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ouk: Gibt es oft Mißverständnisse wegen dem
Namen "Galliano"?
Frédéric: Nein. Es gibt nur einen: Ich!
ouk: Ich habe in einem Artikel gelesen, daß deine ersten
Partys "Á la poursuite de la 13éme note" hießen.
War das ein Zufall?
Frédéric: ...ein Zufall?!?
ouk: 1991 hat die Gruppe Galliano ein Album mit gleichem Titel
herausgebracht.
Frédéric: Es ist einfach ein Satz, der sehr
gut klingt und der auch Sinn macht! Daher habe ich mit meinem Freund DJ
Spider diese Partys zusammen organisiert und anschließend haben
wir sie so genannt.
ouk: Wann war das?
Frédéric: Vor 2-3 Jahren, wir wollten Partys
veranstalten, die als Vorbild die Raves hatten, wo aber nur 'Groove' aufgelegt
wurde. Das war damals in Frankreich absolut neu und sogar heute ist es
noch selten.
ouk: Was meinst du mit 'Groove'?
Frédéric: Jungle, House, Hip Hop, Reggae,
brasilianische Musik, Salsa,... - das hat damals niemand in Frankreich
gemacht.
ouk: Wo habt ihr die Partys veranstaltet?
Frédéric: In Paris und Lyon und immer mit
sehr großem Erfolg.
ouk: Ich komme zur Gruppe Galliano zurück. Hat diese Gruppe
irgendwie einen Einfluß auf dich gehabt?
Frédéric: Das erste Album bleibt für
mich ein sehr wichtiges Album, weil es mir die musikalischen Dimensionen
der 90er Jahre bewußt gemacht hat und es ist auch ein sehr gutes
Album. Die ersten 2 Alben der Gruppe Galliano sind die besten!
ouk: Du kommst aus Valence, ein kleines Dorf in Südfrankreich.
Was macht man Samstagnacht in Valence?
Frédéric: Tja... nichts. Und es ist sehr gut
so!
ouk: :-) Ich habe irgendwo gelesen, daß du die Chansons von
Ferré und Gainsbourg sehr magst. Hast du ein Lieblings-Chanson
von Gainsbourg?
Frédéric: Mmmmh... ich mag sehr das Album
"Percussions" von ihm und die Reggae Stücke...es sind auf
jeden Fall ziemlich viele.
ouk: Erzähl mir, wie du deine Karriere als DJ angefangen hast.
Frédéric: Wie viele andere Leute auch: Ich
habe in letzter Minute eine Vertretung machen müssen. Es war in Valence
und der DJ, der hätte auflegen sollen, ist nicht erschienen... und
dann voilá. Da ich genau so gut wie er aufgelegt hatte, dachte
ich mir: Ich habe hier meinen Platz gefunden.
ouk: War alles zufällig? Hast du vorher nie Lust gehabt aufzulegen?
Frédéric: Nein. Das war einfach Zufall und
es hat gleich funktioniert, und kurz danach habe ich mich in Black Music
spezialisiert.
ouk: (ich kann es nicht so richtig fassen) Aber davor, vor dieser
Vertretung, hast du wirklich nie ans Auflegen gedacht?
Frédéric: Nein, wirklich nicht. Weil ich nie
in Clubs oder Discos gegangen bin, ich hatte einfach kein Geld dafür.
ouk: Sind die Clubs so teuer in Frankreich?
Frédéric: Nein, eigentlich nicht, aber ich
hatte das Geld einfach nicht. Ich kenne deswegen keine Club-Kultur.
ouk: Was bist du eher: ein Musiker, ein DJ oder ein Bildhauer?
Frédéric: Was mich als aller erstes interessiert,
ist die Vorstellung der Schöpfung, ich will etwas schöpfen.
