OUK das Neun10te ± spitzfindig & drei-st ± Juni/Juli 99 Bla & Blub

Kemistry R.I.P. . . . . . . . . . . .
Einen herben Verlust erlitt die Drum’n’Bass-Gemeinde am frühen Sonntagmorgen des 25. Aprils. Auf der Heimreise von einem Gig verunglückte Kemi Olusanya bei einem Autounfall in London. Ein von einem vorausfahrenden Fahrzeug hochgeschleudeter Straßenreflektor schlug durch die Windschutzscheibe ein und verletzte DJ Kemistry tödlich. ... Es fehlen einem die Worte... Man erinnert sich an schöne Club-Abende... „Nur die Besten sterben jung“, oder „Jetzt wird sie zur Legende“ sind O-Töne, die man aufnimmt, selbst die TAZ berichtet und die Kondolenzliste auf der Drum’n‘Bass-Arena (http://jungle.syspace.co.uk/jungle/home.html) braucht mittlerweile wahrscheinlich eine halbe Stunde zum Laden. Kemistry R.I.P.. Überraschenderweise gibt Storm kurze Zeit danach bekannt, daß sie demnächst wieder als DJ unterwegs sein wird, vielleicht mit MC, vielleicht mit jemand anderem zusammen. Das Leben geht eben weiter und wir wünschen ihr auf ihrem weiteren Weg durch die Welt des Drum’n’Bass alles Gute. ][ lightwood

Eine atemberaubende Liaison . . . . . . . . . . . .
Stuttgart, ein Ort, welcher selten aufgeschlossen ist für Außergewöhnlichkeiten? Auch wenn das stimmen mag, so findet man doch immer wieder unter einem schier unüberschaubarem Haufen Alltagstrott ein Highlight besonderer Art und Güte. So auch am 5. 5. 99 als der Verein Für Junge Kunst & Kultur e.V. in Stuttgart zu einem bizarren Ereignis einlud. Im Che, einer grünen Oase im grauen Schatten des Hauptbahnhofes, gleiteten die Hände von Mr. Quintron rasend verspielt über die Tasten und Schalter seiner aus Amerika mitgebrachten „One Man Band“. Ein selbstgebastelter „Drum Buddy“, konstruiert aus einer Glühbirne in einer Konservendose mit Löchern, verlieh neben dem virtuosen Spiel des völlig in seiner Musik aufgehenden Fingerkünstlers die extravagante Note, welche die Räumlichkeiten mit einer übertriebenen Stimmung erfüllten. Neben Drumcomputer und Effektgerät war es vor allem die aus Amerika unter größten Anstrengungen mitgeschleifte Hammond-Orgel, welche Anklänge an heftigsten Easy Listening hervor brüllte, welcher sich mit der verzerrten Stimmung aus Rock´n`Roll und Blues vereinte. In Situationen, in welchen Hände und Füße dem Experimentiergeist des „Rocka Mans“ (deutsch aus einer amerikanischen Schule?) nicht mehr ausreichten, bediente er sich charmant des hilfsbereiten Publikums. Nach kürzester Zeit waren alle bester Laune und überredeten das Paar in losgelöster Begeisterung zu mehreren Verlängerungen ihres Auftritts. Nach zweieinhalb völlig verschwitzten Stunden übertriebensten Körpereinsatzes und wegen der nahegerückten Sperrstunde verließen sie unter einem frenetischen Applaus, der die Hoffnung auf Unendlichkeit in sich barg, den engen Publikumskontakt.
Bevor der musikalische Teil die Tanzlust im Raum verströmte, ließ Miss Pussycat ihre selbstgebastelten Puppen in der klar leuchtenden Lichterlandschaft des sich ebenfalls im Gepäck befindlichen Puppentheaters; ein liebevoll skurriles Abenteuer erleben. Untermalt wurde das Ganze mit einer selbstgemachten Mischung aus Musik, Dialog und Geräuschen vom Band, da beide zusammen alle Hände voll zu tun hatten, ihr Bienen-Trio auf der Suche nach Pollen, an kopflos werdenden Ungeheuern und Autos vorbei, zu einem musikalischen Happy-End zu geleiten. ][ g

