| das zweiund20ste ± schräg & durchsichtig ± Dez/Jan 00 | ouk interview: DJ Lee |
Lee: Timeless ist jetzt quasi offiziell angemeldet, als legale Firma. Viele Labels in England zahlen keine Steuern oder haben keine Steuern gezahlt. ouk: ... dasselbe gilt dann wohl auch für Prototype?
ouk: Wieviele Einheiten gehen bei Timeless über die Ladentheke?
ouk: Produzierst du selbst auch? Lee: Ich habe mir gerade wieder Equipment zugelegt, aber mein Computer hat mich schikaniert als ich ihn upgraden wollte. Mir sind seitdem schon insgesamt drei Motherboards kaputt gegangen. Außerdem habe ich gerade nicht die Zeit. Als DJ umherzureisen und bei Vinyl Distribution zu arbeiten verschlingt bereits genügend Zeit. Doch werde ich mein Studio noch erweitern und um die Weihnachtszeit herum loslegen. Aber ich werde mit Sicherheit dieses Jahr nichts mehr veröffentlichen, so nach dem Motto Hauptsache noch unbedingt in diesem Millenium releasen'. Vor langer Zeit produzierte ich Tracks auf Legend Records, auf DJ Phantasys Label und zusammen mit DJ Seduction, u. a. auch einen kleinen Hit, Touch of Darkness'. Nachdem wir 6000 Copys verkauft hatten und ich gerade einmal 700 Pfund bekam, habe ich das erst einmal an den Nagel gehangen. ouk: Wie funktioniert die Londoner Szene? Bekommen nur bestimmte DJs DAT-Tapes zum Dubplate-Schneiden? Lee: Nein, es existieren keine solchen bestimmten Kreise'. Das läuft ganz einfach ab: Der Produzent kommt ins Music House (Dubplate-Schneidwerk No. 1 in the world; Anm. d. Red.) und die DJs, die gerade da sind, schneiden sich die Tracks. Ich erinnere mich als Grooverider, Doc Scott und ich dort waren und Optical und Dom das erste Mal hinkamen. Optical hatte zwei Kisten voll mit DATs dabei... Moving 808s', Grey Odyssey'... Das Problem ist eben nur, daß namhafte Produzenten selektieren und letztendlich auch nur den namhaften DJs ihre brandneuen Tracks geben. ouk: Ist es auch andersherum der Fall, daß z. B. Grooverider dem Produzenten sagt, daß er nur ihm seine Tracks zum Schneiden geben darf? Lee: Nur wenn du als DJ einen Track für dein Label gesignt hast, quasi der erste bist, kann das vorkommen. Viele Tracks werden schon gesignt, bevor sie überhaupt jemand anderes zu Hören bekommt. Das ist der Knackpunkt. Du willst am Ende die guten Tracks für dein Label haben. ouk: Liegen die DAT-Tapes im Music House und wenn du kommst, kannst du dir sie nehmen? Lee: Die DATs sind schon da, aber du mußt dir eine Erlaubnis beim Produzenten einholen. Leon ist der Chef von Music House und seine Taschen sind das Mekka des Drum'n'Bass... :-) Er kennt die Leute und weiß, wer Tunes bekommen darf und wer nicht. Manche Produzenten lassen auch keine DATs bei Music House. Sie bevorzugen den persönlichen Kontakt oder schicken es dir per Post. ouk: Um auf die Musik zurückzukommen, die neuen Dillinja-Stücke "Tudor Rose" und "Nasty Wayz" sind zur Zeit wohl die meist gespielten Stücke... Lee: Dillinja ist eine Sache für sich. Er hat auch erst kürzlich angefangen, als DJ unterwegs zu sein. Für viele war er bis jetzt auch ein Rätsel, da er eigentlich in die Szene integriert ist, aber nicht nach außen hin in Erscheinung tritt. Seine Stücke sind nach wie vor brillant und viele sind glücklich, sobald sie ein neues Stück von ihm erhalten, und spielen es in jedem Set. Mir geht's da genauso. :-) Viele seiner Stücke sind auch schon älter, aber er hat sich jetzt erst entschieden, sie herauszugeben, was sicherlich auch mit seinem bevorstehenden Cybotron-Album zu tun hat, das hoffentlich im März nächsten Jahres veröffentlicht wird. ouk: Was macht sein Kollege Lemon D zur Zeit? Lee: Sein Album kommt bald auf "R&S" heraus. Genauso wie das Dillinja- Album ist es schon seit 3-4 Jahren in der Mache. So lange ist es schon her, daß die Verträge bei den Plattenfirmen unterschrieben wurden. Es ist offensichtlich, daß die Erwartungen mittlerweile sehr hoch gestiegen sind. Zudem steht