OUK das Sech10te ± treibend & kraftvoll ± Dez 98/Jan 98 Bla & Blub

In memoriam 1988-1998 . . . . . . . . . . . . . . .
In keinem Club in Deutschland waren die Türsteher bedrohlicher und unfreundlicher und doch sind wir fast jede Woche nach Frankfurt gefahren, denn was einem nach Passieren der finsteren Pforte erwartete war unvergleichlich. Die Junghofstraße war ein Technomekka und der späte Morgen- bzw. Mittagsspaziergang gen Hauptwache nach einer durchtanzten Nacht wurde zur Tradition. Das wir dafür fünf- oder sechshundert Kilometer gefahren sind, war Nebensache, es lohnte sich. Wir fanden uns des öfteren schon vor null Uhr ein, um das langsame Füllen der Kultstätte zu verfolgen, bei gediegenen ambienten Klängen und dem unvermeidlichen Guaranafläschchen in der Hand. Gegen eins, halb zwei kam das Väthsche an die Regler, Nebel watete durch das Dunkel und als oft nach den minutenlangen Intros der erste Beat den ganzen Laden in ein Tollhaus verwandelte, wünschte man sich diesen Moment einzufrieren. Wenn es einen Augenblick gibt, den ich nie vergessen werde, dann war es der, in dem hier zum ersten mal das „9 Millimeter“- Original lief. Ein solches Gefühl habe ich später nicht mehr annähernd erlebt, obwohl musikalisch gesehen dieses Stück für viele einen Tiefpunkt darstellen wird. Aber dazu sollte man stehen und wenn Jahn Kah auf die Frage , in welchem Club er mal gerne auflegen würde, sagt, einer der wenigen, bei dem er es sich wirklich gewünscht hätte, sei damals das Omen gewesen (s. Interview dieses Heft), so kann ich mich dem nur anschließen. Das Omen war nicht einfach nur eine Diskothek, es ist untrennbar mit Wohl und Wehe der Technomusik in Deutschland verbunden und wird eine Legende bleiben, auch wenn zugegebenermaßen in den letzten Jahren ein Besuch dort nicht mehr sonderlich lohnenswert erschien. Das hängt sicher mit unserem gewandelten Musikverständnis zusammen, aber auch mit der Gewöhnung und mit der Tatsache, daß es den Club schlechthin heutzutage eigentlich nicht mehr gibt. Auch wenn das heute nur noch wenige zugeben, die Musik, die damals im Omen gespielt wurde, bewegt heute noch, ob es jetzt der „Dominator“, „Mentasm“ oder „This is my House“ war oder später „Rave Channel“, „MZ5“, „Acid Eiffel“, „Experience“, „1000“ oder „Cosmic Movement“, das ist die Musik, die uns immer an das Omen erinnern wird, nicht mehr aktuell, aber doch immer noch Schätze in unseren Plattenkisten. Es wäre besser gewesen auf dem Höhepunkt aufzuhören, aber auch heute schmerzt die Schließung, genau wie die des Oz. Clubs sind heute eben nur noch gewöhnliche Unterhaltungsstätten, mal besser, mal schlechter, aber einen solchen Nimbus wird in Zukunft wohl keiner mehr erreichen. Wahrscheinlich ist das Ultraschall diesbezüglich das letzte Überbleibsel aus einer Zeit, in der Clubs auch erfahrenen DJs weiche Knie vermittelt haben. Bye bye Omen. ][ motik

