OUK das Sieb10te rund & saftig (Feb/März 99) 98

Im Dschungel der semiotischen Dissoziation

Ein Problem beim Erstellen von so etwas wie einem Jahresrückblick in nicht-tabellarischer Form (wo doch alle so gerne Favourites-Playlists in den Magazinen sehen) ist zweifellos die Gefahr, den von wem auch immer (und sei man's selber) gesteckten Rahmen zu sprengen. Doch es hat auch seinen Reiz, herauszufinden, welches Format nach der, durch die perspektivische Mischform als gleichzeitiger Konsument und Mitwirkender bedingten, notwendigerweise schiefwinkligen, noch dazu teilweise assoziativ genuierten Betrachtung von Details, Globalitäten, Momentaufnahmen und Strukturen am Ende herauskommt. Alles klar? - Auch wenn: wer hier nach einem roten Faden sucht, sollte dies lieber an seinem Anorak tun (wer trägt sowas allerdings schon außer frierenden Türstehern?).
Bemerkenswert insgesamt ist jedoch die Dichotomie von Defizität szeneinterner reflektierender Kommunikation und Disparität ideologischer Zersplitterungsprozesse. Ein banales Überbauphänomen in Sozietäten hochtechnisierter spätkapitalistischer Dienstleistungsgesellschaften mag man meinen, aber eines, das im Zeichen zunehmender, nicht nur zivilisationsevolutionärer Akzeleration an Brisanz und kontinuierlich Faktizität schaffender Relevanz sowohl in affirmativen als auch subversiven Kontexten gewinnt. Und damit die Basis schafft für eine permanente Selbstinduktion z.T. irrational anmutender Antagonismen, die sich u.a. in Mißverständnissen, kontraproduktiven Dissidenzen und Attitüden konkretisieren. Dies gilt für die dancefloor- wie auch fußballorientierte Club-Szene gleichermaßen und schlägt sich da bisweilen in antidevotionalen Perlen-vor-die-Säue-Erscheinungen nieder. Demnach sind beispielsweise Todd Terry im M1 und Ralf Rangnick zum VfB integrale Bestandteile des gleichen Diskurses (man verzeihe mir meine stuttgartoide Kaprizierung, aber die Evidenz der noch zu behandelnden Soundcity-Groteske und der mindestens kongenialen MV-Vereinsposse fordert auch vom wohlmeinendsten Analytiker bereits hier ihren ersten nörglerischen Tribut).

Nutzen wir den Aspekt von in Wettkampfform organisierter körperlicher Ertüchtigung zu einem ersten Exkurs, denn die Bedeutung des Sports als ein qualitativer Maßstab für den Stand des zivilisatorischen Entwicklungsprozesses von Gesellschaften rechtfertigt seine Aufnahme in einen soziokulturell orientierten Jahresrückblick. Die ballorientierte Gegnerdeckung dagegen wird, zumindest in ihrer Vogts'schen Ausprägung, in jeder fußballhistorischen Anthologie fehlen. Das (wenn auch immer noch zu späte) Fehlen der deutschen Mannschaft im weiteren Turnierverlauf jedoch gehörte wiederum sicherlich zu den erfreulicheren Tatbeständen der WM. Und zu den wichtigsten die Erkenntnis, daß die Praktizierung moderner, taktisch anspruchsvoller, kontextualisierende Antizipation voraussetztender Spielsysteme immer zwingenderen Charakter annimmt, weshalb auch kein WM-Spiel (nicht einmal das beste: Holland - Brasilien) dem Champions-League-Finale (Real Madrid - Juventus Turin) das Wasser reichen konnte. Weitere Ausführungen von mir zu diesem avancierten Themenkomplex entnehme man bitte dem 40minütigen, übrigens mit schönen D&B- und House-Tracks soundifizierten, Videofilm "Taktisch diszipliniert" von Eric Ash (Filmhochschule München).- Taktische Disziplinlosigkeit aufgrund charakterlicher Defizite kostete dann Kotzbrocken Schumi süffisant goutierbar die Formel-1-Krone, während in einer an scheinheiliger Doping-Berichterstattung erstickenden Tour de France deren (diesmal besonders großer) sportlicher Wert völlig unterging. Zu dem auch die strategische Meisterleistung der Mannschaft Mercatone Uno um Sieger Marco Pantani gehörte, derweil die Telekom-Akteure ihre taktischen Unzulänglichkeiten auch durch Aktivitäten auf dem firmenspezifischen Fachgebiet der Schummelei (vor eingespritzter Kraft konnten die meisten ihrer Fahrer kaum laufen) nicht zu kompensieren vermochten.
Der Sport brachte uns auch in Tübingen in Form des WM-Tips '98 von H&M Productions ein vierwöchiges gesellschaftliches Event, womit ich gleich in der Auflistung eigener kultureller Beiträge fortfahren kann, die ja gemeinhin pseudo-bescheiden in derartige Rückblicke eingebaut werden. Die DJs unter den Teilnehmenden, so viel sei hier nur vermerkt, schnitten eher mäßig ab - wie übrigens auch viele "Experten". H&M Productions dagegen konnten den Wettmarathon als Erfolg verbuchen, obwohl zum Termin des WM-Starts noch ein weiteres Ereignis organisiert und durchgeführt werden mußte: Die zweite, nach der legendären Premiere 1996 im Wiesengrund längst überfällige Madonna Night offenbarte das große Potential für diese damit endgültig institutionalisierte Veranstaltung und rechtfertigte die Wahl des Depots als dafür adäquate Location. Auch Stuttgarter Spione mußten erkennen, daß es problemlos möglich ist, das Publikum ausschließlich mit Musik von Signora Ciccone zu begeistern. Zum wohlgefälligen Gelingen trug sicherlich noch ein bißchen Schubkraft der im März erschienenen neuen LP "Ray of Light" bei, und damit wären wir bei der ersten (natürlich erwarteten) meiner nur vier Anmerkungen zu Veröffentlichungen des vergangenen Jahres.

