4 Jahre Depot
4 gewinnt heißt es am 11. Dezember im Depot, dem Club in der Tübinger Eisenbahnstraße, denn zum vierten Mal jährt sich in diesen Tagen die Eröffnung eines Etablissements, das nicht nur im Einzugsgebiet des kleinen Universitätsstädtchens für längst überfällige Abhilfe im Angebotsdefizit moderner elektronischer Tanzmusik sorgte, sondern sich darüber hinaus durch konsequente und lernfähige Programmarbeit einen ausgezeichneten Ruf weit über die Kreis- und Landesgrenzen hinweg erworben hat. So setzte Michael Reinboth vom Münchner Compost-Label in einer Rangliste bundesdeutscher Clubs für das wom-Magazin das Depot auf den zweiten Platz, und von Fanta-4-Star Hausmarke hörte man gar (über Dritte, was die Glaubwürdigkeit der Aussage nur erhöht!), daß es in ganz Deutschland keinen besseren Laden zum HipHop-Auflegen gebe. Kein Wunder also, daß auch aus der Landeshauptstadt Stuttgart, die von ihren Szenegängern auch gerne mit dem völlig unangemessenen und großkotzigen Attribut Soundcity belegt wird, immer wieder neidische Blicke auf das Juwel in der Regio 50 geworfen werden.
Bis heute bleibt es selbst für das zweiköpfige Betreibergespann ein Mysterium, wie es nach hartnäckigem Nachhaken letztendlich an die großzügigen Räumlichkeiten neben dem Fabrikgebäude der Firma Möck gekommen war, die in mühevoller Eigenarbeit ein clubbetriebstaugliches Outfit verpaßt bekamen. Im Ungewissen liegen auch deren mittelfristigen Perspektiven, denn irgendwann werden sich andere Interessen bei der Nutzung des Geländes durchsetzen, wie die zwischenzeitlich in der Lokalpresse für Wirbel sorgende Debatte um die Errichtung eines hypermodernen Multiplex-Kinos dort bereits zeigte. Das Projekt scheiterte jedoch, und die Planungen der Stadt bezüglich des Gesamtareals liegen derzeit auf Eis, so daß man getrost von ca. zwei weiteren Jahren Clubbetrieb im Depot ausgehen kann.
Dessen Vorläufer bis zum Bezug der jetzigen Vinyl-Abspielstätte kristallisierten sich bei selbstveranstalteten House-Muzik-Abenden in wechselnden, z.T. angemieteten Örtlichkeiten heraus, die im Schnitt so von ca 60 Leuten besucht wurden. Und der House-Beat, diese grundlegendste und selbstverständlichste kleinste Einheit von Musik überhaupt (noch einfacher und schlüssiger als der RocknRoll !), bildet auch das Fundament für die z.T. mit sehr viel Akribie gestaltete programmatische Ausrichtung des Clubs. Seit Anbeginn bildet der bis heute funktionierende allfreitägliche House-Abend Movin on die Speerspitze des Angebots. Er wird neben den Betreibern Don Jorge und Fullhouse, die zusammen mit dem Rottenburger Exil-DJ Joel Charlemagne die residierende Depot House Crew bilden, auch immer wieder von bekannten Gast-DJs bestritten, die regelmäßig den Weg nach Tübingen finden. Kaum ein prominenter Name aus der House-Szene, der noch nicht die 1210er im Depot bedient hätte. Und die Augen eines manchen Besuchers werden feucht, wenn er an die Abende mit Hans Nieswandt, DJ Pierre oder Kerri Chandler zurückdenkt, die hier nur stellvertretend für viele genannt werden sollen.
