OUK das Zwanzigste ± gelenkig & ergreifend ± Aug/Sep 99 gespaltene töne

Mehr und mehr scheint die Musik auf Partys nicht mehr eintönig ausgeprägt zu sein, sondern auch in den heiligen Hallen hiesiger Tanzlokale wird Abwechslung langsam groß geschrieben. So auch, als 4Hero in Tübingens Depot ihr umfangreiches Set zum besten gaben. Grund genug, auch hier nicht nur seine Fühler einseitig auszustrecken.

Leicht mitzuhalten ist es da natürlich für Sampler oder Remixalben, da diese aufgrund ihres Künstlerkontingentes den Vorteil des Abwechslungsreichtums genießen. Gerade dieser Kategorie entspringend, beschäftigen sich die einzelnen Künstler auf Mojo Club „The Remix Album“ (Universal) mit nie alt werdenden Musik-dokumenten des Dancefloor-Jazz. Quasi wie eine ‘Best of’ der letzten zehn Jahre in einer Neuinterpretation durch Rockers Hi-Fi, Phoneheads, Shantel, Freddy Fresh u.v.a. Fast immer im Up Tempo-Bereich liegend ist dieser Jubiläumsrelease ein elektronisch jazzig-groovendes Tanzvergnügen, bei dem vor allem Erobique mit seiner Jonny Teupens „Hold Me, I´ve Got To Leave You“-Version die 80er Jahre in ihrem vollen Glanz aufblühen läßt. Aber auch die hohe Innovation des jeweiligen Originaltracks geht durch die Bearbeitung nicht verloren was deutlich an James Lasts „Happy Brasilia“ zu hören ist.

Ebenfalls von verschiedensten Interpreten umarrangiert und überarbeitet erschien Pantzhalassa „The Remixes“ (Columbia). Wie schon auf dem Original, von Bill Laswell arrangiert, steht als Grundlage Jazziges von Miles Davis. Modernste Rhythmen paaren sich mit dem Trompetenspiel vergangener Tage, geeignet auch denjenigen ein neues musikalisches Umfeld zu eröffnen, die sich immer noch mit Händen und Füßen wehren, diese Ursprünge wahrzunehmen. Gerade hierbei bietet diese neue Veröffentlichung ein interessantes Spektrum, da die einzelnen Stücke von fast unmerklicher Uminterpretation bis hin zu völliger Abstraktion alles bieten. Gerade Doc Scott liefert eine Drum’n’Bass-Version, die nur noch ganz am Rande an seine Abstammung erinnert. Daneben sind es noch Jamie Myerson und Dj Cam, die eher den neuen eigenen Part in den Vordergrund stellen, während Bill Laswell sich fast ausschließlich am Original orientiert.
Auch wenn die „9 Funktional Diva Trak“ Platte von Planet Jazz (BMB Label) ist, so sind die einzelnen der neun Stücke doch ein gutes Stück entfernt von oben erwähntem Musikstil. Vielmehr spielt sich alles hier in einem Easy-Listening-Sound-Labor ab, das durch widrigste Umstände seinen Weg in unsere heutige Zeit gefunden hat. Beibehalten hat das erstmals auf Harthouse erschienene Projekt ihre Vorliebe zu der Verspieltheit im Bereich Klangarrangement, wie man es noch von ihrer „Monster!!?“-Veröffentlichung her kennt. Viele äußerst vertrackte Soundbasteleien und das Verwenden unterschiedlichster Rhythmen, die von House über Wave-Anklänge bis hin zum Computerspiel-Hardcore reichen, sowie teilweise aufklingende Unrhythmik machen das Hören zu einem abwechslungsreichen Erlebnis, nicht nur für den Moment.

