MUSIK IM
AUSKLINGENDEN JAHRTAUSEND
Der Tübinger Gitarrist Thomas Maos (Dead Poets) über das Projekt N.I.E.T., Innovationen, Forschung, musikalische Visualisierung, präparierte Instrumente und eine Szene jenseits herkömmlichen Musikverständnisses. Von Trash Metal bis Blues, von Klassik bis Techno, von Hip Hop bis Jazz und zurück. Willkommen im Karussell musikalischer Vielfalt und alles was ihr tun müßt ist: Zuhören!
... oder folgendes Interview lesen.
NYC NEW DIMENSIONS
ouk: Du kommst gerade aus New York City. Hast du neue musikalische Impressionen gesammelt oder einfach nur Urlaub gemacht?
Thomas Maos: In erster Linie ging es mir darum verschiedenartigen Input zu bekommen. Ich bin nicht jemand, der sich nur eine Richtung anschaut und darin spezialisiert. NYC hat eine wahnsinnige Power, weil eigentlich die ganze Welt in dieser Stadt lebt. Alle Kulturen sind hier vertreten. Das spürst du irgendwie. Der eigene Background, die eigene Kultur - alles wird relativ. Man läuft durch China-Town und versteht kein Wort mehr, weil alle nur chinesisch sprechen. Das finde ich sehr angenehm.
ouk: Wo hast du dir dann dort deinen musikalischen Input geholt?
TM: Wir waren in der Knitting Factory [...dem unwissenden Interviewer wird der Vergleich mit der Entwicklung des Jazz im Londoner Blue Note dargebracht...], mittlerweile ein richtiger Touri-Laden, der demnächst auch in Los Angeles eröffnet, in Amsterdam so eine Art europäische Zentrale hat und höchstwahrscheinlich im Frühjahr in Berlin aufmacht. Vor ca. zwanzig Jahren hatte die Knitting Factory die Szene unterstützt und um sich geschart, die bis dahin von der bestehenden Musikindustrie überhaupt keine Beachtung fand, sehr viele experimentelle Musiker, sehr viele Noise-Musiker.
Noise heißt ja
nicht nur Krach,
sondern
auch Geräusch.
Musiker wie Eugene Chadbourne, der auf seiner Gitarre eine Mischung aus Bebop und Country spielte oder John Zorn, der eine zeitlang dafür bekannt war, daß er in Jagdgeschäften sämtliche Lockrufpfeifen kaufte, sie auf sein Saxophon montierte und damit spielte. Solche Art noisige, experimentelle Improvisationsmusik haben sie dort dann hochgezogen. Man findet hier interessante Konzerte von Leuten, die man sonst nicht so einfach zu hören bekommt, vor allem viele Japaner aus der japanischen Noise-Szene. Es entstehen dort oft sogenannte ad-hoc-Projekte, die dann nur ein einziges Mal auftreten.
Dann waren wir noch im Tonic, ein Laden, den John Zorn aufmachte, nachdem er sich mit der Knitting Factory verkracht hatte, und da ist richtiger Underground. Der Laden ist knackevoll, die Besucher hören richtig zu und es geht ziemlich ab. Die Musiker ziehen ihr Ding durch, das zwar sehr abgedreht und verrückt ist, doch nehmen sie sich selber ernst und werden somit auch ernst genommen.
Da ist kein
Entertainment
nötig.
Hier treten sehr viele Pop-Projekte auf, aber welche, die man sonst eher nicht trifft. Wir waren z. B. bei einem Konzert von einem Duo, bestehend aus einer Frau, die Keyboard, Bass, Gitarre und Sampler gespielt, dazu gesungen hatte und dann war noch ein Gitarrist mit einigen Effektgeräten dabei. Sie hatten keinen Drummer und so hat der Gitarrist die ganze Zeit mit dem Fuß gegen die Bassdrum getreten. Die haben dann so richtig schöne Songs gespielt, wurden immer extatischer und zum Schluß war es nur noch Krach. Insgesamt war ein enormer Spannungsbogen zu spüren.
ouk: Wird dort auch getanzt oder nur zugehört?
TM: Bei der Performance wurde nur gehorcht, aber ein Tag zuvor war ein Electronic Festival, wo DJs zusammen mit Musikern spielten und da wird dann schon getanzt.
Im Contemporary Art Center in Queens haben wir dann eine Show von einem Japaner gesehen, der eine Art Dolby-Surround-Performance darbot und nur mit CD-Playern arbeitete, die er quasi als Sampler benutzte. Die hat er ständig gewechselt und einen atemberaubenden Klangteppich erschaffen.
