| das vierund20ste ± zugänglich & reichhaltig ± April/Mai 00 | Doc Scott |
![]() |
Wenn auf 31 Records' wieder einmal ein Release ansteht, stürzen sich sämtliche Drum'n'Bass-Interessierten von Nord bis Süd und von West bis Ost darauf, um neue Impulse aufzuschnappen. Ähnlich wie Reinforced bewegt sich Doc Scott mit seinem Imprint meistens abseits der Norm und zeigt getrost, wo der Hase gerade langläuft. So stellt er eine der unumgänglichen Persönlichkeiten des Drum'n'Bass-Zirkus dar. Ebenso eine der Säulen, die das immer undurchsichtigere, schwerer werdende Gebilde Drum'n'Bass' trägt. Erfrischend sind seine DJ-Sets und als Mitbegründer von Metalheadz führt eigentlich kein Weg mehr an ihm vorbei. |
.............................................. Band ab:
|
ouk:: Bist du mit der jetzigen Situation der Drum'n'Bass-Szene zufrieden? Doc:: Es kommt immer noch vor, daß ich an Orten auflege, an denen ich noch nie zuvor war. Aus dieser Sicht würde ich dies auf jeden Fall als Erweiterung bezeichnen. Zwangsläufig meine ich damit nicht, für mehr Leute zu spielen, sondern einfach für neue Leute. Für mich persönlich ist es auch interessanter an neuen Orten zu spielen. Wenn ich in meinen Zeitplan schaue, freue ich mich auf Gigs in exotischen Ländern. Musikalisch gesehen, ist in den letzten 6 Monaten die Vielfalt erhalten geblieben. Natürlich gibt es immer den Sound der zur Zeit "in" ist, wie Bad Company, der dann bis zum Abwinken' kopiert wird. Dieser Sound ist sehr technisch, dadurch bekommt man leider viele schlechte Imitationen. Folge davon ist, daß viele DJs, die nicht an die Tracks der angesagten Producer rankommen, dennoch versuchen diesen bestimmten Sound zu spielen. Sie greifen dann auf die Imitate zurück, die meiner Meinung nach kein gutes Material sind und eher schädlich wirken. Aber es gibt verschiedene Stilrichtungen und ich versuche auch immer sehr vielseitig zu spielen. Es ist einfach langweilig, den ganzen Abend den gleichen Sound zu hören. Wieso kann ich nicht einfach an einem Abend Good Looking hören, genauso wie Tracks von Ed Rush & Optical. Aber das hängt nicht unbedingt mit der Musik zusammen, sondern eher damit, wie sich der DJ präsentiert oder präsentiert wird. Es kann auch nicht sein, daß jeder DJ härter spielt als der vorhergehende. Wie soll das auf Dauer funktionieren?! ouk:: Was läuft zur Zeit in deinem CD-Player? Doc:: Eine Mix-CD von Sasha, eine Mix-CD von Dave Clarke, das neue Album von Slum Village, Rakim ist drin, Ian Brown von den Stone Roses. Ich höre mir alles an, von Hip-Hop über Rock usw. Ich bin mit verschiedener Musik aufgewachsen, Jean-Michel Jarre oder UB40 z.B. In meiner Plattenkiste ist eben alles drin: Good Looking, Creative Source, Bad Company, Dillinja und alle anderen Sachen, die gut sind. ouk:: Wie würdest du deinen Stil als DJ beschreiben? Doc:: Ich versuche Drum'n'Bass in seiner ganzen Vielfalt zu repräsentieren. Viele Leute, die abends weggehen und den Sound hören, denken, daß es das gewesen ist. Wenn man die ganze Zeit den gleichen Stil spielt, geht die Wirkung verloren. Nach einer harten Platte muß man etwas Gegenteiliges spielen, um einen Kontrast herzustellen. Das ganze Set wie eine Reise aufbauen, von Station zu Station. Ich bin aufgewachsen mit DJ Sets von Fabio, Frankie Valentine oder Derrick May. 3-4 Stunden-Sets mit vielen verschiedenen Gesichtern. Wenn ich an einem Abend den gleichen Sound für 2 Stunden höre, dann gehe ich einfach. ouk:: Wie würdest du deinen Produktionsstil umschreiben? Doc:: Ich mache Musik nach Gefühl. Was zur Zeit in meinem Leben oder um mich herum passiert. Manchmal mache ich auch gerne Stücke, die die Leute einfach nicht erwarten würden. "Liquid Fingers" z.B., das war einfach eine persönliche Reaktion von mir. Verstehe mich nicht falsch, ich mag Bad Company sehr, die machen wirklich sehr interessante Sachen. Aber warum will jetzt jeder wie Bad Company sein? Sie sind eine einzigartige Gruppe von Leuten mit ihrem eigenen Sound. Ich verstehe nicht, warum man versuchen sollte, sie zu kopieren. Der Track von Marcus Intalex "How you make me feel" war auch ein Versuch einen anderen Standpunkt zu vertreten. ouk:: Warum released du bei 31 Records immer zwei 12"s auf einmal? Doc:: Ebenfalls um anders zu sein. Mir macht es Spaß, mich nicht dem Standard anzupassen. Manchmal passen auch beide Releases sehr gut zueinander, wie es bei Marcus Intalex der Fall war. Oftmals kann man dadurch mehr Presse-Aufmerksamkeit erzeugen. Außerdem hängt das auch damit zusammen, daß ich nicht besonders viel Material veröffentliche, und wenn... dann gleich richtig! ouk:: Was kommt als nächstes auf 31 Records raus?
