OUK Das Fünf10te malerisch & bildend Unternehmerfiktionen

Utopische Unternehmensfiktionen im Jahr des Wahlwechsels

Der Diskurs über Musik an sich ist ja nichts neues in diesem Magazin, und so gesehen auch nicht der Versuch, Musik für sich sprechen zu lassen. Höchste Zeit also, die Theorie in Praxis umzusetzen, um so für aktiven Lesestoff zu sorgen. Grund zur Veranlassung waren, wie so oft, Entwicklungen der elektronischen Musik in den letzten Jahren. Denn trotz Englands langersehntem, neuem Innova-tionsträger Drum´n´Bass und der Wiederbelebung minimalen Technos gilt die Diskrepanz zwischen moderner (elektronischer) Clubmusik und ihren Roots nachwievor als de facto. Klar, Drum´n´Bass und Jazz sind Seelenverwandte, so Guido Hoff-mann, Schreiber für JazzThing. Denn die neuen Drum´n´Bass-Helden verwenden Bebop- und Jazzfunk-Elemente. Doch wurde einem Drum´n´Bass-Jünger durch eine Peshay-Platte noch kein John Coltrane nahegebracht. Und auch Doc Scott´s Miles Davis Remix wird nichts daran ändern, daß das Original die Tanzfläche leert. Einzig 4 Hero scheinen durch ihre gekonnte Mischung aus eigenem Musik-verständnis, anerkanntem Namen und stetigem Querulantentum in der Lage zu sein, das entrückte Musikbild wieder ein wenig zurechtzurücken.
Sicherlich, Avantgardisten gab es schon viele und der Gebrauch des Begriffs “avantgardistisch” für Musik dürfte ähnlich seiner kleinen Schwester “Eklektik” abgenutzt und verbraucht sein. Doch genau diese Schnittmenge zwischen “Avantgardisten” und “Eklektiker” sind es, die dem Einzelnen jeweils ihre Daseins-grundlage bilden. Doch eben solche sind selten geworden. Was Angesichts heutiger Musikver-hältnisse in Bars und Clubs nicht verwundern sollte. Denn, seien wir mal ehrlich, der einzige Un-terschied zwischen einem Club und einer Bar (wobei hier insbesondere jenen 1210er-Lokale gemeint sind) ist das Verhältnis von Tresen zu Tanzfläche. Und während man dem Club noch die Entschuldigung zugestehen darf, die Tanzfläche am Leben halten zu müssen, sollte es in einer Bar, jener Örtlichkeit, in der sich Menschen zum Trinken und Plaudern einfinden, möglich sein, seinen als DJ gesteckten Maßstä-ben freien Lauf zu schenken, Die Realität jedoch entspricht wie so oft dem krassen Gegenteil.
Beides miteinander zu verbinden - also dem Clubpublikum neue Perspektiven aufzuzeigen und so die Musik als Gesamtes zum Ereignis des Abends zu machen - ist in der puristischen Clublandschaft von heute nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Denn wenn schon ein Deep-House-Set als experimentell und gewagt angesehen wird, dürfte man mit der Einbindung alter Disco- oder Latin-Grooves oder gar Gesang enorme Probleme haben. Angesichts dieser Tatsache kann man den Versuch eines Boris Dlugosch, seinen eigenen Still-stand durch die Aussage: “Die Masters at Work machen so ihre Nummer, die auch absolut innovativ ist, wobei sie aber doch etwas nebendran liegen... Man muß einfach etwas mehr Druck machen, was eigentlich schon immer so unser Sound war (SubCulture Stgt. 10/98)” gar nicht erst ernst nehmen.

Dies alles berücksichtigend, ergab sich alsbald eine Liste von zu erfüllenden Punkten:

- Die festgefahrenen Strukturen, in der sich die moderne Clubkultur momentan befindet, zu durchbrechen.

- Eben genau nicht denselben hippen Sound zu spielen, der Tag ein, Tag aus, in allen Bars und Clubs zu hören ist.

- Neue Vorgehensweisen zu entwickelt, um Altes wieder zugänglich zu machen, ohne dabei die Begriffe Musik und Ausgehen neu zu definieren.

- Dabei die Grenzen der Einbindung unterschiedlichster Sounds auszuloten, gar soweit zu biegen, wie nur möglich.

- Eine Plattform für Musiker zu schaffen, deren Anspruch und Können einen Auftritt in der Öffentlichkeit längst rechtfertigen.
Um diesen Vorstellungen gerecht zu werden, galt es also einen neuen, unbefangenen Raum zu schaffen, dessen Eigencharakteristik den zum Gelingen nötigen Beitrag leistet, ohne dabei den eigentlichen Prozess zu beeinflussen. Desweit-eren benötigte es einer umfassenden Institution, um den ablaufenden Prozess zu verbildlichen, und damit überhaupt erst greifbar zu machen. Ein fiktives Unternehmen mit realen Unternehmern, dem Publikum. Das sich dann auch sogleich vom alltäglichen Durchlaufstou-risten distanzierte, oder besser gesagt kräftig partizipierte und unterschiedlichste Reaktionen und Produktionen ein- und aufbrachte. So dürfen 30 jugendliche Clubbesucher, die zufällig auf die Unter-nehmensräume gestoßen sind, dort aber ausgiebig zu alten Jazz-Grooves tanzten und alles zum Schwanken und Jauchzen brachten, durchaus als ungewöhnlicher und unerwarteter Erfolg des Projekts verzeichnet werden. Ebensolche Erfolge hatte jene stilistische Rundfahrt, die eben nicht auf volle Tanzflächen und schreiende Tänzer achtete. Geschrien und getanzt haben sie trotzdem. Doch welcher DJ vermag schon im fließenden Wechsel zwischen DJ-Set und Platzkonzert mit E-Bass zu bestehen ?!?

Sieg auf allen Linien also? Sicherlich nicht, denn erstens ist das Unternehmen noch nicht liquidiert, und zweitens bedarf es mehr als nur zwei Monate, um solch komplexe Ideen vollständig Verwirklichen zu können. Doch das bisher Erlebte stellt mehr als zufrieden und zeigt, daß ein solch utopisches Projekt keinesfalls unmöglich ist, und Angesichts der kommenden (Veranstaltungs)Tage wird mit Sicherheit der ein oder andere Wunsch zu genüge erfüllt werden. Sollte dem so nicht sein, werden wir dennoch nicht verlassenen Mutes das Feld räumen. Denn Fehler und Versagen schleichen sich unterwegs oft genug ein und so ist auch dieses Unternehmen keinesfalls fehlerfrei. Gott sei Dank. Denn die aus Fehlern erlernte Weisheit wiegt diese bei weitem wieder auf. So sei an dieser Stelle der Dank an all diejenigen gerichtet, die unter unseren Fehlern und unserer Menschlichkeit leiden mußten oder für ihre spontane Hilfe gar nicht genug Dank erhalten können - you know who you are. ][ mb

Das Unternehmen Bus ist eine Gemeinschaftsproduktion von Bag of Goodies und ouk, und fingiert reale Zustände aus dem Cluballtag.



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