mal wieder ein neuer Release auf ihrem eigenen Label "Valve" an (1 Release bisher, und das schon vor 2 Jahren...; Anm. d. Red.). ouk: Sehr verwunderlich warum sie nie auf ihrem eigenen Label veröffentlichen ... Lee: Das "Test"-Label war ursprünglich auch nur dazu gegründet worden, um ihre Stücke zu veröffentlichen, die nicht gut genug für "Valve" waren. Jedoch waren die "Test"-Releases sehr gefragt und so kam das Ganze ins Rollen ... Irgendwann ist ihnen dann wieder eingefallen, daß sie "Valve" ganz vegessen hatten. :-) ouk: Hast du eigentlich eine Idee, wie Dillinja seine sehr speziellen Verzerrungen erzeugt? Lee: Keine Ahnung, was für ein Betriebsgeheimnis dabei angewendet wird. Er hat auf jeden Fall ein sehr gutes Gehör und spielt auch seine Drums live ein. Natürlich nicht alle, aber er hat selber ein Schlagzeug, auf dem er oft spielt. Das Ganze samplet er dann und verfremdet es je nach Bedarf. Genauso wie er ein unglaublicher Techniker ist. Man kann sagen, daß er "eins" mit seinem Sampler ist. Er hat ja schon immer diesen harten Sound gemacht und dabei jeden einzelnen Sample bis zum Maximum ausgesteuert. Ich glaube auf dem Metalheadz-Video ("Talkin' Headz - The Metalheadz Documentary", erschienen November 1998 bei Manga Entertain-ment; Anm. d. Red.) sprechen sie davon, wie schwer es ist, seine Stücke auf Platte zu schneiden. Dabei sollen schon einige Stichel kaputt gegangen sein... ouk: Hast du das Matrix-Album schon gehört? Lee: Ja, es ist sehr gut, aber es wird noch einige Veränderungen geben. ouk: Wie sind die Stücke? Sehr deep? Mit Gesang? Lee: Ich würde sagen, daß es nach "Matrix" klingt, sehr deepe Roller einfach. Überraschend ist, daß es auch einige harte Stücke geben wird, die eher an seinen Bruder Optical erinnern. Es wird auf jeden Fall ein gutes Album werden, aber ohne Gesang. Das Ganze soll etwa zu Weihnachten / Neujahr herauskommen, auf "Virus", das wohl populärste Label zur Zeit, nachdem das "Wormhole"-Album eines der meistverkauften Drum'n'Bass-Alben war. Bei seinem eigenen Label "Metro" gehts nächstes Jahr weiter. ouk: Irgendwie interessant. In einem anderen Interview hatten Ed Rush & Optical davon gesprochen, daß ihre Musik eigentlich nur für einen kleinen Kreis von Leuten gemacht wird. Das hat mich dann schon stutzig gemacht. Wenn man diese Aussage mit den endgültigen Verkaufszahlen vergleicht, kann ein solches Statement eigentlich nur PR gewesen sein. Wenn sie wirklich Musik für einen kleinen Kreis machen würden, dann würde es sicherlich nicht so wie das "Wormhole"-Album klingen. Lee: Sicherlich, aber man kann ihnen zugute halten, daß sie beim Produzieren voll in ihrer Musik aufgehen, sie konzentrieren sich auch darauf, ihren Sound ständig neu zu entwickeln. Ihre Studio-Fähigkeiten sind unbestreitbar, man darf aber nicht ihr Umfeld vergessen. Trace, Fierce, Ryme Tyme und die ganzen anderen Jungs sind immer in der Nähe. ouk: Was macht eigentlich Fierce zur Zeit? Lee: Er will ins Studio gehen und einen neuen Remix von "New York" machen. ouk: Konzentriert er sich auf die Drum'n'Bass-Geschichte? Lee: Sagen wir mal so, er hat viel gemacht, als es noch das No-U-Turn-Studio gegeben hat, welches jetzt in Ed Rush & Optical's Studio übergegangen ist. ouk: Was macht denn Nico Sykes? Lee: Keine Ahnung. Er ist nicht mehr so produktiv wie früher, aber es sollen bald wieder ein paar Releases auf No U-Turn erscheinen. Zudem ist es ja offensichtlich, daß Virus jetzt die Käufer von No-U-Turn-Produktionen "gestohlen" hat. ouk: Wo wir gerade bei "Wormhole" waren: fällt dir auf, daß die Popularität von Drum'n'Bass nachgelassen hat oder eher ansteigt? Lee: Ich würde sagen daß es weltweit ansteigt. ouk: ... und in England und Deutschland? Lee: Ich würde mal sagen, es ist auf dem gleichen Level geblieben. Natürlich hat Drum'n'Bass seinen Höhepunkt schon erreicht, aber das jetzige Level ist doch gut. In Amerika fängt es gerade erst