| das Neun10te ± spitzfindig & drei-st ± Juni/Juli 99 | der zugang zu den diskursen |
| Mitten in ein paar Vorüberlegungen zu diesem Artikel platzt die Nachricht vom überraschenden Gewinn des italienischen Meistertitels durch den (meinen) AC Mailand. Das ist gleichbedeutend mit dem Stoß in ein emotionales Wespennest, und so stellt sich dem Schreiber hier die Frage, wie er sich gedanklich auf die analytischen Anforderungen der zu behandelnden Thematik einstellen soll, wenn seine innere Befindlichkeit, deren Qualität kreative und rationale Operationen wesentlich beeinflußt, von anderen Prioritäten majorisiert wird. Ich schlage vor, dieses Problem als ein psycholinguistisches Experiment aufzufassen, dessen Protokoll dieser entstehende Artikel quasi darstellt. Es könnte sein, daß er sich mit keiner direkt erkennbaren leitmotivischen Note schmückt (oder doch?) und inhaltliche Kohärenz nur aus konnotativen Reihungen bezieht, die nicht für jeden Leser zwingend sein müssen (für den einen oder anderen aber doch sein dürften). | ![]() |
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Zunächst jedoch findet sich für den beschriebenen inneren Zwiespalt eine kurzfristige, pragmatische Lösung, indem das Milan-Trikot zum D&B-Oldschool-Abend ausgeführt wird. -Klasse wars, doch anschließend gilt es nun, den Abstraktionsgrad der eigenen Gedanken zu steigern, und schon lassen sich problemlos mancherlei Verbindungen zwischen (Fußball-) Sport und dem Anlaß (nicht dem Thema) dieser Zeilen, nämlich Drei Jahre ouk, erkennen. Das Registrieren der (zudem noch recht kurzen) Existenzdauer dieses Printmediums zum Jubiläum hochzustilisieren, will mir als Berechtigung für eine spezifische (= ouk-) Betrachtung nicht ganz ausreichen, bietet allerdings die naheliegende Gelegenheit, sich (u.a.) ein bißchen mit Erscheinungsformen und Funktionen des Schreibens über Musik zu beschäftigen. Zunächst aber ist es Pfingstmontag geworden, und am Bahnhofskiosk gibt es um 11 Uhr schon keine italienischen Zeitungen mehr zu kaufen (Tü, sic!). Scheiße, denke ich, vielleicht hätte mir der Verzicht auf die after hour zu einem früheren Aufstehtermin verholfen, doch als ich erfahre, daß die rosa Bibel namens Gazzetta dello Sport gar nicht angeliefert worden war, relativiert sich meine Enttäuschung wieder. |
| Immerhin fällt mir dabei eine Gemeinsamkeit zwischen der Gazzetta und ouk auf: in beiden Postillen kommen (auch) (afro-) italienische Stimmen zu Wort (Witz für Insider). Nun, das mag für den Anfang noch recht bescheiden klingen, da wir ja nicht auf der phänomenologischen Ebene verharren wollen, bietet uns aber ein erstes willkürliches und willkommenes Standbein zum Abtauchen in den semiotischen Editionsmorast (nicht nur) unserer Zeit, der nach wie vor vom offenen oder versperrten Zugang zu den Diskursen geprägt ist. | ![]() |
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An der Gültigkeit dieses Foucaultschen Terms hat sich bis heute wenig geändert, und so können, genauso, wie es vor 15 Jahren möglich war, Verbindungen zwischen Punk/New Wave und poststrukturalistischer/ -moderner Philosophie zu erkennen, heute diesbezügliche Referenzen auch der elektronischen Musik (meint House, Techno, D&B etc.) attestiert werden (wie bereits in diversen Publikationen unterschiedlicher Qualität geschehen). Dies soll uns aber nur als ein Analyse-Fundament im Sinne struktural konstatierter Faktizität dienen, und so benutzen wir den Foucaultschen Ansatz vom Zugang zu den Diskursen ganz in seinem Sinne des sich zeitweise selbst den Intentionen des Schreibenden entziehenden Denkens, das seine Theorien als Werkzeuge benutzt und den Autor umso zufriedener stellt, je mehr neue und unvorhergesehene Verwendungen daraus erwachsen, wenn wir essentielle Tendenzen der modernen Biophilosophie auf poststrukturalistisch abgeleitete soziokulturelle Diskurse und Denkmodelle anwenden. |