Ebenfalls einst aus dem Umfeld des Harthouse-Labels kommend, veröffentlichen Oliver Bondzio und Ramon Zenker (alias Hardfloor) nun ihren ersten Long-player unter dem Namen ihres damaligen Seitenprojekts: Da Damn Phreak Noize Phunk. Mit „Electric Crate Digger“ (K7) gehen beide von der damalig vorherrschenden Big Beat-Acid-Melange ein gutes Stück weit in Richtung Funk und Soul. Ohne dabei aber ihre Vergangenheit gänzlich zu vernachlässigen, laufen die wie gewohnt äußerst clubtauglichen Tracks im entspannten Headz-Sound in den Tag hinein... und wieder hinaus. Gerade der unstressige, harmonische Aufbau der neun Titel sorgt dabei für ein schwunghaft relaxendes Ambiente.

Auch Plaid mit „Rest Proof Clock-work“ (Warp) agieren dem Grundkonzept nach in eben dieser klanglichen Umgebung. Allerdings sind es hier gerade einfließende Scratch-Parts, im hawaiianischen Stil gedehnte Töne, klare Gitarrensounds, Streicher-Passagen, trippige Beats und computergenerierte Beeps, welche neben den zahlreichen Einflüssen verschiedenster Musikbereiche und Kulturen das Gesamtkonzept der 19 Stücke bestimmen. Alles wechselt sich unaufhörlich gegenseitig ab und ergänzt sich, Schnelligkeit wird von seicht aufkommenden Ruhephasen abgelöst, damit dieses wiederum von Geräuschwellen überschwemmt werden kann. Wie ein langer Fluß mit Strömungsvarianten aller Art, gleitet man durch eine sommerliche Soundlandschaft, bei der jegliches aufkommende Klangereignis an genau seinem angestammten Platz zu stehen scheint, auch Stromschnellen und kleine Wasserfälle.

Weniger sommerlich, dafür aber wesentlich dramatischer eröffnet Squarepusher ein weiteres Werk elektronischer Kompositions-Kleinstarbeit. Zwischen elektroiden Soundfrickeleien und sich selbst persiflierendem Drum’n’Bass, lassen die flinken Hände des Herrn Tom Jenkinson doch hin und wieder jazzige Zwischenparts entstehen, ohne dabei auf seine spezifischen Überraschungsmomente zu verzichten. Wie auch schon auf dem letzten Realease zu hören war, scheint sich langsam ein Gleichgewicht zwischen elektronischen Sounds und gesampelten oder life eingespielten Instrumenten einzustellen. Neben vier neuen Tracks beinhaltet „Maximum Priest EP“ auch weiterhin noch drei Remixe früherer Veröffentlichungen von AE, Yee-King und Wagonchrist, dabei werden die Grundelemente mit viel Einfühlungsvermögen auf eine eigene Ebene transformiert.

An der Ebene der elektronischen Sounds festhaltend eröffnet die neueste Megahertz-Kassette ein tiefgründiges Meer aus Geräuschen. Die sterile Ästhetik des minimalistisch geschliffenen Akrylblocks, in welchem das Tape auf Erhörung wartet, wird auf „gamma“ (Sonderzeichensuche nicht beendet...) durch einen innovativ frischen Umgang der einzelnen Interpreten mit ihrem Geräuschmedium wiedergespiegelt. Die A-Seite des transparenten Cover-designwunders, welches auf 100 Stck. limitiert ist, wird durch Klangstabil, Salt und Schachtanlage Gegenort, dabei eher von einem experimentellen Noizefaktor bestimmt. Auf der anderen Seite hingegen finden sich drei Stücke von Nikolaas Deiker, Stone Cold & Misery, sowie B.Y.T.E:Vomit, die schon etwas offenkundiger ihre elektroiden Wurzeln präsentieren. Aber auch hier ist die Freude an der Klangforschung immer präsent und unterstützt eine unterschwellige klaustrophobische Stimmung. Gerade die Aufmerksamkeit, die sich sowohl in der Arbeit am Ton als auch in Akryl wiederspiegelt, macht das Release - vielleicht eben durch seine unterschiedlich harmonisierenden Eigenschaften - zu einem zeitlosen Dokument.