Gerne entspreche ich hier den Erwartungshaltungen und verleihe der Platte die angemessene Auszeichnung als Album des Jahres. Das zusammen mit dem Engländer William Orbit produzierte Werk enthält mit "Frozen" eine faszinierende dekonstruktivistische Kompositionskonstruktion plus infernalisch fesselndem Video, mit dem engelsgleich abhebenden, transzendental schwebenden "The Power of good-bye" eine Ballade klassisch reiner Schönheit, mit "Nothing really matters" einen luftig groovenden House-Track, der die meisten anderen Elaborate des Genres mühelos hinter sich läßt, und auch sonst eine bemerkenswerte Dichte von trefflichen Sounds, Melodien, Rhythmen und Texten - kurzum, wie fast immer, die beste Madonna, die es je gab: durch die atemberaubend stringente Homogenität ihrer stilistischen Eklektizität katapultiert sie sich mit spielerischer Leichtigkeit jenseits aller dem Zeitgeist inhärenten Dissoziationen und ist damit den meisten anderen Protagonisten das übliche Stück voraus. Mir erfüllte sie mit der Wahl ihres Produktionspartners einen mindestens drei Jahre alten Wunsch.

Noch einmal innerhalb weniger Zeilen taucht hier das auf dem Gebiet der elektronischen Musik weniger heimische Kriterium "Text" auf: "Not everyone understands housemusic, it's a spiritual thing, a body-thing, a soul-thing". Diese grundlegend wahre und gültige Botschaft, deshalb auch im "Message Mix", verkündete Eddy Amadour in seinem schlicht, aber treffend getitelten Stück "Housemusic", das dadurch zu einer Essenzielles focussierenden Proklamation mit Hymnencharakter wurde, nebenbei dank seiner einprägsamen Keyboardfigur auch noch zu einem Charts-Erfolg.

Den landete ebenfalls Mousse T. mit seinem "Horny", das vorher etliche Monate in seiner Instrumentalversion als solider Club-Hit mit prägnantem Bläserriff sein nicht ganz so erfolgreiches Dasein fristete. Die Bewertung dieser Mainstream - Mutation zeitigt wiederum Ambivalenzen. Positiv ist die damit verbundene Aufbesserung der Label-Kasse zur künftigen Investition in weniger eingängige Produktionen, schal seine (allerdings prädestinierte) Aufnahme in den Kanon von Ballermann 6 - Tools, optimal funktionierend in seiner tiefschwarzen Stuttgarter Zweigstelle.