Vor 4 oder 5 Jahren war mein Medium die Bildhauerei. Eine sehr moderne,
abstrakte und geometrische Bildhauerei. Ihre Wurzeln waren im amerikanischen
Minimalismus und in der russischen und helvetischen Bildhauerei. Gut,
ich hatte damals bestimmte Fragestellungen und die Bildhauerei war für
mich ein Mittel, ein Medium, das mir ermöglichte eine Antwort an
meine Fragestellung über die Vision der Welt zu geben. Und jetzt
ist das Medium die Musik. Das wichtigste für mich ist, einen Vorgang
der Schöpfung zu initiieren, der aus einer Überlegung resultiert.
Heute ist die Musik, morgen werden wir sehen...
ouk: Kann ein DJ etwas schöpfen?
Frédéric: Mmmmh... auf jeden Fall ist der
Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten DJ, daß ein
guter DJ in 3 Stunden eine Geschichte erzählt, sogar mit Platten,
die ihm nicht gehören. Er nimmt von diesen Platten Besitz und kann
mit seiner eigenen Reihenfolge eine Semantik entwickeln und damit eine
Geschichte erzählen. Es gibt viele DJs, die absolut nichts sagen.
ouk: Siehst du den DJ als Schrifsteller und Dichter?
Frédéric: Ja, er erzählt etwas, das ist
es! Er entwickelt eine Stimmung, eine Atmosphäre und bei einem guten
DJ macht die Plattenfolge einfach einen Sinn. Ein guter DJ liefert eine
Vision der Welt, ein schlechter DJ liefert nichts und wird sogar mit guten
Platten einen schlechten Abend machen.
ouk: Hast du einen Traum?
Frédéric: Ich habe Wünsche, aber keinen
Traum.
ouk: Und die wären?
Frédéric: In einem Traum ist immer ein Part,
der nicht zu verwirklichen ist. Er ist eher für Leute, die ihr Leben
verfehlt haben. Dagegen ist ein Wunsch wesentlich näher an der Realität.
Ich habe viele Wünsche: Ich will meine Frau finden, Kinder haben
und ich will die Lebenswerte ausleben, die ich mir gestellt habe.
ouk: Gibt es irgendjemand in der musikalischen Welt, mit dem du
gerne zusammen arbeiten möchtest? Einen Musiker oder DJ?
Frédéric: Tja, die Musiker mit denen ich zusammen
arbeiten möchte, kriege ich auf jeden Fall! Für mein nächstes
Album möchte ich gerne mit 2 bestimmten Musikern zusammen arbeiten
und sie haben schon zugesagt.
ouk: Welche sind es?
Frédéric: Ah! (und Schweigen)
ouk: Okay! Es wird eine Überraschung!
Frédéric: Ja! Dann als DJ und Produzent ...
den einzigsten, den ich richtig interessant finde, ist Maurizio. Ich denke,
er ist der einzigste, der wirklich die "grande musique" macht.
Er ist ein Produzent aus Berlin, der einzigartige, minimalistische Musik
mit einem einzigartigen Sound macht. In letzter Zeit habe ich wieder seine
Stücke angehört. Er ist einfach großartig - der beste!
Er komponiert immer dasselbe aber es ist doch immer unterschiedlich!
ouk: Du sagtest, wenn du mit irgendjemandem zusammen arbeiten möchtest,
würde das immer klappen?!
Frédéric: Ja, weil ich mit dieser Person richtig
Lust habe zusammen zu arbeiten und nicht auf Grund meiner Macht. Nur dann
kann ich dieser Person erklären, warum sie meinen Vorstellungen entspricht
und sie von meinem Projekt überzeugen.
ouk: Hast du irgendwelche Vorbilder?
Frédéric: Nein. Ich mach mein Ding und das
ist alles!
ouk: Irgendein DJ vielleicht, der einen Einfluß auf dich
gehabt hat?
Frédéric: Tja... ich denke vielleicht Leute
wie Gilles Peterson. Er ist die Verkörperung eines intelligenten
DJs, der eine Geschichte erzählt....
ouk: Letztes Jahr gab es sowohl in Frankreich als auch in Deutschland
eine Daft Punk Inflation. Zwei Wörter darüber...
Frédéric: Nein, nichts.
ouk: Was passiert gerade in Frankreich?
Frédéric: Es gibt nichts interessantes...
ouk: Das wundert mich. Ich dachte, in Frankreich würden unterschiedliche
musikalische Kulturen zusammenfinden?
