OUK das zweiund20ste ± schräg & durchsichtig ± Dez/Jan 00 ouk interview:
Momo Farace

MOMO FARACE

Anders als in den Staaten oder beispielsweise in Frankreich steht Turntablism hierzulande gegenwärtig eher abseits des allgemeinen Interesses. Dies ist angesichts der hiervon ausgehenden Faszination gerade in einer Zeit, in der dessen zentrale Ideen-und Soundquelle, die HipHop-Musik, eine unglaubliche Boomphase durchläuft, eigentlich nicht ganz nachzuvollziehen. Dieser und einige weitere Beiträge in den nächsten Ausgaben von ouk sind den stillen Stars dieser Szene gewidmet, DJ`s, die Tag und Nacht an ihren Technics 1200er oder 1210er stehen, um die Kunst des Auflegens auf die nächste Stufe zu bringen. Wer diese Kunst beherrscht, verwendet die Plattenspieler als Instrumente, indem er durch Scratching und Beatjuggling aus einer oder aus mehreren Platten völlig neue Tracks kreiert. Angesichts der Komplexität und Schnelligkeit der Bewegungsabläufe ist für Außenstehende unmöglich nachzuvollziehen, was sich vor ihren Augen abspielt, aber wer einmal eine hochklassige DJ-Battle miterlebt hat, kann sich dieser Materie kaum noch entziehen.
Der 22-Jährige Momo Farace entdeckte seine Liebe für die “wheels of steel” vor neun Jahren, zu einer Zeit, als der Hamburger David Fascher zweimal den DMC-Weltmeistertitel nach Deutschland holte. Zwei vom Bruder überlassene alte Technics-Plattenspieler waren der Grundstock einer Karriere, die dem symphatischen Ludwigsburger als vorläufigen Höhepunkt 1998 den Gewinn der deutschen DMC-Meisterschaften und die anschließende Teilnahme an den Worldfinals brachte.

ouk: Bei den diesjährigen deutschen DMC- und ITF-Meisterschaften fiel auf, daß sich kaum jemand für die Battle interessierte. Woran liegt dieses Desinteresse?

Momo: Schwer zu sagen. Früher kamen die Leute nur wegen der Meisterschaft und zwar nicht wie heute nur Hip-Hop-Freaks, sondern auch Heavy-Metal-Leute und andere. In New York oder Paris ist das ja immer noch so. Die diesjährige WM soll die größte Show aller Zeiten gewesen sein und letztes Jahr in Paris sind die Leute regelrecht ausgerastet. Tausende haben uns dort angefeuert und zugejubelt. Das war der Wahnsinn. In Deutschland wollen die Leute halt Party machen, tanzen und keine Show sehen. Das ist natürlich schade.

ouk: Du hast letztes Jahr auch die Stanton-Meisterschaften gewonnen, warum gab es keine Teilnahme bei ITF?

Momo: ITF ist nicht besser oder schlechter als DMC, Vestax oder Stanton, aber DMC hat einfach die größte Tradition, die machen das seit 15 Jahren. ITF gibt es in Deutschland erst seit 3 Jahren. Letztlich geht es aber ums battlen und da ist es egal, bei wem oder wo. DMC ist zwar wegen Nachwuchs-schwierigkeiten in den letzten Jahren in Deutschland ein bißchen in ein Loch gefallen, aber jetzt sind sie wieder voll da und so groß wie nie.

ouk: War es dein Traum, Deutscher Meister zu werden?

Momo: Ja, voll. Ich war ein absoluter David-Fascher-Fan. Als ich den zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich es gar nicht glauben. Das war im Longhorn, mit 13 oder so. Ich bin auch gleich zu ihm hin und habe ihn ausgefragt. Ich hätte aber nie gedacht, daß ich da selber mal mitmachen würde.

ouk: Wie war das dann bei der ersten Teilnahme?

Momo: Ich wollte 1996 zum ersten Mal mitmachen, habe mich aber zu spät angemeldet. Als ich dann 1997 die Bestätigung hatte, daß ich dabei bin, war ich einfach nur happy. Mir war auch ziemlich egal, was dort passiert, weil allein die Teilnahme schon etwas ganz besonderes war. Als ich dann vierter wurde, war das supercool. Da war ich voll zufrieden und glücklich.

ouk: Wie war das mit der Nervosität?