In die Perepherie solcher Auswüchse drang dann auch zügig das gebetsmühlenhafte Repititorium eines zunächst mitreißenden, mit zunehmender Dauer aber penetrierenden und den Statements der Zeichen-trickfigur Roadrunner auffallend ähnelnden "Mi Mi" - Samples, hervorgegangen natürlich aus der semiotischen Hexenküche eines Franzosen-Clans, vor der ich schon im letzten ouk-Jahresrückblick warnte ("Daft Punk - nein danke!" als dogmatischer Spruch, tragbar beispielsweise als Button), da sie mehr noch als das Publikum die DJs überfordert, indem sie circili virtiosi installiert durch die gelegte Spur eines markanten Zeichens (in diesem Falle das Mi Mi), die jedoch keine neuen Wege aufweist, sondern nur wieder zu sich selbst zurückfindet. Ihr Versuch, dadurch substanzielle Zeichenverschiebungen in deren flottierender Zirkulation zu initiieren, erfordert vom DJ den Mut zur ideologischen Konsequenz, ohne den (auch subsystemische) Paradigmenwechsel nicht möglich sind. Vor dem Hintergrund solcher Überlegungen erschien die Position des Tübinger DJ-Konzils, im neuen Jahr (also 1999) die DJ-Sets diesbezüglich zu entrümpeln, von lobenswerter Weitsicht getragen, wäre sie nicht gleich von einem Zauberlehrling-Trauma aus dem Sog besagter Hexenküche unterminiert worden. Als Remixe getarnt wurden die längst dechiffrierten Kodifizierungen synchron transformiert, die alten Heilslehren also als vermeintlich neues Evangelium wieder unter das Volk gestreut. Immerhin haben wir durch Stardust (übrigens auch ein tolles Video) gelernt, daß wir nichts gelernt haben außer, daß Bob Sinclar nicht Sinclair heißt.

Die allgemein erhöhte Elektro-Präsenz, vor allem in Medien und Charts, hat den Grad der Trivialisierung zwangsläufig fortschreiten lassen und wirkt auf die Orte ihrer Realisation, also zumeist die Clubs, zurück. Die semiotischen Systeme ihrer Moden reflektieren zwar potentiell Differenzierungsoptionen, sind aber zumeist und zunehmend spezifisch auszubalancierenden gastronomischen Dependenzen unterworfen, die wiederum individualpsychologischen, soziologischen und regionalen Bedürfnisstrukturen Rechnung tragen (müssen). Diesem Umstand wird bei der über das eigene, momentane subjektive Empfinden hinausgehenden Bewertung von Veranstaltungen viel zu wenig Beachtung geschenkt. Die Qualität eines Abends oder gar eines mittelfristig angelegten Konzepts bemißt sich auch nach dem Grad fruchtbarer Interaktivität seiner Beziehung zu gleichzeitig stattfindenden Events oder Reihen, die dem gleichen oder einem ähnlichen semiotischen Diskurs subsumiert sind. Erst im Spannungsfeld zwischen der meist in Adaptionen erlebnishafter Konkretisierung präreflexiv-kybernetisch entstandenen Realisation dieser Tatsache und der potentiell subversiven Eigendynamik ihrer spezifisch inkarnierten Inzidenz vor allem, aber nicht nur, am DJ-Pult und auf der Tanzfläche, sind Events möglich, die das Zeug zur Legende haben. Das Bewußtsein über die strukturale Prozessualität und der sie determinierenden Faktoren ermöglicht erst die situative Loslösung von ihr in einer progressiv komprimierten Erlebnisdichte, deren Chancen für Produktions- und Rezeptionsverhalten in ihrer relativen Unprognostizierbarkeit liegen. Veranstaltungen, die zur späteren (häufig von unsinnigen Aspekten begleiteten) Mystifizierung Anlaß geben, sind also nicht planbar, aber die Rahmenbedingungen für das eventuelle Entstehen einer sie begünstigenden Konstellation (für den einen Clubs mehr, für den anderen weniger) zu einem Gutteil schaffbar.

