| das fünfund20ste ± offen & erleuchtet ± Juni/Juli 00 | Generation Cool |
GENERATION COOLDer motikologische Einschub
Mal sehen... da wären coole Dinge, Menschen die coole Dinge tun und... coole Menschen. Als Säule der aktuellen Jugendkultur ist Coolness eine Verpflichtung und wer nicht befähigt ist, diese Verpflichtung umzusetzen, hat natürlich verloren. Aber glücklicherweise ist der Weg dorthin geradezu ein Kinderspiel, wenn man nur weiß wie es geht. Das Entscheidende ist die gekonnte Selbst-inszenierung gegenüber der Außenwelt. Dazu gehört ein erhobenes Kinn, ein böser, leicht gelangweilter, aber unbedingt überheblicher Blick und - unverzichtbar beim Durchschreiten unserer coolen Welt - das an den Geh-Rhythmus angepaßte Schwingen der Schulterpartie in Blickrichtung von links nach rechts und von rechts nach links in Kombination mit einem leicht wippenden Gang. Diese Art der Fortbewegung erfordert zwar neben einem nicht unerheblich höheren Kraft- und Raumaufwand die Fähigkeit, seine Koordination im Griff zu haben, ist aber dementsprechend auch doppelt cool. Selbstredend wird man besonders dann ein cooler Mensch, wenn man coole Dinge tut, denn coole Dinge tun ist cool. Möglichkeiten bestehen en masse, ein guter Weg ist der Kauf eines Skateboards. Dieses Sportgerät ist gefährlich in der Ausübung und damit cool. Die Anwendung ist einfach. Das Skateboard ist deutlich sichtbar unter dem Arm in der Gegend herumzutragen wobei man, wie wir bereits gelernt haben, möglichst böse, gelangweilt und unbedingt überheblich blickend seine ersten anerkennenden Blicke auf sich zieht, denn Skateboardtragen ist definitiv cool. Ganz Ausgeschlafene verkrümeln sich übrigens zunächst in eine schummrige Ecke, um ihre Neuerwerbung einige Stunden an einem zu bemitleidenden Gemäuer entlangzureiben. Das zeigt nämlich dem Außenstehenden, daß man Dinge kann, für deren Beherrschung einige Dummköpfe erst mit unzähligen Wunden und Brüchen bezahlen mußten, und das ist natürlich noch cooler. Weiter tragen coole Leute coole Klamotten. Die gibt es in Streetwearshops, denn die sind cool, weil coole Menschen dort arbeiten und einkaufen. Ob einem solcherlei Umhüllung nun gefällt, ist nicht wichtig, schließlich muß man cool sein und daß geht eben nur in diesen eigenartig breiten Hosen. Ganz Mutige besorgen sich dazu dann den coolsten Schuh überhaupt. Logisch, diese Treter wurden von einem Aggressive-Skater (cooler kann man nicht sein) in Buffalo nahe New York City, also nahe der coolsten Stadt dieses Planeten entworfen. Da sich aber zeigt, daß abgesehen von den trendy TicTacToe-Girls coole Menschen Buffaloschuhe gar nicht tragen, wahrscheinlich weil die eben doch nicht direkt aus New York City stammen, steigen viele doch irgendwann auf Sneaker um, denn die sind auf jeden cool, schließlich werden sie von coolen Leuten getragen. Coole Menschen hören klarerweise auch coole Musik und coole Musik ist die, die von coolen Menschen gemacht wird, also beispielsweise von Gangsterrapper Puff Daddy. Denn der war mit der Lieblingsdarstellerin aller feuchten Träume zusammen und wurde zudem mit einer Waffe erwischt, also ein ganz harter Kerl und harte Kerle sind cool. Und da das so ist, muß man natürlich aggressiv sein, denn aggressiv sein bedeutet, ein harter Kerl zu sein, also cool. Fehlt eigentlich nur noch, Alter, daß du den Streetslang checkst, denn dein Scheiß wird nicht akzeptiert, wenn du nicht laberst, wie mein Mann Max... Soviel zu der Vorstellungswelt der oberflächlichsten Generation aller Zeiten. Das Erbärmliche an diesem Trauerspiel ist die Tatsache, daß die mit entsprechenden Gedankengängen Gesegneten mit ihrer hoffnungslos lächerlichen Poserei auch noch Erfolg haben. Das ist um so erstaunlicher, als es jedem halbwegs kritischen Wesen bei näherer Betrachtung geradezu augenfällig werden müßte, von welch ferngesteuertem Haufen pseudocooler Abziehbilder einer nicht vorhandenen Realität man umgeben ist. Wir leben in einer