Wesentlich leichtläufiger, aber nicht anspruchsloser, erklingen die 10 Stücke der neuen Impulse. Wie der Titel „With A Lot Of Music And All Songs“ (K7) schon ankündigt, wird auch hier ein musikalischer Variationsreichtum dargeboten. Elemente aus Electro, Funk und Dub treten in ein harmonisches Zusammenspiel, aus dem zeitweilig Hip-Hop- oder Soulanklänge hervorblitzen. Sogar bis hin zum Pop reicht das Spektrum, aus dem hier geschöpft wird, und so versetzt eine der bezaubernsten Stimmen mit „Somnambule“ den Zuhörer Strophe für Strophe langsam in Trance. Lässig reihen sich die einzelnen Sounds aneinander, ohne ineinander zu verheddern. Selbst spartanisch ausgestaltete Geräuschflächen bergen eine fühlbare Tiefe in sich und lassen dem Hörer nur wenig Raum seine Aufmerksamkeit abzuwenden.

Ebenfalls mit sehr viel Tiefgang gleitet „Charged“ (R&S Records) allerdings durch den Artenreichtum modernsten Jazz. Hierbei vermischen sich das präzise Trompetenspiel des japanischen Jazztrompeters Toshinori Kondo mit dem trockenen Basspiel von Bill Laswell. Untermalt wird das ganze durch Samples, elektronischen Rhythmus- und Effektgeräten, sowie synthetischen Sounds von Eraldo Bernocchi. Clubsounds der Neunziger aus den Bereichen Dub, Funk und Hip Hop treffen so auf feinst dargebotenen Jazz, ohne sich gänzlich in der Improvisation aufzulösen. Auch wenn man sich beim Hören an Nils Petter Molvaer erinnert, verkörpert dennoch jedes der Stücke seinen eigenständigen Charakter. ][ g

 

GESPALTENE TÖNE   8 9 9 9

V.A. - Off-Centre - Palm Pictures
Hohe Ziele hat man sich bei Palm Pictures gesteckt: Die festgefahrene Club-Kultur will man aus dem Schlamm ziehen, die starren Strukturen, in denen sich House momentan befindet (ist dem wirklich so?), will man brechen und der ganzen Szene soll neues Leben eingehaucht werden. So besagen es zumindest die Linernotes. Mit Patrick Forge, der diese Compi-lation zusammenstellte, hat man auf jeden Fall auf ein gutes Pferd gesetzt. Abwechslung gilt als oberstes Gebot und so finden sich die unterschiedlichsten Arten zeitgenössischer Clubmusik hier wieder. Mit dabei natürlich Patricks Lieblinge Blaze, IG Culture und auch er selbst hat mit DaLata seinen Teil beigetragen. Mit Drum’n’-Bass, HipHop, TripHop und Latin ist von jedem etwas dabei, jedoch lange nicht alles überzeugend. Also vor dem Kauf erst mal reinhören. ][ mb

Bodenständig 2000 – Maxi German Rave Blast Hits 3 – Rephlex
Kakao. Alles wird durch ihn gezogen: Acappella-Gesang, Commer-cial Gaps, Kinderserien, Schlager und sogar der eigene Papa. Helge Schneider, Super Mario oder die Prinzen werden staunen und selbst Aphex Twin wird sich noch eines Tages im Grab umdrehen, wenn er diese Zeilen zu Gehör bekommen wird und das, obwohl er vermutlich kein Wort Deutsch kann. Liebevoll wurden die Texte demnach im Begleitheftchen auf Englisch übersetzt. Teilweise erinnert das an Hörspielpersiflagen der allerersten Adolf Noise, dann wieder an Zeiten von „Razzia“, „Smash!?“ oder „Pinocchio“, aber musikalisch gehen Bernhard Kirsch und Dragan Espenschied dann doch etwas dreckiger zur Sache. Das tolle an dieser CD ist, daß sie Spaß macht, man sie immer und immer wieder hören will, sogar darauf tanzen und feiern kann und schon jetzt auf ein Videoclip hofft. ‚The Own Hit is just a Dream!‘ und doch wird „Weihnachten auf Hawaii“ die deutsche Charts stürmen. Anspiel-tips: alle. ][ lightwood