Frédéric: Es passiert gerade nichts neues
und interessantes, weder bei den DJs noch bei den Produzenten. Die einzige
Ausnahme ist Doctor L, der ein sehr spannendes Album auf F-Communications
herausgebracht hat.
ouk: Nach eine bundesweiten Umfrage bei den Jugendlichen ist der
Beruf als DJ genauso beliebt wie der des Lokomotivführers :-) Wie
ist es in Frankreich?
Frédéric: In Frankreich wollen alle DJs werden.
Sogar meine Großmutter ist DJ...
ouk: Deine Großmutter?
Frédéric: Ja, aber sicher!!
ouk: Was macht sie??
Frédéric: Sie ist DJ. Mein Großvater
auch!! ... und mein Hausmeister! Alle sind DJs!!
ouk: Okay, okay, verstanden :-) Welches sind deine Pläne für
die Zukunft?
Frédéric: Ich werde ausschließlich mein
Ding und meine Musik weiter machen. Ich werde viele Platten produzieren
und mich auf meine Arbeit konzentrieren. Ich denke das ist das wichtigste.
ouk: Eine Platte, die du beim Auflegen immer dabei hast?
Frédéric: Ich habe immer etwas von Fela Kuti
dabei. Ich könnte aber auch Coltrane und Miles Davis immer dabei
haben.
ouk: Ich weiß, daß du zum Auflegen zum dritten Mal
in Deutschland bist. Wie sind deine Eindrücke?
Frédéric: Jedesmal finde ich, daß Deutschland
alternativ ist! Das finde ich witzig, weil es hier immer das Ding "roots"
oder "alternativ" gibt. In Frankreich ist das wirklich anders.
Ich finde es lustig und ich mag es.
ouk: Was meinst du mit "alternativ"?
Frédéric: Die Clubs befinden sich oft in bizarren
Gegenden oder sind nicht unbedingt ausgeschildert. Das mag ich, denn es
gibt immer irgendeine Unstimmigkeit.
ouk: Was hast du das letzte Mal gekocht?
Frédéric: Fisch mit Reis.
ouk: Dein Leibgericht?
Frédéric: Mein Lieblingsessen ist Pizza! Pizza,
Salat und Fisch! Ich esse nichts anderes.
ouk: Wie sieht dein Arbeitstag aus.
Frédéric: Ich stehe um 7-8 h auf und starte
die Maschinen, um 12.30 h mache ich eine Essenpause...
ouk: Du startest die Maschinen, welche Maschinen?
Frédéric: Meinen Sampler, PC, usw. ... um
14 h fange ich dann wieder an bis ca. 20 h. Ich esse noch etwas, dann
gehe ich zur Bar einen Kaffee trinken. Um 22 h bin ich wieder bei mir,
lese etwas und gegen 0.30 h mache ich das Licht aus. Und das jeden Tag.
ouk: Woher nimmst du die Inspiration für deine Musik?
Frédéric: Woher? Überall her! Es gibt
überall irgend etwas zu nehmen! Zum Beispiel habe ich vor ein paar
Tagen Musik gehört und plötzlich waren 2 Vögel da, die
mit der selben Tonalität wie auf der Platte gesungen haben. Dann
habe ich eine Idee gehabt. Es gibt überall Ideen! Es sind nicht nur
musikalische Ideen da, sondern auch Konzepte, die mir das Arbeiten ermöglichen.
ouk: Wie steht's mit F-Communications?
Frédéric: Es ist zur Zeit bestimmt eines der
interessantesten Labels und es ist sehr gut auf diesem Label zu veröffentlichen.
ouk: Wie entsteht deine Musik? Hast du zuerst einen Titel und komponierst
dazu die Musik, oder hast du zuerst die Musik?
Frédéric: Nein. Als allererstes habe ich eine
Frage mit einer groben Antwort, dann kann ich die Musik komponieren. Nur
zum Schluß, wenn die Antwort klar ist, wird mein Stück mit
einem Titel benannt.
ouk: Wie kam die Lust, Musik zu komponieren?