Momo: Das war schon extrem, aber ein Jahr später ging es dann. Da war mir der ganze Ablauf und alles schon vertraut.

ouk: Mit dem Sieg als Ergebnis...

Momo: Das war natürlich unbeschreiblich. Ich dachte die ganze Zeit, ich würde zweiter werden, aber dann war ich plötzlich deutscher Meister, vor Titelverteidiger Ray D..

ouk: Der ja nun wahrlich kein schlechter ist...

Momo: Naja, ich finde den nicht gut. Der ist ein Penner, total eingebildet und arrogant. Er war sich völlig sicher, daß er das Ding gewinnt und hat dann fast geheult, als es nicht geklappt hat.

ouk: Und dann kam das große Abenteuer Weltmeisterschaften. Hattest Du genug Zeit eine neue Kür einzustudieren?

Momo: Ja, das war perfekt. Die DM war im Mai und die WM im Oktober. Da konnte ich mich dann in Ruhe vorbereiten.

ouk: Wieviel Zeit hast Du dafür verwendet?

Momo: Ich habe zwei Monate jeden Tag von morgens bis abends vor den Plattenspielern gestanden.

ouk: Ist das nicht schwer, tagein tagaus immer die gleichen moves und sounds?

Momo: Auf jeden Fall. Zuerst macht es dich verrückt, dann wirst Du dumm davon und schließlich kommt die Phase, in der Du es einfach nicht mehr wahrnimmst. Dann geht es wieder...

ouk: Du hast bei der WM das Finale verpaßt...

Momo: Es hat supergeil angefangen, aber dann bei den Backspins ist ständig die Nadel gehüpft. Da kannst Du gar nichts mehr machen. Man hat nur drei Minuten, wenn Du dann die Rille verlierst, paßt es mit der anderen Platte nicht mehr und ohne Kopfhörer und unter diesem extremen Zeitdruck ist es dann halt vorbei. Das ist knallhart. Du übst die Geschichte und reißt Dir dafür den Arsch auf, es paßt dann auch alles, aber dann hast Du in den drei Minuten entweder Glück und es klappt oder es ist eben aus. Ich habe sogar meine Plattenspieler mit nach Paris genommen, was 400 Mark extra gekostet hat, um im Hotel nochmal zu üben und dann hatte ich halt Pech. Da sind so geile DJs nicht ins Finale gekommen, das ist echt schade. Viele hatten mit der Einstellung der Tonarme, mit dem Mischpult oder mit ihren Nadeln Probleme. Trotzdem wäre ich scheinbar fast noch in das Finale gekommen. Der DMC-Typ, der mich begleitet hat, hat mir noch gesagt, ich hätte es ganz knapp geschafft. Leider war es dann doch nicht so.

ouk: Wie war das Niveau?

Momo: Die waren alle gut, alle. Was ich cool fand, waren die ganzen Afrikaner, die da mit ganz alten Platten aufgetreten sind, weil die einfach keine neuen Sachen bekommen. Die sind froh, wenn sie irgendwo zwei gleiche Platten auftreiben. Sie sind natürlich nicht so weit wie die Europäer und vor allem die Amis, aber die haben es auch drauf.

ouk: Gewonnen hat Craze. Siehst Du eine Möglichkeit, diesen Level zu erreichen?

Momo: Niemals. Die ganzen Amerikaner sind uns genau wie beim Skaten oder BMX-Fahren um 10 Jahre voraus. Die sind echt krank, die trainieren 24 Stunden am Tag. Als Q-Bert zum Beispiel 1991 zum ersten Mal bei der WM war, haben sich alle gefragt, was der da eigentlich macht. Der ist so verrückt, den werden die Leute erst in 20 Jahren verstehen. Nachdem er dann zweimal (mit Mixmaster Mike) überlegen gewonnen hatte, hat er sich zurückgezogen, weil es einfach keine Herausforderung mehr war. Auch die Franzosen sind viel weiter als wir, auch was die Auswahl betrifft. Die bekommen alles viel früher und sind damit aktueller. Craze jedenfalls ist wahrscheinlich der beste Battle-DJ, den es gibt. Auch besser als die Kalifornier. Als der auf die Bühne kam, war alles ruhig und alle haben gewußt, daß er das gewinnen würde. Der ist zum einen supersupersuperschnell und zum anderen absolut genau.

ouk: Wie wichtig ist die Auswahl für die Wertungsrichter?