Soul Ascendants - Variations - NuPhonic
Bedurfte es wirklich des Todes von Fela Kuti, um AfroBeat weiterzubringen und die Musiker von heute aufhorchen zu lassen? Wenn man Platten wie Tony Allens N.E.P.A. von 1994 hört, wird einem schnell klar, daß der heutige AfroBeat nicht groß vorangekommen ist, im Gegenteil. Nichts desto Trotz tut es der Musik gut, nun endlich wiederentdeckt zu werden. Das Duo Soul Ascendants schafft es dann auch - dank dem Mitwirken von Tony Allen selbst - AfroBeat in eine dynamische und energiegeladene Houseformel bzw. Clubform umzusetzten. Lediglich die Streicher- und Bläsersounds sind ein wenig schwach auf der Brust. ][ mb

Innerzone Orches-tra - Programmed - Talkin’ Loud
Nun hat Detroits Ikone Carl Craig also sein Werk vollendet, über das schon so lange gemunkelt, spekuliert und diskutiert wird. Viele Erwartungen wurden gehegt, Ängste, daß man die limitierte Box verpassen könnte (oder gar bereits verpaßt hat), ausgestanden und der Sinn bzw. Unsinn solcher Mam-mutwerke in Frage gestellt. Was kann man jetzt also berichten?!? Beiseite mit allem Wortgeplänkel, sage ich, dieses Album ist nicht nur jede Sekunde der langen Wartezeit wert, hier wurde schlicht und einfach ein umfassendes Kom-pendium elektronischer Musik geschaffen. Carl Craig verknüpft behutsam seinen Spieltrieb mit moderner Soundästhetik, springt rasant von Drum’n’Bass zu Jazz und wieder zurück zu Techno, um sich schließlich den gemäßigteren Beats anzunehmen, ohne dabei langweilig oder gar einschlafend zu wirken. Auf fünf 10“s wandelt er durch alle Arten der Musik, die es bisher gab (und vielleicht noch geben wird) und präsentiert dem Hörer so eine abenteuerliche Reise durch das Gebilde Musik. ][ mb
V.A. - Mundial Muzique - Guidance
Für ihre Offenheit und ihren sicheren Geschmack sind die Macher des Guidance-Labels ja hinlänglich bekannt. So verwundert einen die Hinwendung zu latin- und afro-angehauchten Dance-tracks nicht sonderlich, wobei hier keines Wegs dem momentan anhaltenden Trend für Afrobeats und Latinmusik hinterhergehechelt wird. Zwar dürften DJs und Kenner einige der hier zusammengestellten Stücke bereits kennen, doch sprechen die musikalischen Leistungen der jeweiligen Produ-zenten für sich und diese CD. Stilvielfalt und Tiefe mußte man bei Guidance sowieso noch nie vermissen. Lediglich die Wurzeln ließ man gerne mal hinter dem eigenen Rücken verschwinden, weshalb betont sein will, daß Mundial Muzique keine Alternative zu Rainer Trübys Glücklich III - Compilation darstellt. ][ mb

V.A. - Legendary Deep Funk 3 - BBE
Der nörglerische Highlander ist wieder zurück und langt sogleich in die Vollen. Gemeint ist damit nicht nur die Auswahl der Stücke, sondern auch die berühmt-berüchtigten Linernotes, in denen Tatsachen, Gerüchte und Unge-reimtheiten der Gesellschaft, des Lebens und des Geschäfts zum Ausdruck kommen. Ach so, zusammengestellt wurde diese Compilation von Keb Darge, aber daß konnte sich wohl bereits jeder denken. Musikalisch jedenfalls offenbart Keb uns 20 weitere Funkperlen, die der normalsterbliche Musikliebhaber sonst nicht so schnell in die Hände bekommen dürfte. Hier ist also nicht die Rede von James Brown, den JB’s oder ähnlichen Ergüssen, sondern von rauhem, raren Männerfunk, meist in Instrumentalversion, gespickt mit dem ein oder anderen sanfteren Soul- bzw. Disco-Stück. Selbstbewußte Kritiker sollten den Kauf dieser Platte erwägen und den Vergleich mit moderner Musik selbst vollziehen, Freunde des HipHops dürfen sich auf einige DejaVu-Effekte einstellen und wer noch nicht richtig überzeugt ist, hört einfach rein und entscheidet dann selbst. ][ mb

