest
Hits-Album dieser Tage noch einmal auf den Markt wirft und somit all jenen, die die
Originale nicht besitzen, einen Pflichtkauf beschert: Tracks wie Sucker MC´s",
Beats to the rhyme" oder das It´s like that"-Original bürgen für
Hardcore Hip Hop vom Feinsten mit Tanzgarantie und machen diese Zusammenstellung zum
Kultobjekt. ][ motik
New Identity 006
Keine Ahnung, von wem die hier ist, ich glaube von DJ SS selbst. Die Labelside klingt
stark nach John B., wären da nicht diese merkwürdigen, hölzernen Trommelschläge. Nach
dem Break gehts jedenfalls heftigst zur Sache und obwohl man es nicht erwartet,
steigert sich gegen Ende hin der Track immer mehr. Sehr monoton brutzelt die B-Seite vor
sich hin, umsäumt von einem Geräusch (ich bin mir noch nicht sicher, ob ich es als Bass
definieren soll), welches auf- und wieder abtaucht. Beinahe vergebens wartet man nach dem
zweiten Break auf diese Maschine, die zum Schluß dann aber doch wieder hervorkriecht. Das
sind mit Sicherheit keine zwei Produktionen, die vor Innovationen sprudeln, aber dennoch
erstklassige Qualitätsware. ][ lightwood
Da Countamen - Hemisphere"/
"Silvershades" ( Skunk Rock Productions 002 )
Durch Hemisphere" zieht sich von vorne bis hinten eine Ohrwurm-Bassline,
begleitend von sich ständig wechselnden Beats. Diese überschlagen sich nach hinten raus
aber ein bißchen zu stark und man kann sich nicht auf einen Beat einstimmen.
Silvershades" ist eine technoide, straighte Angelegenheit. Ein sehr gelungenes
Intro, bei dem der Hall interessant eingesetzt wurde. Cool gechoppte Beats mit einer
hüpfenden Bassline folgen, zu der sich eine zweite gesellt. Den Track über ist das Ganze
gesehen ein wenig trocken, aber funky. Gutes DJ-Tool. ][ lightwood
DJ Shadow - What does your Soul look like"
Peshay & DJ Die Remix - ( MoWax )
Unbedeutend der DJ Die Mix, um so bedeutender aber ist der Peshay Mix. Seine
Lieblingsbeats muß er natürlich verwenden, die auch hervorragend mit dem Jazz-Thema
harmonieren. Der Track lebt leider nur von einem einzigem Element, dem Saxophon, das einen
zum Schmelzen bringt. Aufgestockt wird durch alle möglichen anderen Retrosounds und
natürlich Amen-Breaks, weil simpel aber zumindest bei mir immer noch sehr beliebt. Hätte
Peshay noch ein paar Stunden mehr in diesen Remix investiert, wäre vielleicht ein zweites
Miles from home" herausgekommen. Aber wer weiß das schon. ][ lightwood
Shimon & Andy C - Terraform" EP ( RAM )
Eine Killer EP! Der Name Terrorform wäre hier auch gerechtfertigt. Man hört sofort, wer
hier am Werk war. Die Jungs feilen an ihrem Stil und werden einfach immer besser.
Erfahrung macht sich eben bezahlt. Geladene Energie und Sounds, die sich stark nach
E-Gitarre anhören, aber gar nicht so wirken, weil sie wahrscheinlich zuvor durch den
Fleischwolf mußten. Vier Tracks inklusive Mutation Remix, die die Ideen von The
Speed of Sound" weiterspinnen ohne an Kraft zu verlieren. ][ lightwood
(oder: Maul halten und lesen!)
Punk, was für ein Wort in diesem Magazin. Ja, Ihr Lieben, meine Leser, seid ihr nicht alle ein bißchen open-minded?! Warum ausgerechnet hier, gibt es dafür nicht eigene Schundblätter? Doch, es gibt sie. Da aber Punk nicht eine Frage der Frisur, sondern der Einstellung ist, deswegen hier. Es gibt wenige Orte, an denen diese Haltung stimmt.
Warum sonst sollte sich Euer Erzähler zwei Jahre (Happy Birthday!) in der Korova-Milchbar herumtreiben, obwohl die Geräusche, welche dort in seine Ohren dringen, ihm eigentlich große Magenverstimmungen bereiten würden, warum wohl, oh meine Brüder? - Na, ihr wißt schon, wegen der Haltung.
Ist dies vielleicht auch der Grund, warum fremde Galaxien den Punk-Rock (wieder) entdeckt haben (vielleicht war es aber auch umgekehrt!). Mit dem Werk The A Files" (Empty Records) hat Sham 69, will sagen Jimmy Pursey, denn er ist Sham 69, etwas hervorgebracht, was, Gott sei Dank, die Veröffentlichungen der letzten zehn Jahre vergessen läßt. Er hat den musikalischen Pfad, den er 1988 verließ, zu 95% wiedergefunden. Es ist im Prinzip nicht verwerflich, sich musikalisch neu zu orientieren, in diesem Fall aber ganz gewaltig! Da Alter ja bekanntlich vor gar nichts schützt, so auch nicht vor Punk, hat es Herrn Pursey, welcher seit 20 Jahren dabei ist, mal wieder voll erwischt. Zwar haben die Lieder nicht die Hymnen-Qualität von If the kids are united" oder Hersham Boys", sind aber mit Titeln wie Im mad! (madder than a cow)" und Studenthead" dennoch nicht zu verachten.
Sie punkrocken schnörkellos daher. Der Ausflug in den Mainstream-Rock hat Jimmy`s Stimme hörbar gut getan. Auch Peter And The Test Tube Babies haben mit dem Machwerk Alien Pubduction" auf We Bite Records (Ja, Bitch, ich weiß!) ihre Liebe zu anderen Spezies entdeckt, vor allem aber ihre alte und tiefe Zuneigung zum Weißbier (Hacker-Pschorr). Im Vergleich zu Sham 69 hat sich bei Peter And The Test Tube Babies das Besetzungskarussell in den letzten 20 Jahren kaum gedreht. Es besteht eine Kontinuität zwischen alten Sachen wie The Jinx" oder September" und neuen Titeln wie Im getting pissed for christmas" und Twenty years". Sie machen seit eben diesen 20 Jahren das, was sie am besten können, und zwar schönen Punk, voll in die Fresse und eine sehr unterhaltsame Bühnenshow. Zwar hat Peter Baywaters Stimme etwas darunter gelitten, aber man kann sich trotzdem voll auf sie verlassen, genau wie auf den guten alten Ludwig Van und das alte Rein-Raus-Spiel!
Laßt Euch von diesen beiden Werken tollschocken, ihr Bastarde! ][ MO