Zu guter letzt besuchten wir noch das Les Paul. Hier tritt jeden Montag immer noch regelmäßig der achtzigjährige Les Paul himself auf, der in den 40er Jahren die elektrische Gitarre erfand - zu dieser Zeit eine Revolution! In den 50er Jahren hatte er dann ein paar Hits geschrieben und entwickelte das Mehrspurverfahren. Er war seiner Zeit voraus - ein Avantgarde-Musiker.
Die E-Gitarre ist
vielleicht eines
der wichtigsten
Instrumente des
Jahrhunderts
und die Leute haben ihn damals für verrückt erklärt.
ouk: Ist er mit dem, was er heute macht, immer noch seiner Zeit voraus?
TM: Nein, er hat jetzt seinen Stil gefunden, sehr jazzig. Aber er hat eine überzeugende Art zu spielen. Alles klingt immer noch frisch. Das finde ich sehr erstaunlich. Er lädt sich regelmäßig Gäste ein, die dann mit ihm spielen müssen und das Witzige ist, daß er diese Persönlichkeiten meist gar nicht kennt, weil jene oft dreißig bis vierzig Jahre jünger sind. Als wir dort waren, war z. B. Bill Gibbons von ZZ Top geladen. Die Promis haben dort auch gar nicht dieses Stargehabe und er verarscht sie zum Teil sogar ein bißchen.
Adressen:
Tonic: 107 Norfolk St., Lower East Side, Manhattan
Knitting Factory: 74 Leonard St., Soho, Manhattan
BEGRIFFSKLÄRUNG
ouk: Beim Betrachten des Untertitels des von dir mitorganisierten Festivals CAMP 99 (= creative arts and music pool; Näheres s. u.) habe ich mich gefragt, was wohl der Unterschied zwischen frei improvisierter und experimenteller Musik ist. Kannst du das erläutern?
TM: Frei improvisiert heißt nicht immer experimentell.
Experimentell
ist eine
bestimmte Haltung,
mit der man etwas
macht.
Experimentell heißt, daß man experimentiert, was wiederum bedeutet, daß man den Ausgang nicht kennt. Man riskiert etwas und es kann scheitern oder auch gelingen. Man ist auf der Suche. Es sind verschiedene Settings, Instrumente oder Einstellungen vorgegeben, die dann miteinander kollidieren und man wartet ab, was passiert.
Bei der Freien Improvisation gibt es bestimmte Regeln bzw. Verbote, die von dem italienischen Ensemble Nuova Confonanza aufgestellt wurden, die da wären:
- keine rhythmische Periodik
- keine vorgegebene Tonalität
- keine Priorität eines einzelnen Spielers (keine Soli)
- keine einprägsamen Motive
- keine Wiederholung eines Gewesenen
Tonalität ist hier im Sinne der europäischen Musik gemeint, die nur zwölf Töne kennt. Wenn du jetzt ein Instrument spielst, das keine Bünde hat, wie z. B. eine Geige oder eine singende Säge, dann bist du in der Lage, dich über diese Tonabstände hinwegzusetzen. Mit dem Klavier z. B. ist dies wiederum sehr schwierig. Mit dem Keyboard ist es möglich, wenn man es kalibrieren kann. Auch das Geräusch spielt in der frei improvisierten Musik eine wichtige Rolle. Jedes Instrument hat ein unendliches Arsenal an Geräuschen. Ein typisches Schlagwort ist zudem das Instant Composing, d. h. in dem Moment, wo man etwas spielt, erschafft man eine Komposition.
Wenn man sich mit dieser Musik beschäftigt, gibt es Begegnungen, die spannend sind. Das spürt man irgendwie. Für einen Laien ist das u. U. schwer nachzuvollziehen. Und manchmal hat man das Gefühl, alle spielen nebeneinander her. Das passiert Anfängern und Profis genauso. Das hat was mit Vibes zu tun. Manche können einfach nicht zusammen spielen, selbst wenn sie sehr gut sind.
Die Freien Improvisierer sind trotzdem nicht experimentell. Man kann es natürlich nicht ganz trennen. Jeder forscht irgendwie. Aber in dem Moment, wo dieser auf die Bühne geht, hat er ein bestimmtes Repertoire, mit dem er spielt. Und das ist nicht experimentell. Jeder Freie Improvisierer entwickelt im Laufe seines künstlerischen Schaffens ein Vokabular, eine Sprache. Und mit dieser Sprache arbeitet er, wenn er mit anderen spielt. An diesem Punkt ist dann entscheidend, welche Haltung du einnimmst. Gehst du über dein Vokabular hinaus? Riskierst du etwas? Oder arbeitest du strikt mit deinem Vokabular?