Rinôcérôse - Installation Sonore - V2
Housemuzik im Format einer Gitarrenband hören wir von dieser Formation, die 1995 in Montpellier aus den Resten einer Indie-Band gegründet wurde, zu einer Zeit also, als in Frankreich von der semiotischen Hexenküche des Daft Punk-Hypes noch nichts zu spüren war und auch das Pariser Dancefloor-Fieber noch gänzlich in den Kinderschuhen steckte. Schon bald versuchte das anfängliche Duo sein Konzept mit einer zehnköpfigen Truppe auch live umzusetzen. Vor einem Jahr erschien die 4-Track-EP “Le Mobi-lier”, deren Titel-Track auch auf der nun vorliegenden 55-Min-CD vertreten ist. Der (Presse-Info-) Einschätzung, die die Entwicklung von der Rockband zur House-Formation quasi als einen ungewöhnlichen Akt kreativer Emanzi-pation feiert, kann ich mich zwar nicht anschließen (das ist so, als würde man das Durchleben der Pubertät als eine hervorzuhebende Eigenleistung auf dem Weg zum Erwachsenwerden verkaufen), aber die 10 Tracks bewegen sich stimmig in einem Klangspektrum aus Housemuzik und Gitarrensounds, mit passenden Dub-Anleihen und einem (halbakustischen) Latino-Ausflug. Dabei gewinnen sie ihre Qualität jedoch nicht aus einer etwaigen Exzessivität oder Domi-nanz der Gitarrenpassagen (diese muten sogar relativ dezent und konventionell an, wobei sich immer wieder der Eindruck von der Gitarre als einem Kinderspiel-zeug, das man noch nicht bereit ist, aus der Hand zu legen, aufdrängt), sondern aus ihrer organischen Einbindung innerhalb zu-packender musikalischer Ideen und Arrangements. Die sauber produzierte CD läßt sich flüssig durchhören und geht in die House-Beine, wobei die eine oder andere Harmonie durchaus haften bleiben mag, unabhängig davon, ob nun Gitarren im Spiel sind oder nicht. Diese dienen den Protagonisten denn auch wohl mehr als ideologisches Feigenblatt, von dem sich der aufgeklärte House-Liebhaber in seinem (hier durchaus davon ungetrübt erlebbaren) Genuß nicht irritieren lassen sollte. ][ hve
Louie Austen - ConseQuences - Cheap
Es scheint, als habe das österreichische Cheap-Team um Pulsin-ger und Tunakan ein neues Potential entdeckt. Ein Mann, der seit fast 30 Jahren im Entertain-ment-Geschäft tätig ist, hat schließlich eine Menge Erfahrung und eine gute Stimme noch dazu. Kein Wunder also, daß sich die Paarung zwischen Barunterhalter Austen und Soundtüftler Mario Neugebauer als vielversprechend und interessant entpuppt. Gebro-chen-gebröselte Beats werden durch eine sanfte, warme Stimme geformt und veranlassen zum Nachdenken und darüber Sinnie-ren. Wo einem bei jedem x-beliebigen Schwachsinnslied höchstens der Gedanke an Selbstmord kommt, entfaltet sich hier eine beruhigende, die Gedanken anregende Stimmung, auch wenn nicht alle Stücke unbedingt arbeitsfördernd sind. ][ mb