Freilich, die schwer lastende Bürgschaft des ersten, wirklich überragenden, aber auch durch viele "außermusikalische" Faktoren so zustandegekommenen, Kemistry & Storm-Auftritts vom Januar 1997, konnte auch das Depot nicht für das im Mai erneut angereiste Duo oder für den im Februar mit Hochspannung erwarteten Grooverider von deren Schultern (und vor allem denen des Publikums) nehmen. Dennoch ermöglichte der Club seinen Besuchern zwei phantastische D&B-Abende, wobei dem einen noch (als antagonistische Vorbereitung quasi) tags zuvor ein toller, flockig-leichter Pop-Groove-House-Set von Mateo & Matos vorausging. Im Stuttgarter M1 dagegen mußte Todd Terry auf einer Veranstaltung, über deren beispiellose (hier eigentlich beispielhafte=typische) Peinlichkeit an dieser Stelle nicht weiter räsoniert werden soll, gegen die Auswirkungen jahrelanger Versäumnisse in der Club-Politik ankämpfen. An einem Freitag im Depot (ähnliches gilt für den Fall Carl Cox) hätte dieser Act zu einem legendären Event werden können.

Vielleicht auch im Ravensburger Douala, um hiermit die Lobhudeleien auf mein Wohnzimmer zwischenzeitlich zu beenden, denn der Club in der Stadt der Spiele besticht nicht nur durch sein atmosphärisch dichtes Ambiente in multifunktional ausdifferenzierten Räumlichkeiten ohne attitüdenhafte Noblesse, sondern auch durch wahre Perlen in seinem Programm. Einen unauslöschlichen Eindruck der einzigartig intensiven Kreativpotenz von Underground Resistance hinterließ ein sensibel klotzender und relaxt das Szenario beherrschender Robert Hood, während ein virtuos agierender Jeff Mills nicht nur zeigte, wie man fünf Songs in einer Minute unterbringt, sondern auch, wie man damit in einem Akt künstlerischer Radikalität, der das Bändigen und Beschleunigen der Materie gleichermaßen zum Ziel hat, Brüche in Intensitäten auflöst und damit vor der Zeit Bestand hat.

Dieser Sichtweise am nächsten, wenn auch nicht in Mills souveräner ganzheitlichen Ausgereiftheit, kommt von den hiesigen DJs vielleicht noch Thomilla, ein Spitzentechniker am Pult, dessen Interesse für das von ihm verwendete Material sich nahezu ausschließlich auf seine Sample-Verwertbarkeit beschränkt und so auch seine Sets prägt. Damit und mit der Erwähnung der wirklich fulminanten Abende in unterschiedlichen Konstellationen, auch mit Hausmarke und Momo Farace im Depot, wäre das Thema Hip Hop, das nie so mein dickes Ding war, bereits abgehakt. Zu den DJs wäre noch zu sagen, daß Masse durchaus eine Gewähr für einen gewissen aus ihr hervorgehenden Anteil solider Qualität bietet. Doch mit am liebsten waren mir immer wieder die eifrig hinter dem Tresen an einem einzelnen CD-Player Stück für Stück wechselnden oder sich bei halbimprovisierten Bedingungen auf bizarren Kellerfesten versuchenden Hobby- und Augenblicks-DJs.

Weitere Anmerkungen zu Locations und Veranstaltern, DJ-Abenden und Institutionen, die mir erwähnens- und auch erhaltenswert erscheinen (und sei's aus Gründen erwünschter Vielfältigkeit), nun in mehr aufzählender Form: "Bag of Goodies" im Jazzkeller mit den charmantesten Übergängen bei meist überzeugenden Tanzgrooves (gelegentlich von Gast-DJs, kriegt nur selten jemand vorher mit); "Ethno Grooves" an gleicher Stelle u.a. mit interessanter Multi-Kulti-Elektronik, aber konfuser Konzeption; "Hydraulik" im Depot mit rituelle Entfesselungsszenarien anheizendem (Detroit-)Techno; das "Unternehmen Bus", das uns neben dem Depot geschmackvolle interaktive Alternativen an Flair und Klängen bot; die prominenten Gastspiele von Pierre (gut, aber nicht überragend) und Claussell (zwischen genial und unerträglich, letzteres v.a. wegen der Lautstärke) bei "Movin'on" im Depot, das immerhin auch bei Normalbetrieb als einziger Laden in der Umgebung weiterhin einen gut funktionierenden wöchentlichen House-Abend aufweisen kann; "Pressure", der sich stabilisierende, allmonatliche Drum&Bass-Abend mit Herzblatt-Chef ebendort; die "Goa"-Parties in Epplehaus und Zelle, deren musikalisch-ideologische Ächtung nur noch durch Anti-Modismus-Auswüchse-Erwägungen legitimiert ist, nicht aber durch das Konstatieren stilistischer Monotonie; die Elektronik-Versuche des ortsansässigen Rockmusik-Veranstalters "Music Factory", die bis jetzt aber bei künstlerisch durchaus überzeugenden Acts wie Lunatic Calm und Statik Sound System am Fehlen eines geeigneten Ambientes krankten; den "Sauschdall" in Ulm zeichnet ein solches dagegen aus, doch leider ist die sonntägliche Label-Party-Reihe mit viel Nischen-Sound (hervorzuheben hier etwa die Präsentation von Chain Reaction) aus den üblichen Gründen eingestellt worden.