Mit dem Begriff experimentell können die meisten mehr anfangen, denn das klingt eben irgendwie schräg. Das ist aber Schwachsinn. Experimentell heißt letztendlich, daß man experimentieren und ausprobieren kann. Das beinhaltet auch, daß man Leute aus ganz verschiedenen Szenen zusammenbringt, z. B. die aus der elektronischen mit denen aus der klassischen. Genau das findet z. B. in der Freien Improvisations-Szene nicht statt. Sie ist zum Teil sehr geschlossen. Der Zugang ist sehr schwer.
Wenn man einen Einblick in die anderen Musikszenen bekommt, muß man oft eine extreme Verschlossenheit feststellen, z. B. bei den ganzen Bluesern. Ich mag die Musik ja, aber ich kann nicht verstehen wie so ein Groovefanatiker sich sonst für gar nichts anderes interessiert. Blues kommt aus Amerika. Das müßte uns doch eigentlich viel fremder vorkommen, wie z. B. Kraftwerk oder Elektronik. Elektronische Musik ist Musik von hier.
ouk: Aus welchen Musiksparten kommen die Gäste beim CAMP 99?
TM: Hauptsächlich aus dem Klassik-Bereich, was daran liegt, daß wir keine guten Gagen zahlen können. Das heißt nicht, das die Leute jetzt schlecht sind. Der Ire John-Wolf Brennan z. B. ist durch sein Wohlpräpariertes Klavier bekannt geworden. Er kommt mit einem Mülleimer auf die Bühne und leert alle möglichen Hilfsmittel in den Flügel: Hammer, Nägel, Magnete, Papier... Dann steigt er hinterher, man sieht nur noch die Füße aus dem Flügel herausragen und die wundersamsten Klänge ertönen. Bei Klavier- oder Flügel-Spielern ist dieses sogenannte Inside-Playing sehr beliebt.
ouk: Welche Instrumente werden in der Szene noch alles präpariert?
TM: Schlichtweg alles. Saiteninstrumente eignen sich eigentlich am besten dafür. Man lernt dabei auch sehr viel über Materialien. Holz erzeugt ja ganz andere Klänge als Metall. Ich präpariere meine Gitarre ausschließlich mit Haushaltsgeräten oder elektronischen Teilen und Filtern.
ouk: Die Möglichkeiten deiner Präparierten Gitarre scheinen dich stark zu faszinieren. Hast du überhaupt noch Lust, klassisch Gitarre - auch im Bandkontext - zu spielen?
TM: Klar. Irgendwann kommt der Sättigungsgrad. Dann schnappe ich mir eine Dobro, so eine richtige akustische Gitarre aus Stahl, und spiele Ragtime. Das ist schon ein Wechselspiel. Es gibt immer eine Gegenbewegung zur eigenen Entwicklung. Je experimenteller man wird, desto stärker sucht man auch wieder das Bodenständige. Man geht zurück, schaut wo die Musik herkommt, wo die eigenen Wurzeln liegen. Das passiert automatisch, vielleicht auf der Suche nach Ausgleich. Ich denke, das kann jeder, der sich weiterentwickelt, nachvollziehen.
NEW IMPROVISER
ENSEMBLE TÜBINGEN
ouk: Seit wann existiert N.I.E.T.?
TM: N.I.E.T. gibt es seit ca. vier bis fünf Jahren. Ich hatte damals ein einmaliges Projekt im Jazzkeller in Tübingen gemacht. Dort waren zwar nicht sehr viele Besucher, aber bei mir war ein starker Drang vorhanden, so etwas fortzuführen, keine feste Band in dem Sinne zu gründen, sondern eine Art Improviationsbühne zu schaffen. Der Club Voltaire in Tübingen bot sich an, stellte ein Budget zur Verfügung und ich suchte die Musiker zusammen, wie ich sie mir vorstellte. Das Konzept ist dann mit der Zeit gereift.
ouk: Fällt N.I.E.T. unter die Kategorie frei improvisiert oder experimentell oder beides?
TM: Beides. Wir hatten einen Austausch mit der Dresdner Szene, die sehr gut ist, aber das war mir irgendwie zu brav.
Ein bißchen
Anarchie gehört
eben mit dazu.
Frei improvisierte Musik kann auch die Gefahr in sich bergen, daß sie so perfekt ist, daß sie unbeweglich wird.