V.A. - Off Limits - Sonar Kollektiv
Daß Dixon ein DJ ist, sollte hinlänglich bekannt sein. Daß er neuerdings viel mit den Jazzanova-Jungs abhängt, hat sich auch bereits rumgesprochen. Daß er aber schon seit viel längerer Zeit selbständig als House-DJ tätig ist, stellt er nachhaltig mit seiner nun erscheinenden Mix-Compilation dar, die, wie nicht anders zu erwarten, auf dem Sonar Kollektiv -Label, also der Spielwiese Jazza-novas, erscheint. So kann man sich im Kreis drehen. Doch laßt uns über diese CD schreiben: Dixon präsentiert in gekonnt gemixter Form sein Verständnis von House, welches sich lange nicht nur auf die üblichen 4/4-Beats beschränkt. Der vielgesuchte NuGroove-Klas-siker “Hard for the DJ” von Basil Hardhouse beschränkt sich zwar noch auf den reinen Jack-Sound, läßt jedoch gleichzeitig Erinne-rungen an Zeiten wach werden, als die Tanzfläche zu solchen Stücken noch bebte. Spätestens mit Robin Jones “Royal Conga” verläßt man dann aber die geraden Pfade und erforscht die Randgebiete des modernen House. Stets wird dabei Tiefe und Gefühl bewahrt und mit der 12“-Auskopplung von “Hard for the DJ” und Urban Species “Woman”, erfreut sich der DJ zumindest an Teilen dieser Compi-lation, denn ob sie auch komplett auf Vinyl erscheint, ist bisher nicht zu erfahren. ][ mb

V.A. - Go Right - JCR
Jazzanova-Jazz Teil 2. Zusammen-gestellt von Jazzanova und Daniel Best wurde erneut eines jener Ostländer aufgesucht, dessen kulturelle und musikalische Szene durch den Eisernen Vorhang hier im Westen nie richtig verfolgt werden konnte. Nach der DDR wird nun also Polen und dessen traditionsreiche Jazz-Szene aufgearbeitet und anhand dieser CD dem begeisterten Musiker bzw. Sammler ins Gedächtnis gerufen. Am vertrautesten und mit Stücken anteilsmäßig am meisten vertreten, sind dabei die Novi Singers, die durch ihr Album “Novis in Wonderland”, das 1968 auf MPS-SABA erschienen ist, auch in Westdeutschland bekannt wurden. Die anderen Musiker und Bands dürften ansonsten nur aktiven Sammlern be-kannt sein, weshalb sich der Kauf dieser CD für Jazzliebhaber auf jeden Fall lohnt. Sei noch zu erwähnen, daß es diese CD auch in Form von zwei Schallplatten zu ersteigern gibt, auch wenn es sich hier nicht um typischen Dancefloorjazz handelt. ][ mb

Infrared 011
Auf der A-Seite ist dieser typische Kick in den Drums und Bassline, der mich glauben läßt, daß Jonny L dahinter steckt. Bei den Sounds ging der Griff tief ins Trickkistchen – viel Industrielles, viel Detroitiges. Jeder einzelne Sound für sich betrachtet vielleicht nicht gerade ungewöhnlich, aber in der Kombination doch erstaunlich frisch. Außer dem Break kurz vor Schluß allerdings relativ gleichbleibend das Ganze, was aber auch nicht weiter stört. Ebenso die B-Seite, die erkennen läßt, daß J-Majik an den Reglern sitzt. Von der Soundästhetik her ähnlich, doch ein bißchen weniger auftragend, als die letzten beiden Infra-reds. Die Gleichförmigkeit scheint auch hier vermutlich aufgrund einer enormen Tiefe nicht zu langweilen. Hypnotisierend wirken Bass und erotisch gehauchtes Frauen-Vocal und nur durch kleine Beatspielereien fühlt man sich aus seinem Traum gerissen. ][ lightwood

