OUK das Neun10te ± spitzfindig & drei-st ± Juni/Juli 99 ouk interview:
Patrick Forge

Patrick Forge

Es gibt nicht viele Menschen, die durch das bloße Ausrufen eines Namens die Welt revolutionierten. In der Musik waren jene Menschen schon gar nicht zu finden. Nun revolutionierte Patrick Forge nicht unbedingt die Welt, als er zusammen mit seinem Freund und DJ-Partner Gilles Peterson Ende der Achtziger die Acid Jazz Welle ausrief, für einen Namen im Geschichtsbuch hat es allemal gelangt. Dabei gilt seine eigentliche Liebe der brasilianischen und lateinamerikanischen Musik, denn die entdeckte er bereits als kleiner Knirps beim täglichen Fernsehgucken. Und selbst als all seine Klassenkameraden zu Rockmusik die Köpfe schüttelten, machte er sich auf die Reise durch die Plattenläden seiner Geburtsstadt Ypswitch, stets auf der Suche nach Latin und Brasil. Fündig wurde er erst in London, seinem Studienort, wo er schließlich auch den Jazz entdeckte. Von Auflegen war damals noch lange nicht die Rede und auch heute sieht er sich nicht nur als bloßen DJ, aber hören wir selbst ....

Patrick Forge

Zwiespalt, Diskussion und Ärger sähte das Interview mit Keb Darge in der letzten Ausgabe. Hier noch ein kleiner Nachtrag:

Keb Darge wollte also Gilles Peterson an den Karren pissen. Na gut. Alleine die Art wie, ist weit genug weg von dem, was ich ernst nehmen kann. Ich hätte nicht gedacht, daß ihr das auch wirklich komplett abdruckt. Gut, entsteht kein beschönigender (= falscher) Eindruck. Es ist in diesem Interview aber ein anderer falscher Eindruck entstanden: Daß ich das in Ordnung fände, was der Keb da so erzählt. Ihr habt einfach zu viel von mir rausgekürzt. Gilles Peterson ist seit jeher einer meiner Lieblings-DJ's und ein lapidares “Das kannst du so aber nicht sagen” entspricht nicht dem, was ich zu Keb's Exklusiv-Bericht hinzuzufügen hatte. ][ florian keller

p.s.: Ich hatte noch nie vor, mit dem Keb eine ausgedehnte Urlaubseise zu unternehmen, aber Ich mag, wie er auflegt.

Und auch Keb Darge meldete sich nocheinmal zu Wort, um zuzugeben, daß er da einen großen Fehler gemacht hat: “Es war selbstverständlich der Electric Ballroom, nicht das Dingwalls, aber alles andere stimmt ...”

Urlaub mit Keb?!? Könnte in der Tat sehr interessant werden ... ][ die red.

Patrick Forge: Ich sehe mich nicht als DJ, sondern vielmehr als ein Musikliebhaber.

ouk: Aber Du würdest dich schon als DJ bezeichnen?

Patrick Forge: Oh ja, aber manchmal bin ich eben mehr als ein DJ.

ouk: Wann hast Du angefangen zu produzieren und warum?

Patrick Forge: Nun, das ganze verhält sich wie zwei Kreise. Ich habe lange bevor ich das Auflegen anfing, bereits in Bands gespielt. Meine große Liebe ist es, Musik zu machen. Als ich mit dem College fertig war, machte ich die übelste Zeit meines Lebens durch. Damals hatte ich für sechs Monate einen gewöhnlichen Beruf. Als ich eines Tages aufwachte und in den Spiegel schaute, sah ich darin eine völlig andere Person. Da wußte ich, daß es an der Zeit war, den Job zu kündigen und wieder Musik zu machen. Also arbeitete ich in einem Plattenladen, wo ich Jonathan Moore von Coldcut kennenlernte, und durch ihn bin ich dann zum Auflegen gekommen. Er war bei Kiss Fm (damals noch ein Piratensender) tätig und besorgte mir dort einen Job als DJ. Das war eine aufregende Zeit für mich damals.

ouk: Damals hatten die Sender ja auch noch einen großen Einfluß auf das Musikgeschehen. Wie ist das heutzutage?

