OUK das dreiund20ste ± klar & rauschvoll ± Feb/März 00 ouk interview:
DJ Razor

DJ Razor

Aus Sicht des gemeinen Durchschnittskonsumenten ist ein guter DJ ein Mensch, der gute Musik auf die Plattenteller legt. Was gute Musik ist, erfährt er aus Funk und Fernsehen. Ein "guter" DJ hält also sein Fähnchen in den Wind und durchgleitet stromlinienförmig die Wellen der Trends. Er ist allseits beliebt und verdient anständig, ohne dabei größeren Aufwand zu treiben. Die qualifizierte Form dieser Spezies liest regelmäßig Spex und erfährt dort, was seine Sets in Zukunft beeinflussen wird. Das ist deren einer, die Mehrzahl bildende Teil, der mixtechnisch in der Regel zwischen unbedarft und solide zu situieren ist.
Ein zweiter Teil hat sich aus Liebe zur Musik zum Plattenunterhalter entwickelt. Er ist "into the music", taucht gewissermaßen durch die Neuerscheinungen und sucht sich das Beste heraus, mit einer gefestigten eigenen Meinung ausgestattet und daher gewappnet gegen externe Beeinflussungen. Er versucht, sein Publikum von seinem Musikverständnis zu überzeugen und geht dabei auch das Risiko ein, nicht verstanden und damit als schlecht empfunden zu werden. Eine dritte Form des Discjockeys, die oft mit der letztgenannten einhergeht, ist der Turntablist, der sein Hauptaugenmerk auf die technische Seite des Auflegens legt und versucht , durch Mixing neue Tracks zu kreieren. Er benutzt die Plattenspieler als Instrumente und verfremdet die verwendeten Tracks und Lieder bis zur Unkenntlichkeit. Dies ist der Punkt, an dem die Faszination des DJing festzumachen ist.
Zu den beiden letztgenannten Kategorien gehört der Heslacher HipHop-DJ Razor, der bei den deutschen ITF-Meisterschaften 98 und 99 jeweils erst im Halbfinale gescheitert ist und neben dem Ludwigsburger Momo Farace eigentlich der einzige DJ im Großraum Stuttgart ist , der Turntablism in letzter Konsequenz betreibt. Trotzdem ist der 24-jährige Student der Medieninformatik selbst im Schwabenland aus oben angedeuteten Gründen nur Insidern bekannt. Des Volkes Desinteresse gegenüber technisch hochwertigem Mixing nimmt ihm diesen Vorteil und die Kraft, sich der kommerziellen Verlockung zu entziehen, ist leider gerade in Stuttgart ein Klotz am Bein des Erfolges. Was bleibt und letztlich entscheidend ist, sind Respekt und Anerkennung des, man verzeihe dieses abgedroschene Wort, Undergrounds.

ouk: Als ich aus Köln zurück nach Stuttgart kam, war ich vom Sound der Stuttgarter HipHop-Protagonisten mehr als überrascht. Während in Köln großer Wert auf musikalische Qualität gelegt wird, scheint es diesbezüglich hier kaum mehr Grenzen zu geben?

    Razor: Das stimmt. Das hat sich immer mehr gewandelt. Inzwischen fühle ich mich im O711-Club manchmal wie im MGM. Es ist okay, ab und zu auch mal ein R`n`B-Stück zu spielen, auch wenn mir so was persönlich nicht gefällt, aber 2 Stunden am Stück sind wirklich unerträglich. Das war vor 2-3 Jahren noch anders. Da wird viel zuviel Wert auf Leute gelegt, die sich nicht für Musik interessieren und die Refrains mitgröhlen wollen, die ihnen auch zu Hause aus ihren CD-Spielern entgegenkommen. Die, die früher am lautesten geschrien haben, machen heute das genaue Gegenteil von dem, für das sie damals gestanden haben. Sie brauchen sich natürlich nicht wundern, wenn sie von denen, die sich treu geblieben sind, in schlechteren Zeiten nicht mehr akzeptiert werden. Das alles ist vielleicht auch der Grund, warum die ganzen guten Acts nie nach Stuttgart kommen. Man hat wirklich das Gefühl, daß um Stuttgart immer ein Bogen gemacht wird.

ouk: Daran ist aber auch die Anspruchs-losigkeit der Konsumenten schuld.

    Razor: Klar, die meisten Leute gehen sowieso nur wegen des "In-Seins" weg und wollen dann irgendwelchen Plätschersound hören, der nicht groß anstrengt und den sogar meine Mutter beim Bügeln hören kann.

ouk: Was legst du auf?

