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ouk: Wie habt ihr euch damals eure Zukunft ausgemalt, als du mit Blake Baxter zur High School gingst und ihr damals eure ersten Mixtapes produziert habt?
Mike Grant: Wir hatten überhaupt keinen Plan davon, was die Zukunft für uns in der Hand halten würde. Zu diesem Zeitpunkt machten wir alles nur aus Spaß, sorgenfrei und ohne Hintergedanken. Zu dieser Zeit war es für uns das größte, wenn wir im Radio auflegen konnten.
ouk: Was haben deine Eltern zu deinen Musikaktivitäten gesagt?
MG: Meine Mutter hat die Musik immer unterstützt, wobei sie es auch immer nur als Hobby betrachtet hat, und niemals als etwas, von dem man leben könnte. Ich denke, daß ich es in mancherlei Hinsicht genauso gesehen habe. Viele meiner Freunde haben sich nach Jobs bei den Automobilfirmen umgeschaut. DJing war für mich eine gute Ausrede, um nachts lange ausbleiben zu können, sonst hätte ich früher nach Hause kommen müssen.
ouk: Du hattest in dieser Zeit auch ein paar Auftritte in The Scene, einer Video-Dance-Show. Was hat man sich darunter vorzustellen? Kann man das eher mit MTV vergleichen oder eher mit einer Aerobic-Show?
MG: The Scene gab es eine lange Zeit. Wir kamen nach Hause und haben den Titelsong mitgesungen: Its six oclock and its time to rock. Es waren mehrheitlich Kids von der Highschool, die dort ihre beste Kleidung anzogen und die neuesten Tänze vorführten. Meine Cousine versuchte mich zum tanzen mitzuschleppen. Es gibt einen sehr bekannten DJ aus Detroit, der in der Show tanzte (Ich werde keine Namen verraten. Von Zeit zu Zeit werden auch Wiederholungen gesendet). Ansonsten gab es dort auch Videos und Live-Acts. Wir kannten noch kein MTV und es gab auch noch kein Kabelfernsehen in Detroit.
ouk: Später hattest du dann mit Juan Atkins, Derrick May und
Jeff Mills aufgelegt. Wie sahen zu dieser Zeit deine Pläne aus?
MG: Ich hatte zu dieser Zeit überhaupt keine ernsthaften Pläne. Ich wollte lediglich auf noch mehr Parties auflegen. Als wir im Radio auflegten, war es das größte, die Mixe beim Autofahren durch die Stadt zu hören. Juan machte bereits Tracks, also hatte er am ehesten eine Vision. Ich wollte auch sein Studio sehen,
was es damit auf sich hatte. Ich war fasziniert von der Menge an Equipment. Allerdings war Juan nicht derjenige, der es irgend einem Menschen so schnell berühren ließ.
ouk: Gab es bereits ein Techno-House-Feeling zu dieser Zeit?
MG: Das Gefühl war da, aber noch formlos. Wir haben angefangen unsere Ohren zu spitzen, als Mojo neues elektronisch klingendes Material hatte. Schließlich droppte Juan No Ufos und blam! Wir spielten es nachts in der Mix-Show. Es kam in die Rotation des Radio-Nacht-Programms und so hörten es immer mehr Leute. Als Big Fun erschien, schoß die Sache dann letztendlich über die Spitze hinaus, nachdem es in die Rotation tagsüber aufgenommen war.
ouk: Wußtet ihr genau was ihr da macht oder war es mehr ein intuitives Vorgehen? Gab es eine Art Philosophie oder passierte alles einfach?
MG: Zu dieser Zeit war ich bereits beim Militär. Ich erinnere mich nicht an all zu viele philosophische Gespräche. Du mußt berücksichtigen, daß wir gerade aus der High School kamen.
Oft sind wir einfach dem Flow gefolgt. Ich erinnere mich nur daran, daß in Juans Studio das Gefühl existierte, etwas zu machen, womit niemand rechnen würde.
ouk: Warum bist du zur Armee gegangen? Wie denkst du darüber? ... Sofern du das beantworten darfst.