Momo: Es kommt zunächst mal auf das Mixing an, aber die achten schon auf die Auswahl. Klar, wenn jemand zum hundertsten Mal Run DMC, LL Cool J oder Public Enemy verwendet, wird es langweilig. Das geht zwar, aber nur dann, wenn Du es besser machst, als alle anderen vor Dir. Wenn Du schlechter bist, stehst Du dumm da.

ouk: Wie war das vor so vielen Leuten zu battlen?

Momo: Unglaublich. Da kommen die ganzen DJs und alle gucken nur auf Dich. Das schöne ist, daß die wissen, was gut ist und was schlecht. Als die ganze Halle dann geschrien und getobt hat, wenn Dir etwas gelungen ist, kamen schon so Glücksgefühle auf. Das war echt der Wahnsinn. Paris ist wie New York in klein. Die sind viel weiter als hier. Jeder, der da HipHop hört, rappt auch oder macht sonst was in der Richtung. Das ist viel cooler als hier. Aber das allergeilste überhaupt sind die Preise. Die mit Gold beschichteten Technics, die extra für den Sieger hergestellt werden, das ist echt das Schönste überhaupt. Craze ist auch voll abgegangen und konnte sich im Backstage nachher auch gar nicht mehr von ihnen trennen. Es ist einfach cool, wenn Du die gewonnen hast. Die vergoldeten Technics, die ich bei den Deutschen bekommen habe, kann man zwar auch kaufen, aber das Wissen, die gewonnen zu haben, macht einen wahnsinnig glücklich.

ouk: Warum hast Du deinen Titel nicht verteidigt? Hätte Dich das WM-Finale nicht gereizt?

Momo: Doch, irgendwie schon, klar, aber ich wollte mir eigentlich nur selbst beweisen, daß ich es kann und habe mit dem Titel mehr erreicht, als ich es mir je erträumt habe. Es ist schon was, Deutscher Meister zu sein, das kann mir auch keiner mehr nehmen. Das muß sich dann auch nicht wiederholen. Ich finde, so etwas kannst Du nur einmal machen.

ouk:Welches sind deine Lieblings-DJs?

Momo: Ich steh`mehr auf die älteren Gesichter. Als beim esten Treffen der DJs auch Cash Money anwesend war, habe ich ihn glaube ich eine halbe Stunde oder so angestarrt. Ich konnte meine Augen einfach nicht von ihm abwenden. Das war schon etwas besonderes.

ouk: Bist du mit den Jury-Entscheidungen zufrieden?

Momo: Naja, 97 war es nicht so okay. Da hat A-Trak nur gewonnen, weil er so jung war. Der ist schon sehr gut, aber da waren andere besser. Letztes Jahr war es okay, auch wenn ich natürlich entäuscht war, daß es für mich mit dem Finale nicht geklappt hat.

ouk: Wie würdest Du deinen Musikstil bezeichnen?

Momo: Ich kaufe und lege ausschließlich HipHop und Swingbeat auf, aber sonst höre ich mir eigentlich alles an. Es gibt aus jeder Richtung gute Sachen. Man muß die Musik einfach verstehen, dann findet man auch Gefallen daran. Auf jeden Fall gebe ich mein ganzes Geld für Platten aus.

ouk: Wie hat sich dein Equipment entwickelt? Angefangen hast Du mit zwei alten Plattenspielern.

Momo: Ich habe dann in den Ferien am Fließband gearbeitet, 10 Stunden am Tag, um mir einen Battlemixer zu kaufen. Die kamen damals gerade erst raus. Ich war total geschockt, als ich zum ersten Mal sowas gesehen habe, nur 2 Kanäle. Heute hat jeder einen, aber damals gab es sowas nicht. Ich kann es auch gar nicht fassen, wieviel Auswahl es heute gibt. Die ersten wurden von einer kleinen New Yorker Firma hergestellt, die dann von Gemini geschluckt wurde. Daraus ging dann der legendäre “MPX 2200 Jazzy Jeff “ hervor, der dann auch der offizielle DMC-Mixer wurde. Heute benutze ich den Technics.

ouk: Wie findest Du die Vestax PMC 05 und 07 Pro und deren Nachfolger?