ouk:: Wie sieht es mit deinem Album aus? Doc:: Zur Zeit baue ich mein Studio neu auf. Ich möchte mein Album einfach 100%ig machen. ouk:: Welches Equipment benutzt du? Doc:: Ich habe zwei EMU64 Sampler und einen Akai. Dazu einen analogen Mackie Mixer, wobei ich mit dem Gedanken spiele mir einen digitalen Mackie Mixer zu besorgen. Goldie hat einen und ist begeistert. Ich kenne einige Leute die einen digitalen Mixer hatten, z.B. Optical, und damit aber nicht zufrieden waren. ouk:: Ich habe in einem Portrait über Matrix gelesen, daß er einen Yamaha 03D Digitalmischer hat und ihn nicht mehr benutzt. Jetzt verwendet er wieder einen analogen Mackie Mixer. Doc:: Marcus Intalex und S.T. Files haben auch einen Digitalmischer und sie wollen das Ding schnellstmöglich verkaufen. Die Dinger klingen einfach zu sauber, und darum geht es einfach nicht bei Drum'n'Bass. Ich meine damit nicht, daß es dreckig klingen muß. Wenn du alles so machst wie es im Lehrbuch steht, dann hast du Drum'n'Bass nicht verstanden. Diese Musik bricht einfach viele technische Regeln. ouk:: ... alles muß im roten Bereich sein! Doc:: Ja genau. Viele Sachen von mir sind nicht unbedingt technisch korrekt. Ich kenne ein paar Leute, die auf die Universität wollen und einen Engineering-Kurs besuchen. Das wird ihnen nicht weiterhelfen. Meistens ist es einfach Trial-and-Error und man bringt sich selber alles bei. Ich war bei Optical im Studio und sagte "Hey, das ist nicht richtig, was machst du denn da?". Es hängt mit deiner Zielsetzung zusammen, und solange man das Ziel erreicht, ist der Weg egal. Der Verrückteste im Studio ist sowieso Dillinja. Ich habe ihm zugeschaut, wie er mir ein paar neue Stücke kopiert hat. Er hatte einfach das DAT komplett im roten Bereich! "Du mußt es übersteuern, damit es richtig klingt!" Man muß es auch von dem Standpunkt aus betrachten, daß Drum'n'Bass nicht zu Hause, sondern am Samstagabend im Club gehört wird. Nehmen wir z.B. den Mann, der Goldie sein Studio gebaut hat, da er im Mai sein neues Album fertig haben will. Matrix wird ihm dabei unter die Arme greifen. Ich bin zu seinem Haus rübergegangen und habe mir sein Studio angesehen. Meine erste Reaktion war "Wow, so ein Studio will ich auch haben". Es war anfangs eine normale Garage, die in ein komplettes Studio umgebaut wurde. Du machst die Tür zu und der Raum ist akustisch perfekt. Alle Winkel sind korrekt, und egal wo du stehst, es klingt gut. Es ist wie ein richtig amtliches Studio, nur in Miniatur. Der Mann, der ihm das gebaut hat, macht nichts anderes seit 35 Jahren. Er kam auch bei mir vorbei und hat erstmal alles ausgemessen, wieviel Platz ich für das Studio habe. Zur Zeit stellt er das Studio für TinTinOut fertig. Man braucht einfach die richtige Umgebung im Studio, besonders wenn man in der Woche nur 3-4 Tage Studioarbeit zur Verfügung hat. Ich habe sowieso zuviel Equipment. Der Korg Z1 ist eines meiner Lieblingsinstrumente. ouk:: Kommen wir nochmal auf dein Album zu sprechen. Was für Ideen hast du? Doc:: Dadurch, daß ich in letzter Zeit oft im Flugzeug unterwegs bin, habe ich Zeit mir Musik anzuhören. In letzter Zeit viel Trance, eine Mix-CD von DJ Sasha z.B.. Mir gefällt das einfach, die Produktion ist klasse. ouk:: Wie gefällt Dir William Orbit? Doc:: Sein Album ist einfach