OUK das Sech10te ± treibend & kraftvoll ± Dez 98/Jan 98 ny’s osterweiterung

New York - diese fabelhafte Erscheinung an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Big Apple, Melting Pot, Stätte musikalischen Genußes. Alles bereits bekannt und angesichts momentaner Luftsprünge europäischer Musikfanatiker beim Wort New York das Thema schlechthin. Doch wenden wir unsere Aufmerksamkeit ein wenig Abseits der Metropole, so stellen wir fest, daß außerhalb New Yorks alles andere als ländliche Zustände herrschen. Außerhalb, das heißt New Jersey - Heimat solch illustrer Namen wie Toni Humphries, Dave Camacho oder Kerri Chandler, die aus der Geschichte der House Musik nicht mehr wegzudenken sind. Eine etwas weniger bekannte Person hingegen ist Toni Rodriguez, Inhaber der Firmen „Sound of Music“ und „Brothers Vibe“ und stolzer Besitzer von 60.000 Platten. Was kein Grund zum Staunen sein soll, schließlich hat ein Freund von ihm ganze 200.000 Platten im Regal stehen. Das diese Anzahl an Vinyl für Toni selbstverständlich ist, liegt daran, daß er von klein an Platten gesammelt hat und gerne auch mal zwei oder drei Kopien derselben Platte gekauft hat. Erst die Tatsache, daß im Haus seines Freundes die Decke unter dem Gewicht der 200.000 Platten zusammenbrach, machte ihm bewußt, was für einen gewaltigen Schatz er besitzt. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen ...



Toni: Ich habe mich als kleiner Junge bereits für Musik interessiert. Schon damals, im Alter von 10 Jahren habe ich wie besessen Platten gesammelt. Im Nachhinein kann man sagen, daß mein Leben schon immer aus Musik bestanden hat. Als ich 16 war, habe ich die musikalischen Größen in Jersey kennengelernt. Mein älterer Bruder war Plattenpromoter und kannte sie natürlich alle ....
Dave Camacho, Toni Humphries und wie sie alle heißen. Aus diesem Grund unterstütze ich auch die Szene in New Jersey und laß es mich sagen: Es gibt hier eine Menge talentierter Jungs, die wirklich niemand dort draußen kennt. New Jersey ist so eine Art Talentschmiede.
Aber zurück zu mir. Wie gesagt, ich startete also als Plattensammler und bin dann über das Auflegen zum Produzieren gekommen. Irgendwann habe ich dann mit meiner Frau zusammen “Sound of Music” und “Brothers Vibe” gegründet. “Sound of Music” ist eine Produktions- und Distributionsfirma. Einerseits presse ich also Platten (z.B. einige von FunkMaster Flex oder generell sämtliche Velocity Platten) und anderer Seits biete ich für einige Labels aus der Gegend eine Distributionsplattform.

Ouk: In Deutschland jedoch sieht man nur ganz selten eines dieser Labels im Laden stehen.
Toni: Ja, stimmt schon. In England, Spanien und Italien verkaufen sich unsere Platten recht gut. In Deutschland sind wir noch nicht so stark vertreten.

Ouk: Warst Du schon einmal in Europa?
Toni: Ja, ich war einmal in Italien. Aber ich habe einfach nicht mehr die Zeit aufzulegen oder umherzureisen. Ich fühle mich zu sehr verantwortlich für die Labels die ich vertrete, als daß ich jetzt einfach mal 2 Wochen freimachen könnte. Die Firma nimmt mittlerweile soviel Zeit in Anspruch, das ich zu nichts mehr komme. Erst gestern habe ich den ganzen Tag damit verbracht, Promos für die Vertriebe in Europa zu verpacken. Ich habe für fast 400$ Promos verschickt.

Ouk: Du verschickst die Promos nur an die Vertriebe?
Toni: Ja, das ist so eine Art Philosophie von mir. Ich meine ... es ist schön, wenn man Platten umsonst hergibt, aber Du kannst das nicht mit jeder Platte machen. Erstens haben die DJ’s dadurch viel zu viele Platten rumstehen, und zweitens bin ich immer noch der Meinung, daß jeder DJ in den Plattenladen gehen sollte und sich dort seine Platten kaufen sollte. Wenn Du z.B. zu Dancetracks gehst, dann siehst Du dort Francois K. am Plattenspieler stehen, wie er gerade seinen Stapel durchhört. Er hört sich die Platten an und kauft sich diejenigen, die ihm gefallen. Dadurch unterstützt er ja auch das Label und die Musiker. Wir müssen uns gegenseitig unterstützen, schließlich verkaufen wir keine 100.000 Platten.

Ouk: Wie sieht denn dann die Zukunft von “Sound of Music” aus?
Toni: Ich werde auf jeden Fall versuchen, die Labels die ich vertrete im Ausland besser publik zu machen. Und dann möchte ich mich auch wieder auf meine Produktionen und Remixes konzentrieren. Dabei wird mir sicherlich auch der Umzug in ein zweistöckiges Apartment helfen. Da kann ich dann endlich mein Studio, meine Büroräume und all meine Platten in einem Gebäude unterbringen. Das wird mir mental sicherlich viel helfen.

Ouk: Als “Brothers Vibe” hast Du ja auch bereits eine lange Liste an Veröffentlichungen geschaffen. Und trotzdem bist Du deiner Einstellung der Musik gegenüber immer treu geblieben ...
Toni: Ja, ich denke schon. Prinzipiell mache ich ja Deep-House. Ich habe auch schon was anderes gemacht, aber letztendlich kehre ich immer wieder dahin zurück. Im Moment versuche ich etwas mehr Live-Aspekte einzubringen, das ganze etwas natürlicher klingen zu lassen. Vielleicht mache ich demnächst auch mal ein Vocal-Stück. Aber generell habe ich mich den Tracks verschrieben. My natural high is deep house. Das ist es, was ich mag.

Ouk: Bei den Vocal-Nummern läuft man ja auch immer Gefahr, ganz schnell als Pop abgestempelt zu werden.
Toni: Ja. Das resultiert wohl daher, daß sämtliche Popstars im Moment House-Beats unter ihre Stücke legen, um so moderner zu klingen, als sie eigentlich sind. Allerdings, so schlecht das ganze auch sein mag, es verschafft der Housemusik immerhin ein wenig Aufmerksamkeit. Aber eigentlich beachte ich das ganze Pop-Business überhaupt nicht mehr. In New York gibt es zwei riesige Soul-Sender, aber beide sind in ihrer Sichtweise völlig eingeschränkt. Sie sollten dringen das Programm auffrischen. Wer braucht schon einen Isaac Hayes, der zum tausendsten Mal Stevie Wonder auflegt? Bringt etwas mehr Energie in die Sendungen. Der Einzige, der wirklich neue Sachen im Radio spielt ist Toni Humphries. Er spielt auch viele meiner Tracks. Aber seine Show wird um vier oder fünf Uhr morgens gesendet - dann, wenn alle anderen schlafen. ][mb und enco


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