In dieser subjektiven (zudem sicherlich mit unbeabsichtigten Weglassungen behafteten) Auflistung fehlt der Name unserer (mir prinzipiell gar nicht unsympathischen) Landeshauptstadt, denn dort klafft in einer Atmosphäre ignoranter Attitüdenhaftigkeit, entstanden durch eine Trotzreaktion aus dem eigenen Minderwertigkeitskomplex gegenüber anderen Großstädten heraus und dem kontinuierlich unsensiblen Handling spezifischer Parameter der Clubmusik-Landschaft, die Lücke zwischen "Sound-City"-Anspruch und indifferenter Stumpfsinns-Realität doch zunehmend beträchtlich weit. Wer nur daran interessiert ist, "'ne fette Party zu rocken", kann seine Innovationsfähigkeit künftig im Wettstreit mit der Rockmusik im Refugium der Bierzelte demonstrieren. Immerhin, wenn man zwei inhaltlich zusammenhängende Sätze in einer musikalischen Angelegenheit äußern kann, hat man schon gute Chancen, im Szeneblatt "subculture" zitiert zu werden.

Doch fassen wir uns an die eigene Nase, denn auch hier sind zunehmend Sekretionen des Kontraproduktivums "Dünkel" beobachtbar. Sich heimlich einschleichende, unbewußt attitüdenhafte Verhaltensänderungen wie beispielsweise die wachsende Abscheu, sich zum gemeinen Volk auf der Tanzfläche zu gesellen, müssen als Warnsignale fürs ideelle Überleben verstanden werden, ohne das über kurz oder lang gar nichts mehr liefe. Die Notwendigkeit einer szeneinternen stilistischen Toleranz bei aller erforderlichen ästhetischen Radikalität erscheint offensichtlich, ebenso die zur Bereitschaft der Protagonisten, die Vielfalt schon von allein individuellen Musikrezeptionskonstellationen wahrzunehmen, in deren Multifunktionalität und der daraus resultierenden Bedürfnissen der Tänzer nur eine Variable unter mehreren darstellt; aber auch die zur Einsichtigkeit des streng programmatischen Club-gängers bezüglich logistisch-infrastruktureller Sachzwänge.

Das wäre ein gutes Schlußwort gewesen, hätte ich nicht vergessen, zu bedauern, daß die guten Big-Beat-Ansätze im Depot wieder etwas eingeschlafen sind; zu konstatieren, daß der von mir im letzten Rückblick als Stilrichtung des Jahres genannte Dub sich weiter auf dem Vormarsch befindet; zu erwähnen, daß mein liebster Barkeeper genauso heißt wie mein liebster regionaler Produzent; und letztendlich meiner Freude darüber Ausdruck zu verleihen, daß in dieser komprimiert-fragmentarischen Jahresschau die Themen Schröder, Levinsky und Feldbusch guten Gewissens fehlen durften, wobei ich es bei letzterem fast ein bißchen bereue... ][ Handke Hesselbach

 

