OUK das fünfund20ste ± offen & erleuchtet ± Juni/Juli 00 Tagebuch einer Revolution

Tagebuch einer Revolution

„Erwartet euch nicht zuviel vom Weltuntergang.“ Stanislaw Jerzy Lec, Aforyzmy, Frazki, Kraków, Wydawnictwo Literackie, 1977 („Unfrisierte Gedanken“)

Wenn Du Auge in Auge der Revolution gegenüber stehst, wird sie Dir ins Gesicht spucken, um Dir zu zeigen, daß es sie nicht im geringsten kümmert, eine Revolution zu sein. Und Du wirst lachen, weil Deine jugendlichen Träume von hinter Straßen-barrikaden verschanzten Kameraden vor Deinen Augen platzen. Und dann stellst Du fest, wie klein Du wirklich bist.
Unbeachtet schleichst Du Dich durch die Gassen, unbemerkt von den Großen, die sich vom Licht ihrer eigenen Leuchtreklame blenden lassen, Deine Sinne mit ihren Massenmedien betäuben und Dir anhand farbübersättigter Bilder die Welt vorgaugeln. Dein Aufschrei verhallt in der Dunkelheit und wird doch wahrgenommen, gar aufgenommen und verstärkt.

Es waren nicht viele, die uns über die Jahre hinweg ihren Aufschrei zukommen ließen, eine handvoll Postkarten und Briefe in vier Jahren. Stets jedoch wurden kompromißlos Meinungen geäußert, Ansichten anderer beschimpft und das eigene, verletzte Ego verteidigt. Insofern verhalten sich die Leser wie das Heft, das letztendlich einen subjektiven Standpunkt im modernen Musikgeschehen einnimmt, polemisiert, diktiert und kritisiert, immer aber auch ein Stück abseits des aktuellen Geschehens steht und sich durch die emotionalen Zustände seiner Macher und eben die der Leser definiert. Verstecken gilt nicht, hier wird stets zurückgeschossen.

Ich frage mich, wen dieses dauernde, langweilige Gejammer über das ach so schlechte und unmotivierte Stuttgart noch interessiert. Wer den Tod des Nachtlebens beklagt, soll jenes doch zum Leben erwecken, mit Partys, Festen, Musik. Oder er soll seine Koffer packen und sich vom Acker machen. (Thorsten Weh)

Als die erste Ausgabe herauskam, war eine der meistgestellten Fragen an mich, warum wir nicht mehr Bilder verwenden würden und überhaupt wären die Texte so anstrengend zu lesen. Doch wir wollten nie ein reines Unterhaltungsmedium sein, sondern die Musik, die uns Zeit unseres Lebens bestimmte, stets auch kritisch betrachten und uns ihrer Facetten bewußt werden, dabei aber immer auch offen für Neues sein, ohne dabei irgendwelchen Trends hinterherzurennen. Diese Einstellung konnten die Leser unseren Texten entnehmen und dabei nicht nur nachlesen, sondern mitlesen, mitfühlen und reagieren, wie es Electrique Linus tat.
Nicht allein, daß es endlich jemanden gibt, der nicht Din A6 Format für die Innovation schlecht hin nennt, sondern auf Pocket-Format-Blabla scheißt. Es sollte ... nicht ständig nur die Rede von willenlosen, endlosen, verspulten Partys sein, was der non-user so oder so nicht nachvollziehen kann. Auch das nicht auf jeder Seite verbratene Raver dumme Gesichter machen, macht euch noch sympatischer.

Sympatien jedoch, können schnell vergehen und wer gestern noch dein bester Freund war, jagt dich heute durch die ganze Welt. Dem wurde sich auch Electri-que Linus bewußt:

... und zwar finde ich das Klangstabil Interview in eurer Ausgabe sehr gewagt, nicht zuletzt die Frechheit schlechthin. Was müssen das für Menschen sein, die so vermessen sind, einen derartigen Dreck von sich zu geben. Ich kenne Mauri und Boris sehr gut und kann einfach nicht glauben, daß die zwei sowas erzählt haben sollen.

Die Offenheit und Direktheit, mit der er sich dabei ausdrückte, war auch Bestandteil anderer Briefe und man konnte die Unzufriedenheit oftmals förmlich durch den Umschlag spüren. Aber trotz aller Kritik wurden solche Brief von uns gerne gelesen, denn sie zeigten, daß es dort draußen noch andere Menschen gibt, die sich mit Musik und all ihren gesellschaftlichen Zusammenhängen kritisch auseinanderzusetzen vermochten. Eine vollkommene und alleinige Meinung kann es nicht geben.
... entäuscht bin ich allerdings von dem ein oder anderen Track der 10 Favourites. Wenn z.B. ein Vorzeige-DJ wie Rainer Trüby in seine Playlist einen Track wie „Stetsasonic - Talkin all that Jazz - Rmx“ einbringt, muß ich wohl davon ausgehen, daß die allgemeine (kommerzielle) Dancefloor-Effektivität musikalischen Qualitäten und Inhalten vorausgeht. Dies bestätigt, wie ich finde, nicht gerade die ideellen Ziele und Ansprüche der progressiven Jazz- und Soul-Club-Szene Deutschlands. Ich muß glauben, daß da jemand vom Erfolg geblendet seine Roots vergisst. Ich will hoffen, und Acht geben, daß mir so etwas nicht passiert, und wenn, daß mich jemand darauf aufmerksam macht. (Mark „Foh“ Wetzler)
In Zeiten wie den jetzigen, in denen sich unterschiedliche Szenen elektronischer Musik zusammengefunden haben, gerät der kritische Blick gerne in Vergessenheit. Kollegiales Verhalten geht vor, kein Remix kann gut genug sein und langsam aber sicher bahnt sich der Markt seinen Weg in die Hirne vieler vormals kritischer Aktivisten. Abende mutieren zu biederen Teekränzchen, auf denen sich die DJs gegenseitig ihre Lieblingsmusik vorspielen, während im Gegenzug einstmals lebendige Tanzflächen zu Sitzecken verkommen. Manchmal frage ich mich ernsthaft, wie man sich vier Stunden lang sichtlich gelangweilt in einem Club aufhalten kann, Schnute ziehend, weil man die Musik nicht ausstehen kann, aber dennoch nicht gewillt ist, das Lokal zu verlassen. Hat solch ein Mensch überhaupt noch ein kritisches Verständnis für sein eigenes Wohlergehen, oder freut er sich insgeheim bereits auf die nächste Tequilaparty, bei der er sich zu (für ihn) genauso unausstehlicher Musik die Birne zuschütten kann?
Der Feind ist geblieben, lediglich seine Tarnung hat sich geändert. Die Revolution hat ihre eigenen Regeln. Was kommen mußte, kam. Die Fronten sind wieder klar gesteckt, es hat sie nur noch keiner wahrgenommen. Solange zappelnde Bilder den Bürger von Internet-Viren ablenken, solange die ausgeschenkten Getränke wichtiger als die Musik sind, solange der Mensch sich lieber von Konsum und Massenmedien lenken läßt, anstatt sich seines eigenen Lebens bewußt zu werden, solange werden einzelne Gruppierungen das Sagen über die Masse inne haben.

Wir jedoch werden unseren schwarz-weißen Pfad weitermarschieren, ungeachtet der Gefilde, die auf uns warten. Wer bremst, verliert. ][ mb


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