Patrick Forge: Nun, die Piratensender waren schon immer sehr wichtig für Londons Musikszene. Sie haben schon immer den Underground-Sound präsentiert, wie im Moment eben Speed Garage. Bei den großen Sendern geht es mehr ums Marketing, aber darum ging es ja schon immer. Es geht denen nie um Kultur. Deshalb kommt Underground-Musik auch so selten auf die großen Stationen. Aber eigentlich gibt es sowas wie echten Underground bzw. Independent ja auch gar nicht. Alles ist Mainstream in irgendeiner Weise. Manches wird eben mehr, anderes weniger vermarktet, aber letztendlich ist es doch alles dasselbe. Die letzte DaLata hat sich ja auch 10.000 mal verkauft und das sogar ohne große Promotion. Meine Theorie ist, daß gute Musik die Kraft hat sich auch ohne Promotion verkaufen zu können. Aber um auf eine höhere Ebene zu kommen, bedarf es eben der Vermarktung, nur so kannst Du alle Leute erreichen. Die meisten Menschen haben eben keine eigene Meinung und wollen geführt werden. Sicherlich würden sie auch gute Musik hören, man muß sie ihnen nur vor die Nase setzten.

ouk: Das ganze passierte bei Acid Jazz doch aber auch, oder?

Patrick Forge: Ja, guter Punkt. Das ganze war ja eigentlich nur ein Witz. Gilles Peterson und ich gaben dem ganzen einen x-beliebigen Namen, weil wir dauernd gefragt wurden, wie man das nennt, was wir an jenen Abenden machten. Plötzlich explodierte alles, die Magazine schrieben wie wild über Acid Jazz und wir waren uns noch nicht einmal völlig bewußt, was da so um uns rum passierte.

ouk: Einen Namen für das was Du machts, gibt es bis heute noch nicht.

Patrick Forge: Nein. An einem guten Abend spiele ich eben alles von Old School Funk über Latin und Soul bis hin zu Drum´n´Bass und Garage. Was mich immer wieder erstaunt, ist, daß gerade in London soviel Neues aufkommt und dann wieder ganz schnell verschwindet. Ich hingegen bin immer noch da und spiele noch immer den selben Sound wie vor zehn Jahren.

ouk: Wie siehst Du denn die Entwicklung von Drum´n´Bass?

Patrick Forge: Nun, ich denke 1999 wird ein großes Jahr für Drum´n´Bass. Am Ende des Jahres werden viele sagen: „Jawohl, 1999 gab es sehr gute Platten“. Das Problem der Szene ist ihre Geschlossenheit nach außen hin. Anstatt zu explodieren, implodierte das ganze, was natürlich der Musik schadet. Es gab ein paar wirklich großartige Platten, die nie veröffentlicht wurden. Es gibt nur ein paar Wenige, die das dann auf Dubplate haben. Das ist schon sehr frustrierend.

ouk: Das schadet nicht nur der Musik, sondern auch dem Verkauf selbiger.

