OUK das dreiund20ste ± klar & rauschvoll ± Feb/März 00 Alex!
A.R. Kane
MARRS

Alex!
A. R. Kane
MARRS

- Just trust for love, don't eat for taste -

Es ist in den 80ern, und ich bin in der Pubertät, und im HR in Frankfurt gibt es bereits die Sendung "Der Ball ist rund" mit Klaus Walter (gibt es immer noch montags). Seine Show ist primär der Independent-Szene gewidmet, hat sich aber auch damals schon nicht nehmen lassen, Marvin Gaye, Gil Scott-Heron etc. zu spielen und Dub/Ragga-Specials zu machen. Ich nehme mir damals eine ganze Menge Sendungen auf Kassetten auf. So sitze ich im Bus und höre mir die Kassette vom Vorabend an, schau aus dem Fenster und natürlich sind da Tropfen auf dem Fenster und ich wohne da nun mal in einer grauen Frankfurter Vorort-Hochhaus-Siedlung und fahre zur verdammten Schule, die ich kaum noch ertragen kann. Ich spul das Band zurück, irgendwie war das Stück gerade 'hammermäßig'. Es war ein Stück von der Gruppe "A.R.Kane" und bei den ersten Klängen von einem supervernebelten Synthesizer, der den Track einleitet, ist mir klar: absolutes Lieblingsstück für immer und einmal mehr, daß ich den ganzen Schulscheiß nicht mehr will und kann...

A.R.Kane haben einzigartige, große Platten gemacht.

A.R.Kane haben mit Colourbox alias MARRS den No. 1-Hit "Pump up the Volume" gemacht.

Alex! ist der A aus A.R.Kane, die es nicht mehr gibt. Sein neues Label heißt Dreampop und unter seinem eigenem Namen macht er großartige Musik.

Dazu und mehr gibt es viele Fragen...

ouk: Du lebst heute weit weg von London draußen auf dem Land. Warum bist du weggezogen? Gefällt es Dir auf dem Land zu leben?

    Alex!: Eigentlich lebe ich ja gar nicht in Großbritannien. Ich lebe seit 1990 in einer ländlichen Gegend in Kalifornien. Es gab viele Gründe für meinen Umzug. Die wirklich wichtigen sind zu persönlich, um hier darüber zu sprechen. Aber so sehr ich London liebe, habe ich es nicht bereut, dort nicht zu leben. Ein Aspekt für meinen Um-zug in eine natürlichere Umgebung war, daß mein Leben aufgrund der vielen Projekte, in die ich involviert war und dem Druck, der daraus entstand, in London sehr stressig wurde. Ich hatte das Gefühl, daß ich dringend eine Pause brauche, jedoch hatte ich nicht daran gedacht, daß ich nie zurückkehren würde. Mit meiner Ankunft hier ergab sich alles wie von selbst: ich habe ein Haus gebaut, habe mein Studio und meine Familie und vor allem habe ich meine Ruhe.

ouk: Ist Natur wichtig für dich, dient sie Dir als Inspiration?

    Alex!:Ich liebe es auf dem Land zu wohnen, allerdings ist es wichtig, daß man sich den Einflüssen, denen man nur in der Stadt ausgesetzt ist, nicht völlig entzieht. Ich fahre oft nach San Francisco rüber, um mir dort Gemälde anzuschauen, in Clubs zu gehen oder in Plattenläden zu stöbern, aber ich bin froh dort mit all den Problemen nicht leben zu müssen. Ich neige dazu, aus meinen bewußten Träumen meine Songs zu machen und ich träume eben viel bewußter, wenn ich von Sonne, Himmel und Bäumen umgeben bin. Andere brauchen vielleicht den Schmutz der Innenstädte. Wie auch immer...

ouk: Deine Musik klingt immer noch sehr stark nach A. R. Kane. Worin siehst Du den Hauptunterschied zu damals? Warum hat A. R. Kane sich aufgelöst?