richtig an, loszugehen. Auf jeden Fall ist es in Deutschland und England am populärsten. Die Clubs und Partys laufen einfach stabil. Die Leute kommen und genießen es. ouk: Aus der Presse ist Drum'n'Bass zumindest wieder verschwunden... Lee: Das haben schon einige Promoter gesagt. Ich vermute, daß es mit der Presse zusammenhängt, die einfach immer auf der Suche nach dem "neuen Ding" ist. ouk: Wie sieht es in England aus? Lee: Viele der großen Magazine haben sich auf House konzentriert. House ist so populär in England, daß es schon fast wieder lächerlich ist. Es ist auf jeden Fall Mainstream-Musik, da genügt ein Blick auf die aktuellen Charts. Speed-Garage hat sicher berechtigterweise einen Teil der Hörer von Drum'n'Bass übernommen, was wiederum die Leute betrifft, die immer auf der Suche nach dem "neuen Ding" sind. ouk: Ist es nicht auch so, daß viele Promoter sagen: "Die Musik ist egal, Hauptsache die Frauen kommen!"?Lee: Keine Ahnung, aber auf jeden Fall ein treffendes Statement! :-) Für mich zählt, daß etwas konstant ist. Mir gefallen diese ständigen Hochs und Tiefs nicht besonders. Ich möchte, daß es weitergeht und sich die Musik entwickelt. ouk: Denkst du, daß sich Drum'n'Bass weiterentwickelt? Lee: Ich denke schon. Und du? ouk: Ja, aber langsamer als früher. Wenn man die alten Jungle-Sachen mit der zeitlichen Entwicklung vergleicht. Lee: Das hängt mit der Technologie zusammen. Früher hatten die meisten Produzenten noch keine eigenen Studios und alles mußte schnell gehen. Mittlerweile hat jeder ein eigenes kleines Studio und feilt an seinem Sound. Einen gewissen Produktionsstandard zu erreichen, ist ja auch wichtig. ouk: Wo siehst du neue Entwicklungen, Stücke die an neue Grenzen stoßen? Lee: Für mich sind die Digital & Spirit-Sachen sehr frisch, obwohl sie viel Altes sampeln, kann man es als neuen Stil bezeichnen. Aber ich sehe das so: Während wir hier miteinander reden, sitzt irgendwo ein Produzent und schreibt ein Stück, das alles wieder durcheinander bringen wird. ouk: Wie schätzt du schwedische Produktionen von Teebee, Polar etc. ein? Lee: Mir hat ein Stück mit Gesang sehr gut gefallen, das klingt wie ein abstürzender Computer. Da ist auch ein Rewind drin. Ihre Sachen sind sehr gut, wie viele der Veröffentlichungen auf Certificate 18. ouk: Es sind ja auch alles sehr deepe Stücke. Lee: Das gefällt mir. Wenn ich ein längeres Set spielen kann, dann werde ich auf jeden Fall solche Stücke auflegen. Klar, jeder mag morgens um 5 mal ein deepes Stück hören. Ein Problem sind natürlich auch die großen Events, bei denen man eine Stunde Zeit hat und voll durchbrettert. ouk: Wie denkst du über die deutsche Szene, z.B. Hard:edged in Berlin? Lee: Ich spiele sehr oft dort und es gefällt mir gut. Vor allem das Ambiente ist klasse. Die deutschen Produktionen werden auch immer besser. Langsam kommt der Punkt, an dem vor allem die Produzenten weltweit mehr Beachtung finden als bisher. Aus Schweden kommt Teebee, Polar & Co. In den Staaten ist U.F.O. gerade sehr angesagt ... Der weltweite Input stimmt langsam. ouk: Ein guter Zeitpunkt, die "World of Drum'n'Bass"-Compilation auf Formation anzusprechen. Bad Company stammen aus dem Irak, John B ist Brasilianer... Ich weiß nicht so recht. Wie siehst du das? Lee: Es hat mal als gutes Konzept angefangen, aber auf der Hälfte der Strecke Bruchlandung begangen. Es hat einfach zu lange gedauert, bis es rausgekommen ist. ouk: In einem Statement von DJ SS heißt es, daß Drum'n'Bass mehr Gesichter und Persönlichkeiten braucht. Viele denken ja auch, daß Drum Goldie und "Bass" Roni Size ist. Lee: Wir brauchen Leute wie die beiden. Irgendjemand muß schließlich dem Mainstream als Repräsentanten gegenüberstehen. Wobei ich nicht glaube, daß viele Menschen Drum'n'Bass gut finden werden. ouk: Vielleicht wird ein Projekt wie "Breakbeat Era" das Ganze wieder in Schwung bringen... ouk: Was denkst du über das Comback von Alex