Momo: Die sind schon gut , aber ich habe ein besseres Gefühl für den Technics, der ist irgendwie menschlicher, die Vestax-Mixer sind mir zu japanisch und abgesehen von dem schmalen, den es jetzt gibt, auch zu breit. Aber die sind super verarbeitet und der Fader hält auch deutlich länger. Dafür ist er aber auch viel teurer. Auch die Zusatzschalter für den Fader und so weiter sind nur Spielerei. Das kann man auch auf anderem Weg erreichen. Die Amis stehen übrigens voll auf Numark. Von denen gibt es auch einen guten und billigen Plattenspieler.

ouk: Und was hältst Du von dem Vestax-Plattenspieler, da soll die Nadel ja gar nicht mehr springen?

ouk: Das stimmt nicht, aber der ist nicht schlecht, nur viel zu teuer. Außerdem, wenn man einmal die Technics zuhause stehen hat, gibt man die nicht mehr her. Die halten sowieso ein Leben lang. Vestax hat sich das sowieso nur getraut, weil sie so einen Riesenerfolg mit ihren Mixern haben.

ouk:Welche Nadeln benutzt Du?

Momo: Ich habe da alles zuhause, was es so gibt. Beim normalen Auflegen nehme ich die Ortofon, beim battlen ganz alte Technicsnadeln. Die gibt es nur in Italien und es sind auch ganz normale Hifi-Nadeln, überhaupt nicht zum Scratchen gemacht, aber die sind supergeil. Die hat auch David Fascher damals benutzt. Es kommt aber auch immer auf die Verarbeitung der Platte an, je nachdem suche ich mir dann die Nadel aus.

ouk: Dein Nachfolger als Deutscher Meister wurde in der Juice von einem übereifrigen Schreiberling als Flasche und als Schande für Deutschland bezeichnet, was in mir einen kleinen Tobsuchtsanfall ausgelöst hat. Was sagst Du zu solchen unqualifizierten Bemerkungen?

Momo: Das ist natürlich voll scheiße. Da gibt ein einzelner eine Meinung ab und alle glauben es. Über Battles zu schreiben ist eh unsinnig. Die sollen die Fotos reinsetzen und fertig.

ouk: Der Teamweltmeister diesen Jahres, Prime Cuts, hat sich darüber beschwert, daß sich alle nur noch die verschiedenen Videos reinziehen und dadurch die Innovationen verlorengehen. Teilst Du diese Meinung?

Momo: Nein. Es ist doch ganz klar, daß jeder beim anderen abguckt. Ich habe früher auch jedes Jahr dem neuen WM-Video entgegengefiebert. Außerdem geht es nur noch in kleinen Schritten voran, richtige Innovationen gab es ja schon seit 93 nicht mehr. Was mich ein bißchen ärgert, ist, daß den Kiddies heute alles in den Arsch geschoben wird. Wir mußten uns früher die Sounds mühsam zusammensuchen und waren froh, wenn wir mal eine Platte zum Scratchen gefunden haben. Zwei Jahre lang gab es fast überhaupt keine Platten, weil alle nur noch CDs kauften. Heute gehen die Jungs in den Laden, kaufen eine Battleplatte und haben auf dieser einen Platte alle wichtigen Sounds.

ouk: Wie stellst du eine Kür zusammen. Ist das alles geplant oder eher Zufall?

Momo: Naja, das Wesentliche überlegst Du dir schon vorher so ungefähr, aber der Rest ist Zufall. Das geht alles so schnell, daß für Nachdenken einfach keine Zeit ist.

ouk: Wirst Du in der Regel für eine Mixshow gebucht oder für normale Sets?

Momo: Fast nur für normale Sets, leider.

ouk: Du hast zu der gerade erschienen Four-Music-Compilation einen Track beigesteuert. Wie ist das Gefühl, wenn man die Platte zum ersten Mal im Club hört?

Momo: Der Michi (Hausmarke) hat mich im Depot überrascht und ihn gespielt, als ich noch gar nicht wußte, das die Platte draußen ist. Das war schon ein super Gefühl. Ich wünsche jedem, daß er das auch mal erlebt.

ouk: Wo liegen jetzt die Prioritäten?

Momo: Das Auflegen wird immer mein Liebling bleiben, das ist eine Sache fürs Herz. Ich bin durch und durch DJ, was aber sowieso mit dem Produzieren nicht vergleichbar ist.

ouk:Glaubst Du an Außerirdische?

Momo: Äh, manche DJs sind Außerirdische. Aber auch sonst ist es schwer vorstellbar, daß wir die einzigen sein sollen.


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