    Alex!:Wenn das, was ich zur Zeit mache, ähnlich wie A. R. Kane klingt, nehme ich das als großes Kompliment. Der größte Unterschied zu früher ist, daß ich nicht mehr mit Rudy zusammenarbeite. Er hatte einen bestimmten Einfluß auf einige der Produktionen, bestimmte Fähigkeiten, die ich nicht habe, vielleicht ein wenig funkier oder schrulliger. Aber das ist eher unwichtig, denn es gab oft genug Dinge, die ich getan habe, die er nicht verstanden hat. Die eigentliche Veränderung fand in mir statt. Mein Bewußtsein hat sich verändert. Eventuell wird man diesen Wandel meines Bewußt-seins auf meiner neuen Platte "Alien Technology", die Anfang Frühjahr 2000 veröffentlicht wird, stärker hören können. Man kann sich das Album unter www.live365.com, dort unter "dreampop channel" suchen, anhören. Die Gründe für das Ende von A. R. Kane waren sehr komplex und persönlich. Daher sei hier nur das übliche Klischee genannt: "Musikalische Differenzen".

ouk: Gibt es Haupteinflüsse für die Musik, oder passiert alles mehr aus dem Bauch heraus?

    Alex!: Die Haupteinflüsse waren und sind meine Träume. In einem Interview mit Simon Reynolds, der damals für den Melody Maker schrieb, habe ich gesagt: " Wir versuchen einen Soundtrack zu unseren Träumen zu schaffen, aber gleichzeitig wollen wir, daß es wie Pop klingt, daher kann man es meiner Meinung nach Dreampop nennen.". Rudy und ich sind beide sehr bewußte Träumer, was mich angeht, ging es bis zu dem Punkt, an dem ich bestimmte Melodien und Klänge, ja sogar die Texte in meinen Träumen hören und mich später daran erinnern konnte. Bis heute muß ich nachts aufstehen und in meinen Cassettenrecorder summen. Dieser kleine Recorder ist mein erstes Instrument. Und das, das ich am besten beherrsche.

ouk: Ihr habt in David Byrnes (Talking Heads) Studio Aufnahmen gemacht, wie kam das zustande?

    Alex!:Wir haben zwei Platten auf David Byrnes Label Luaka Bop veröffentlicht. Anscheinend kannten der A&R-Chef und David Byrne schon einige Zeit unsere Sachen. Kurz nachdem ich dann in die Staaten gezogen war, kontaktierten sie Rough Trade (Zomba) um A. R. Kane für Amerika zu lizenzieren. Leider, so sehr sie auch die Musik liebten, hatten sie keinerlei Vorstellung davon, wie sie das Marketing gestalten sollten und Warner, die Mutterfima, war noch schlechter. Daher war nach der zweiten Platte "New Clear Child" Schluß. Das Gute, das sich daraus ergab, war, daß ich "Soul Surging" mit einigem von David geliehenem Equipment aufnehmen konnte. Diese Platte war der Grundstein für das gesamte Dreampop-Label.

ouk: Deine Musik hat einen starken esoterischen Aspekt, kannst Du diesen noch näher erläutern? Steht dieser noch für andere Gedanken, wie Freiheit etc.?

    Alex!: "Soul Surging" ist eine sehr persönliche Stellungnahme voller Esoterik für all diejenigen, die die Ohren haben, dies zu hören. Ich hatte schon immer den Eindruck, daß "Soul Surging" nicht von sonderlich vielen Leuten verstanden werden würde. Es war ein ganz bewußter Schritt über die Träume hinaus - ein Versuch herauszufinden, was genau sich hinter all dem verbirgt. Was ich dabei entdeckt habe, war schockierend. Ich entdeckte den Tod. Danach war ich in der Lage, darüber hinaus zu gehen und plötzlich machte alles Sinn. Die Wehmut hinter der Dreampop-Musik von My Bloody Valentine oder The Cocteau Twins oder A. R. Kane oder gar Nick Drake, Tim Bruckley und Arthur Lee. Es war das Verlangen von hier wegzukommen. Von diesem Punkt aus rückblickend, realisierte ich, daß jede Form der Kunst, die mich je berührt hat, diese Vorahnung der Sterblichkeit und das Verlangen nach Hause zurückzukehren enthielt. Die Werke von Künstlern wie Rainer Maria Rilke, Hafiz, Rembrandt, Paul Klee, Van Gogh - alle beinhalten sie diese besondere Traurigkeit. Gleichzeitig war der eigentliche Schaffungsprozess sehr befreiend und freudig. Diese esoterische Natur war immer schon in meiner Musik vorhanden und wird sich ihren Ursprüngen langsam immer bewußter. Früher hingegen passierte es mechanisch. Heute füge ich sie bewußt hinzu. Ich will dazu nicht mehr erklären, denn eigentlich ist die Esoterik etwas, daß man entdecken und dann für sich selbst interpretieren muß.

ouk: Wie kam es zur Kooperation M/A/R/R/S? Wie war das eigentlich genau damals?