 
ouk: Sprechen wir über Keb Darge

Patrick Forge: Keb liegt völlig falsch. Er hat da kurzerhand die Geschichte neu geschrieben. Ich kenne auch nicht den ganzen Werdegang des Gilles Peterson, aber als Paul Murphy aufhörte den Electric Ballroom zu machen, übernahm Gilles eben den Abend. Aber Paul änderte seinen Stil. Die Tänzer jedoch wollten nach wie vor das schnelle Jazz-Dance-Zeugs hören und Gilles war froh darüber, diese Musik zu spielen. Natürlich war er der Erste, der die Hand hob, aber das ist doch völlig okay. Er mochte Paul sehr, wie ich auch. Paul war einer der ersten, der diese Jazz-Dance-Sachen spielte. Aber Dingwalls war ganz klar Gilles Club. Da hat er verdammt viel Arbeit reingesteckt. Bob Jones war nur die ersten sechs Wochen als Gast-DJ dabei. Dann rief Gilles mich an und fragte, ob ich zweiter Resident werden will. Es war sehr schwierig am Anfang, den wir spielten teilweise vor nicht einmal 100 Leuten. Aber zu jener Zeit war Paul Murphy gar nicht mehr als DJ in London tätig. Es war nicht unsere Schuld. Niemand hat ihn da rausgedrängt. Dingwalls wurde so populär, weil Gilles und ich das Ganze in eine andere Dimension brachten. Ich würde sogar sagen, daß die Jazz-Dance-Szene ohne uns völlig ausgestorben wäre. Ich denke, jeder der mit Musik zu tun hat, sollte sich nicht mit anderen Künstlern messen. Es geht nicht darum, wem die Szene gehört oder irgend so ein Schnick Schnack. Ich freue mich über jeden weiteren Tag, an dem ich Musik machen kann. Bedauerlicher Weise verzanken sich die Leute immer mal wieder und ärgern sich über andere, die erfolgreicher sind, als sie selbst. Aber das Leben ist nun mal ungerecht, die ganze Welt ist ungerecht. Aber Du kommst nicht weiter, wenn Du dich gegen diese Ungerechtigkeit auflehnst. Du mußt ganz einfach deinen eigenen Weg gehen. Was Keb macht, ist wirklich fantastisch und ich schätze ihn musikalisch sehr, besonders wenn es um Funk geht. Aber er sollte sich nicht in das einmischen, was Gilles tut. Gilles macht schließlich was völlig anderes als Keb.

ouk: Nun, Keb ist ja auch nicht gerade der Purist, als den ihn alle hinstellen. Die Tatsache, daß er an seinem Deep Funk Abend auch solch Platten wie Black Masses - Wonderful Person oder Deep Sensation - .... spielt, zeigt ja deutlich, daß Keb sehr wohl weiß, was sich sonst noch in unserer Musikwelt so tut.

Patrick Forge: Mmh, ja, wenn Du das sagst ... Auf jedenfall hat Gilles sehr hart für seinen Erfolg gekämpft. Natürlich hat er auch viel Unterstützung von Freunden bekommen. Es gibt sehr viele ungenannte Namen in der Erfolgsgeschichte des Gilles Peterson, ich bin in gewisser Weise ja auch einer davon. Es gab Zeiten, in denen ich mich fragte, warum nicht ich an Gilles´ Stelle stehe. Aber das waren auch immer die Zeiten, in denen ich absolut nicht vorangekommen bin. Du kannst einfach nicht für alles bezahlt werden, was Du in deinem Leben tust.

ouk: Wie kamst Du eigentlich mit Gilles zusammen?

Patrick Forge: Gilles hörte immer meine Radioshow auf der Heimfahrt von seinem sonntäglichen Gig im Belvedere. Wir kannten uns nicht wirklich, eben nur vom Sehen aus den Plattenläden. Als Gilles mich dann anrief und fragte, ob ich mit ihm das Dingwalls machen will, sagte ich natürlich sofort zu. Davor habe ich nie wirklich vor Publikum aufgelegt. Vielleicht auf zwei, drei Warehouse-Parties, aber das war es auch schon. Ich habe bis dahin nie daran gedacht, in Clubs aufzulegen. Erst durch Gilles und dem Abend im Dingwalls habe ich mich so richtig fürs Auflegen interessiert. Wir starteten dort ein ganz neues Ding. Die meisten Jazz-DJs damals waren richtige Puristen. Wir waren keine Puristen, sondern waren uns bewußt, daß es noch ganz andere Sachen gibt. Das war der große Unterschied. Selbst als wir so richtig im Jazz vertieft waren, als wir nur noch obskure 60iger Jazzklassiker sammelten, selbst dann haben wir immer noch ein Auge auf all das andere geworfen. Natürlich gab es auch viele Leute, die uns regelrecht ausgepfiffen haben, wenn wir House oder HipHop aufgelegt haben, aber das hat uns nie gestört. Und genau darum ging es eigentlich bei Acid Jazz. Während der Dingwalls Zeit hatten wir vollkommene musikalische Freiheit. Wir konnten Sachen spielen, die in anderen Clubs nicht funktioniert hätten. Wenn Du es so willst, dann legten wir Jazz wie Techno auf. Das Zusammenbringen verschiedener Einflüsse, das war unser Ziel. Viele Leute und all die Magazine verbanden mit Acid jazz jedoch stets ‘funky wahwah’ und James Taylor Quartett. Irgendwann verloren wir dann die Kontrolle darüber und dann kamen die Compilations namens „100% Acid Jazz“ und wie sie alle hießen.

