OUK das einund20ste ± gewagt & behende ± Okt/Nov 99 Beanfield

Beanfield

Immer dann, wenn Englands Hipster-Presse ins Schwärmen gerät und von einer Trendwende in Sachen Musik spricht, kann man davon ausgehen, daß unter anderem von bestimmten Musikern aus Deutschland die Rede ist. Gerade das Münchner Label Compost und die darum gescharten Musiker und DJs, insbesondere Rainer Trüby Trio und Jazzanova, lassen die Journalisten vor lauter Superlativen Purzelbäume schlagen. Von einem „Aufbruch in eine neue Ära“ ist oftmals die Rede, von „ganz neuer Musik“ und dem Erbe Sun Ra’s und Miles Davis’.
Nicht anders bei Beanfield, dem Projekt von Compost-Chef Michael Reinboth, Poets-of-Rhythm-Bassist Jan Krause und Keyboarder Tobias Meggle. Mit ihrem ersten Album „Beanfield“ und vor allem mit der Maxi „Close the Gap“ sorgten sie bei Jazzfans und Elektroheads gleichermaßen für helle Freude. Doch kann man hier wirklich von einer gänzlich neuen Musik sprechen, oder sollte es man bei einer Weiterentwicklung belassen? Denn der eigentliche Unterschied zu vergleichbarer Musik älteren Datums ist der Austausch von Sounds und das Ersetzen von Musikern durch Geräte. Ansatz und Zugang zur Musik bleiben jedoch dieselben und gerade deshalb erfahren Beanfield soviel Anerkennung. Ihr neues Album „Human Patterns“, hält sich in einer deutlich weicheren und träumerischeren Atmosphäre auf. Wo andere im Studio schrauben, basteln und programmieren, erschaffen Beanfield eine komplexe Klangwelt, zusammengesteckt aus allerlei Samples und Sounds. Harmonie und Arrangements bestimmen das Erscheinungsbild - und die dezenten und doch so treibenden Beats. Dabei hilft vorallem Jan Krauses langjährige Berufserfahrung als Toningeneur. Zerstückeln von Samples und anschließendes wiederzusammensetzen ist seine Lieblingsbeschäftigung, seine Erfahrung als Bassist gibt ihm dabei die nötige spielerische Freiheit. Michael Reinboths Erlebnisse als durch die Welt tourender DJ kommen nicht weniger zum Einsatz. Durch sie findet man die richtige Struktur, setzt den Break an die richtige Stelle und sorgt somit für Spannungsauf- und -abbau.

Wir unterhielten uns mit Jan Krause über Sampletechniken, Soundästhetik und darüber, was Beanfield eigentlich macht ...

ouk: Wo würdest Du denn nun euren Stil einordnen? Was für eine Art Musik macht ihr?

Jan: Nun, es ist nicht einfach, das einzuordnen. Also, so blöd das jetzt klingen mag, aber ich würde es irgendwie „Future Jazz“ nennen. In Anlehnung an den für die Jazzanova-Sachen benutzten Begriff „High Speed Jazz“. Jazz beeinflußt uns sehr stark, insofern paßt der Ausdruck schon.

ouk: Gerade mit eurem neuen Album habt ihr euch ja sehr stark in Richtung Jazz bewegt.

Jan: Richtig, diese Entwicklung stellte sich eigentlich schon nach der ersten LP ein. Ich habe zu Hause auch schon immer alte Jazzplatten gehört. Diese Entwicklung war dann eigentlich die logische Konsequenz daraus. Eine weitere rein elektronische Platte zu machen, wäre für uns nicht mehr so interessant gewesen. Und dann liegt das sicherlich auch daran, daß Tobi und ich selbst Instrumente spielen und dieses können dann bei Beanfield einbringen. Warum sollte ich mich mit einem Sequenzer begnügen, der für mich etwas spielt, wenn ich es selbst spielen kann. Man hat dadurch auch viel mehr Freiheit.

ouk: Aber vieles ist auch am Computer entstanden, oder?

Jan: Ja klar, viele Sachen sind programmiert. Man wird aber auch ständig besser in der Art, wie man programmiert, wodurch man viel mehr Möglichkeiten hat und feiner Arbeiten kann. Wir können auch alle die Maschinen im Studio bedienen. Man könnte sogar sagen, daß wir uns gegenseitig die Hand geben. Wenn man selbst am Computer arbeitet bzw. Etwas einspielt, hört man die Nummer auf eine ganz andere Art und Weise, als wenn man daneben sitzt und einfach nur zuhört. Darin liegt auch der Vorteil, zu zweit oder zu dritt zu arbeiten. Derjenige, der im Hintergrund sitzt, kann auf recht unbefangene Art zuhören und hat so einen ganz anderen Eindruck vom Ganzen.

ouk: Siehst Du eure Art des „Future Jazz“ als wirklich neue Musik, wie manche Magazine es ständig prophezeien?

Jan: Nein, auf keinen Fall „Neue Musik“ in dem Sinne. Wir machen herkömmliche Musik, die eben auf andere Art und Weise entsteht, als das vor 30 Jahren der Fall war. Ich will auch nicht auf Teufel komm rauß etwas ganz Neues machen, denn oftmals ist es so, daß diese „Neue Musik“, also diese avantgardistischen Sachen, nicht so spektakulär sind, wie sie sich in der Theorie anhören. Ich bleibe lieber beim Konventionellen und sage mir: „Diese Nummer gibt es zwar schon, aber es ist eine gute Nummer, die mir jetzt gefällt“. Aber das muß jeder für sich selbst entscheiden. Jeder empfindet Musik ja auch anders. Manche Platten verstehe ich vielleicht einfach noch gar nicht. In zwei Jahren sage ich dann: „Hoppla, das ist ja richtig gut!“.

ouk: Spielt digitaler Sound bzw. analoger Sound für dich eine Rolle?

Jan: Ich glaube ich kann das ziemlich einfach beschreiben. Im Endeffekt ist es mir wirklich egal, ob digital oder analog. Letztendlich geht es darum, daß es so klingt, wie ich es mir vorstelle. Wie das dann zustande kommt, ist egal. Da muß man sich einfach frei machen. Gerade in Deutschland gibt es da viele unnötige Diskussionen darüber. Ein Atari oder ein 4-Spur-Rekorder können wahnsinnig aufregend und gut klingen. Man braucht nicht immer das teuerste, denn eigentlich ist es die Idee, die zählt.

ouk: Tretet ihr auch live auf?

Jan: Nein, noch nicht. Wir spielen allerdings schon eine Weile mit dem Gedanken. Das Problem eines Live-Auftritts liegt jedoch darin, wirklich etwas live zu machen. Es gibt so viele Live-Acts, die fast alles von Band laufen lassen bzw. Von Band laufen lassen müssen. Wir wollen aber noch genügend Raum haben, selbst bestimmte Parts spielen zu können. Daran scheitert das Ganze im Moment noch, denn ich will auch nicht einfach ein bißchen nebenherklimpern - das muß dann schon richtig gut sein.

ouk: Wie sehen eure Pläne für die Zukunft aus?

Jan: Also so eine Live-Geschichte schwirrt mir schon im Kopf umher, das will ich schon noch mal machen. Ansonsten gibt es aber nichts konkretes. ][ mb



Beanfield Diskographie

12” - Charles (Compost 005)
12” - Keep On Believing (Compost 016)
2-12” - The B.J. Harris Experience EP (Compost 028)
2-LP - Beanfield (Compost 033)
12” - Elektro-Kraut Remix-Vol. 1 (Compost 043)
12” - Planetary Deadlock Remix-Vol. 2 (Compost 044)


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