Köln . . . . . . . . . . . . . . .
Wenn man in Köln nicht gerade Motorisiertes durch die fehlgeschaltete Ampellandschaft zu bugsieren versucht, ist man hier vortrefflich aufgehoben, insbesondere was die musikalische Versorgung betrifft. Der Psychothrill rockt wie eh und je, getragen vom unvergleichlichen Clouse „the House“ Bachor, der sich einfach nicht beirren läßt, wohl auch noch in 300 Jahren seine Kreise ziehen und mit stets illustren Gästen aus dem In- und Ausland für großartige Klangerlebnisse sorgen wird. Dem in nichts nach steht die freitägliche Total Confusion im Studio 672, wo Michael Mayer und Tobias Thomas für außergewöhnlich guten Sound stehen. Am pechschwarzen dreizehnten des Monats November gab sich Helmut Geier zur boardingtime die Ehre unter dem Stadtgarten und sorgte in typischer Manier für die innergehirnliche Machtergreifung des Tanzzentrums, übrigens terroristenfrei und ohne Verzögerung. Ebenfalls ein Garant für überdurchschnittlichen Sound ist das Vorzeige-Hip Hop-Event der Domstadt, die jetzt hoffentlich wieder monatliche Kölnifornia im Stadtgarten, letztens wieder mit dem Hamburger Mario Kuhlmann, dessen Fertigkeiten an den wheels of steel unbestritten sind. Daß auch die Domstädter durchaus fähige Plattenleger auf diesem Sektor vorzuweisen haben, manifestierte local hero DJ Lifeforce beim Turntablism No. 2 im Gewölbe des sehr geeigneten Tunnel. An seiner Seite bewiesen die DJs Amir und Ray-D ihre Klasse und entschädigten den Freund technischen Könnens für den unbedarften MC („hebt die Arme für die Kamera...“), dessen Name mir entfallen ist. Es ist geradezu peinlich hier ein Lob nach dem anderen zu verteilen, aber wie könnte man das inzwischen schon traditionelle Battery-Park-Festival nicht damit überschütten. Eine Woche musique nonstop ohne daß irgendwelche Mißklänge zu erwarten waren. Wo gibt es schon Partys auf 4 Ebenen, bei denen man sich angesichts der Hörgenüsse allerortens kaum für einen Raum entscheiden kann, so geschehen im Rhenania, zudem eine der schönsten Lokalitäten der Stadt. Wer trotzdem die Suche nach irgendwelchen Sexualpartnern in den Dingern, Roonburgen oder Tarmcentern dieser Region vorzieht, ist wirklich selbst schuld.
Nachtrag zur letzten Ausgabe: nicht das Elektrobunker-Open Air war etwas zu wir-sind-wichtig mäßig, sondern die Popkomm-Eröffnungsparty im E-Werk. Da hat irgend jemand oder irgend etwas einen Satz verschluckt, aber das soll ja vorkommen. ][ motik

Khmer . . . . . . . . . . . . . . .
Sudhaus, Tübingen, 12.10.98. Die Bühne ist vollgestellt mit zwei Schlag-werkzeugen, Bass, Gitarre und allerlei Effektgeräten. Am Rand auf einem Pult zwei Plattenspieler. Die Plakate an der Eingangstüre kündigten ein für Tübinger Verhältnisse ungewöhnliches Aufeinandertreffen zweier Musikrichtungen an: JAZZ meets TECHNO. Das kontinuierliche Stimmengewirr der den großen Saal fast vollständig ausfüllenden Anwesenden wird dezent, durch sich leise in den Vordergrund arbeitende Geräuschflächen von Vinyl in ein aufmerksames Schweigen verzaubert. Nur für kurze Zeit steht die Retortenmusik selbständig im Raum, da sich nach und nach die einzelnen Instrumente dazugesellen, um durch ihr Spiel den Saal mit bestem Headz-Sound auszukleiden. Die Rhythmusgerüste, bestehend aus Funk-, Rock- und Jazzelementen, dienen dabei nicht nur als perfekter Hintergrund für das transzendentale Trompetenspiel von Nils Petter Molvær, sondern glänzen auch mit sehr viel Sexappeal autonom von der Bühne auf das im Beat treibende Publikum.
Der ca. 100-minütige Abendverlauf zog dabei vorbei an Klangwelten aus Ambient, Drum´n´Bass, Industrial und elektronischen Tüfteleien, immer einen gewissen improvisatorischen Spielraum den einzelnen Künstlern gewährend, der, eingebettet in ein klares Arrangement, durch einen Wink mit der Trompete ein- und ausgeleitet wurde. Mit viel Fingerspitzengefühl wurden Regler an Effektgeräten verdreht, Samples ein- und ausgeblendet, neue Ambient-Soundscapes von Schallplatte im Hintergrund eingefadet und Stimmen mit Hilfe einer Talkbox in Noises verwandelt, so daß Jazz und Techno (wohl eher im Sinne von Technologie) in einer individuellen, unlangweiligen Art fusionierten. Daneben, darüber und davor immer wieder das mit sehr viel Lippensorgfalt umschmeichelte Blasinstrument, welches Erinnerungen an Werke wie „Jack Johnson“, „On The Corner“ oder „Big Fun“ von Miles Davis aufkommen lies. Der gut ausgesteuerten Anlage, sowie den akustischen Eigenschaften des großen Saales im Sudhaus war es zu verdanken, daß den einzelnen Stücke, die nur zum Teil auf dem aktuellen Album Khmer (ECM 1560) wieder zu finden sind, ein unvergeßliches Volumen gegeben wurde.
Während ein im Rhythmus pulsierendes, kaminfeuerartiges Rotflakern die Wärme der Musik des norwegischen Sextetts untermalte, glitten grüne und blaue Lichtblitze durch das Publikum, und ließen so auch die visuelle Komponente des Konzerts zu einem angenehmen Erlebnis werden. ][ g

