OUK das Zwanzigste ± gelenkig & ergreifend ± Aug/Sep 99 nyc

Angesichts der allumfassenden medialen Durchdringung der Vereinigten Staaten im Allgemeinen und New Yorks im Speziellen, sollte man meinen, daß gerade das, was die Partykultur angeht, Unterschiede zu deutschen Events rein marginaler Natur sind. Letzlich ist diese Ansicht auch gar nicht so verfehlt, worauf später noch einzugehen ist. In einer Hinsicht ist uns der Big Apple jedoch noch ein ganzes Stück voraus. Es mag trivial klingen, aber eine andere Ausdrucksweise würde den Sinn verfehlen: New York ist in jeder Hinsicht, so auch was seine Bewohner angeht, immer eine Spur cooler als anderswo und das wirkt sich selbstredend auf das Nachtleben aus. Daß die Besucher einer Veranstaltung deren Charakter ausmachen, ist kein großes Geheimnis und genau hier liegt der kleine aber feine Unterschied zu vergleichbarem in Deutschland. Auch mit wenig Geld - die Stadt ist eine der teuersten der Welt - verstehen es viele, sich durch Kleidung und Auftreten von der Masse abzuheben und solche Leute sind in den Clubs natürlich überpropertional vertreten (und machen sich dadurch interessant). Daß sich kein Mensch darum kümmert was der andere anhat, erhöht natürlich die Risikobereitschaft und erfreut damit das Auge mit der ein oder anderen Extravaganz. Auch der derzeitig vorherrschende Tanzstil, New York hüpft und geht extremstens ab, macht deutlich mehr Spaß, als die deutsche Regel, am besten nicht aufzufallen und Bewegungen zu minimieren. Wunderschöne Locations gibt es hier wie da, man denke nur an das Kölner Kunstwerk oder das Neptunbad, aber das berüchtigte Limelight in der 20. Straße läßt auch altgedienten Clubgängern die Augen leuchten. Es gibt viele Clubs in alten Kirchen, aber dieses Gebäude ist von außen durch die verspielte Fassade wie von innen, beispielsweise durch die wechselnden Kunstaustellungen, perfekt, auch wenn sich das durch das DJ-Pult auf der Kanzel aufdrängende Bild vom DJ als Prediger der Nacht nicht jedermanns Sache ist. Auch sonst fällt auf, daß die Herren Betreiber ihren Besuchern visuell etwas bieten müssen, um konkurrenzfähig bleiben zu können, sei es durch die obligatorischen Gogos oder aufwendige Inneneinrichtungen. Das hat allerdings auch seinen Preis, Eintritte um die 20 bis 25 Dollars sind der Durchschnitt, der sich allerdings durch das Vorzeigen von Flyern und durch Gästelisteneintragungen deutlich senken läßt.

Eine relativ große Enttäuschung sind Musikauswahl und Können der DJs in den kommerziell ausgerichteten Publikumsmagneten wie Webster Hall, Cheetah, Tunnel, Twilo oder Limelight. In zwei oder drei Räumen, die Aufteilung erfolgt regelmäßig in Techno/House, HipHop/R’n’B und Hits der letzten 30 Jahre - wird an den regulären Dates dürftig gemixt, das Anspruchsloseste vom Anspruchslosen präsentiert. Es ist ein Armutszeugnis und Auslöser hoch-gradigster Seelenpein, in der Wahnsinnslocation Limelight schlechtesten Klimpertechno und schwülstigen Popsoul von sehr bescheiden begabten Plattenlegern dargeboten zu bekommen. Ähnlich wie in Köln scheint auch in N.Y.C. der Besuch von einzeln organisierten Parties lohnenswerter als die wöchentlichen Wiederholungen. Und hier besteht so gut wie jeden Abend die Qual der Wahl, beispielsweise zwischen Jeff Mills, Trace und Grandwizzard Theodores Feier aus Anlaß seiner 25-jährigen HipHop-Präsenz im Wetlands. Die Entscheidung fiel unbereuterweise auf letztere, denn wenn der Erfinder des Scratchens zum Jubiläum lädt, läßt sich keiner lange bitten, jedenfalls standen zwei weiße Europäer inmitten einer Ansammlung von Allstars, die sich so vielleicht nie wieder zusammenfinden werden: Cold Crush Bros., Bambaata, X-Ecutioners, DJ Honda, Red Alert, Rock Steady Crew, Double Trouble, Busy Bee, Starski, ohnehin jeglicher Protagonist des Wildstyle-Videos, etc ... einfacher ließe sich sagen, am Start war, abgesehen von Grandmaster Flash, jeder noch lebende HipHop- bzw. Rap-Aktivist der ersten Stunde, Maler und Breaker eingeschlossen. Mr Theodore himself gab sich zum Abschluß der Party die Ehre und trat hinter die wheels of steel, die durch seinen, Kool Herks und Flash’s Einfluß zu dem wurden, was sie in berufenen Händen heute sind, zu Musikinstrumenten. Die Zeit hat ihn längst überholt, aber er ist der Godfather des Turntablism und erfährt dadurch verdientermaßen einen unsagbaren Respekt, der sich in den Gesichtern der Anwesenden widerspiegelte, auch wenn Roc Raida oder der ausgezeichnete Chance diese Kunst an jenem Abend in ihrer Vollendung darstellten.