    Alex!: Es war Ivo's Idee, mit Colourbox zusammenzuarbeiten. Er sah in ihnen eine Band mit viel Potential, aber sie waren ein wenig faul. Inzwischen hatten Rudy, Russel und ich jede Menge Energie und waren angeheizt, weil wir auf 4AD waren. Also steckte uns Ivo zusammen mit John Fryer, dem Toningenieur, ins Studio, um zu sehen, was dabei rauskommen würde. Die Idee war, mit einer neuen Dance-Platte heraußzukommen, die die musikalische Energie von A. R. Kane und Colourbox's Gefühl für "programming" und Pop hat, plus der Idee, Sachen von anderen Platten zu samplen, was damals noch eine sehr neue Technik war. Das Ganze entwickelte dann plötzlich eine eigene Dynamik und das nächste was ich weiß, ist, daß die Leute von 4AD anriefen und sagten: "Guess what? The record's in the charts and moving up really fast". Ich erinnere mich daran, wie ich mich mit Rudy zusammengesetzt und darüber gesprochen habe. Wir dachten beide, daß das alles nicht wahr sein kann. Wie einer jener Träume, aus denen Du aufwachen willst, es aber nicht kannst. Es sollte ein "Underground-Dancefloor"-Ding sein, aber es geriet alles außer Kontrolle und an Weihnachten, ich glaube es war '87, war es die Nummer 1 bei "Top of the Pops” - einer englischen TV-Chart-Show. Keiner von uns wollte in einem Video auftreten, weshalb der Manager der Show ein paar Tänzer anheuerte. Es war richtig billig. Es klingt jetzt vielleicht blöd, aber wir waren der Meinung, daß das entgegen all dem war, wofür 4AD stand. Aber um ehrlich zu sein, ich glaube 4AD dachten genau so. Also nahmen wir das Geld und beließen es dabei. Und es gab eine Menge Geld. Ein Grund, warum wir nicht weitermachten, war daß sowohl Colourbox als auch wir in unsere jeweilige Richtung weitergehen wollten. M/A/R/R/S war nur als einmaliges Ding gedacht. Gleich nachdem wir die Aufnahmen hinter uns hatten, gingen Rudy und ich gemeinsam mit Robin Guthrie ins Studio und nahmen die "Lollita EP" auf, die wir alle brillant fanden. Viel besser als "Pump/Anitina". Ein wirklich positiver Aspekt bei der ganzen Sache jedoch war, daß wir die Möglichkeit hatten, unser Studio einzurichten; H.Ark, indem wir unser erstes Album '69’ aufgenommen hatten. Zu der Zeit haben wir uns auch mit Ivo wegen den M/A/R/R/S-Tantiemen überworfen und sind zu Rough Trade gewechselt.

ouk: Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

    Alex!: Ich wünsche mir, daß Dreampop in zehn Jahren als Label so überzeugend wie Warner, so künstlerisch wie 4AD ca. 1987 und so unabhängig wie wir im Moment ist. In ein paar Wochen produziere ich eine neue Trashmetal-Dreampop-Gruppe namens D-Void. Momentan arbeite ich an einem Gemeinschaftsprojekt namens Black Summer Time Machine, das ein wirklich gefährliches Dancefloor-Hybrid-Ding ist; verletzt und selbstmörderisch. In einem Jahr, im Dezember 2000, wird Dreampop.com der Dreampop-Channel sein. Ein wachsendes Netzwerk, bestehend aus Künstlern, die das Genre entwickeln und vorantreiben. Mein Ziel ist es, die Grenzen des Dreampop zu erweitern. Das letzte, was ich sehen möchte, ist, daß Leute versuchen Dreampop in eine bestimmte Richtung zu treiben. Träume sind selten spezifisch, manche sind düster und schwer, manche sind schön und manche sind einfach vollkommen gefühllos oder gar musiklos. Ich denke, es ist mein Recht, stets neu zu definieren, was Dreampop ist. Ich hoffe, andere tun das auch. Dadurch bleibt die Idee interessant. In den 80ern und 90ern war es ein Ding. Aber jetzt stoßen wir ins 21. Jahrhundert vor und Dreampop muß, genauso wie Träume, mit der Strömung mitschwimmen. ][ Ido
    Übersetzung: mb und philipp hunger


back