Frédéric: Es hatte sich so ergeben. Irgendwann
hatte ich keine Zeit mehr für die Bildhauerei und war so frustriert,
weil ich nicht mehr produzieren, schöpfen konnte. Damals dachte ich,
daß die Musik das richtige Mittel sein könnte um meinen Produktionszwang
zu befriedigen. Ich denke, es war wirklich so, weil die Idee der Schöpfung
etwas ist, was mich richtig interessiert. Wenn ich nichts schöpfen
kann, dann bin ich richtig traurig.
ouk: Du hast "le Blues"?
Frédéric: Ja.
Dieses Interview ist erst einmal so beendet. Es bleiben
uns nur noch 40 Minuten, genau die Zeit, die man braucht um alles, was
in Tübingen zwischen dem Schloß und dem Marktplatz liegt, zu
besichtigen. Frédéric und ich laufen still durch das Zentrum.
Frédéric setzt sich auf einen Stein. Wir sind noch nicht
fertig. Er hat nicht alles gesagt und ich habe das wichtigste vergessen:
ouk: Was bedeutet für dich die afrikanische
Musik?
Frédéric: Für mich ist die afrikanische
Musik eine Musik, die jenseits der Welt ist. Sie ist geistlich, weil sie
auf eine andere Art und Weise entsteht. Sie hat keinen Anfang und kein
Ende, sie entwickelt sich dauernd, aber sie ist gleichzeitig sehr statisch.
Sie entgeht vielen Schemata, daher ist sie geistlich... unendlich. Das
ist eine sehr schöne Vorstellung: unendliche Musik!
ouk: Ich habe in einem Interview in "Straight no Chaser"
gelesen, daß du House Musik ohne Bassdrum produzieren willst. Stimmt
das?
Frédéric: House Musik identifiziert sich mit
sich selber, damit will ich sagen, daß sie nur ihren Klischees entspricht
und absolut keinem Schemata entgeht. Das selbe kann man für Jungle
oder Hip Hop sagen. Das ist für mich das absolute Gegenteil der Kreativität.
Schöpfung ist für mich ein Widerstandsakt. Ich stelle mir die
Schöpfung als Akt des Widerstands gegen bekannte Parameter vor. Das
Produzieren von House Musik ohne Bassdrum ist gleichzeitig Provokation
und Schöpfung. Ich habe das Gefühl, daß ich Fortschritte
in meiner musikalischen Forschung ausgerechnet dann mache, wenn mir während
der Musikproduktion irgend etwas entgeht oder unverständlich wird.
Diese unermüdliche und gleichzeitig ermüdende Bassdrum wird
in der House Musik dauernd benutzt, ohne daß man sich klar macht,
was das bedeutet und ohne daß man sich fragt "Warum?".
Das heißt, die Bassdrum wird zum Klischee. Man muß nur auf
die Reaktion der Leute auf der Tanzfläche achten, wenn die Bassdrum
einsetzt. Sie fühlen sich plötzlich sicher und wissen jetzt
wie sie tanzen müssen usw. Es ist ein musikalischer Faschismus. Sicher
existieren bestimmte Schemata, Eigenschaften, die uns ermöglichen,
die Musik zu identifizieren. Aber ist es vielleicht nicht schon eine Erniedrigung
für die Musik, sie identifizieren zu können? /.../ Wenn ich
jetzt sage, daß ich House Musik ohne Bassdrum machen will, dann
nur weil ich provozieren will und damit sagen will, daß Schöpfung
erst dann möglich ist, wenn wir alles, was wir machen, ständig
in Frage stellen. Außerdem denke ich, daß man etwas zynisch
sein muß. Natürlich ist Musik zu produzieren eine sehr, sehr
ernsthafte Sache und ich mache keine Scherze damit. Ich bin dauernd mit
mir selbst zynisch, weil ich ganz genau weiß, daß das, was
ich mache, im Grunde lächerlich ist. Eins darf man nicht vergessen:
Zum Schluß gibt es immer und nur den Tod.
Merci Frédéric ][ edl
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