Musikgeschichte aus einer anderen Epoche . .
Vorbei an den Industrielandschaften Mannheims ging für süddeutsche Musikinteressierte der Weg nach Frankfurt, da hier am 28.3. ein seltenes Spektakel seinen Lauf nahm. Im Ambiente stark futuristischer Architektur der Jahrhunderthalle spielten CAN, wie es aus den spärlichen Informationen der Presse zu entnehmen war. Doch getreu dem Motto der einzelnen Bandmitglieder, nicht zu Reproduzieren, standen alle vier jeweils mit ihrem aktuellen Soloprojekt auf der Bühne und nicht, wie von vielen erwartet, wiedervereint. Den Anfang machte ein mit grauem Haupt gekrönter Holger Czukay. Hinter einem Berg von elektronischem Equipment vertonte er im avantgardistischen Stile einer einst 1968 hervorgerufenen Idee eine auf Film gebannte Retrospektive der Vergangenheit von CAN. Noch nicht lange ist es her, da erschien ein musikalisch ähnliches Werk von ihm zusammen mit Dr. Walker (Sideburn Rec.). Doch technoide Anklänge waren an diesem Abend nur sehr vereinzelt wahrzunehmen. Weiterhin folgten nacheinander Michael Karoli und Irmin Schmidt, um dem ebenfalls zum Großteil in die Jahre gekommenen Publikum mit Bluesexperimenten auf Geige und Gitarre die Erinnerungen an damals zu erleichtern. Mehr und mehr der im Publikum Anwesenden aller Altersgruppen fühlten sich irritiert, und sogar die Zusammenarbeit mit dem Londoner Drum’n’Bass-DJ Kumo schaffte es nicht, die bei so vielen vorhandene strikte Trennung zweier Musikstile, etwas aufzuweichen. Aber auch die Räumlichkeiten, sowie die damit verbundenen Reglementierungen gaben zuviel Anlaß, sich auf negative Kleinigkeiten zu konzentrieren. Dem gehörigen Potential an Restrenitenz, welches die sich an konisch gedrehten Zigaretten festklammernden zeitgeschichtlichen Dokumente der Gründungszeit CANs, den erteilten Verhaltensmaßregeln entgegenbrachten und vor allem Jaki Liebezeit, war es zu verdanken, daß der zurückgebliebene Rest sich nun endlich auch öffnete. Im stetig wechselnden, technoiden Spiel des Schlagzeuges wurden von dem „Club Of Chaos“ aus einem tönenden Marterpfahl bizarrste Geräusche hervorgezaubert, auf die die Tanzbeine des Publikums anfingen zu reagieren. Um der stetig wachsenden, generationsübergreifenden Tanzlust Platz zu schaffen, verschoben sich kurzerhand einige der Stuhlreihen dezent, um vereinzelten Tanzflächen den nötigen Raum zu bescheren. Aufgeschlossenheit, rhythmische Treffsicherheit, und ein erhöter THC-Spiegel beim Restpublikum ließen den Abend dann doch noch die erwartete Einzigartigkeit erfahren. ][ g

The Return Of The Alleinunterhalter . . . . .
. . . . Schalter ein, und schon zerschnitten die Lichtstrahlen der mitgebrachten Diskokugel eine, durch erteiltes Rauchverbot, fast schwadenfreie Luft, als Mambo Kurt am 21. 5. im Sudhaus in die Tasten seiner Hammondorgel griff. Die, im Gegensatz zum Publikum, tanzenden Tasten unter den flinken Händen des Alleinunterhalters vertonten dann das eineinhalb Stunden dauernde Orgelspektakel mit allerlei Coverversionen verschiedenster Herkunft. Ein kleines Repertoire an mitgebrachten Utensilien wie Totenkopfflagge, Cowboypistole vom Fasching und seine überdimensionierte Brille dienten als visuelle Unterstreichung der einzelnen Uminterpretationen. So wurde beispielsweise aus Ice T´s „Body Count´s In The House“ die Hymne „Spiel Heimorgel Spiel“, aber auch andere mehr oder weniger zeitgenössische Interpreten wie Nirvana, Underworld, AC/DC und ähnliches wurden in betont unbetontem Sprechgesang zum Besten gegeben. Gerade so kleine Unabsichtlichkeiten wie ein über die Lippen gerutschter Rülpser oder Gesangspassagen am Stimmbandlimit sorgten für eine entspannte Liveatmosphäre, die selbst dem Sitzfleisch behafteten Publikum ein Lachen entlocken konnte. Nach mehreren Zugaben, welche das Repertoire der 20 mitgelieferten Rhythmen der Orgel sprengten, verebbte der brilliant ausgesteuerte Sound im Applaus der Anwesenden und eine letzte Taste wurde betätigt: Schalter aus. ][ g