    Razor: Ich versuche einfach gute Musik aufzulegen. Gut ist für mich eine Platte, wenn der Rap paßt und die Beats gut sind. Ich unterscheide dabei zwischen Geschmack und Qualität. Gut ist gut, auch wenn mir das dann nicht gefällt. Wenn ich weiß, daß es die Leute pusht, spiele ich so eine Platte auch mal. Es darf halt nicht so ein Low Level-Kack wie diese AV-8-Sachen sein. Die Mischung muß stimmen zwischen Zeugs, auf das die Leute einsteigen und dem, was man selbst repräsentiert. So kann man die Leute auch in die richtige Richtung bringen. Ich werde oft als intolerant hingestellt, wenn ich über Leute wie Ruff Ryders sage, das sei kein guter HipHop, aber das ist mir einfach zu oberflächlich. Ich meine, früher habe ich auch Fanta 4 oder MC Hammer gehört, aber da habe ich es halt nicht besser gewußt, weil ich die guten Sachen gar nicht gekannt habe. Ich stehe auch voll dazu. Schließlich fängt jeder mal so an. Es ist auch lustig zu sehen, wie sich der eigene Geschmack entwickelt hat.

ouk: Hörst du auch deutschen HipHop?

    Razor: Schon. Sammy und David P. sind wirklich gut. "Fenster zum Hof" von den Stiebers und "Kopfnicker" von den Massiven sind immer noch meine Lieblingsalben. Das waren die ersten richtig anspruchsvollen deutschen Sachen. Was heute so passiert, ist aber nur noch selten richtig gut.

ouk: Wie sieht es mit anderer Musik aus?

    Razor: HipHop ist die Nummer 1, aber ich interessiere mich schon auch für andere Sachen. Drum`n`Bass z.B. Bloß fehlt einfach die Zeit, um da in die Tiefe zu gehen.

ouk: Bekommst du genügend Jobs?

    Razor: Na ja, es könnte schon mehr sein, es ist auch meistens außerhalb von Stuttgart, z.B. Konstanz.

 

Es folgt ein Gespräch über die Unfähigkeit von DMC-Ikone Tony Prince, über den Bronx Zoo, in dem man laut Rob Ski für jedes Tier einzeln bezahlen muss... Darüber, daß Razor von "Ziehopa" Bams gelernt hat, wie man den Fader mit dem Bauch und von Hilmatic, wie man ihn mit der Nase umlegt, über eine verpaßte Practice-Session mit Rob Swift, die 99er DMC-WM und die 98er ITF-WM, über das "Ziel" auf Bamsens Major-Label eine LP rauszubringen, über Leute wie Spin Bad, Flare oder Disc, die kaum einer kennt, obwohl sie für ihre Innovationen in der Szene überaus respektiert werden, über das Fehlen eines vernünftigen Plattenladens in Stuttgart, Old-School-Elektro, riesige Qualitätsunterschiede bei Austausch-fadern, HipHop-Helden früherer Tage, die plötzlich House produzieren etc.

ouk: Nach welchen Kriterien entscheiden die Wertungsrichter bei den DJ-Battles?

    Razor: DMC steht auf Show. Wenn sich da jemand was Gagiges einfallen läßt, zählt das im Gegensatz zu ITF, was im Prinzip auch richtig ist, weil das schon immer dazugehört hat. Das ITF-Reglement schließt die Wertung von Body Tricks aus, aber wenn jemand einen hammerkomplizierten Juggle mit Bodytricks verbindet, wird das natürlich trotzdem höher bewertet, also zählt es irgendwie auch hier. Bei ITF steht auf jeden Fall die Technik im Vordergrund.

ouk: Sind die Entscheidungen in der Regel in Ordnung? Prime Cuts hat sich ja letztes Jahr bitter über die DMC-Wertung beschwert.

    Razor: Na ja, die Scratch Perverts beklagen sich gerne mal, aber sie haben im Prinzip auch recht. Die Jurys werden meistens von den Amis dominiert, und die wollen lieber ihre eigenen Leute vorne sehen. Es kommt auch darauf an, was die Mitglieder selbst machen; die X-Men legen z.B. mehr Wert auf Beat-Juggling, weil das ihre Spezialität ist. Daß die dieses Jahr den Edward Scizzorhand besser bewertet haben als mich, war eigentlich auch nicht in Ordnung. Was er gemacht hat, war zwar schon gut und sauber, aber er hat fünfmal den gleichen Juggle gebracht. Ich gönne ihm das natürlich, nicht daß man das in den falschen Hals bekommt, aber das war schon ein bißchen komisch. Bei DMC sind die Wertungen öfter mal schwer zu begreifen. Da sitzen auch irgendwelche Offiziellen oder Clubbesitzer in der Jury, die einfach keine Ahnung haben. Der Mirco (Machine) hat da auch schon mitgemacht und sich tierisch darüber aufgeregt.

ouk: Hast du deswegen nicht bei den DMC-Meisterschaften teilgenommen?

