| das Neun10te ± spitzfindig & drei-st ± Juni/Juli 99 | 10 Jahre Reinforced ouk interview: Seiji |
|
|
[Wie es bei Reinforced aussieht. Wenn man in Dollis Hill aussteigt und durch die Zugunterführung geht, steht man auch schon gleich vor einer großen Holzwand mit verschiedenen Studio-Schildern versehen. Durch eine kleine Tür kommt man schließlich in eine kleine Halle, die zugestellt ist mit Gerümpel, Einkaufswagen, alten Instrumenten, einer ergrauten Couch mit Fernseher davor (sehr Heidelberg, das mit der Couch...) und die Wände sind zum Teil mit Ceed-Malereien versehen. Ceed ist einer der Coverkünstler bei Reinforced, die fest zum Team dazugezählt werden. Weiter geht es in ein kleines Bürozimmer, in dem fleißig an drei Computern fast ununterbrochen bis abends gearbeitet wird. Die 4 Heroes selbst sitzen dort auch sehr oft, wenn sie nicht gerade im Ausland DJ-Dates verfolgen oder Musik machen. Am Telefon, dessen Nummer für jederman zugänglich auf den Plattencovern zu finden ist, sind sie auch problemlos erreichbar. Dann gibt es noch das Studio, vollgestopft mit tausenden von Tasteninstrumenten aus allen Jahrzehnten und diverse analoge Instrumente. Hier sitzt auch fast immer jemand, der gerade aufnimmt, oder experimentiert. Nicht zu vergessen sind die vielen Besucher und ein quasi von Raum zu Raum joggender Dego. Zum Interview mit Ian, ursprünglich 4 Hero-Musiker, der sich jetzt mehr um das Drumherum kümmert, gehen wir in die Live-Kabine um in Ruhe zu reden. Durch das Fenster zum Studio kann man Dego beim Kabel verlegen und Herumalbern sehen.] |
Wir alle hatten ein generelles Interesse, speziell an HipHop und Electro. Drei von uns haben sich an der Uni kennengelernt, Electronics studierend, und wir starteten eine Radiostation. Wir versuchten Transmitter zu bauen. Gus war zu diesem Zeit in einer HipHop-Gruppe, wir sammelten OldSchoolBreaks und probierten uns an Drum-Computern aus. Von da aus entwickelten wir uns und brachten unsere erste Platte als White Label heraus, All be free/ Rising sun. Gus borgte sich ein Auto und wir versuchten sie an die Läden zu verkaufen. Und obwohl sie kein Geld brachte, war es eine gute Erfahrung und eine gute Sache. Da wir jung waren konnten wir eine Menge Energie hineinstecken. Zu der Zeit gab es nicht so viele Regeln, es war mehr diese Freestyle-Sache. Nichts klang wie etwas anderes, jeder hatte seine eigene Idee und vewirklichte sie. Heutzutage ist es leichter in die Musik hineinzukommen. Viele versuchen einem Trend zu folgen der schon draußen ist. Es gibt zu viele Schubladen, zu wenig Individualismus. Für uns klingt vieles nach 10 Jahren nicht mehr frisch, es fehlen die neuen Impulse. Und es gibt nicht viele Leute, die die Technologie benutzen können und viel Gefühl herausholen können. Es ist wahrscheinlich schwer zu verstehen, für Leute, die die Übergangszeit von der handgemachten Musik zur elektronisch produzierten Musik nicht mitbekommen haben . Natürlich braucht es Zeit, bis man sich mit dem Equipment zurechtfindet, sich selbst und die Musik fühlt. Viele der Platten, die wir im Laufe der Zeit gesammelt haben, können wir jetzt und in 20 Jahren spielen). Viele Leute versuchen einem Trend zu folgen. Es gibt den big tune und jeder versucht einen großen Dancefloor-Smasher zu landen. Wir haben lange Zeit keinen Rückhalt gehabt von den DJ´s, die sagen, daß unsere Musik nicht dancefloorfreundlich ist. Aber für uns ist nicht von Interesse, was auf dem Dancefloor gerade modern ist, sondern wir versuchen unsere Musik weiterzuentwickeln,. Wir versuchen nicht Musik zu machen, die ein paar Wochen läuft und dann vergessen wird, weil der nächste große Trend da ist und dann sofort in den Second Hand-Laden wandert. Uns geht es darum, daß die Musik für eine lange Zeit da ist, daß wir Leute haben, die Interesse an unserem Label zeigen und daß wir es gleichermaßen Underground halten, was sehr schwer ist. Ich denke, daß wir einen guten Job gemacht haben, uns mit dieser Einstellung 10 Jahre lang zu halten. Es gibt insgesamt nicht viele Labels, die das geschafft haben. Wir haben Labels kommen und gehen sehen, Wir haben Plattenläden kommen und gehen sehen und auch Vertriebe haben wir überlebt. Also können wir nur hoffen, daß wir weitere 10 Jahre weiter machen können.
Nachdem wir die 5-Track EP Mr Kirk´s Nightmare gemacht hatten, haben wir einen Vertrag mit einem Vertrieb gemacht und dann gab es da diese riesige Rechnung, die wir plötzlich zahlen sollten. Wir mußten dann eine große Summe Geld abbezahlen, was uns wieder zurückgeworfen hat. Diese Phase war damals sehr hart, aber auch sehr lehrreich, da wir am Ball geblieben sind. |
|
Ja, das ist Dego. Er lässt oft diese Kommentare einritzen, aber genau, das ging damals an unseren Vertrieb.