schrecklich, gefällt mir gar nicht. ouk:: Welchen Einfluß wird das auf dein Album haben? Doc:: Ich würde gerne Soundtrack-artige Musik machen. Stücke, die einfach zwölf Minuten lang sind. Das Album wird zu 50% aus Home-Listening und zu 50% aus Club-Musik bestehen. Vielleicht teile ich es auch in zwei Alben ein. Das eine unter "Doc Scott" und das andere kommt dann als "Nasty Habits" raus. Ich will auch meine ganzen Einflüße von den Reisen verarbeiten. ouk:: Hast du ein paar lustige Geschichten von deinen Reisen zu erzählen? Doc:: Das interessanteste für mich war ein Gig in Moskau. Das erste Mal seit einer langen Zeit, daß ich richtig nervös und besorgt war. Ich wußte einfach nicht was mich erwarten würde. Es war ein altes Lagerhaus mit 4000 Leuten im Zentrum von Moskau. Headliner waren viele russische DJs, die Hip-Hop, Techno, House und Drum'n'Bass gespielt haben. Ich war dort mit Adam Freeland und Danny Tenaglia. Es war einer der besten Abende seit langem. Am nächsten Tag bin ich dann auf den roten Platz gegangen... "Hey, dort ist der Kreml!" Es war eine sehr gute Erfahrung und ich habe einige gute Kontakte geknüpft. Als ich dort gespielt habe, kamen einige Kids zu mir und haben mir CDs mit ihren Drum'n'Bass-Stücken in die Hand gedrückt. Ich hätte nicht erwartet, daß die wußten was Drum'n'Bass ist, aber durch das Internet kann man sich ja auf der ganzen Welt informieren. Für mich hat das Internet seine guten und schlechten Seiten, und für solche Sachen ist es geradezu ideal. Dann gibt es Situationen, in denen ich nach New York geflogen bin, und mich dort jemand fragt, ob ich dieses oder jenes Stück schon habe, nachdem ich es einen Tag vorher geschnitten und noch nicht einmal gespielt hatte! ouk:: Hast du einen Internet-Zugang? Doc:: Ja, aber mir gefällt es nicht besonders. Es gibt einfach zu viel Klatsch und Tratsch. Nehmen wir z.B. Alex Reece, er will ja Pulp Ficition 2000' nur über das Internet verkaufen. Ich glaube nicht, daß es funktionieren wird, aber ich hoffe das Beste für Ihn. Wer will schon gerne seinen Kredikarteninformationen im Internet weitergeben. Es gibt so viele kluge Kids da draußen, wenn die meine Kreditkarte mißbrauchen, wer wird mir das Geld zurückerstatten? ouk:: Was denkst du über MP3? Doc:: Mir gefällt die Soundqualität nicht besonders und es dauert zu lange zum runterladen. Ich finde die technische Entwicklung in letzter Zeit einfach pervers. Das läuft nicht mehr linear, sondern exponentiell ab. Mal schauen, was es in zwei Jahren geben wird. ouk:: Ich habe neulich einen Kommentar über London gelesen: Wenn du kein Geld hast, ist London eines der schlechtesten Plätze zum leben. Wenn du Geld hast, kann es einer der schönsten Plätze sein. Doc:: Ich finde, daß es generell einer der schlechtesten Orte zum Leben ist. Keine Chance. In London gibt es einfach zu viele Menschen und alles ist viel zu teuer. Ich lebe nicht in London, ich wohne 40 Minuten Fahrt mit dem Auto außerhalb. Ich kann aus dem Haus rausgehen, und es ist ruhig. Ich kann den Wind hören, keine Autos und richtig durchatmen. Mir gefällt das. Ich kann nicht in London wohnen. Das wäre mir einfach zu viel. Hier kann ich ein normaler Mensch sein. Den Rasen mähen, mich um den Garten kümmern. Ich muß mich einfach ausruhen können. ][ simon v, lightwood |
|
|