Problematischer gestaltete sich die Entwicklung des anfänglich mit einem gemischten Tanzmusik-Angebot gut laufenden Samstags, der aber nach kurzer Zeit, als der Reiz des Neuen abebbte, aus bis heute nicht wirklich nachvollziehbaren Gründen einbrach und die Erstellung eines neuen Konzepts erforderlich machte. So begann man, eingebettet in ein übersichtliches Monatsprogramm, einzelnen Samstagen feste Stilrichtungen zuzuordnen, deren Durchführung dem persönlichen Kontakt zu regionalen Protagonisten der jeweiligen Genres zu verdanken war. Pressure beispielsweise (heute normalerweise am ersten Samstag im Monat) enstand aus dem Drum & Bass-Abend des Jugendzentrums Epplehaus und kann heute auf legendäre und teilweise brechend volle Veranstaltungen mit Kultgrößen wie Kemistry & Storm, Peshay oder Grooverider zurückblicken, zu denen Fans aus ganz Baden-Württemberg anreisten und für geschichtsträchtige Aufbruchsatmosphärik sorgten, wie man sie hier seit dem Hereinplatzen von Punk/New Wave Anfang der 80er Jahre nicht mehr erlebt hatte. Auch die Gründung des Tübinger D&B-Labels Santorin ist sicherlich ohne diese Entwicklung nicht denkbar.
Ferner gilt es die ebenfalls permanent sehr gut laufenden Hip-Hop-Abende mit Momo Farace und/oder Thomilla bzw Hausmarke, sowie das Detroit-Techno-Event Hydraulik (Adventures in Techno Soul) zu erwähnen, das einst an einem Donnerstag vor 12 Besuchern begann und nun alle paar Wochen samstags 300 bis 700 Gäste anzieht. Abgerundet wird das Ganze in dieser Samstags-Schiene mit Ausflügen in Sachen Trip-Hop-Jazz, Latino und Soul, und ansonsten noch mit gelegentlichen Programm-Extras (Ska-Konzerte, Madonna-Night, 80s Pop). Einzig die Anhänger von Trance-Techno und Goa bleiben in der ansonsten doch recht breitgefächerten Angebotspalette geschmackvoller Clubmusik aus vielleicht etwas zu esoterischen ideologischen Vorbehalten unberücksichtigt.
Insgesamt jedoch überzeugt die gelungene Mischung aus notwendiger programmatischer Strenge und dem vor allem in der abendlichen Praxis relevanten Eingehen auf das Publikum. Das Depot hat es geschafft, sich auch gastronomisch halbwegs zu stabilisieren (wobei die harte steuertechnische Seite dieses finanziellen Abenteuers z.T. unangenehme Lernprozesse erforderte), ohne dafür konformistische Einschnitte ins inhaltliche Konzept vorzunehmen oder unangemessene Preispolitik zu betreiben (beides typische Stuttgarter Krankheiten). Anstatt das hechelnde Mainstream-House-Verständnis von Tune-Brothers-Veranstaltungen nachzuäffen, praktiziert man ein Stück weit stilistische Eigenständigkeit, gerne im deepen Bereich, aber beileibe nicht nur. In Zukunft wird es wohl weniger Buchungen von Gast-DJs geben, da diese nicht mehr, wie noch früher, automatisch 200 Besucher mehr anziehen, außer es handelt sich um absolute Top-Prominenz. Die Depot House Crew traut sich inzwischen zu, im Wechsel mit befreundeten oder Austausch-DJs, den Abend genau so gut zu inszenieren wie viele ihrer von den Agenturen mit satten Gagen angebotenen Kollegen. Die leidlich konstanten Besucherzahlen bei Movin on geben ihnen recht, auch wenn sich ein Großteil des Publikums mehr aus dem Umstand fehlender wirklicher Alternativen rekrutiert als aus seiner etwaigen programmatischen Sensibilität. Doch stellt die Geschichte vom Schicksal des Propheten im eigenen Lande ja auch auf diesem Gebiet keine sensationell neue Erkenntnis mehr dar.
Zwar wissen viele Leute in Tübingen und Umgebung gar nicht, welch herausragendes kulturelles Aushängeschild sie mit dem Depot haben, missen möchten sie es aber dennoch nicht. Die Leistung, bei diesem Balance-Akt über 4 Jahre eine beachtliche Figur abgegeben zu haben, muß man den Betreibern in jedem Falle anerkennen. In diesem Sinne sagt auch ouk gratulierend, wenn es am 11.12.99 mit den Depot All Stars 4 gewinnt ! heißt: Auf 4 weitere Jahre mehr! ][ hve
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