Ich glaube viele Labels haben einen verschiedenen Sound um ihre Identität aufzuzeigen.
Das ist eine schwierige Frage... Ich vermute, daß das am Equipment liegt und daran, wie die Sachen runtergemixt werden, in welchem Studio und wo. Ich glaube, daß viele Leute, die etwas für uns produzieren, unseren Sound auch kennen und verstehen und in diese Richtung produzieren. Wenn man sich unser Studio anschaut, sieht man, daß wir viele alte Instrumente angesammelt haben, beeinflusst von Sachen wie Herbie Hancock.Wir waren über die Jahre auf einer anderen Mission als viele anderen, die immer nach der neuesten Technik gesucht haben. Wir suchen nach dem Sound, wie ihn unsere Vorbilder auch hatten, mit dem Bewußtsein, daß wir durch unsere eigene Entwicklung, auch wiederum auf neue Ergebnisse kommen. Wir wollen Musik machen, mit diesem echten Gefühl. Es kommen viele Musiker vorbei und wir experimentieren gerne mit diesen Instrumenten. Eigene Drumloops und Bassloops machen usw.
Zur Zeit liegt die Konzentration auf den Künstleralben. Als allererstes kommt ein Sampler namens Our Sound heraus mit jeweils zwei Tracks von den kommenden Alben von Sonar Circle, G-Force & Seiji und Alpha Omega, die nicht nur DrumnBass enthalten werden, sondern auch neue Wege einschlagen. Wir glauben sehr fest an unsere Künstler und wollen diese nicht nur in eine Richtung schieben und dann kommt hoffentlich pünktlich zum November der nächste Enforcers-Sampler heraus und dazu gibt es dann eine Europa-Tour,die unsere Jubiläumsfeier werden wird. |
![]() |
![]() |
[Am nächsten Tag war dann Seiji-Tag, und das Treffen fand wieder in Dollis Hill statt. Auf dem Fernseher lief während des Interviews ein chinesischer Kung-Fu-Film und ein Live-Mitschnitt von Erykah Badu. Seiji ist äußerst nett, hat eine Hammer-Platte mit G-Force am Start, ist erst 22 und gab überraschende Antworten.] |
ouk: Wie kamst Du zu Reinforced? Über G-Force. Er hatte für den Enforcers-Sampler bereits etwas produziert und mich den Reinforce-Leuten vorgestellt. G-Force und ich kannten uns, weil wir beide aus der gleichen Gegend kommen. Wir haben dann zusammen die Northern Exposure / 3rd Rail-12 gemacht. Ungefähr zu dieser Zeit hatte ich dann meinen ersten Sampler und hatte da erst mit DrumnBass angefangen. ouk: Was hat es mit dem Titel 3rd Rail auf sich? Oh, das war eine Geschichte von einem Freund von G-Force. Ich hoffe, ich bekomme sie noch richtig zusammen, In England kommt der Strom von den Gleisen und dieser Freund fiel irgendwie auf das dritte Gleis und komischerweise ist ihm nichts passiert. ouk: Ich dachte, es hätte da so einen Detroittrack mit dem gleichen Namen gegeben. Hast Du daher die Einflüsse? Hast Du viel Detroit gehört? Für mein Gefühl gibt es da eine gewisse Nähe. Ja, das bekomme ich öfters zu hören, aber leider ist dem nicht so. Ich habe meine Wurzeln eher im House, Garage, RnB und Klassik. Ich produziere auch House und Garage und mit einem Freund zusammen starte ich demnächst ein Label namens bagsainnitn... ouk: Wie??? Bugz in the Attic ouk: Kein Detroit? Nun ich höre es, wenn ich Dego auflegen höre, und es gibt ja auch House-Sachen mit einer ähnlichen Atmosphäre z.B .Ron Trent. Ich mag auch die Sachen, die der Übergang von House zu Techno waren und natürlich habe auch ich inzwischen meine Underground Resistance-Scheiben und weiß, daß es da tolle Sachen gibt. Komme aber nun wirklich nicht aus dieser Ecke. ouk: Hast Du früher ein Instrument gespielt? Zehn Jahre lang habe ich Cello gespielt und habe auch mal auf einer House-Platte gespielt. Jetzt allerdings bin ich aus der Übung und sollte mal wieder spielen lernen. ouk: Dein Name ist japanisch. Sind deine Eltern Japaner? ouk: Wie stehst du zur japanischen Kultur? Ich mag Japan sehr. Die Kultur ist auf jeden Fall sehr anders. Manche Leute sagen übrigens auch, daß meine Musik etwas orientalisches hat. ouk: Hätte ich auch gedacht, YMO vielleicht? Auch hier muß ich leider verneinen. Habe bislang noch keine direkte japanische Einflüsse. ouk: Machst Du neben der Musik eigentlich noch etwas anderes? Zur Zeit nicht. Ich habe die letzten Jahre oben in Schottland Humanities, eine Mischung aus Phiosophie und Soziologie, studiert. Deshalb auch der Titel der ersten Maxi Northern Exposure. Dann habe ich nebenher die anderen Tracks gemacht. Mit der letzten Platte (Density / Taste) bin ich auch nicht so richtig zufrieden. Das war mehr so eine Übergangsphase. |
![]() |