Bad Company – Prototype 001
Neben Lees Timeless Label beginnt auch Prototype wieder bei Katalognummer 1. Keine Ahnung warum. Als die Platte in Deutsch-land veröffentlicht wurde, war sie in England angeblich schon ausverkauft. Die englischen Labels schlagen sich momentan um die fünfköpfige Crew, bestehend aus Fresh, Vegas, Future Forces und noch jemanden, und lechzen nach Releases und natürlich Remixen. Beim Poll, wer den Remix von Q Projects „Champion Sound“ machen soll (Drum’n’Bass-Arena: http://www.breakbeat.co.uk), gewannen sie vor namhaften Produzenten wie Roni Size, Andy C, Ed Rush & Optical. Zu den aktuellen Produktionen hier kann man nicht viel sagen, denn das ist nicht neu und nicht innovativ, aber geballter, funktionaler Rave-Drum’n’Bass in erstklassiger Qua-lität. P.S.: Die springende Bassline von „The Pulse“ erinnert übrigens stark an Ed Rush & Opticals „Gasmask“ (Virus 005). ][ lightwood

Gary T – Street Beats 015
Street Beats zählt mittlerweile auch schon seine Lenze, veröffentlicht jedoch in unregelmäßigen Abständen nicht sonderlich viele, aber recht anmutende, frische Platten. Die Beats bei „Look-In“ bewegen sich irgendwo zwischen Reprazent und Photek. Anfangs wird man von viel Melodie und Vocals geblendet, im Hauptteil ist dann allerdings Beatfrickelei und hüpfende, aber nicht gewaltige Bassline angesagt. Ein sehr schönes Element stellt ein Geräusch dar, das schwer zu beschreiben ist, aber vortrefflich sich zur Bassline gesellt. Vom ersten Takt an erinnert „Bad Intention“ an PFM oder etwas vergleichbares auf Good Looking. Nach dem Break befindet man sich aber auch hier auf einer ganz anderen Baustelle und ich tue mich wieder verdammt schwer daran, diesen hier stilbildenden Sound zu beschreiben. Selbst das später auftauchende wunderschöne melodiespielende Blasinstrument (tja, welches nur???) rückt diese 12“ in das rechte Licht. Sowohl die Grundstim-mung als auch einzelne Sounds zeugen von Originalität und Ein-zigartigkeit. ][ lightwood

Prymer – Tell them not me EP – Gutbucket 01
Heidelberg. Black Beat Produc-tions ist auf Eis gelegt und im Zuge unermüdlichem Produktions-eifers erkämpft sich Prymer mit „Tell them not me“ eine neue Speerspitze. Viel Zeit braucht man, um alles zu erfassen, was hier drin steckt. Liebgewonnene Saxophon- und Jazzschnipsel, typisch alte, aber verfremdete Jungle-Sounds, viele Beatspielereien, und dieses Grummeln im Untergrund – all das und noch viel mehr gewinnt durch den starken Einsatz von Delay-Effekten eine schwebende Ath-mosphäre. Hier wird nicht unbedingt zum Tanzen eingeladen, sondern zum Erfahren einer völlig eigenwilligen Soundlandschaft. Et-was abgespeckter und zügiger dann der „99er-Edit“, der wenig Inhaltsstoffe des Originals enthält und tanzflächenorientiert arbeitet. Als Sahnehäubchen oben drauf gibt es noch zwei Remixe. Aus Liebe zum Reinforced-Sound wählte man Seiji aus, der sich lediglich den Hauptakkord rauszieht und eine angenehme, zeitlose Minimalistik entwickelt. Die Beats vermeiden ein dickes Auftragen und ab und zu scheint dort doch noch ein Fetzen des Originals hindurchzuschimmern. Redagain P ist dann der letzte im Bunde und schließt die ganze Sache mit einem gekonnten Elektro-Remix ab, der durch die verwendeten Elemente des Originals einen Hidden Agen-da-Charakter bekommt. ][ lightwood