    Razor: Nein, ich wollte eigentlich, aber dann habe ich es verpennt ...

ouk: Wie beurteilst du die Organisation der Meisterschaften, also beispielsweise die Einbettung der DMC-Finals in ein Hardtrance-Event?

    Razor: Das ist voll daneben, klar. Ich weiß auch nicht, was die sich bei DMC in Deutschland denken. Aber auch bei ITF sind doch alle nur wegen Eminem gekommen und wir mußten auf dieser Minibühne battlen. Die DJs, die nicht dran waren, mußten mitten im Publikum mit ihren Platten stehen, warten bis sie dran waren und sich teilweise noch von Fans der anderen blöd anlabern lassen. Das war in Duisburg vor einem Jahr viel besser. Da sind wir auch danach mit Babu und Shortcut, die damals in der Jury waren, noch 2 Stunden zusammengesessen und konnten uns mit ihnen unterhalten. Dieses Jahr habe ich nur mit Static ein bißchen geredet. Da ist alles im Chaos versunken. Veranstalter war irgendeine Eventmarke-ting-Agentur. Die waren zwar supernett, aber ziemlich planlos, z. B. mußte ich im Finale plötzlich mit einem 07er statt dem 05er-Vestax arbeiten, was mir die Echoeffekte vermasselt hat, weil ich auf die Schnelle die Linefader nicht richtig eingestellt habe. Das ist natürlich keine Entschuldigung, aber es sollte halt nicht sein. Auch daß der Tisch direkt am Publikum stand, war übel. Aber David P. hat das zum Glück gut im Griff gehabt. Bitte nächstes Jahr wieder wie in Duisburg!

ouk: Ist dir das DMC-System, also ein 3-Minuten-Set, das über alles oder nichts entscheidet oder das von ITF lieber, das wie ein Turnier mit Qualifikation und K.O.-System aufgebaut ist?

    Razor: ITF ist natürlich tough, man muß viel in petto haben, aber andererseits ist das auch eine Herausforderung.

ouk: Wie viele Sets hast du für ITF vorbereitet?

    Razor: 3 Scratch- und 3 Juggle-Sets, wobei ich mich beim scratchen nur grob daran gehalten habe. Um das richtig vorzubereiten, brauchst du wahnsinnig viel Zeit und die hatte ich nicht. Das sieht man an Prime Cuts. Der hat 97 seinen Job aufgegeben und scratcht seitdem 7 Stunden am Tag. Es ist Wahnsinn, was der mit seinem Linefader macht. In Europa gibt es keinen besseren im Scratchen was Sauberkeit und Originalität angeht.

ouk: Wie viel Zeit widmest Du dem Üben?

    Razor: Wenn möglich wenigstens 2-3 Stunden am Tag, am Wochenende mehr und vor Meisterschaften jede freie Minute. Vor ITF habe ich deshalb l Woche FH geschwänzt...

ouk: Siehst Du eine Möglichkeit an Leute wie Craze oder Q-Bert heranzukommen?

    Razor: Dafür brauchte man unendlich viel Zeit und die habe ich nicht, wegen der Uni. Es wird immer schwerer das zu vereinbaren. Q-Bert ist ja vor allem auch deshalb so gut geworden, weil er nach einem Unfall l Jahr im Rollstuhl gesessen und jeden Tag 8 Stunden geübt hat. Das wäre auch mein Traum. Genug Geld haben und nur noch das machen. Aber Q-Bert ist sowieso eine Klasse für sich. Das sagen sogar Leute wie Craze.

ouk: Wie macht das A-Trak, geht der nicht noch zur Schule?

    Razor: Doch. Der zieht das straight durch. 6 Stunden am Tag üben neben der Schule. Respekt.

ouk: Welche Nadeln benutzt Du?

    Razor: Sure M-44-7 oder auch die Stanton 500, wobei es die alte nicht mehr gibt und die neue nicht mehr so gut ist. Zur Not nehme ich auch mal die grauen Ortofon, aber ich mag das System nicht so, weil die Nadeln schneller abbrechen und weil es viel kaputt macht. Die ideale Nadel gibt es sowieso nicht.

ouk: In L.A. wurde letztes Jahr auf einer Party jemand ausgepfiffen, der mit dem Transformer gescratched hat. Ist das für Dich auch ein Verbrechen?