Fakewelt, in der die wenigsten sich ihre Individualität bewahrt haben und kaum noch einer befähigt oder gewillt ist, hinter die Fassaden zu blicken. Das soll überhaupt nicht heißen, daß ich HipHop, Baggypants oder Kickboards nicht mag, ganz im Gegenteil. Sieht man mal von dem kaum zu bändigenden Buffaloverbrechen ab, läuft die Jugend in ihrer Gesamtheit so stylisch durch die Weltgeschichte wie noch nie. Das HipHop und zuvor Techno mal massenkompatibel werden, hätte wohl auch keiner je zu träumen gewagt. Nein, der Hund liegt woanders begraben und müffelt schmeißfliegen-umschwirrt munter vor sich hin: die oben beschriebenen Leute bemühen sich erst gar nicht darum, sich eine eigene Meinung zu bilden und rennen damit Hypes hinterher, von denen nur die wenigsten wirklich überzeugt sind. Daß dann die Motivation fehlt, in die Tiefe zu gehen, darf da nicht mehr sonderlich verwundern. Da die wenigsten die nötige Wissenstiefe haben, mag man den anderen Ahnungslosen eine vortreffliche Komödie vorspielen können, aber in den Augen derer, die für das Jeweilige ihr Herzblut vergießen, schimmert nur Verachtung. Was bedeutet es denn wirklich cool zu sein? Cool sind Menschen, die aus einer inneren Zufriedenheit heraus durch ihre Gelassenheit und Abgeklärtheit eine lässige und selbstsichere Ausstrahlung haben. Diese innere Zufriedenheit kann sich aus einer offenen lebensbejahenden Art, oder aus dem Wissen, um die eigenen Fähigkeiten ergeben, aber sicher nicht aus der Adaption des Auftretens irgendeines medialen Vorbilds oder durch das Vortäuschen einer nicht vorhandenen Fähigkeit. Denn dann ist man nicht man selbst und Verstellung kann nie die Authentizität eines natürlichen Auftretens erreichen. Wobei man Coolness nicht mit Arroganz verwechseln darf, wie das leider nicht selten bei den sogenannten Stars gerade im HipHop-Bereich zu beobachten ist. Denen steigt regelmäßig der Erfolg, der meist wiederum nur auf die oberflächlichen Betrachtungsweise ihrer Fans zurückzuführen ist, dermaßen zu Kopf, daß einem das kalte Kotzen kommt, gerade im Hinblick darauf, daß die Amis ihnen noch immer um ein Vielfaches voraus sind, wie es kürzlich Kool Savas auf den Punkt brachte. Da sie diejenigen sind, die den größten Einfluß auf die Heranwachsenden haben, braucht man sich noch viel weniger über das hier erörterte Problem wundern. Aber auch den heute noch hochtrabenden HipHop-Protagonisten wird noch schmerzlich auffallen, daß Ruhm vergänglich ist. Wenn ihre Musik in der Gunst des Pöbels von einer anderen Richtung verdrängt wird, werden sie wieder auf die echten Musikliebhaber angewiesen sein. Kaum anzunehmen, daß die Poser und Sich-Selbst-Verkäufer dann wieder mit offenen Armen empfangen werden. Wie man mit Erfolg auch umgehen kann, zeigen oft die tatsächlichen Branchenführer. Bestes und leuchtendes Beispiel sind die Invisibl Skratch Piklz um DJ Q-Bert, deren bescheidene und offene Art ebenso beeindruckend ist, wie ihre atemberaubenden Skills. Sie sind die unumstrittenen Könige der Turntablism-Szene, jeder anderen Crew um Lichtjahre voraus und doch fehlt ihnen jegliche Überheblichkeit. Sie sind eben nur ein paar Jungs aus San Francisco, die besser scratchen können, als jeder andere auf der Welt, und im Gegensatz zu vielen anderen in der HipHop-Szene merkt man ihnen an, daß sie einfach eine Riesenfreude an ihrem Tun haben und es schlicht nicht für notwendig halten, ihre Skills, die ohnehin jedem bekannt ist, noch künstlich aufzubauschen. Sie haben es nicht nötig, wild in der Gegend herumzuposen, was übrigens auch andere Erfolgreiche nicht hätten. Es wäre zu wünschen, daß das Ziel, etwas besonderes zu sein, den Menschen dazu bringt hart an der Realisierung zu arbeiten. Und nicht dazu, nur etwas vorzugeben, was nicht der Wahrheit entspricht. Respekt erfahren am Ende sowieso nur diejenigen, die sich ihre Eigenständigkeit bewahren und keine Medienklone darstellen. ][ motik |
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