OUK Das Elfte   Tiefhaus & Schnellgarage titellos


T I T E L

L O S


Wir produzieren & hören Sie, wir denken & diskutieren über Sie und wir schreiben & lesen über Sie. Verbinden wir alles gekonnt miteinander, ergibt sich eine geballte Ladung an Energie, die einen Teil unseres Lebens bestimmt und niemand auf der Welt kann Ihr mehr ausweichen: der Musik. Auch wenn dieses Magazin sich gerne über den Tellerrand hinausbewegt, zehrt ein jedes Wort in ouk von der Grundsubstanz „Musik". Diese ersten Seiten will ich nutzen, um zu versuchen, mich dieser Basis in der Gegenwart zu nähern.

Was wäre aber das Jetzt ohne das Gestern? Ein kleiner Rückblick ist manchmal unausweichlich und vielleicht stolpert man da über das eine oder andere Übergangene. Bis vor kurzer Zeit jedenfalls stieß man in Ausgaben diverser Printmedien - hier ist niemand ausgenommen, vom Szeneblatt über einschlägige Monatsmagazine bis hin zum Kulturteil der Tagespresse - auf Versuche, Techno-Musik und Artverwandtes in Worte zu fassen, genauer gesagt zu definieren. Irgendwann wußte dann auch jeder, wie sich die Musik der 90er liest oder aber auch keiner, weil die Definitionen weit auseinanderklafften. Musik verweigert sich nunmal zunehmend der geschriebenen Charakterisierung, denn das Spektrum stieg durch eine rasante Entwicklung nahezu exponentiell an.

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Über die Frage, was der Unterschied zwischen dies und jenem sei, könnte man derzeit eine Doktorarbeit schreiben oder es aber ganz simpel ausdrücken: Es gibt gute und schlechte Musik. Ja, so einfach machen es sich viele Aktivisten, die sich durch die Interviews der Magazine hangeln, und ich muß ihnen auch recht geben, denn letztendlich ist eben alles Geschmacks- und Ansichtssache.

Doch man gab nicht auf, denn die Spalten konnten ja nicht weiß bleiben, und es stellte sich eine allgemeine Spezifizierung ein. Man schuf Modewörter wie Trip Hop, Speed Garage, Jazz’n’Bass, Elektro-Krautrock,... . Fusionen und Wiederentdeckungen machten die Runde und irgendwie wollte jeder wieder alles hören, aber gleichzeitig auch wieder nichts. Als Weiterführung einer überwiegend eklektischen Phase bildete sich, verstärkt in letzter Zeit, eine interessante Eigenart heraus, sicherlich kein neuer Musikstil, sondern eher eine neue Art aufzulegen, ein neues Konzept.

Wenn Innovationen ausbleiben, was ja momentan unschwer zu erkennen ist, dann orientiert sich alles wieder nach hinten. Man gräbt alte Schätze wieder aus und stellt plötzlich fest, daß die aktuellen Scheiben mit genau diesen Mustern spielen und sich dadurch hervorragend in das nächste DJ-Set einbauen lassen. Funk, Jazz, Soul und Hip Hop beleben wieder die Clubs, Techno wird wieder langsamer, House wird wieder Disco- und Vocal-lastiger und Drum’n’Bass erreicht seinen Wendepunkt, bei dem alles wieder von vorne beginnt - Grooveriders Album soll wohl einige Oldschool-Elemente wieder aufgreifen - und wer kann Goldies schwachsinnige(?) Idee einer Drum’n’Bass-Oper („Mother") an Originalität noch übertreffen?

Die Grenzen werden durchbrochen. Alles ist erlaubt. Die einzigste Spielregel besteht darin, die Partycrowd nicht aus den Augen zu verlieren, denn diese reflektiert deine Arbeit. Man sucht Möglichkeiten, Platten geschickt aneinanderzumixen, um von A nach B zu gelangen, von B nach C usw. Das macht den Reiz aus. Die neue Herausforderung bietet sich demnach in der Integrierung mehrerer Musikrichtungen an einem Abend und wohl gemerkt auf einer Tanzfläche. Nichts Neues, denkt sich da bestimmt manch einer, doch ich will hier die Discos außer acht lassen, die ein breites Programm an einem Abend bieten um möglichst viele Leute zu ziehen und wo oft ein zusammenhangsloser Abend entsteht, daß sich der Musikliebhaber im Grabe wälzt. Keiner dieser „DJs" in solch einer Disco wird es schaffen, den ganzen Abend die gleichen Leute auf der Tanzfläche zu halten, ohne auch nur einen kommerziellen Hit zu spielen. Nein, hier geht es um mehr. Hier geht es um eine musikalische Reise durch Dein Leben und nicht um eine Reise durch die Charts!