MG: Ein Grund, warum ich Detroit verlassen habe, war, daß meine Mutter auf mich Druck ausgeübt hatte. Sie sagte mir, daß ich einen echten Job brauchen würde, wenn ich weiterhin in ihrem Haus bleiben wolle. Ich war ein Security Guard und gab fast alles Geld für Schallplatten aus. Ich machte nicht genug Geld, um alleine zu leben. Ich wollte auf das College gehen, um dort ein Zeugnis zu bekommen und durch das Militär gab es den Weg, dies zu bezahlen. Natürlich hatte ich keine Idee, wie die Zukunft hätte werden können. Ich hatte ein paar gute Zeiten bei der Army und es hat in mir Eigenschaften wie Disziplin, Organisation und mentale Stärke gefestigt. Beim Militär schafft es nicht jeder. Aus diesem Grund bin ich sogar stolz auf mich, daß ich ein Soldat war. Manchmal denke ich: was wäre gewesen, wenn ... Aber ich kann nicht in der Vergangenheit schwelgen, ich muß für die Zukunft leben. Die meisten Leute könnten es verstehen, wenn sie wüßten, woher ich komme. Es gibt einige hier die denken, daß das Militär kein Ort für den schwarzen Mann sei, aber bevor man es nicht selbst erlebt hat ...
ouk: Was hättest du aus heutiger Sicht damals anders gemacht?
MG: Ich hätte während der Armee Keyboard-Stunden genommen. Außerdem hätte ich meiner Freundin nicht meine 909 zum Aufpassen gegeben. Sie hat sie kaputtgemacht!
ouk: Wann war der Zeitpunkt, als du dir sicher warst, daß du deine Energie wieder zu 100% in die Musik stecken würdest?
MG: Nach meinem ersten Besuch in London wurde mir bewusst, daß ich wieder zurück zur Musik wollte. Ich hatte eine Ahnung von dem bekommen, wovon meine Freunde sprachen und ich wollte mehr davon. Die Möglichkeit, das zu erleben, worüber ich nur in Büchern gelesen hatte. Und die Möglichkeit zu tun, was man liebt, ist unschlagbar. Ich wurde der Politik des Corporate America müde und dachte mehr über den Erfolg meiner Freunde nach. Ich werde eventuell auch mit meinem Job aufhören, wenn ich finanziell sicher bin. Glücklicherweise habe ich meinen College-Abschluß, zu dem ich zurückkehren kann, falls die Dinge nicht so gut laufen sollten.
ouk: Was sieht dein Tagesjob aus?
MG: Ich arbeite als Customer Operations Engineer für große Telefon-Systeme. Der Job beinhaltet Installation, Service und Wartung aller Komponenten, sei es telefon- oder computerbezogen. Ich habe ein Angebot erhalten, bei dem ich das eineinhalbfache meines derzeitigen Gehaltes bekommen hätte, aber ich mußte ablehnen. Der Job, den ich jetzt habe, gibt mir die Flexibilität, die ich brauche, die beiden Labels zu führen.
ouk: Man spricht oft von dieser Konkurrenz zwischen Chicago (House) und Detroit (Techno). Du hast in beiden Städten gelebt. Wie denkst du darüber? Worin liegt der Unterschied?
MG: Bevor ich zur Armee gegangen bin, kann ich mich nicht an allzuviel Konkurrenz erinnern. Juan, Derrick, Kevin, Blake und Eddies Platten wurden alle von Chicagos größten Mix-Show-DJs gespielt. Wir spielten ihre Platten, obwohl es eine zeitlang keine Radio-Show gab. Es gibt einige Chicagoer DJs, die denken, daß Techno dort begonnen hat, obwohl ich nicht wüßte, wo und warum. Der große Unterschied meiner Meinung nach liegt im Nachtleben beider Städte. In Chicago kann man sehr viel mehr unternehmen in Bezug auf Clubs, Restaurants, Bars etc. Ich vermiße das. Doch genau dieses Fehlen der Möglichkeiten motiviert uns eben auch etwas zu tun. Vielleicht kann ich einen Platz in beiden Städten haben.
ouk: Worin würdest du den generellen Unterschied
von Detroit zu anderen Städten sehen? Wie ist die Stimmung im Jahr 2000?