Wenn zu einem Konzert nur Leute aus dieser Szene kommen, dann ist das wie eine Auslöschung. Zwischen Publikum und Künstler findet dann nur eine Art Bestätigung statt. In den seltensten Fällen hat man Zuhörer, die man mit dieser Art von Musik anstößt, denen man etwas Neues näherbringt. Deswegen arbeiten wir auch mit Gästen zusammen, die aus verschiedenen Musik-Szenen kommen.
Die Bedeutung des Publikums ist ein sehr großes Problem. Derek Bailey, sozusagen der Vater der frei improvisierten Musik, hat sich in seinem Buch Improvisation its nature and practice in music eingehend damit beschäftigt. Er verlangt, daß man sich über den Eingriff des Publikums ganz genau im klaren sein muß. Allein durch die Anwesenheit kann es sein, daß du dein Verhalten auf der Bühne veränderst, z. B. anfängst Gimmicks zu machen. Da brennt dann der Entertainer doch mal mit dir durch. Du willst eben gefallen. Deshalb hat Miles Davis auch immer mit dem Rücken zum Publikum gespielt, weil er sich diesem Einfluß entziehen wollte, um sich nur auf seine Musik konzentrieren zu können. Das wurde dann natürlich völlig falsch gedeutet.
ouk: Gab es in der Vergangenheit mal besondere Reaktionen seitens des Publikums?
TM: Dadurch, daß der Club Voltaire so klein ist, redet man danach mit den Zuhörern. Leute, die regelmäßig kommen und ein Ohr für die Musik haben, sich mit ihr beschäftigen, reagieren manchmal sehr seltsam oder skeptisch, wenn wir eine komische Mischung an Gastmusikern eingeladen haben. Ich finde es
grundsätzlich spannend,
wenn bei so einem
Konzert die Gefahr
des Scheiterns besteht.
ouk: Worin besteht heute die Absicht von N.I.E.T.?
TM: So weit ich das steuern kann, möchte ich eigentlich, daß die Musiker des Ensembles dies als Gelegenheit auffassen, an sich zu arbeiten. Dadurch, daß wir immer einen Gast haben, ist man dann auch gezwungen, sich zu öffnen.
VISUALISIERUNG
ouk: Inwiefern spielt der visuelle Aspekt eine Rolle? Bei N.I.E.T. ist ja auch Jörg Kallinich mit von der Partie, der eine völlig eigene Art von Diaprojektionen entwickelt hat.
TM: Abstrakte Kunst ist ein wichtiges Stichwort. Jörg war ein ziemlicher Glücksfall. Ich glaube, er ist der einzige, der mit Bildmaterial oder besser gesagt mit Dias live improvisieren kann. Es entsteht somit ein schönes Wechselspiel zwischen Bild und Ton. Man beeinflußt sich gegenseitig.
Ganz allgemein gesagt, sind wir ja alle völlig americanized was Bild und Ton anbelangt.
Die heutige Generation
schaut sich den
Videoclip an und
beurteilt danach die Musik.
Wir sind gewohnt, daß der Ton die Botschaft des Bildes transportiert. Diese Musik ist dann nicht frei. Sie ist untergeordnet oder zweckgebunden. Unser Ziel besteht eher darin, daß beide Medien gleichberechtigt nebeneinander stehen. Das ist jedoch bedingt umsetzbar, weil immer wieder dieses Wechselspiel zwischen Reaktion und Aktion hervortritt.
Wir haben im Mai in Köln gespielt, wo sehr viele Kunsthochschüler gekommen sind. Als ich danach mit ihnen gesprochen hatte, hatte ich den Eindruck, daß sie schräge Musik besser konsumieren können, wenn visuelle Informationen mit dazu geliefert werden.
Ausschließlich mit der Musik kann man heutzutage wenig erreichen. Das beste Beispiel ist Dieter Thomas Kuhn... Klar, die Musik spielt eine Rolle, weil man es zwanzigtausend Mal hört und dann den Text mitsingen kann. Doch letztendlich ist seine Show für den Erfolg verantwortlich. Irgendwie aber auch wieder genial... Im
Hip Hop-Bereich spielt dann eher die Community eine Rolle. Zumindest wird es nach außen hin so verkauft.
INNOVATION
ouk: Wollt ihr als Ensemble einen neuen Sound erschaffen, gar ein neues Musikgenre? Betreibt ihr Klangforschung? Was sind eure Beweggründe?
TM: Zwanghaft etwas neues erschaffen ist eigentlich Quatsch! Klangforschung trifft eher zu... neue Wege, neue Klänge suchen. Der Spielraum bei frei improvisierter/experimenteller Musik ist sehr groß und kann jederzeit ausgeweitet werden.