House Kontroversen

Die Krise ist noch lange nicht vorbei - im Gegenteil, noch nie war die Gradwanderung zwischen Anspruch und purer Funktionalität verwischter, noch nie waren Definitionen gefragter und gleichzeitig schwammiger, ja wenn nicht gar überflüssiger, als in den vergangenen Monaten. Die gute alte Housemusik am Ende?
Quantitativ gesehen wohl nicht, denn gerade 1998 erschienen eine Menge Platten, die sich mit der Aufschrift „House“ rühmten, und dem Produzenten den Aufstieg auf den längst abgefahrenen Siegeszug der Housemusik bescheren sollten. Doch maße ich mir an, trotz allen Offenheits- und Fortschrittsgedanken, den die der Housemusik zugrundeliegende Idee mitsichträgt, einen großteil obiger Produktionen nicht House, schon eher Dance, bezeichnender aber schlicht schlechten Pop zu nennen. Benennen mag ich sie schon garnicht.
Diesem Malum gegenüber, steht die Vielzahl jener Tracks, die sich der ewig gleichen, aus Hitsample und geradliniger Bass- und Drumspur bestehender Arrangements entledigten und somit zum einen zur Renaissance des DeepHouse, zum anderen zur weiteren Öffnung der, im Housekontext zu sehenden Horizonte führte.
Allen voran die New Yorker Body & Soul / Ibadan / Spiritual Life - Clique, die man schon fast als die Personifizierung des DeepHouse nennen könnte. Unterstützung gab es selbstverständlich aus allen Winkeln der neuen Welt (Ron Trend, RaSoul, Imperial Dub, um nur einige zu nennen) und auch auf dem europäischen Festland taten sich einige innovative Kräfte hervor. Vorallem auf der britischen Insel besann man sich der zahlreichen Möglichkeiten, House zu interpretieren. Ein Kaptiel für sich stellen wie immer die Masters at Work dar, die 1998 durch gekonnte Remixarbeit sowie geschmackssicher Eigenleistung ihrem Namen gerecht wurden und kurz nach Jahreswechsel die Krönung in Form eines Tribute-Albums zu Fela Kuti lieferten. ][ mb


Jazz. Orte.

Um die Bedeutung des Jahres 1998 für den Jazz adäquat zu beurteilen, fehlen mir schlicht Überblick und Szenen-Nähe. Ein Kriterium allerdings hätte ich schon einzubringen, das ansonsten in der Jazz-Kritik keine so rechte Rolle spielt: Musik ist für mich meist so aufregend und erinnerungswürdig wie die Umgebung, in der sie präsentiert wird. Für einen echten Jazzfan ist das natürlich so, wie für Kunstkenner, wenn ich ihnen sage, daß ich mir die Kunst danach aussuche, ob sie zu meinem Sofa paßt. Ich insistiere dennoch: Jazz ist nicht anders als Pop weit mehr als nur die Musik, die spielt. Bebop stellte Rebellentum zur Schau, die Lust am "Keiner-begreift-mich", Cool Jazz betonte unterkühlte Intellektualität, Hardbop das gewachsene Schwarze Selbstbewußtsein und Free Jazz die Überwindung aller Form - natürlich auch im Habitus der Musiker. Gewiß: Man bekam im Jazz immer nur dann Gehör, wenn man auch spielerisch überzeugte (kaum ein echter Scharlatan brachte es hier zu Ruf und Namen), aber Attitude gehörte immer dazu, "ya know what I mean": Plattencover, Rollkragenpullis, Afrohemden, Nicht-Show als Bühnenshow. Und Orte eben auch.
Und so kann ich berichten, daß ich im New Yorker Village Vanguard Anfang des Jahres zwar einen der umwerfendsten Saxofonisten überhaupt je gesehen habe. Er schrie und fiepte und johlte in einer Präzision, die mich völlig umhaute. Allerdings törnte uns der Laden so ab, daß wir frühzeitig gingen. Und ich den Namen des Musikers schlicht vergaß...
Das schönste Konzert des Jahres dagegen erlebt ich im (keine hätte es gedacht) Zentrum Zoo in Tübingen. Auf einem privaten Fest spielten Dizzy Krisch, Weki Wekenmann, Caroline Höfler und Dieter Schuhmacher Standards fast schon als Hintergrundmusik. Und doch stimmte alles: Ambiente (der mittlere Saal gehört inzwischen zu den schönsten Gasträumen der Stadt), Sound, Essen und Stimmung der Anwesenden. Ein Ort, der sich für weitere Jazzkonzerte empfiehlt.
Genauso überwältigend, wenngleich nicht live, präsentierte sich immer wieder mal die Atmosphäre im Bus am Depot, wo es doch das eine oder andere Mal geschah, daß das ungewöhnliche Ambiente sich auf's köstlichste vermengte mit der Jazz-Konserve. Und junge Menschen zum Tanzen bewegte.
Zu erwähnen zudem die Lange Tübinger Jazznacht im Depot. Auch ein nicht gerade alltäglicher Ort für diese Art Musik: "Wide open" spielten und die Rainer Tempel Bigband. Im Depot! Und gerade deshalb ein phantastisches Ereignis. Jazz, behaupte ich kühn, kommt immer dann zum Leben, wenn er Grenzen sprengt. Auch räumliche. Etwa im Gran Caffé Chioggia an der Piazetta San Marco in Venedig. Wo sonnst aus allen ehrwürdigen Kaffeehäusern feinster Wiener Walzerschmäh ertönt, pflegt man im Chioggia Jazz-Standards (gelegentlich gemischt mit Trivialem), meist im Trio mit Piano, Baß und Klarinette. Sonny Rollins' Musik zum Blick auf die nächtlich erstrahlte San Giorgio Maggiore...
Keineswegs muß er immer live gespielt werden, um mir zu imponieren. Erinnerlich sind mir da z. B. wunderbar kratzige Billie Holliday Aufnahmen aus der Paris Bar in der Kantstraße zu Berlin (köstlich "existenzialistisches" Ambiente mit haufenweise Werken unentdeckter Künstler an den Wänden, schwarzem Mobiliar und feiner Küche), Della Reese Cha-Cha-Chas im Aedes, dem Architektur-Café am Savigny-Platz (schade, daß die Champagner-Trüffel-Torte diesmal schon aus war) oder Gato Barbieri als meine persönliche Wiederentdeckung im Al Muro in der Calle Cavalli, Venedig (heißt jetzt anders, macht aber nix). Und für Tübingen sind nicht nur die korrekten Cocktails und das klassische Interieur sondern eben auch der Soundtrack des Café Nass besonders zu loben.
Da es aber nicht immer der Musik bedarf, um sich wohl zu fühlen (im Gegenteil: im Stern ist sie zwar meist gut aber viel zu laut), möchte ich abschließend nicht unerwähnt lassen, daß die Bar am Domplatz zu Cremona ganz ohne Musik auskommt, weil man da unter den Arkaden des Rathauses sitzt und Abende lang nicht anderes zu tun braucht, als auf die Fassade des Doms und des Baptisteriums zu schauen. Und in Harry's Bar in Venedig gibt es wohl aus Tradition keine Beschallung, dafür absolut punktgenaue Getränke, angenehm süffisante Bedienungen - und auch sonst viel zu erleben. Was mich dazu bewegt, für 1999 schon mal vorsorglich einen Jahresrückblick über die besten Kaffeehäuser zwischen Florenz, Leipzig und Oslo anzudrohen. Gell. ][ Sven Gormsen