MG: Es gibt eine große dunkle Wolke über Detroit. Eines Tages wird sie weggeblasen. Die City ist mit Ausnahme der Sommer-Wochenenden tot. Ich war in vielen anderen Städten. Dort war im Herbst wochentags alles voller Leben. Die Dinge sind hier mehr auseinander gerissen, was uns allerdings auch wieder motiviert, wenn wir Musik machen. Bevor ich weggegangen bin, war mehr los. Manche versuchen zur Zeit wieder die Gegebenheiten zu verändern und ich hoffe, daß sie erfolgreich sein werden. Hoffentlich konnte das Detroit Electronic Music Festival wieder stärkere Akzeptanz für die Musik erreichen. Das DEMF wurde dieses Jahr von Carl Craig ins Leben gerufen. Das Line-Up ist auf einem unvergleichbar hohen Standard an Detroiter Musikern, aber auch Musikern aus der ganzen Welt. DJ Assault, der beim Durchschnitts-Detroiter sehr beliebt ist, hatte mit seinem Set aufgehört, als Fannon Flowers anfing. Er spielte Techno und die Menge schien keinen Unterschied zu bemerken. Ich habe noch niemals so viele schwarze Jugendliche zu Techno tanzen sehen und es fühlte sich gut an.
ouk: Neben Moods & Grooves wirst du auch noch das technoidere Label End to End starten. Was bedeutet End to End?
MG: End to End bedeutet die Kommunikation zwischen zwei Punkten. Der Lautsprecher kommuniziert mit deinen Ohren, Detroit mit Europa usw. Eigentlich wollte ich nur ein Label,
das gute Musik herausbringt, egal welcher Style. Das würde zu meiner Art von DJing passen. Ich mische meistens Techno- mit House-Sets. Aber am Ende ist es dann doch das geworden, weil ich meine Erfahrungen in den Läden berücksichtigte. Wenn ich nur nach House geschaut hätte, wäre ich nicht in der Techno-Abteilung und anders herum. Manche Leute wollen keine Labels benutzen, aber in manchen Bereichen muß man das tun. Ich werde immer danach schauen mich mit beiden Labels ein wenig freier zu bewegen. Moods & Grooves wird ansonsten mehr Richtung groovy House, End to End eher Richtung banging melodic Techno gehen. Es wird sogar ein weiteres Label geben: Afrosyntrix, welches sich auf Electro für die Detroiter People konzentrieren wird.
ouk: Deine Musik hat auch einen sehr spirituellen Aspekt. Bist du religiös? Wie wirkt sich dies auf dich aus?
MG: Ohne Gott wäre nichts von all dem möglich. Meine Großmutter nahm uns mit zur Kirche, als ich 9 Jahre alt war. Man kann also durchaus sagen, daß ich in der Kirche aufgewachsen bin. Es ist ein Teil von dem, was ich bin und hat mir geholfen, Ärger zu vermeiden. Die Musik, die ich mache, basiert auf der Stimmung dieser Zeit. Ich kann nicht genau erklären wie der Geist auf mich wirkt, aber während ich spiele, passiert es einfach. Während ich manchmal auflege, schaue ich auf und denke, wie gesegnet ich bin, daß ich das machen kann. Kenny Dixon Jr. (Moodyman) machte einen Track mit den Sätzen You keep blessing me. Vieles daran erinnert mich an die Zeit in der Kirche. Das erste Mal als ich es spielte, war ich total überwältigt. Es bringt mich direkt zurück in die Kirche. Wenn ich eines Tages zuverlässige Musiker finden sollte, werde ich etwas ähnliches machen.
][ Ido
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