Ganz allgemein kann man sagen, daß im Moment gerade das Klangspektrum ziemlich ausgearbeitet wird. Es kommen Klänge zutage, die zwanzig Jahre verschollen waren. Die hatte man in den 60ern entdeckt, als der analoge Synthesizer (Moog) gebaut wurde. Rein elektronische Klänge, nicht der ganze Schrott, der dann kurze Zeit später auf den Markt kam, mit denen man z. B. ein Cello elektronisch nachempfinden konnte.
Oder betrachten wir einmal den Drum-Bereich. Früher hat man aus Spargründen angefangen, die Drummer zu ersetzen. Jeder Drummer hat dann eine 707 oder 808 gehabt. Der Drumcomputer hat ja auf einem sehr schlechten Niveau versucht ein richtiges Schlagzeug zu imitieren. Im Techno-Bereich spielt er jetzt aber wieder eine wichtige Rolle. Das Phänomenale ist aber jetzt, daß sich das umgekehrt hat. Die Drummer versuchen, die Drumcomputer zu imitieren. Das ist eine echte Herausforderung!
ouk: Wenn man also momentan von musikalischen Innovationen sprechen kann, bestehen diese nicht darin, wie man Sounds arrangiert, sondern eher darin, wie man sie erzeugt?
TM: Ja, aber ich glaube eher, daß das Geräusch, egal woher es kommt, eine immer größere Rolle spielt. Das Geräusch als Bestandteil der Musik. In der Hinsicht hat man viel der Techno- und auch der Noise-Bewegung zu verdanken. Das ist fast schon eine Rückentwicklung. Die Musik wurde immer reiner gewaschen, bis irgendwann die Stammtöne da waren, das Wohltemperierte Klavier, saubere Töne eben. In diesem Jahrhundert fangen wir wieder an, viele Töne wiederzuentdecken, die wir verdrängt haben, auch viel Archaisches. Schau dir Death Metal oder Trash Metal an... Es gibt nichts Archaischeres... Die Musik wird wieder schmutziger. Wenn einer drei Stunden lang ins Mikrofon grunzt, kann man nicht gerade sagen, daß das ein Ausdruck hoher Zivilisation ist.
Doch vielleicht
ist es genau das,
was der Musik
in den letzten zwei
Jahrhunderten
gefehlt hat.
Strawinsky stellt mit Le sacre de printemps aufgrund der teilweisen Brachialität vielleicht noch eine Ausnahme dar. Heftige Kritik war das einzige, was er damit erntete. Jede musikalische Epoche wird immer bombastischer, bis sie von irgend etwas Anarchistischem zerstört wird.
ouk: Läßt sich eure Szene in irgendeiner Weise vermarkten?
TM: Knitting Factory, Fred Frith oder John Zorn sind einige wenige Beispiele dafür. Ansonsten bist du eher ein Einzelkämpfer, der verschiedene Projekte auf die Beine stellt. Du machst dir dann immer mehr Namen, aber es geht sehr langsam vorwärts. Die Individualität spielt hier eine gewichtige Rolle. Das Handwerk muß man beherrschen und gleichzeitig etwas Eigenes, Wiedererkennbares haben, um sich von den anderen zu unterscheiden.
ouk: Du planst gerade deine eigene CD. Wirst du gewisse Kompromisse eingehen, um dem Zuhörer den Zugang zu deiner Art von Improvisation zu erleichtern? Läßt du aktuelle musikalische Entwicklungen mit einfließen?
TM: Ich schaue, daß das, was ich mache, mich selber irgendwie kickt.
][ lightwood
TMs Faves
Frei improvisierte/Experimetelle Musik
- Derek Bailey Guitar, DrumnBass (Avan)
- The Sign of 4 (Knitting Factory Works)
- John Zorn The Book of Heads (Tzadik)
- Elliott Sharp/Zeena Parkins Psycho-Acoustic (Victo)
- Hans Reichel Coco Bolo Nights (Free Music Production)
- Elliott Sharp/Vernon Reid/David Torn Gtr Oblq (Knitting Factory Records)
- Fred Frith Guitar Solos
- Caspar Brötzmann/F.M. Einheit Merry Christmas (Our Choice/Rough Trade)
- Gino Robair Singular Pleasures (Rastascan Records)
Made in Tübingen
- Björn Eichstädts Collaboration Series Vol. 1
(Eigenvertrieb: bjoern.eichstaedtATstudent.uni-tuebingen.de)
- Forbidden Planet Music for an imaginary Science Fiction-Movie
(Eigenvertrieb: bjoern.eichstaedtATstudent.uni-tuebingen.de)
& coming soon: NIET CD
Contact: Thomas.Maos@gmx.net
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