 

Das Jahr der Remixe.

Denn wenngleich die Zahl guter Produktionen gegenüber dem Vorjahr stark anwuchs, waren es doch gerade die Remixe, die das Jahr 1998 bezeichnen sollten. Erstmals fanden Remixe nicht nur als Bonus-Tracks oder Verkaufsanreize (da von bekannten Künstlern gemacht) Verwendung, sondern brachten bisher unbekannte Stücke in den Blickpunkt der Szene, um die Originalfassungen auf interessante und gekonnte Art und Weise zu ergänzen. Was prompt mit Jazzanovas Rework von „Soundbuggy“ in der Perfektion des Remixes endete. Ob es nun tatsächlich mehr (gute) Remixe gab, als im Jahr zuvor kann und will ich an dieser Stelle nicht beschreien. Offensichtlich jedoch ist, daß sie deutlich die Aufmerksamkeit des Musikinteressenten auf sich gezogen haben. Durch sich ewig gleichende Produktionen und festgefahrene Arbeitsweise der Produzenten, war der geneigte Hörer froh über jeden Remix, der versuchte, die Dinge anders anzugehen. Daß dies eine nicht alltägliche Erscheinung des Remixes ist, sei hier nachdrücklich noch einmal angemerkt. Das bevorstehende Jahr vor 2000 könnte den Remix schnell verächtlicht scheinen lassen, angesichts der bevorstehenden Anstrengungen ruhm- und geldsüchtiger Musiker aber auch jeden Hit der letzten 100 (wenn nicht 1000) Jahre durch einen Remix zu neuem Glanz und Gloria kommen zu lassen (so bereits geschehen mit „1999“ von Prince und „Love Shack“ von B52). So wird das Jahr 1998 wohl auch als das Jahr eingehen, in dem der Remix noch gut war. ][ mb