Reece und Wax Doctor als "Fallen Angels"? Der Name an sich sagt ja schon viel aus. Lee: Ihr Album ist klasse, ich liebe ihre Tracks. Aber es ist schon irgendwie ironisch. Sie waren neben Goldie die ersten, die Major-Deals hatten. Wax Doctor auf R&S und Alex Reece auf Island. ouk: Schon interessant, wie Produzenten wieder aus der Versenkung auftauchen. Zum Beispiel auch Shy FX, von dem man länger nichts mehr gehört hatte und der sich überraschend mit "Bambaata" zurückmeldete. Lee: Er ist sich selber treu geblieben, der Bongo-Break ist immer noch der Alte, das ist auch gut so. Wenn du das Talent hattest, einmal den Durchbruch zu schaffen, dann kannst du es auch noch ein zweites Mal. Es ist ja nicht so, daß dein Style aus der Mode kommt. Der Original-Jungle' war einfach nicht mehr so gefragt. ouk: Das Oldschool-Element scheint aber doch wieder im Kommen zu sein. Lee: Wenn du ein neues Stück spielst, was wirklich gut ist, dann hast du das Publikum auf deiner Seite. Mir gefällt es auch ein paar Tracks in mein Set einzubauen, die nicht so oft gespielt werden, damit ein "Aha"-Effekt entsteht. Man sollte es aber immer vom Standpunkt des Publikums aus betrachten: wenn jemand einen Klassiker spielt, flippen die Leute aus, das ist einfach so. ouk: Vor einem Jahr ca. ging das Gerücht um, daß der englische Markt "dicht" ist. Drum'n'Bass-Produktionen aus dem Ausland wurden von englischen Vertrieben mit Absicht geblockt, um die eigenen Platten zu verkaufen. Lee: Das ist die größte Scheisse, die ich bis jetzt gehört habe. Im Endeffekt hängt es damit zusammen, daß die Produktionen einfach noch nicht auf gleichem Level waren. Vom Standpunkt eines Distributoren aus lohnt sich der Aufwand einfach nicht. Man muß schließlich profitabel bleiben. Zur Zeit haben wir bei Vinyl Distribution ja deutsche Labels wie Skunk Rock, Hard:edged und andere an Bord. Das sagt doch schon viel aus. Sehen wir es mal so, wenn jemand ein Stück schreibt, das einfach der Hammer ist, wie z.B. "The Pulse", dann würde es jedes Label gerne rausbringen. ouk: Denkst du, daß mittlerweile jedes Land seinen eigenen Stil hat? Lee: Man kann schon sagen aus welchem Land die Stücke kommen. Vor allem die Amerikaner haben manchmal ganz schön heftige Tracks. Irgendwann wird auch der Punkt erreicht sein, daß ausländische Drum'n'Bass-DJs und -MCs nach England fliegen, um dort aufzutreten, wie z.B. Jamie White aus Berlin oder DJ Marky aus Brasilien, der zur Zeit sehr beliebt ist. ouk: Was ist so speziell an Marky? Lee: Er ist einfach ein guter DJ, der weiß, was das Publikum will. Er kann gut scratchen und ist sehr enthusiastisch. Manchmal geht er auch auf die Tanzfläche, um die Leute anzuheizen... Viele DJs wie Doc Scott oder Grooverider bewegen sich beim Auflegen so gut wie gar nicht. Er hingegen fängt sogar an zu tanzen und zieht eben eine Show ab. ouk: Wann hast du zum letzten Mal getanzt? Lee: Vor ein einigen Jahren, so 89' rum. Heute nicke ich meistens nur noch mit dem Kopf. Ich bin einfach zu sehr mit der Musik beschäftigt. Vielleicht liegt es auch daran, daß ich zu alt bin. Mit dreißig machen die Knochen nicht mehr mit... :-) ouk: Hast du nicht auch manchmal den Eindruck, daß bei Drum'n'Bass-Partys der DJ die älteste Person im Raum ist? Lee: :-) Ja, das stimmt wohl. Mir geht es oft so. ouk: Storm könnte die Mutter der ganzen tanzenden Kinder sein... Lee: :-))) Der Gedanke gefällt mir... ouk: Kennst du DJs, die noch tanzen? Lee: Goldie tanzt recht oft, Kenny Ken auch. Manchmal tanzen auch Grooverider und Fabio ein wenig. Ursprünglich sind die beiden ja Jazz-Dancer! Naja, ich tanze lieber nicht, das würde sonst sehr peinlich aussehen... ouk: Willst du uns zum Schluß vielleicht noch eine Geschichte erzählen, die du schon die ganze Zeit loswerden wolltest? Lee: Hmm... Du kennst das Problem! Ich würde ja gerne ein paar Geschichten erzählen,
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