Wenn der Vorhang fällt . . . . . . . . . . . . . . . .
Ohne Zweifel ist 1999 das Jahr des deutschen Hip Hop, wobei vor allem die Stuttgarter mit geballter Kraft in die Kerbe schlagen. Fanta 4, Freundeskreis, Afrob und Massive Töne sind mit Alben am Start und in nahezu jedem Printmedium präsent (jetzt auch hier...). Bekommt der geneigte Hörer auf den Tonträgern allerdings ein bißchen wenig für sein Geld geboten, nämlich lediglich 40 bis 50 Minuten an Tracks, stellt eine gute Live-Show den perfekten Ausgleich dar. Das Abschlußkonzert der Freundeskreis-Tour in Stuttgart war bis in die letzte Ecke gefüllt. Gefüllt mit Teenagern, die die interessierten älteren Semester an den Rand des Zapatas drängten. Wenn das so weiter geht, daß die neuen Generationen wieder Hip Hop und Reggae bevorzugen und die älteren zunehmend den Jazz, Soul und Funk neu entdecken, muß man sich die Frage stellen, wer all die ganzen Techno-, House- und Drum’n’Bass-Events in naher Zukunft noch besucht. Überbrückungszeit durch Lazer Musik, Techno Soul oder Big Beats? Doch zurück zum Konzert: Vier Stunden, die nicht langweilig wurden, was wohl an einem breit gefächerten Line-Up lag. Die eindringlichsten Stimmen des Abends waren für meine Begriffe Brooke Russel, die mit ihrem soulful Vibe im Vorprogramm bei Walkin Large auftrat und Mr. Gentleman, der die FK Squad tatkräftig unterstützte. Ansonsten Kolchose pur, eine losprustende Joy Denalane beim Duett mit Max und die Spannungskurve und das Bühnenbild stimmte auch. Nicht so toll hingegen die neue Version von „A.N.N.A.“ und „Tabula Rasa“ und dann vermißte man auch noch ein wenig den Freestyle (dafür Live-Band am Start!). Positiv auch die Einlage der 1 zu 1-Kopie von „You got me“ (The Roots/Erykah Badu).
Ähnliches Publikum gab es vier Tage zuvor beim ersten Hip Hop-Konzert in der neuen B27 – Die Halle in Tübingen. Die Absoluten Beginner präsentierten eine von vorne bis hinten rundgeschliffene Show, die leider keine Ausflüge zuließ. Ein Schmunzeln sprang bei der Simple Minds-Einlage über die Lippen und die hammerharte Stimme des Chiefs machte alles wett. Etwas ungünstig fand ich die Reihenfolge der Tracks, da erst in der letzten halben Stunde der Funke zum Kopfnicken übersprang. Absolut erwähnenswert David P. der Vorgruppe Main Concept aus München, der vor und nach den Beginnern mit stundenlangem Freestyle glänzte – nichts für die Beine, sondern für den Kopf. ][ lightwood