9815MOTIK: Gangstarr -Moment of Truth ·· Robert Hood -Stereotype ·· Keith Tucker -Brace yourself ·· Megahertz -Alpha ·· Porter Ricks -Trident ·· Christian Morgenstern -I bare because you do ·· Paperclip People -4 my peepz ·· Klangstabil -Sieg der Monochronisten ·· Plastikman -Consumed ·· Leila -Like Weather ·· Psychedelic Skratch Bastards -Battle Breaks ·· The East Coast Art Solution -Finger Assault (Burrito Boys Rmx) ·· SCSI -MISC ·· The Octagon Man -Zedd ·· Miss Kittin & The Hacker -Champagne

9820NEONTSE-TSE: Redagain P. -Trackagain ·· Digital -Lower Depths ·· Mos Def -Universal Magnetic ·· Chaos -Afrogermanic ·· Seiji -Density/-Taste ·· Die & Suv -Federation (Rmxs) ·· Titonton -Extrapolation (Rmxs) ·· Planet Asia EP ·· Aaron Carl -Down ·· J. Treds -Make it happen ·· Photek -Form & Function ·· A Tribe called Quest -The Love Movement ·· 4 Hero -Two Pages ·· Octave One -The Collective ·· Busta Rhymes -Extinction Level Event ·· Hidden Agenda -Channel ·· Brandy -Top of the World ·· Saul Williams -elohim 1972 EP ·· Buckshot -Follow my lead (Rmxs) ·· Skynet -Severe Trauma (Matrix Rmx)

9820LIGHTWOOD/TELMO A.: 808 State -Pacific State (Grooverider Rmx) ·· Shy FX -Bambaata ·· E-Z Rollers -Tough at the Top (Orig. & Rmx) ·· Simon V -Hymnus ·· 4 Hero -Two Pages ·· J-Majik -Freefall & -Rotation ·· Test 2 & 3 ·· Ed Rush & Optical -Funktion & Medicine ·· Photek -Form & Function ·· Krust -True Stories ·· John B. -Starburst ·· Quantum Mechanics LP ·· DJ Die -Clear Skyz ·· Grooverider -Mysteries of Funk ·· Ram Trilogy Pt. 2 ·· Fortran -The End Pt. 2 ·· Moving Fusion -Turbulence ·· Dom & Roland -Trauma ·· Adam F -Brand New Funk ·· Shanie -What... (Dom & Roland Rmx)

9820UNORDEREDHOUSESSENTIALSMBENCO: Native Elements -Brasil Minus Six ·· Blak Beat Niks - Do you want me baby (USG Dubstrumental) ·· Taxi Driver -We don’t care what you say ·· Factory Family -Hustler ·· Ten City - My Peace of Heaven (Dub Mix) ·· DJ RaSoul -Soul Searching 1&2 ·· Beat Boutique -Sternschanze ·· Mateo & Matos -To the Limit ·· Stardust -Music sounds .. (Bob Sinclar Mix) ·· DJ Stan Johnson -Da Classic ·· Moodymann Album ·· Mateo & Matos -Moody Versions ·· Kenny Lattimore -Days Like This (MAW Mix) ·· Sunshine Funk -Bitch Party ·· Cesaria Evora -Sangue de Beirona (Francois K Mix) ·· Terry Callier -Love Theme ... (Roy Davis Mix) ·· DJ Spen -The Grind ·· Victor Simonelli -Latin Impressions Pt. 1 ·· Kerri Chandler & Joe Claussell -Escravos de Jo ·· Drys & Woosh -The Message

9813EMANUELASRESTOFGOODIES: Mondo Grosso -I can’t go for that (Freedom Jazz Samba Mix) ·· Rainer Trüby Trio -Galicia ·· Manu Dibango -New Bell (MAW Rmx) ·· Luther Vandross -Are you using me? ·· Jazzanova -Atabaque ·· Ultra Naté -New Kind of Medicine ·· Frédéric Galliano -Espaces Baroques ·· Capricious -Mozambique EP ·· Beanfield -Close the Gap ·· Chaser -Life in Loisaida ·· Electric Soul -Here come one ·· !Knuf -An der Beat ·· Red or Dread -Private Life ·· Dalata -Pra Manha



back