OUK das Zwanzigste ± gelenkig & ergreifend ± Aug/Sep 99 10 Jahre Reinforced
Pt. 2

[Zweiter Streich. ouk Jubiläumsparty. Noch ist lange nicht alles gesagt worden... und auch nicht aufgegessen. Denn die Gnocchi von Dego liegen immer noch fast unangetastet auf dem Teller. Erstaunlicherweise gibt er sich an jenem Abend sehr gesprächig. Selbst Ian scheint das zu gefallen und so versucht er auch gar nicht groß, während des Interviews den Redefluß Degos zu unterbrechen.]

[Das Wesen aus dem All]

ouk:
Ihr hattet oft diesen Bezug zum “Mystischen”, Botschafter aus dem All, Titel wie "greys" und die Aliengeschichte im Programm. Was hat es damit auf sich?

Dego: Nun, der Grund warum unsere Sachen verschiedene Bezüge zum Thema Space und Aliens haben ist, daß die Musik, die wir versucht haben zu machen und machen, wie man sie noch nie zuvor gehört hat, nicht von dieser Erde ist. Wir versuchen sie anders klingen zu lassen, als Sachen, die man sonst so kennt. Als Drum’n‘Bass anfing, fragten sich die Leute, wo zur Hölle kommt diese Musik her. Man konnte nicht sagen, es ist wie diese oder jene Musik. Es hatte nichts mit der Musik zu tun, die man gewohnt war zu hören. Also, da es keine Bezugspunkte gab - und überhaupt: wofür ist man hier? - dachten wir, daß die Assoziation mit dem Weltraum die beste Referenz sei und darüberhinaus hatten und haben wir eine starke Faszination und ein Interesse für das Unbekannte da draußen. Darum ist es auch einfach für uns, die Platten so zu betiteln. Die "greys" zum Beispiel, sollen Marsianer sein, die auf der Erde Leben. Wir haben ein Album "Parallel Universe", und wir sehen dies als unsere Rolle in der Drum’n‘Bass-Szene. [Skizze auf der Tischdecke...] Die Szene steht hier, Reinforced und 4Hero stehen aber an einem anderen Ort. Wir waren nie wirklich ein Teil ihrer selbst, und unsere Musik kommt von einer anderen Welt. Das sind wir. Wiederum auf einem anderen Punkt steht die Detroit-Szene. Also waren wir nie ein Teil von beidem, also liefen wir parallel dazu. Deshalb also "Parallel Universe". Genauso verhält es sich bei dem Titel: "We, who are not as others". "The Majestic 12" z.B. bezieht sich auf einen Verbund der mächtigsten Männer in England, die mit Aliens zusammenarbeiten und geheime Informationen über Technologien haben sollen. Diese Gruppe soll so weit über der Spitze stehen, daß sie nicht mal dem Präsidenten antworten müssen. Sie sollen rudimentär wichtige Entscheidungen treffen, die nicht mal der Präsident fällen kann. Wir haben uns also mit diesem verückten Theorie-Zeugs auseinandergesetzt. Bei Jacobs Optical Stairway wiederum haben wir uns mit der unbekannten Vergangenheit beschäftigt. Wie z.B. die Pyramiden gebaut worden sind, woher sie die Technologien erworben haben, ihre Werke in Relationen zu den Sternen zu errichten, etc. Alles dieser Natur was nicht sofort einsortiert, erklärt oder begründet werden kann, paßt deshalb zu unserer Musik, die auch nicht sofort erklärbar ist.

ouk: Glaubt ihr an diese Sachen, oder betrachtet ihr sie bloß?

Dego: Wir finden es interessant. Manche Dinge kann man glauben, manche nicht. Aber sag niemals nie. Man kann nichts komplett ausschließen, man weiß einfach nicht genug. Vor etwa 30, 40 Jahren hätten die Leute einen ausgelacht, wenn man gesagt hätte, daß in einer anderen Galaxie Leben mit einem Bewußtsein existiert. Heutzutage sind die Leute so weit zu sagen, daß der Weltraum so groß ist, daß es da draußen anderes Leben in anderen Sonnensystemen geben muß. Manche Sachen halten wir für wahrscheinlich, andere für weniger, aber sagen niemals nie.

ouk: Seht ihr euch eigentlich in einer Tradition mit anderen schwarzen Space-Mystikern wie Sun Ra, George Clinton oder Lee Perry? Und: Es gibt einen Hype um diese Kopplung. Verändern die neuerdings populär gewordenen Codes deren Bedeutung?

