| das fünfund20ste ± offen & erleuchtet ± Juni/Juli 00 | Tagebuch einer Revolution |
Tagebuch einer Revolution
Wenn Du Auge in Auge der Revolution gegenüber stehst, wird sie Dir ins Gesicht spucken, um Dir zu zeigen, daß es sie nicht im geringsten kümmert, eine Revolution zu sein. Und Du wirst lachen, weil Deine jugendlichen Träume von hinter Straßen-barrikaden verschanzten Kameraden vor Deinen Augen platzen. Und dann stellst Du fest, wie klein Du wirklich bist. Es waren nicht viele, die uns über die Jahre hinweg ihren Aufschrei zukommen ließen, eine handvoll Postkarten und Briefe in vier Jahren. Stets jedoch wurden kompromißlos Meinungen geäußert, Ansichten anderer beschimpft und das eigene, verletzte Ego verteidigt. Insofern verhalten sich die Leser wie das Heft, das letztendlich einen subjektiven Standpunkt im modernen Musikgeschehen einnimmt, polemisiert, diktiert und kritisiert, immer aber auch ein Stück abseits des aktuellen Geschehens steht und sich durch die emotionalen Zustände seiner Macher und eben die der Leser definiert. Verstecken gilt nicht, hier wird stets zurückgeschossen. Ich frage mich, wen dieses dauernde, langweilige Gejammer über das ach so schlechte und unmotivierte Stuttgart noch interessiert. Wer den Tod des Nachtlebens beklagt, soll jenes doch zum Leben erwecken, mit Partys, Festen, Musik. Oder er soll seine Koffer packen und sich vom Acker machen. (Thorsten Weh) Als die erste Ausgabe herauskam, war eine der meistgestellten Fragen an mich, warum wir nicht mehr Bilder verwenden würden und überhaupt wären die Texte so anstrengend zu lesen. Doch wir wollten nie ein reines Unterhaltungsmedium sein, sondern die Musik, die uns Zeit unseres Lebens bestimmte, stets auch kritisch betrachten und uns ihrer Facetten bewußt werden, dabei aber immer auch offen für Neues sein, ohne dabei irgendwelchen Trends hinterherzurennen. Diese Einstellung konnten die Leser unseren Texten entnehmen und dabei nicht nur nachlesen, sondern mitlesen, mitfühlen und reagieren, wie es Electrique Linus tat. Sympatien jedoch, können schnell vergehen und wer gestern noch dein bester Freund war, jagt dich heute durch die ganze Welt. Dem wurde sich auch Electri-que Linus bewußt: ... und zwar finde ich das Klangstabil Interview in eurer Ausgabe sehr gewagt, nicht zuletzt die Frechheit schlechthin. Was müssen das für Menschen sein, die so vermessen sind, einen derartigen Dreck von sich zu geben. Ich kenne Mauri und Boris sehr gut und kann einfach nicht glauben, daß die zwei sowas erzählt haben sollen. Die Offenheit und Direktheit, mit der er sich dabei ausdrückte, war auch Bestandteil anderer Briefe und man konnte die Unzufriedenheit oftmals förmlich durch den Umschlag spüren. Aber trotz aller Kritik wurden solche Brief von uns gerne gelesen, denn sie zeigten, daß es dort draußen noch andere Menschen gibt, die sich mit Musik und all ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen kritisch auseinanderzusetzen vermochten. Eine vollkommene und alleinige Meinung kann es nicht geben. Wir jedoch werden unseren schwarz-weißen Pfad weitermarschieren, ungeachtet der Gefilde, die auf uns warten. Wer bremst, verliert. ][ mb |
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