ouk: Warum hat Gilles nie eine Compilation auf BBE gemacht?

Patrick Forge: Ganz einfach weil sie ihn nicht bezahlen konnten. Aber Gilles bringt wahrscheinlich einige Mix-CDs dieses Jahr raus. Was eigentlich lustig ist, da Gilles so gut wie gar nicht mixen kann. Aber er hat ja die Studiotechniker ...

ouk: Du erwähntest gestern drei goldene Regeln des Auflegens?!

Patrick Forge: Ja, richtig. Die haben Harvey und ich in einer sehr turbulenten Nacht zusammengestellt. Also: ... Rule number one: Girls and Gays first, rule number two: Never leave your records in your car and finally, rule number three: alcohol and djing don’t mix.

ouk: Wie zeichnet sich für dich ein guter DJ aus?

Patrick Forge: Nun, ein guter DJ muß mich vorallem zum Tanzen bringen. Technik und Stilart sind dabei unwichtig. Ich habe schon viele DJs gehört, die prima mixen konnten aber überhaupt kein Gefühl für das besaßen, was sie da aufgelegt haben. Ein wirklich guter DJ hat vielleicht sogar eine eigene Persönlichkeit in der Art und Weise, wie er auflegt. Also selbst dann, wenn er genau die selben Platten auflegt wie sein Vorgänger, wird trotzdem ganz deutlich, daß er es ist. Paul Anderson, z.B., ist einer meiner Lieblings-DJs. Viele US-DJs legen genau das selbe Zeug auf wie er, aber Paul hört sich einfach ganz anders an, ganz einfach weil seine Geschichte im Umgang mit dieser Musik eine ganz andere ist.

ouk: Und was ist für dich gute Musik?

Patrick Forge: Ich glaube nicht, daß es so etwas wie gut oder schlecht gibt. Ich meine, was dem einen gefällt, muß noch lange nicht dem anderen gefallen. Es gibt Dinge, die ich mag, bestimmte Rhythmen und bestimmte Harmonien, auf die ich anspreche. Aber darüberhinaus geht es einfach darum soulig zu sein.

ouk: Es gibt also keine allgemeine Objektivität?

Patrick Forge: Nun, die Grundlage der Musik ... mmmh ... also wenn Du Harmonielehre studierst, stellst Du fest, daß verschiedene Harmonien verschiedene Stimmungen erzeugen. Aber ansonsten liegt es am Komponist, was aus dem Song wird. Je nachdem welche Noten er benutzt etc ... Es gibt Leute, die lieben Bob Dylan. Ich bin der Meinung, daß er absolut nicht singen kann. Aber man sollte für die Musik keine Regeln aufstellen, daß nimmt einem nur den ganzen Spaß daran.

ouk: Wie sieht es mit DaLata aus.

Patrick Forge: DaLata wird 1999 definitiv Vorrang vor allem anderen haben. Chris und ich arbeiten unter diesem Namen ja schon seit sechs oder sieben Jahren, aber wir konnten uns nie längere Zeit damit beschäftigen. Erst hatte Chris mit Smoke City alle Hände voll zu tun, dann war ich mit Djing beschäftigt, usw. . Dieses Jahr werden wir uns aber richtig Zeit nehmen, um endlich das Album fertigzustellen.

ouk: Die Frage, die wir dir nicht gestellt haben, und die Antwort darauf?

Patrick Forge: I love Keb Darge. ][ mb + edl

 
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