Dego: Wenn es zu populär ist, bewegen wir uns davon weg. Ich werde sowieso nicht mehr in diese Richtung gehen, da das zu sehr gehighlighted worden ist. Das macht es zu einem Trend. Es wird albern! Sun Ra oder z. B. Mad Mike´s Musik war einfach anders, so wie unsere Musik auch. Heutzutage gibt es nicht viele Musiker, die ein Thema, eine Art Storyline verfolgen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum Leute, die das machen gehighlighted werden. Wenn es mehr Leute gäbe, die eine Story verfolgen würden, würde man das auch nicht als so ungewöhnlich ansehen. Sehr viele Gruppen hatten Messages, Freiheitssongs. Sie hatten das gemacht, woran sie geglaubt haben. Mittlerweile tritt anstelle dessen aber eher eine Art Gimmick oder mehr eine Art ‚Image-Thing‘.

ouk: Habt ihr ein politisches Konzept für euer Label, für die Musik?

Dego: An erster Stelle steht bei Reinforced , daß du machen kannst, was du willst. Besonders in den Anfangstagen haben wir bewiesen, daß man ‚Independent‘ sein, selber vertreiben und sein eigener Boss sein kann. Punkt zwei ist, daß wir uns keinen Regeln unterordnen. Sogar in dieser sogenannten Underground-Dance-Music gibt es bestimmte Regeln. Sogar im Drum´n‘Bass gibt es Schematas, wie die Musik gemacht werden soll. Wir sagen, man muß sich nicht den Regeln eines DJ´s unterwerfen, damit er einen Song besser mixen kann. Zur Zeit werden viele Tracks gemacht, bei denen Du genau sagen kannst, hier kommt jetzt der Break und jetzt können die Leute alle die Arme in die Luft werfen. Ich sage Dir: Zur Zeit wird keine Platte herauskommen, die Dir Dein Bewusstsein aus dem Kopf bläst! Zumindest sollte es von Zeit zu Zeit gute Tracks geben. Doch das passiert zur Zeit einfach nicht. Wir versuchen hingegen, in neue Territorien zu gelangen.

[Technical Skillz]

ouk:
Bist du mit der modernen Musiktechnologie zufrieden, oder würdest du dir mehr Möglichkeiten beim Produzieren wünschen?

Dego: Ich mag alte Sachen. Alte Maschinen klingen besser. Digital, zu polierte Sachen bzw. diesen klinischen Sound mag ich nicht. In seltenen Fällen funktioniert es manchmal, z. B. bei Photek. Aber ich mag die analogen Geräte, Kompressoren, Filter, Mixer etc. Das Komische am digitalen ist, daß es versucht, das Alte zu reproduzieren. Wenn es digital ist, sollte es zum nächsten Level gelangen. Zur Zeit macht es keinen Sinn. ‘Virtual Analog’ sagt doch alles! Ich habe einen MiniDisc-Player gekauft, aber ich benutze ihn nicht. Ich benutze meinen Kassettenrecorder. Eine Kassette klingt viel besser. Wenn du zuhause den Track auf CD und auf Vinyl hast, höre dir erst die Platte und dann die CD an. Die CD ist praktisch, aber die Schallplatte... DIE ist es! Du hörst das ganze Bass-Spektrum. Ich bin ein alter ‘Retroman’. Ich mag die alten Sachen.

ouk: Aber wenn du eine Idee hast, kannst du diese direkt in Musik umsetzen... oder mußt Kompromisse machen.

Dego: Fast. Manchmal hat man das Gefühl, daß man es nicht exakt programmiert, wie man es gerne hätte, oder es braucht viel Zeit, so nah wie möglich dort hin zu gelangen. Im Kopf klingt es immer super. Mit den Jahren kommt man immer näher an sein gewünschtes Ergebnis heran.

ouk: Nach eurer zehn Jahre alten Erfahrung - habt Ihr vielleicht einen Tip für junge Producer?

Dego: Wenn ihr erfolgreich werden wollt, veröffentlicht immer die selbe Platte. Wenn sie Eure Platte plötzlich aufgreifen, macht diese Platte wieder und wieder, zwanzig mal, mit klitzekleinen Veränderungen. Dann wird man ein Held in der Drum’n’Bass-Welt. Fang nicht an, sie mit jedem Release zu verändern. Sei nicht zu ambitioniert, denn sonst wirst Du als gefährlich eingestuft.

][ ido, sugar shock, simon v, lightwood


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