Köln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
April und Mai standen ganz im Zeichen des Trends, und der ist nun mal angenehmerweise derzeit in zwei Worte zu fassen: Hip Hop. DJ DSL, Doppelkopf, Massive Töne, Freundeskreis, Lootpack, Peanut Butter Wolf, Kinderzimmer Productions, Das EFX, Eins Zwo, Arsonists, Nina MC, Too Strong und und und. Wer bei diesem illustren Aufgebot nicht auf seine Kosten kam, ist nun wirklich selber schuld. Die Events waren geprägt von außergewöhnlich guten Djs wie Rome von Lootpack, Lenny MC-Unterstützer Cut-L, Partyman Tomek, Kinderzimmer-Quasimodo, 1,2-Rabauke oder local hero Lifeforce. Die Show schlechthin lieferten die Kinderzimmerjungs, die das Studio mittels ihres gewinnenden Wesens und, im Falle Textors, erstaunlich großen Augen zum Kochen brachten. Ein wenig bizarr war die Melange aus Aktivisten und Stamm-HipHop-Gästen auf der einen Seite und typischen Soulpublikum auf der anderen bei Adrenaline im etwas sehr glitzernden Tiefenrausch. Endlich mal gute Stimmung herrschte am selben Wochenende bei den Beatz aus der Bude, als ungefähr 3000 MCs ihr Können unter Beweis stellten, wobei die Unterschiede zwischen den Freestylern doch erheblich waren (positiv hervorzuheben beispielsweise MC-Battle-Sieger Schimmel). Nicht gerade für den Sachverstand der Abwesenden sprach der nur halb gefüllte Stadtgarten bei Lootpack und Peanut Butter Wolf. Einerlei, das doppelte H machte in diesen Tagen sehr viel Spaß.
Köln rockt aber nicht nur was den Sprechgesang angeht, sondern auch wie eh und je auf dem elektronischen Sektor. So meinte die Kirche durch Bereitstellung des Antoniergotteshauses die ungläubige Jugend mittels Drum´n´Bass wieder auf den Pfad der Tugend zurückzuführen zu können. Daß dieses aussichtslos ist, versteht sich von selbst, aber lustig war es dank ausgezeichneter Sounds von X-plorer und Co. doch. Das Angenehmste war auf alle Fälle das Rauchverbot (mit der Zeit eher nervend das begleitende Orgel- und Saxophongedudel und die bescheidenen Scratchversuche). Bleibt noch die Riot-City-Fashion-Night im Arttheater zu erwähnen, wo die Acts des gleichnamigen Labels von Claus Bachor unterstützt wurden, der wie immer die Tanzeswut hinter der Anwesendenfassade hervorzauberte. Rund um den Dom bleibt es also bei ausgezeichneten Partymöglichkeiten, die zeittechnisch leider kaum zu bewältigen sind. ][ motik

Soul Sensation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Die Tanzabende zeigen es an: Der Trend der Nachtschwärmer geht definitiv zurück in die 60er und 70er. Das Publikum mag wieder Soul und Funk hören und wöchentlich schießen neue Allnighter aus der Landschaft. So auch in Stuttgart, wo sich einerseits Stefan Strauß in der Stereo Lounge eingerichtet hat, um einmal im Monat seine Soul Solution zu feiern. Und siehe da, innerhalb kürzester Zeit strömten die Massen in die Bar am Berliner Platz und müssen, seitdem gestapelt werden. Auch die Radiobar hat ihr Programm um einen Retroabend erweitert und läßt Thorsten Weh und Tom Bäuerle, der übrigens bereits Anfang der Neunziger Stuttgart zusammen mit Freddy (ja, der vom Plattenladen) in Sachen Acid Jazz unsicher machte, auflegen. Soul Glow nennt sich das ganze dort und schaut auch ein wenig über den Tellerrand hinaus. Tübinger Nachtschwärmer dürfen sich schon viel länger des alten Sounds freuen, denn bei den montaglichen Bag of Goodies Abenden, gibt es neben moderner elektronischer Musik auch Funk und Soul zu hören, und das schon seit vier Jahren. Tja, wer hat denn da mal wieder geschlafen?!? Ein Abend der ganz besonderen Art jedoch war die erste legendäre Funk- und Soul-Nacht Tübingens im Jazzkeller. Im Rahmen der wöchentlich stattfindenen (eben erwähnten) Bag of Goodies Reihe erlebte das alte Kellergemäuer nicht nur den wohl heißesten Abend der letzten 4 Jahre, auch die von Florian Keller und Keb Darge gespielte Mischung aus Deep Funk, Soul und ein wenig (Latin)Jazz darf fürwahr einzigartig genannt werden. Kein Wunder, sind die mitgebrachten Siebenzöller nicht nur rar wie ein Einhorn, sondern auch musikalisch gesehen nicht zu schlagen. Die dazu gezeigten Soul Train Videos animierten die Besucher nicht nur zum Tanzen, sondern luden regelrecht zum Nachahmen jenes vergangenen Tanzenthusiasmus ein. Um so verwunderlicher ist es, daß die lokale Presse, trotz Anwesendheit und sichtlich angetan, nicht ein Wort über dieses Ereignis verlauten ließ. Schade, denn dieser Abend wäre (und war) eine Lehrstunde für alle DJs, Musiker und Musikbegeisterte gewesen. ][ mb

 


Zurück