drumandbass@egroups.com . . . . . . . . . . . . . . .
Thaddi, Berlin: „Eine wahre Millenium-Angst Party. ... Grooverider hätte einem am Ende direkt leid tun können, wüßten wir nicht alle, daß er für diese zwei Stunden mindestens einen halben Kleinwagen bekommen hat. ... Außerdem: Jungle-DJs in Maßanzügen sind nicht sexy. Und damit meine ich nicht den Grooverider.“
Marc, Essen: „Ihr habt wenigstens Grooverider gesehen, der zwar auch nicht auflegen kann oder will - zumindest nicht wenn er in Deutschland ist - aber immer noch besser als Aphrodite, den es hier in Essen als Ersatz fuer Grooverider gab!“
Markus, Zürich: „Hab gestern Abend in Zürich die Ehre gehabt, mich vom Boss und seinen Hugos langweilen (oder verarschen??) zu lassen - außer dem ungläubigen Staunen über die Industrie und wie sie mal wieder Zehntausender die Limmat runterschickt, oder dass nette junge Menschen Drum&Bass so verstehen, daß wieder ein Gitarrero in die Klamfpe greift. Hab eigentlich gehofft, das hätten wir hinter uns. Irritierend ist ja nur, daß offensichtlich in allen Städten trotzdem alle mit von der Partie sind. Shame on us - oder warnt das nächste mal rechtzeitig, statt täglich zweimal auf die tollen, aber vergangengen Events in Berlin hinzuweisen...“
Francis, Leipzig: „Zwar feierten die Leute trotz aller schlechten, schon benannten Gegebenheiten gut ab, aber 2 Uhr 10 war dann auf dem oberen Dancefloor in der Distille Schluß.“
[?], [?]: „Wie alt seid ihr denn überhaupt? Auf Partys von irgendwelchen Megakonzernen zu gehen und sich dann auch noch beschweren. Es ist auch, gelinde gesagt, nicht allzu interessant zu lesen wie merde es gewesen war, nur für den Fall, daß Boss mit dem wilden Marlboromann auch noch bis in die Regionen des wilden Kurdistans vordringt.“
Hugo Boss Club Nights: War das der Gipfel zum Thema „Drum’n’Bass als Vermarktungshelfer“? Drum’n’Bass auf dem Weg auch noch die letztmögliche erreichbare Gesellschaftsgruppe zu bezirzen? Ich habe jedenfalls noch nie in so einer Zufriedenheit das M1 in Stuttgart verlassen. Hier prallten zwei Welten aufeinander: Anzug-Model-Schickie und Stuttgarts Junglist-Breithosen der ersten Stunde, die letztendlich die Party schmissen. Jan Sirup war erstklassig, Terranova zweitklassig, Nude überflüssig und der erstaunlich gut gelaunte Grooverider (lag das an den fünf Kleinwagen (laut o. g. Rechnung für die komplette Tour)) mal wieder ohne Kommentar. Der Gastgeber gab sich zurückhaltend - nur ein paar herumirrende Pröbchen und eine klasse Deko mit sehr dezenter Integration des Firmennamens. Tja, Hamburg, Berlin, Zürich etc., ich muß sagen ich hatte meinen Spaß und amüsierte mich recht ordentlich über die mehrheitlichen Schickie-Mickies, die ganz schön blöd dreinschauten als eine kleine aber wilde Jungle-Gemeinde zu tanzen anfing. Und wen interessiert da noch ein Parfum? Mich jedenfalls nicht, denn ich bin wegen der Musik gekommen. ][ lightwood