| In diesem Falle geht es um den Zugang zum Bereich (Tanz-) Musik und zu ihren verschiedenen diskursiven Funktionalitätten. Die wichtigste darunter (neben individuellen Bedürfnissen nach Entspannung, ästhetischem Wohlklang oder auch aggressiver Kompensation u.ä.) stellt zweifelsohne der ritualisierte Gebrauchswert der gesamten Musikszene als Hort sozialer Kommunikation dar, in dem geeignete Bedingungen geschaffen werden, um einer möglichst großen Anzahl von biologisch im geeigneten Alter stehenden Individuen den Zugang zum elementaren Diskurs der Sexualität, der (noch) allein das biologische Diktat der Reproduktion und das der mit ihr einhergehenden Genoptimierung erfüllen kann, zu ermöglichen. Somit ist diese Musikszene nur eines unter vielen Subsystemen, über die der Zugang zum Diskurs der Sexualität gesucht wird. Da aber der kognitive und reflexive Entwicklungsstand des menschlichen Neuralnetzes in seiner bisherigen evolutionären und zivilisatorischen Entwicklung (der Mensch als höchstentwickeltes Säugetier) eine das Begriffsvermögen sprengende Komplexität erreicht hat, sind auch die Initiationen des ritualisierten biologischen Diktats von einer unüberschaubaren, mühelos auch Widersprüche verkraftenden Multipluralität, und ebenso ihre spezifischen soziokulturellen Ausformungen in den Subsystemen von weitgefächerter Ausdifferenziertheit gekennzeichnet. | ![]() |
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Jedes Subsystem ist dabei offen, steht in Wechselwirkungen zu anderen und ist in einem ständigen Wandel begriffen, der dennoch das Erkennen auch längerfristiger Charakteristika ermöglicht. In diesem Rahmen werden Regeln etabliert und auch andere Aspekte sozialen Verhaltes geformt (z.B. Rangordnungen = soziale Anerkennung u.ä.), die in unterschiedlich intensiv ausgeprägtem Bezug zur Vorgabe des Zugangs zum Diskurs stehen. Der Zugang zum Subsystem Musikszene, der wiederum potentiell den Zugang zum Diskurs der Sexualität bedeutet, kann wiederum auf unterschiedliche Weise erfolgen: als Musiker, Produzent, DJ, Veranstalter, Verleger, Veröffentlicher, Partyorganisatot, Mixer, Techniker, Tänzer, Konsument, ... (diverse Kombinationen eingeschlossen) - oder auch als Schreiber über Musik, und jetzt sind wir doch tatsächlich da, wo ich hinwollte. Zudem schließt sich der Kreis zum AC Mailand wieder, denn, um hier den anfänglichen Befindlichkeitszwiespalt in eine Parallele zu überführen, durch mein Fan-Sein bekomme ich Zugang zum Subsystem Sport. |
| Das Schreiben über Musik (wie im übrigen das hier immer mitgedachte Lesen auch) ist also einer von vielen Zugängen zum funktional strukturierten Subsystem Musikszene. Aus anders motivierter Betrachtungsweise mag das vielleicht sogar banal klingen, mir ist die Verdeutlichung dieses fundamentalprämissiven Tatbestandes allerdings wichtig, denn erst daraus leitet sich alles andere ab, bzw. manches wird in diesem Licht erst richtig einleuchtend. Den verschiedenen Zugangsarten zu den Subsystemen, die von individuellen Talenten und ansozialisierten Fähig- +Möglichkeiten bestimmt werden, ist wiederum der Drang zur Abgrenzung voneinander gemein. Wenn der Produzent einen eigenen Sound kreiert, der Tänzer neue Bewegungsabläufe entwickelt und der DJ eine spezielle Mix-Technik erarbeitet, dann schafft der Schreiber eben eine Art Geheimdienstmetaphorik, zu der - und dies ist nur eine der permanent ablaufenden Installationen sich fein verästelnder Sub-Sub-(...