Das Event linderte etwas den Schmerz über das aus Unwissenheit verpaßte Gipfeltreffen der Weltmei-ster Craze, A-Trak und Roc Raida im Cooler am Abend zuvor, was zeigt, daß man ständig auf der Höhe sein muß, um derartige Spitzenveranstaltungen wahrnehmen zu können. Übrigens ist unter 21 Jahre alt zu sein kein gesteigertes Problem, in Hinsicht auf die Überwindung der Doorkeeper. Mit einer gefälschten I.D. erhalten auch offensichtlich 15-Jährige problemlos Eintritt. Von dieser Möglichkeit wird dann auch regen Gebrauch gemacht, so daß die Hälfte der Besucher auf einer Party im Downtime noch unter der deutschen Volljährigkeitsgrenze lag. Auf drei Floors wurde hier gezeigt, daß nicht alle New Yorker belanglosem Mainstream erliegen. Drum’n’Bass der bösesten Art, ausgezeichneter HipHop und oldschooliger Partytechno von durchweg technisch höchsten Ansprüchen genügenden Battle-DJs in Szene gesetzt, waren der Rahmen für eine außergewöhnliche, exzessive und schweißtreibende Party höchster Güte. Total Eclipse und Rob Swift krönten den Abend mit einer einstündigen Mixshow. Bei Unterhaltung mit den, by the way nicht dem Klischee des holen Amis entsprechenden Kids, denen Namen wie Schröder, Blair oder Prodi durchaus ein Begriff sind, kam zutage, daß diese für uns zu den Alltime-Top-3 zählende Angelegenheiten ehe einer der schlechteren des Sommers gewesen sei. Das sind hohe Ansprüche der deutlich von der Cool- und Toughness der 8 Millionen-Metropole geprägten Teenies und Twens, die auch nicht von Robert Hoods Gastauftritt in einer Fabrikhalle im Queenser Distrikt D.U.M.B.O. zur Gänze erfüllt wurden, uns aber wiederum den Rückstand deutscher Äquivalente vor Augen führte, wo die coolste Jugend aller Zeiten offensichtlich teilweise nur ein Abklatsch dessen ist, was sich unter den steinernen Augen der Liberty abspielt. Das Nightlife ist natürlich nur einer der Gründe für den Traum vieler, ihren Erstwohnsitz nach Manhatten zu verlegen. Dazu kommen die atemberaubende Skyline, der Status als kulturelles und weltwirtschaftliches Zentrum, die Vielfalt der Kulturen, die bildungstechnischen Möglichkeiten, das Gefühl sich am Puls der Zeit zu befinden etc ... . Allerdings konnten in Gesprächen mit Einheimischen die Tendenz zu Fluchtgedanken erkannt werden, da auf Dauer viele mit dem ewigen Rumoren und Brummen und der Härte der Stadt am Hudson nicht zurechtzukommen scheinen. ][ motik


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