„Gestatten Rossi“ . . . . . . . . . . . . . . .
Die lange Wartezeit hat ein Ende gefunden, genau wie die vergeblichen Blicke in die Bereiche von Fernsehzeitschriften, in welchen man kaum noch Uhrzeit von Titeln unterscheiden kann. Endlich ist es wieder möglich geworden, den italienischen Zeichentrickfilmstar aus den 70er Jahren nach Hause einzuladen. Vier Videokasset-ten, bei Karussell erschienen, mit jeweils einem Teil der Serie, geleiten den Zu-schauer durch die farbenprächtig gezeichneten Welten verschiedenster Epochen. Immer auf der Flucht vor seinem Chef, seinem „verantwortungsvollen Spezialjob“ als Eindoser in einer Fischfabrik sowie aus seinem Lebensrhythmus, welcher sich ausschließlich zwischen Zuhause, Busstation und Firma abspielt, benutzt er die von einer Fee erhaltene Zauberpfeife als Schlüssel zu diesen. Der psychedelische Spiral-Zeit-Tunnel geleitet Rossi mit seinem neu dazugewonnen Freund Gastone, der Hund des in unmittelbarer Nachbarschaft wohnenden Chefs, im Verlauf der insgesamt 80 Minuten zu immer neuen Reisezielen. Den Wünschen des Pfeifenbesitzers entsprechend, beginnt die Reise in der Steinzeit. Hier entdecken zauberhaft unfreundliche Dinosaurier gerade das Feuer mit Hilfe Herrn Rossis Streichhölzer. Sich selbst immer mehr in größere Schwierigkeiten manövrierend hat er immer schnell ein kleine Anekdote parat, mit deren Hilfe er jede noch so mißliche Lage zu etwas Gutem wenden kann. Nur im Äußersten erfolgt der rettende Griff zur Pfeife, die sie dann weiter in das alte Rom transportiert. Geplagt von der Angst, nicht mehr laut genug zu Pfeifen, um in „seine Zeit“ zu gelangen, entdeckt er sofort den Vorzug, diese Stadt, in welcher er nur in Büchern war, sich ohne Autos und Busse anschauen zu können. Jedes anfänglich freundlich gesinnte Szenario, welches beide auf das ersehnte Glück vertrauen läßt, wandelt sich urplötzlich durch das eigene mißgeschickte Verhalten in eine nervende Zeitepoche. Die Reisen enden dann zufrieden und wohlbehalten in Rossis eigener Zeit immer mit der Absicht hier auch bleiben zu wollen. Aber schon in Kürze erwacht erneut das Fernweh nach einer Welt ohne Chefs, Stempelkarten und Weckuhren. Filme im Fernseher scheinen keinen Trost mehr zu spenden, so daß sich Gastone und Rossi immer wieder davonpfeifen. Im Trillerklang treffen sie dann auf einen übertrieben selbstüberzeugten Robin Hood im Mittelalter, begegnen auf einer Schatzinsel einen übermotorisierten Piraten, welcher mit Fanfahrenlärm jegliches Glück freundlich revidiert. Auch der Welt der Märchen statten sie einen Besuch ab, in welcher Schneewittchen ihnen die liegengebliebene Hausarbeit bei den Zwergen überläßt, um sich ihrem eigenen Vergnügen hinzugeben. Weitere Abstecher führen sie in das alte Ägypten sowie in den wilden Westen oder in die Zukunft, doch auch hier bleibt das gesuchte Glück aus. Fast schon wie in einem Märchen endet der Vierteiler dann doch schließlich mit einem Happy End, das sich Rossi durch eine kleine List verschafft. Bruno Bozetto schaffte es mit sehr viel Liebe fürs Detail der Zeichentrickserie so viel Leben zu schenken, daß sie trotz ihres lang zurückliegenden Erscheinungsdatum nicht ein bißchen an Staub angesetzt hat. Auch die von ihm verwendete Musik, die sich, im Stil von Easy Listening, wie ein roter Faden durch alle Teile zieht, trägt dazu bei, daß jede Reise ein angenehmes visuelles und akustisches Erlebnis wird. Weitere Folgen sollen in Kürze erneut den Zuschauer in die weite Welt der Superlativen führen. ][ g

Veränderungen Stuttgart Stadt . . . . .. . . . . . . .
Ja und wenn wir schon beim M1 sind, dann müssen wir auch leider gleich seine Schließung wegen Gebäudeabriss bekanntgeben. Der Final Day ist der 2. Januar mit Überraschunsprogramm (Fronkreisch....) und bis eine neue Location gefunden worden ist (die gibt es nämlich noch nicht...), werden eifrig Partys woanders organisiert. Wann der Große Bär am Berliner Platz eigentlich schloß, hat niemand so richtig mitbekommen. Doch hätte bestimmt auch niemand gedacht, daß man aus diesem vergessenen Relikt eine frische Lokalität herauszaubern kann. So nahm sich Sound Shop Oskar diesem Objekt an und erschaffte mit einem effektiven Aufwand das „Stereo“, ein Café mit Lounging-Charakter und 70er Möbeln, das von Di bis So mit regionalen DJs (fast) aller Sparten das Volk verwöhnt. Auch der Inner Rhythm Club in der Theodor-Heuss-Str. wartet mit neuem Programm auf. Bisher einmal im Monat samstags findet 313 Entertainment, die Nachfolgeparty zur legendären Motor City statt. Bei der Eröffnung am 14. November wurden mit Features wie Welcome-Drink, sehr schönen VideoTVInstallationen und Tarnnetzverhüllung des Clubs eine neue Atmosphäre im IRC geschaffen. Jeden Freitag veranstaltet die „Code Red“-Crew dann hier ihre Party zur Sendung (Freies Radio für Stuttgart 97,2, Samstag Abend), also wieder eine regelmäßige Drum’n’Bass-Nacht in Stuttgart am Start. Weitere gebrochene Schläge gibt es auf der Nachfolgeparty zu „La Saga“, der „Vendetta“ (neue Automarke?), einmal im Monat in der Röhre beim Wagen-burgtunnel. Zu Part One an dieser Stelle nur kurz drei Worte: Voll, Schweiß, Abenteuer. ][ lightwood


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