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Der uns gegebene Lebenszeitraum stellt sich selbst bei Erreichen methusalischer Ausmaße als eine kosmische Nichtigkeit dar. Dies war schon immer so, aber im Laufe der Jahrhunderte, vor allem des zwansigsten, hat sich das Zeitempfinden noch weiter in diese Richtung gewandelt. In diesen Tagen einer sich selbst überholenden Gegenwart ist es durch die universelle Vernetzung und die mediale Durchdringung jeder Begebenheit und jeden Ortes zu einem Informationsoverkill gekommen, der zwangsläufig zu einer Selektion führen muß.
Als noch die Postkutsche das schnellste Fortbewegungsmittel von A nach B war, beschränkte sich der persönliche Dunstkreis auf die nähere Umgebung und deren meist bescheidenen Gestaltungsmöglichkeiten. Der Blick über den Tellerrand war schon faktisch für die meisten ein Ding der Unmöglichkeiten. Der Status Quo wird dagegen von einer satellitengestützten Datendichte beherrscht, die uns, gewollt oder ungewollt, tagtäglich vor Augen führt, daß jede Minute, jede Sekunde, die wir einem Vorgang widmen, einem anderen möglicherweise ähnlich interessantem oder wichtigem verlorengeht.
Jeder Augenblick wird so zu einer Weichenstellung, ein kleines Verharren kann wegweisend für die Zukunft sein, gegenüber grauer Vorzeit mit dem gravierenden Unterschied, daß man sich der verpassten Gelegenheit heutzutage bewußt ist. Dazu kommt die Tatsache, daß der rapide abnehmende Glaube an fiktive mildlächelnde Geisteswesen, die auf schneeweißen Wolken sitzend den Lauf der Dinge regulieren, das irdische Leben ungleich wertvoller gemacht hat.
Zeit ist DAS Luxusgut der Gegenwart; carpe diem war noch nie so aktuell.
Relativitätstheorie hin, die der Wurmlöcher her, die Zeit fließt bar jeder Beeinflussung dahin, genutzt oder ungenutzt. Dieser Nutzen kann natürlich nur individuell bestimmt werden, es gibt nicht den allgemein gültigen Sinn des Lebens. Um das oft kaum erreichbare Pensum zu erfüllen, muß förmlich jeder Wimpernschlag durchgeplant sein. Muße wird so zum Fremdwort. Um auf der Höhe der Zeit zu bleiben, hetzen schon Kinder von einem Termin zum nächsten. Wenn man aber nur eine Facette herausgreift, beispielsweise Begeisterung für die HipHop-Kultur, entstehen bereits unausweichliche Auswahlzwänge. Die Entwicklung bestimmter Skills erfordert Zeit, d.h. trotz Interesse für den gesamten Komplex, muß man sich entscheiden. DJing, b-boying, sprayen, MCing, wer jedem den gleichen Stellenwert einräumt, wird in den einzelnen Richtungen nicht die Kräfte freisetzten können, die bei voller Konzentration auf nur ein Teilgebiet möglich wären. Befinden sich weitere Stilrichtungen, etwa Elektro oder Minimaltechno, im Passionsspektrum, so steht man allein schon musiktechnisch vor dem Problem, kaum die nötige Wissenstiefe erreichen zu können. Und das ist nur ein Lebensaspekt, möglicherweise ein gewichtiger, doch hinzu kommen Sport, Literatur, Beziehung, Studium etc... .
Trotz deutlich geringerer Lebensarbeitszeit ist so die Zeit knapper und knapper geworden. Die dem Jetzt immanente Geschwindigkeit, mit der das Leben in Echtzeit an uns vorüberzieht, hat sich beschleunigt und läßt keinen Platz mehr für Verschwendung dieses kostbaren Guts. Das mag manche stören, aber könnte sich jemand ernsthaft mit dem Gedanken anfreunden, all diese Möglichkeiten nicht zu haben? ][ motik
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