    Razor: Das verpönen zwar viele, aber wenn man sich Mellow D. ansieht, was der daraus macht, das ist hammer. Ich respektiere das schon. Es ist z.B. auch so eine Art Markenzeichen für Premier, daß seine Scratches knacken. Es ist auch nicht immer einfacher, versuch mal einen Flare mit dem Schalter zu scratchen, das ist superschwer.

ouk: Kannst Du mit beiden Händen scratchen?

    Razor: Ich arbeite daran. Es war für mich immer schon so eine Art ungeschriebenes Gesetz, weil ich es schon am Anfang so gesehen habe. Auf einer Hand kann ich mehr stylen als auf der anderen. Gerade bei den neuen Juggles ist das aber wegen des ganzen Linefaderzeugs schon hilfreich.

ouk: Gab es einen Punkt, an dem Du erreicht hast, was Du wolltest?

    Razor: Nein, eigentlich nicht. Es gibt immer andere, die besser sind und zeigen was alles möglich ist. 98 hatte ich zum ersten Mal das Gefühl in Deutschland mithalten zu können. Trotzdem wollte ich zu den ITF-Meisterschaften eigentlich nur zum Zuschauen. Aber der Hilmatic hat gesagt, ich soll da unbedingt mitmachen. Also habe ich es probiert und es ging. Das gab dann natürlich noch mal einen Push, mehr zu machen. Das Schöne an solchen Battles ist auch, daß man dadurch Leute kennenlernt, die das gleiche Ziel verfolgen. Inzwischen kenne ich dadurch die meisten, die in Deutschland so etwas machen. So viele sind es dann ja doch nicht, die das ernsthaft durchziehen und wenn man sich dann auf verschiedenen Veranstaltungen wiedertrifft ist das schon cool.

ouk: Ist der Sieg das nächste Ziel?

    Razor: Das wäre schön, klar, aber planen läßt sich das nicht. Da kann immer einer auftauchen, der besser ist. Das Wichtigste ist mir aber, daß ich mein Scratchen weiter perfektioniere.

ouk: Wie erklärst Du dir das relative Desinteresse der HipHop-Leute an Tumtablism?

    Razor: Ich weiß auch nicht. Es gibt schon Leute, die sich dafür interessieren, z.B. ist München so eine kleine Hochburg. Aber es ist schon eigenartig, daß mehr TripHop und Drum'n'Bass-Leute sich an technisch hochwertigem DJ'ing erfreuen können als HipHop-Leute. Denen fehlt einfach die Offenheit für neues. Turntablism ist ja nicht unbedingt ein reines HipHop-Ding, es gibt auch einige Scratch-DJ's, die sonst eher weniger HipHop hören, aber es steht in seiner Tradition. Allerdings sollte man sich dessen schon bewußt sein. Viele meinen, nur weil sie einen Flare scratchen können, sind sie jetzt Tumtablists, aber woher alles kommt, wissen sie nicht. Es ist traurig, wenn die dann nicht mal Cheese oder Jazzy Jeff kennen. Die lachen dann, wenn Roc Raider den Grandmastertitel verliehen bekommt, weil sie nicht wissen, was das für eine Ehre für die Jungs ist, die schon als 5-Jährige in den Blocks zu Leuten wie Flash aufgesehen haben. Oder sie sagen über Leute wie Cash Money, daß die ja gar nicht so gut sind. Das kann man aber einfach nicht, schließlich sind das die Originale, die Erfinder und es macht immer noch Spaß, denen zuzuschauen.

ouk: Bist Du in einer DJ-Crew?

    Razor: In zwei, dem Nesenbach-Trio mit Hilmatic und X-Tend, was aber mehr so ein Freundschaftsding ist, weil die Jungs ja fast nie Zeit haben und den Offbeat Turntable Mechanix mit Smatik, Smoke und Xindl. Die kommen aber aus Augsburg, was auch wieder schwierig zu vereinbaren ist.

ouk: Machst Du selbst Musik?

    Razor: Wir haben eine Band namens 'Des Wahnsinns fette Beute" mit Watson und Hilmatic. 2 DJs and l MC sozusagen.

ouk: Glaubst Du an Außerirdische.

    Razor: Ja. ][ motik

 

Alltime LP Charts

01. Organized Konfusion -The Extinction Agenda
02. Showbiz & AG -Runaway Slaves
03. DJ Q-Bert -Wave Twistas
04. Public Enemy -It takes a nation of millions to hold us back
05. Dr.Octagon, oder eigentlich alles von Kool Keith (favorite MC)
06. Gangstarr -Daily Operation
07. Black Moon -Enta da Stage
08. Jeru -The Sun rises in da East
09. Main Source -Breakin Atoms
10. Mobb Deep -The Infamous


back