-) Systeme - auch nicht jedes Mitglied des großen Subsystems Zugang hat. Insofern stehen meine Ergüsse hier, funktional gesehen, auf der gleichen Stufe wie die Bemühungen des Kotzbrockens auf der Tanzfläche, Konkurrenten von seiner Angehimmelten abzudrängen. Alles weitere ist nur eine Frage der geschmacklichen Bewertung bzw. der biochemischen Kompatibilität, andererseits aber auch ein mehr oder weniger starker Schutz vor qualitativ unsinniger genetischer Konkurrenz. So wird sich der erwähnte Kotzbrocken einen Dreck um mein Geschreibsel scheren, und ich es mir ersparen, mit ihm bei der Zurschaustellung plumper Macho-Posen zu wetteifern. Doch erst dieser unversöhnlich erscheinende Antagonismus macht die Erschließung neuer soziokultureller Handlungsräume möglich; andererseits finden die wirklich interessanten, tendenzielle qualitative Prozessualität versprechenden Entwicklungen meist an den Schnittstellen statt, die zwischen sich weniger extrem voneinander abgrenzenden Protagonisten verlaufen. Denn dort rückt nicht nur das Trennende, sondern auch das Verbindende in den Fokus, und dort wird im wetteifernden Gebrauch von dem, was man gerne als Argumente bezeichnet, innerhalb einer semantischen Schnittmenge, eines semiotischen Codes ständig neu definiert, was durch die komplex ausdifferenzierte Ritualisierung des biologischen Diktats in den kleinsten Subsystemchen die wahrgenommene Realität des Alltags ausmacht. |
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An dieser Stelle, wo die abgeleiteten Ritualisierungsprozesse gebündelt zu handlungsbestimmenden Wichtigkeiten werden, dominieren Kommunikationsprozesse den Diskurs, ja konstituieren durch den Akt der Artikulation erst seine soziale Relevanz. Und hier greift auch z.B. ouk in das Geschehen ein, als ein (regionales !) Printmedium zum Thema (Club-) Musik, das seinen labilen Platz im Dickicht der Publikationen durch seine spezifische Form von Versifizierung und Divergendierung soziokultureller Ritualisierungsprozesse eingenommen hat, dort aber natürlich im (ungleichen) Spiel der Kräfte ständigen Korrespondierungen und Überlagerungen ausgesetzt ist. Die Gewährleistung der Funktionalität innerhalb der eigenen Intentionalität beim Zugang zu den Diskursen bleibt nur möglich, wenn der eigene Standort laufend neu bestimmt wird, ohne dabei in autistische Selbstreferentialität zu verfallen. |
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Inwiefern ouk diesem Anspruch bisher gerecht geworden ist, überlasse ich (noch) anderen zu beurteilen, hoffe aber, daß es mindestens noch einmal drei Jahre Gelegenheit haben wird, die Leser mit sie davon potentiell überzeugendem Stoff zu versorgen. Dazu gehören dann nicht nur informative Artikel, Features, Interviews, Rezensionen usw., sondern zur Sicherung der eigenen Teilnahme an zukünftigen Paradigmenwechsel auch eine kontinuierliche Beschäftigung mit den Aspekten subkultureller Historizität, denen es als nicht primär am Mainstream orientiertes Magazin seine Existenz wesentlich mitverdankt. |
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