OUK das fünfund20ste ± offen & erleuchtet ± Juni/Juli 00 Jaba

Jaba
... oder wie eine Droge ihren Heimweg findet.

Gerade erst ist sie in aller Munde und schon beginnen die Techno-Jünger wie die Fliegen zu sterben. So konnte man den Medien unterschiedliche Zahlen entnehmen, die von 20 bis 40 bereits ‘Hinweggeraffter’ berichteten. Dabei ist es nicht diese kleine runde Sache selbst, sondern vielmehr deren übertriebene Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System, die so manchem die Lichter für ewig ausknipst. In was für einem Verhältnis stehen ca. 32 Stunden durchgehender Spaß zum eigenen Leben!

Aber woran liegt es? Betrachtet man die Geschichte von Jaba, so kann man zwar unzählige Tote auf ihr Konto verbuchen, doch handelte es sich hierbei eher um Opfer, die auf energiegeladene Konsumenten trafen.

Beginnend in den braunen Morgennebeln neuzeitlicher deutscher Geschichte, also so um das Jahr 1938 herum, entwickelten die Temmler-Werke, die auch heute noch pharmazeutische Auftragsarbeiten in der BRD verrichten, ein Präparat mit Namen „Pervitin“. Getestet an einer großen Schar Pro-banden unter den wachsamen Augen versteckter Schwarz-Weiß-Kameras, bescheinigte man dann dessen absolute Brauchbarkeit.
Aber wofür? Etwa nächtelanges Hören des „Badenweiler Marsches“, oder wildes Tanzen zu „Lili Marleen“, das allerdings erst zwei Jahre später die Ohren in den Schützengräben erfreute? Nichts von alledem war Ziel der Auftraggeber, die sich tief in den Reihen der NSDAP ein anderes Einsatzfeld für das, teilweise liebevoll als „Panzerschokolade“ bezeichnete, Medikament, vorgestellt hatten. Die nationalsozialistische, mengelesche Experimentierfreude sah in Pervitin damals eine Möglichkeit die Effektivität der Wehrmacht bei Feindkontakt zu erhöhen, da über einen wesentlich längeren Zeitraum die Piloten und Panzerfahrer ihre zerstörerischen Einsätze unter höchster Konzentration durchführen konnten. Die 1945, im Zuge der Demontage Deutschlands, beginnende Verschleppung deutscher Wissenschaftler mit samt deren Know-how in die USA schien dem Erfolg wohl Tribut zu zollen. Besonders unter dem Aspekt, daß eben selbiges Methamphetamin in deutsch-amerikanischer Zusammenarbeit erneut seinen Einsatz im Vietnam-Krieg fand. Tausende von Soldaten, die quasi im Blindflug durch den vietnamesischen Dschungel marschierten, versetzten sich so in rasende Aggressivität, um „Charlie“ Einhalt zu gebieten. Über Kambodscha erreichten dann erbeutete Tabletten-bestände die thailändische Grenze, wo sie in kleinen Kellerlaboratorien analysiert und nachgebastelt wurden.

Gerade aber hier in der asiatischen Welt fand sie dann, neben Putzmitteln als neue Bestandteile, einen weniger aggressiven Einsatzort. In den Bordellen der asiatischen Metropolen konsumieren noch heute tausende von Prostituierten neben anderen Amphetaminen auch Jaba um eine möglichst große Schar von Freiern an einem Tag abservieren zu können. Denn unter dem immer größer werdenden Konkurrenzangebot zählt: Jeder Schuß ein Treffer, und jeder Treffer bares Geld.

Nun ist es ja, dank sensationsgeiler Krawall-Medien in den privaten Sendebereichen, kein Geheimnis mehr, daß sich das jugendhaft zarte Fleisch mit mandelförmigen Augen gerade hierzulande besonders gut verhökern läßt. Da auch die fernöstlichen Geschäftemacher sich einen solchen lukrativen Markt nicht entgehen lassen wollen, senden sie ihre Angestellten mehr und mehr in das straßen-orientierte Berufsleben. Besonderer Anlaufpunkt: Frankfurt a. M. Da sich aber hier auch eine große Gemeinde nonstop-partybegeisterter Menschen versammelt, war es ja schon fast eine Selbstverständlichkeit, daß Jaba mit seiner Wirkung auch diesen Markt erobern wird. Nicht mehr hunderttausendweise reisen die kleinen Pillen, fast schon wie von Heimweh getrieben, nach Hause zurück; bereits tonnenschwere Lieferungen wurden von den Zollbehörden sichergestellt. Nie hatte eine Verbreitung sich so rasend vollzogen. Schon wenige Wochen, nachdem der thailändische Exportmarkt einen weiteren Exportschlager verbuchen konnte, fanden sich die extremen Amphetamin-Verbindungen im ganzen Bundesgebiet wieder.

Und hier treffen sie auf eine Jugend, deren Mausfinger das einzige gut trainierte Körperteil darstellt. Keine Gewaltmärsche werden mehr unternommen, wenn sie nicht über eine 3D-Engine auf dem Computer möglichst realistisch simuliert sind. Ballspiele und andere sportliche Aktivitäten scheinen dem reizüberfluteten Nachwuchs auch nur noch in Form diverser „Manager“- oder „Trainer“-Software zu interessieren. Was ist es da für ein Wunder, wenn die körperliche Belastbarkeit schnell an ihre Grenzen stößt, und mit leuchtenden Buchstaben auf der Netzhaut des einen oder anderen ein ermattendes "Game Over" aufzuckt. ][ g


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