OUK das dreiund20ste ± klar & rauschvoll ± Feb/März 00 ouk interview:
Russ Dewbury

Russ Dewbury... kommt aus Brighton... und legt gut auf

Wer Russ Dewbury einmal auflegen gesehen hat, kann nachvollziehen, welche Emotionen Musik auslösen kann. Eben noch vornübergebeugt und die Brille zurechtgerückt, reißt er beim Erklingen der Bläser beide Arme nach oben und scheint den Tränen nahe. Für jemanden, der Musik im Allgemeinen und Jazz im Besonderen, als sein ein und alles bezeichnet durchaus verständlich, dabei ist der nördlich von London geborene und inzwischen in Brighton lebende Brite ansonst sehr bodenständig- trotz der Tatsache, daß seine jeden Freitag und Samstag stattfindende Veranstaltung „Brighton Jazz Rooms“ seit nunmehr dreizehn Jahren beliebt und besucht ist. Nebenher veranstaltet er alle drei Monate den Brighton Jazz-Bop, eine Konzertreihe, die bereits über dreißigmal stattfand und sämtliche bekannte Jazzgrößen zu Gast hatte, reist als DJ (und Plattensammler) durch die ganze Welt, sitzt jeden Sonntagnachmittag im Studio von Surf 107,2 und sendet seine „New Spectrum of Jazz“-Radioshow. Wir setzten uns mit ihm an einem regnerischen Nachmittag bei einer guten Tasse Tee zusammen und sprachen über die Auswirkungen des Jazz auf moderne Musik ...

ouk: Wann hast Du angefangen aufzulegen, und wie bist Du überhaupt dazu gekommen?

    Russ: Nun, nach Abschluß meiner Schullaufbahn bin ich erst mal für vier, fünf Jahre einem geregelten Arbeitsleben nachgegangen. Gleichzeitig war ich aber immer noch in der Mod-Szene unterwegs. Das war damals eine an schwarzer Musik, also Soul, Funk und Rhythm & Blues, sowie Fashion und Style orientierte Szene. Und obwohl ich mich damals schon sehr der Musik gewidmet habe, hatte ich zu dieser Zeit nicht den blassesten Schimmer davon, daß ich einmal als DJ enden würde. Da ich also von der schwarzen Musik begeistert war, machte ich mich daran, die verschiedenen Stilrichtungen zu erkunden und kam so schließlich zum Jazz. Wie alle jungen Leute stellte ich mir damals Jazz als angestaubte, alte Musik vor - nichts, wozu Du jemals tanzen könntest, nichts Hippes, eher die Art Musik, die sich dein Vater anhört. Zu diesem Zeitpunkt, Anfang der Achtziger, entwickelte sich in London gerade die erste Jazzszene. Es war eine sehr kleine Szene, vielleicht 200 bis 300 Leute und Paul Murphy war einer der ersten DJs, die sich in London dem (Dancefloor-) Jazz widmeten. Als ich dann das erste Mal bei Paul Murphy im Electric Ballroom war, offenbarte sich mir eine ganz neue Welt. Ich hörte zum ersten Mal all die verschiedenen Spielarten des Jazz: Latin-Jazz, Funk-Jazz, viele Blue-Note-Platten. Ich war total erstaunt, wie gut man zu Jazz tanzen konnte. Dieser Abend damals hatte soviel Einfluß auf mich, daß Jazz seit vierzehn Jahren einfach alles für mich ist. Sechs Monate später legte ich dann selbst auf ...
    Da die Szene in London jedoch so klein war und es schon genügend DJs gab, beschloß ich, nach Brighton zu ziehen. Brighton war schon immer eine kosmopolitische Stadt mit vielen Studenten und einer aktiven, allerdings sehr traditionellen Jazz-Szene. 1987 begann ich dann meine Veranstaltung, die „Brighton Jazz Rooms“ und jetzt ist es die am längsten andauernde Veranstaltung in Großbritannien. Durch den anfänglichen Erfolg angespornt, entschloß ich mich drei Monate später dazu, ein Konzert zu veranstalten, bei dem Live-Musik und DJ-Musik vereint werden. Ich ließ Art Blakey in einer großen Halle auftreten und davor und danach legte ich auf. Die zweitausend Anwesenden tanzten den ganzen Abend und Art Blakey konnte es nicht glauben, daß so viele Leute zu seiner Musik tanzten, denn bisher war er es gewöhnt, vor sitzendem Publikum zu spielen. Aus dieser Veranstaltung wurde dann der Jazz-Bop, der alle drei Monate stattfindet und zwei Bands (eine bekannte traditionelle und eine weniger bekannte Newcomer-Band) und einen oder mehrere DJs vereint.

ouk: Neben dem Jazz kennst Du dich auch sehr gut in Sachen Funk, vor allem in Afro-Funk aus.

