OUK das dreiund20ste ± klar & rauschvoll ± Feb/März 00 5 Jahre Bag of Goodies

5 Jahre Bag of Goodies

Mal wieder ein Geburtstag, den es zu würdigen gilt (offensichtlich inzwischen eine Aufgabe, die angesichts der immer inflationärer werdenden Jubiläen zur Fließbandarbeit werden könnte). Doch in diesem Falle erinnern wir uns gerne daran, wie vor fünf Jahren, tja, was denn nun eigentlich geschah?
Die Versionen über die Anfänge sind beileibe nicht in allen Details kongruent und sollen hier auch nicht einer abschließenden, Legenden-dekonstruierenden Bewertung unterzogen werden. Sicher erscheint jedoch, daß es außer der Platten der den Abend zunächst abwechselnd gestaltenden Steffen Z und Emanuela de Luca noch der vielleicht manchmal unterschätzten Schubkraft hier ungenannter Kabelzieher, Anlagenbeschaffer, Arschtreter und ähnlich wohlgesonnener Begleitpersonen bedurfte, bis der Montag im Tübinger Jazzkeller zu der anerkannten Institution wurde, die er heute ist: Bag of Goodies - the soulful, funky, jazzy affair. Sein Ruf ist inzwischen über die Grenzen Tübingens hinaus gedrungen, und steht zudem innerhalb derselben für den neben dem Depot einzig ernstzunehmenden und letztlich auch erfolgreichen Versuch, einen regelmäßigen Abend mit geschmackvoller Clubmusik zu etablieren.
Zunächst bei „Eingeweihten“ als Geheimtip gehandelt und per Mund-zu-Mund-Propaganda bald in den Status der Hipness geraten, um dann zeitweise von den Hipstern, die den Ort des Geschehens verließen, wenn die „tumbe Masse“ eintrudelte, nur noch am frühen Abend frequentiert zu werden, hat sich Bag of Goodies inzwischen ein Stammpublikum erspielt, das über einen solchen Event-Charakter meist erhaben ist. In der dichten Gewölbekeller-Atmosphäre kann bei entsprechender Zusam-menstellung von Musik und Besuchern jederzeit der Funke zünden, der aus einer sanften Glut Groovender eine explosiv lodernde Flamme ekstatisch Tanzender macht. Dafür ist es nicht nötig, Ballermann- oder (dem verwandte) Ibiza-Feelings zu bemühen - Freunde des Mainstreams werden nur karg bedient. Aktualität kommt dennoch nicht zu kurz, denn neue Produktionen fließen in Form von Promos, Geschenken von befreundeten Produzenten/DJs/Labelbetreibern, sowie den jüngsten Schnäppchen aus dem Plattenladen beständig in das weitgefächerte Programm ein, das ansonsten auch einen soliden Anteil profund zusammengestellter Retro-Aufnahmen aufweist, vornehmlich aus dem Soul/Funk/Jazz-Bereich der 60er und 70er Jahre.
Auf diese Wurzeln läßt sich viel der Musik zurückführen, die bei Bag of Goodies zu hören ist: Trip Hop, danceable and new Jazz, Funk, Soul, Latin, Afro-Kubanisches, House u.v.a.m., eben verschiedene Spielarten von Black Music und Artverwandtem, meist im zeitgemäßen elektronischen Gewand. Die inzwischen (mit der gelegentlichen Unterstützung von Nathan Starks bedachte) alleinige Residentin Emanuela de Luca hat es mit der Zeit geschafft, eine Art eigenen Sound für ihren Abend zu finden, der zwar durchaus von Woche zu Woche variieren kann (soll, muß, darf, tut), aber dennoch in seiner stilistischen Grundnote immer wahrnehmbar bleibt - nicht nur für Spezialisten. Diese Tatsache kann getrost als ein Stück Basisarbeit für diese Musik bezeichnet werden, etwas, was in anderen Städten der Umgebung zum Teil noch brachliegt. Gerade im Zuge der steigenden Salonfähigkeit von Acts aus dem New-Jazz-Bereich hat vielerorts eine Buchungsinflation eingesetzt, ohne daß vorher in den Clubs vor Ort mit lokalen Djs der Boden dafür bereitet worden wäre. Inzwischen ist die auflegende Italienerin (Africa rules!) nicht nur in Tübingen in den Reihen derjenigen zu finden, die diesem Zustand Abhilfe verschaffen wollen. Bei „Mosaique“ im Jazzhaus Freiburg ist sie jeden Freitag mit „soulful beats“ zu hören und im Stuttgarter Stereo einmal im Monat mittwochs bei „It’s about time“. Außenpräsentationen fin-den unregelmäßig auch immer mal wieder im größeren Depot statt, das nächste Mal am 26. Februar, wenn Bag of Goodies dort anläßlich seiner Jubiläums-wochen die Future-Sounds-of-Jazz-Tour präsentiert.
Gast-DJs, und das beileibe nicht nur aus dem regionalen Bereich, wurden aber auch immer wieder in den heimischen Jazzkeller geholt. Michael Reinboth, Rainer Trüby, Jazzanova (lange vor ihrem Popularitäts-Boom), Keb Darge, Patrick Forge und Russ Dewbury sind Namen, die (stellvertretend für alle anderen) Kenner entzücken und sich hier die Klinke in die Hand geben. Selten zur Enttäuschung der Beteiligten, meistens zur Begeisterung des Publikums und manchmal gar zur Inszenierung von Szenarien mit unvergeßlicher Erlebnisdichte. Und das, ohne plumpe geschmackliche Zugeständnisse zu machen und damit den programmatischen Rahmen zu sprengen, den die Qualität der Musik vorgibt - präsentiert von ausgesuchten, fachkundigen und äußerst engagierten Botschaftern ihres jeweiligen Genres.
Der Besucher dagegen kann abtauchen in Gefilde, die häufig außerhalb seines sonstigen musikalischen Rezeptionsverhaltens liegen. Somit wird er zu einer Art Mitwissendem in einem sozio-kulturellen Club-Diskurs, dessen Struktur er vielleicht nicht explizit zu formulieren vermag, dessen Existenz und Reiz er aber allwöchentlich bewußt verspüren kann. Vielleicht liegt darin ein Teil der Attraktivität von Bag of Goodies begründet, denn nur wenige andere Club-Abende weisen derartige Qualitätsmerkmale auf.
Klar gibt’s auch bei B.o.G. schlechte Abende. Oder notorische Nörgler monieren ausbaufähige Mix-Leistungen (nicht nur) der Chefin. Und wirklich kritikwürdig ist die Effektivität von Werbung und ähnlichen Organisationsgeschichten - sicherlich noch evidenter werdend, wenn in Zukunft (ca 4-6 mal im Jahr) öfter Live-Acts (u.a. in Zusammenarbeit mit dem Jazzclub) geboten werden sollen. Doch seinen besonderen Charme gewinnt das Gesamtgebilde Bag of Goodies nicht nur aus dem Umstand, daß dort bei der Eintrittskasse eine Tüte Gummibärchen gereicht wird, sondern ebenso aus der Tatsache, daß die Mehrzahl derjenigen, die etwas zu bemäkeln haben, sich nicht nur immer wieder als Gast einfindet, sondern gerne auch in mängelbehebende Handlungsoptionen einbinden läßt. Die mythische Kommunion der soulful, funky, jazzy affair hat so die ersten fünf Jahre, zu denen ouk herzlich gratuliert, möglich gemacht, die nächsten fünf fordern wir hiermit ein. ][ hve


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