Nicht außer acht lassen möchte ich aber eine in der Techno-/DJ-Kultur bisher unbeachtete Gruppe, die vielleicht neue Impulse in die Clublandschaft einbringen kann. Die Acid Jazz (ein weiter Begriff...) -Szene genießt nämlich schon eine ganze Weile diese Freiheit, zu spielen, was gefällt, z.B. James Lavelle und Gilles Peterson mit ihrem Abend „That’s how it is!" montags in der Bar Rhumba in London. Jene werden dann erstmal von Mixmaster XY müde belächelt bzw. gar nicht erst als DJs angesehen, weil mittelmäßige bis schlechte oder gar keine Mixkenntnisse vorhanden sind. Während Mixmaster XY eben an seinem Battle-Mixer rumschraubt, verbringen jene die Zeit damit, in Second-Hand-Läden Raritäten auszugraben und den Überblick über ihre Plattensammlung zu behalten. Sie entwickeln vielleicht auch ein ganz anderes Gefühl für die Musik und setzen ganz andere Schwerpunkte, z.B. eben genau den der Vielfalt, der Abwechslung.

Damit ich an dieser Stelle nicht falsch verstanden werde - es geht hier nicht darum, möglichst viele Musikstile in möglichst kurzer Zeit unterzubringen. Die Freunde der Monotonie (Ist Monotonie eigentlich das Gegenteil von Abwechslung? - Antworten bitte an die Redaktion) sollen schließlich auch auf ihre Kosten kommen und mir kann keiner erzählen, daß er 7 Stunden am Stück auf ein und den gleichen Einheitsrhythmus abfährt. Wenn man einen Abend von mir aus mit Easy Listening beginnt und über Jazz, Funk, Hip Hop, Drum’n’Bass und House am Ende zu Techno gelangt ist und der Zuhörer diese Reise genußvoll mitgemacht hat, dann wird dieser wohl unweigerlich in einen Sog der Monotonie gefallen sein. Und genau darin besteht die Kunst. Erst wenn der DJ das erreicht hat, wird er zumindest von mir nicht mehr müde belächelt.

freibad2.gif (9203 bytes)Weitere DJs, nicht unbedingt aus dem Acid-Jazz-Umfeld, die in dieser Hinsicht Pionierarbeit geleistet haben, will ich hier nicht nur der Vollständigkeit halber erwähnen. Zum einen sind das Coldcut, weil sie auf einer der ersten Rave Citys genau das Konzept der Rave City durchbrochen haben. Sie haben nämlich in einem Raum die unterschiedlichsten Stile an vier Turntables dargeboten und das auf einem Rave, der für jeden Musikstil einen Extra-Floor hat. Zum anderen ist das Patrick Pulsinger, der mir damals im Unbekannten Tier zu Stuttgart gezeigt hat, wie ein DJ-Set auch aussehen kann, denn auch da begeisterte er die Leute mit Vielfalt.

Ja, und wo wir gerade in der Vergangenheit wälzen, komme ich um eines nicht herum: die Mayday. Schon ihre Veranstalter beabsichtigten, oder sagen wir besser: behaupteten das zu wollen, auf einem Dancefloor alle zeitgenössischen Stilrichtungen zu vereinen. Schließlich lief aber doch nur eine Partymucke in der Halle, abgesehen von kleineren Exkursionen einzelner DJs, die aber nicht der Rede wert sind. Man gab sich später dann doch mit mehreren Floors zufrieden...

Was passiert momentan? Sven Väth beginnt sein Set mit Drum’n’Bass, man übt vorsichtig die Wiedereingliederung angestaubter Musikspektren und auch sonst wird zaghaft an neuen Abenden gebastelt. Doch nicht nur den Partys wird versucht, einen frischen Wind einzuhauchen. Ein Label wie Metalheadz veröffentlicht Downbeat-Tracks, Guidance Drum’n’Bass und in Magazinen wie Groove liest man über Norman Jay. Das Programm von evo.sonic rüstet sich mit Trip Hop, Dub und Garage und alles scheint plötzlich näher bei einander zu sein als jemals zuvor. Auch ein Blick in unsere Umfrage ’97 bestätigt eine gesunde Offenheit. Der Lust zur Experimentierfreudigkeit kommen zudem noch technische Entwicklungen entgegen. Der neue Vestax Turntable PDX D3 z.B. hat eine eingebaute Reverse-Funktion (der Plattenteller läuft rückwärts) und erlaubt Pitching bis zu +/- 19%. In Kombination mit dem Vinyl Touch - 2 Turntable Equalizer von Schütt Mixmachines, der beschleunigte oder verlangsamte Stücke in ihrer Originaltonhöhe wiedergibt, kann das Mixen nicht langweilig werden, sondern läßt eher ungeahnte Möglichkeiten erkennen.

Doch auch am Ende dieses Artikels gerate ich über den anfangs zitierten Tellerrand hinaus. Vernetztes Denken ist heute beinahe schon überlebenswichtig. Um im Beruf erfolgreich zu sein, muß der moderne Mensch in mehreren Gebieten Bescheid wissen, wie z.B. bei den Medien, die zu einem globalen Netzwerk mutieren, in dem die Aufgabengebiete unmittelbar zusammenhängen. Und so banal es klingen mag, bin ich immer noch davon überzeugt, daß Musik doch wieder so viel mit Esskultur gemeinsam hat. Das Rezept „Ente gefüllt mit Brownies" wird gerade ausprobiert und dürfte Weihnachten ’98 veröffentlicht werden. Wer diesen Zusammenhang jetzt nicht verstanden hat, der sollte diesen Artikel noch einmal durchlesen. ][ lightwood

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