    Russ: Ich war schon immer an Funk interessiert. Wenn Du dich mit Jazz be-schäftigst, kommst Du automatisch sehr schnell zum Funk und da ich mich seit je her für alle Arten der schwarzen Musik interessiert habe, ist es auch kein Wunder, daß ich auf Afro-Funk gestoßen bin. Glücklicherweise habe ich Kontakt zu drei, vier sehr guten Plattenhändlern, die mich immer mit sehr guten, schwer auffindbaren Platten versorgen. Afro-Funk war also schon immer Teil meines DJ-Sets, auch wenn ich mir dessen am Anfang gar nicht so richtig bewußt war. Irgendwann fragten mich die Macher des Harmless-Labels, ob ich nicht eine Afro-Funk-Compilation für sie zusammenstellen will. Damals war Afro-Funk noch nicht so populär wie im Moment, aber die Macher von Harmless spürten wohl schon, daß sich da einiges entwickeln würde. Die „Africa-Funk“Compilation verkaufte sich dann auch weltweit sehr, sehr gut.

ouk: Du warst auch sehr lange für BGP tätig, oder?

    Russ: Ja, ich war sieben Jahre lang für das BGP-Label, einem sehr wichtigen Dance-Label damals, tätig. Dabei entdeckte und veröffentlichte ich Musiker wie Rotary Connection oder Terry Callier. Ich wollte immer Musik und Musiker präsentieren, die die Menschen bisher noch nicht kannten. Meine erste Compilation - „Dance the Groove“ - stellte ich dann 1983 zusammen.

ouk: Du hast aber auch ein eigenes Label.

    Russ: Ja, Counterpoint. Ich gründete es vor fünf Jahren zusammen mit meinem Partner Jake. Jake ist ein sehr wiefer Plattensammler und kennt sich sehr gut mit Musik aus. Die Idee, die hinter Counterpoint steckt, ist alte Musik zu veröffentlichen, die ohne Probleme in die heutige Clubszene paßt. Wir halten es für sehr wichtig, daß alte Musik heutzutage repräsentiert wird, denn so viele der neuen Sachen basieren auf „alter“ Musik.

ouk: Kannst Du Dir auch vorstellen neue Musik zu veröffentlichen?

    Russ: Ja, durchaus, es muß eben die richtige Musik sein und Qualität haben. Allerdings gibt es ja schon wahnsinnig viele Compilations, weshalb ich es zur Zeit eher unsinnig finde, eine Compilation mit neuer Musik zusammenzustellen. Ich werde allerdings in diesem Jahr wohl meine erste eigene Produktion fertigstellen. Ich arbeite gerade mit Phil Asher zusammen. Er wird sich um Schlagzeug und Perkussionen kümmern und ich bin für den Rest zuständig. Das ganze soll dann auf Estereo erscheinen.

ouk: Was braucht es, um an all diese raren Platten zu kommen?

    Russ: Als erstes mußt Du eine schlechte von einer guten Platte unterscheiden können. Wenn Du das nicht kannst, läuft gar nichts. Es gibt so viele teure, seltene Platten da draußen, die einfach nur schlecht sind. Du mußt eben die richtigen herausfinden können und dazu braucht es einer Menge Zeit und Hingabe. Die erste Hälfte meiner Karriere habe ich damit verbracht nach USA oder sonst wohin zu fliegen, um Lagerhallen voll Platten zu durchstöbern. Jetzt habe ich dazu keine Zeit mehr, aber glücklicher Weise habe ich ein paar ganz gute Plattenhändler, die mich mit den besten Platten versorgen. Es ist schon eine ganze Menge Geld, das ich für Platten ausgebe, aber ich will meinem Publikum eben nur die beste Musik bieten. Das interessante an der ganzen Szene ist ja, daß sich alles in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt, deshalb kann ich mich auch nicht nur auf alte Musik beschränken. Ich möchte einfach all die verschiedenen Stilrichtungen abdecken und Jazz ist dabei eben der gemeinsame Nenner. Die gesamte moderne Clubmusik ist ja letzt-endlich irgendwie vom Jazz beeinflußt, weshalb Jazz eben die Basis meiner DJ-Sets ist, von der aus ich in alle möglichen Richtungen wandere.

ouk: Gibt es eine Platte, die Du immer dabei hast?

    Russ: Nun, ich war der erste DJ, der Bob Azam „Batucada por farvor“ aufgelegt hat, ca. zwei Jahre bevor es dann auf einer Compilation erschien. Das ist eine Platte, die ich immer dabei habe.

ouk: Im Moment zeichnet sich ja ein deutliches Retro-Revival ab ...

    Russ: Ja, sehr deutlich sogar. Ich denke das liegt daran, daß die jungen, aufstrebenden DJs wie Rainer Trüby, Jazzanova etc. alle Jazz als Ausgangsbasis haben. Sie alle gehen in verschiedene Richtungen, aber durch den Jazz bleiben sie in Kontakt. Auf jeden Fall wird sich diese Szene in nächster Zeit sehr stark entwickeln, um nicht zu sagen, sie wird explodieren, denn die anderen Formen der Clubmusik, wie House oder Drum’n’Bass, haben kein solch immenses Steigerungspotiential mehr. Es gibt ja auch noch keinen richtigen Namen für diese Musik, es ist alles noch sehr „underground“ und das ist okay. ][ mb & edl


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