Neutrik – Shake Up 005
Sehr klare, nach vorne treibende, kickende Beats mit einer wunderschön stoppenden Snare, sorgen bei „D-Generation“ für Begeisterung. Der bassartige Sound, im Zuge seiner Mission sich in dein Gehirn einzugraben und nicht mehr raus zu wollen, könnte noch etwas mehr tiefere Frequenzen als Begleitung vertragen. Insgesamt aber doch funktional und gut gleitend vom ersten bis zum letzten Takt, wobei eine Ähnlichkeit mit aktuellem Ed Rush & Optical-Material (Ja, ich versuche ja auch immer diese Vergleiche zu vermeiden, aber bereits beim ersten Durchhören stieß ich auf diese Parallele...) nicht zu überhören ist. „X-Generation“ legt viel wert auf Sphäre und versucht sich im Laufe der Rillen zu entfalten. Allerdings gelingt das nicht so richtig, da bereits nach kurzer Zeit keine neuen großartigen Ereignisse eintreten, die für Spannung sorgen würden. So macht man auf der Suche nach dem Detail manchmal kleine feine Entdeckungen. Laid back or listen closely! ][ lightwood


Monica Elam - Ebony Angel: Resurrection - Clairaudience
Nachdem die Erstveröffentlichung von Ebony Angel den hochgesteckten Erwartungen des hier schreibenden Kritikers nicht standhalten konnte, erfreut sich jener umso mehr auf die hier vorliegende Neuauflage, bei der sich Monica Elam gekonnt dem Gesang annimmt und Ebony Angel zu einer sommerlich melancholischen Ballade werden läßt, die sich durchaus von den bisherigen Clairaudience-Veröffentlichungen distanziert. Für alle 4/4-Unersätt-lichen gibt es dann auf der zweiten 12“ zwei Mixe mit Tiefe der typischen Machart eines Anthony Nicholson. ][ mb

Robin Jones - Royal Conga - Royal Palm
Da sich das Wort AfroBeat ja nun in jedermanns Wortschatz eingeführt hat, soll es an der Zeit sein, eines jener Labels vorzustellen, das den anhaltenden Trend um AfroBeat (mit)begonnen hat. Ne-ben Comet ist dies eben Royal Palm, auf dessen Platten stets das Original, sowie eine moderne Reinterpretation vorzufinden sind. Royal Conga zeichnet sich im Original durch seine Perkussionen, sowie dem gefühlvollen Gesang des Salseros Robin James aus, während Jipsters Haribo-Starmix das Ganze in ein TripHop-Stück mit harmonischen Keyboard-strecken verwandelt. ][ mb
Roy Davis Jr. & Jay Juniel - Watch them come !!! - Underground Therapy
Der Gott des Gospelhouse Roy Davis Jr. legt hier seine vierte Maxi in kürzester Zeit vor, wobei ich “Watch them come” als eine der Interessantesten bezeichnen will, was weniger an den beiliegenden Mixen von Tommy Musto und DJ Pierre liegt. Vielmehr rücken das Original sowie der Jazzanova Mix in den Vorder-grund. Letzterer läßt bis auf den Strophengesang und die Leich-tigkeit des Originals nichts bestehen. Der 4/4-Takt wird durch einen typischen Jazzanova-Bossa-Rhyth-mus ersetzt und darüber Baß und Keyboards gelegt, die dank dem feinen Gespür für Harmonie der Berliner Jungs sehr einfühlsam und doch mitreißend wirken. ][ mb

Richard Hinge - Mental Static EP - disko B
Endlich mal ein Electro-Track, der nicht durch ewige Achtziger-NewWave-Adaptionen langweilt, sondern mit bissigen Drums und dezent eingesetzten Effekten zum Tanzen animiert. Die anderen beiden Stücke auf dieser Scheibe sind zwei 4/4-Stomper, wobei mir “Kinetic Assault” wegen seinen Ravesignalen mißfällt. Exit hingegen ist ein solides Stück Techno in beinahe Housetempo, welches auf hypnotische Weise den Groove steigert und gut für die Tanzfläche geeignet sein sollte. ][ mb


back