Gilles Peterson findet den Namen "NuJazz" interessant, weil er für mehr Aufmerksamkeit seitens der Presse sorgt. Erleben wir nun - ähnlich wie bei Acid Jazz vor 10 Jahren - eine erneute Instrumentalisierung von Musik, Musikern und DJs, die unterschiedlicher nicht sein können?
Holger Klein: Was das Statement von Mr. Peterson angeht, so ist das eben sehr englisch. Der Mann weiß, wie man in diesem Geschäft spielt, weiß also, wonach die Öffentlichkeit/Presse und das Business verlangt. Für ihn geht es darum, daß das, was in der Luft lag, durch einen Namen irgendwie greifbar wird. Und dadurch, daß man sich an einem Begriff aufhängen kann, ist das, was halt irgendwie in der Luft lag, erst einer Öffentlichkeit vermittelbar gemacht worden. Seitdem ich bei Groove Attack arbeite, sehe ich mich plötzlich damit konfrontiert, den Terminus NuJazz auszusprechen oder zu schreiben. So banal es ist, aber das hat ganz offensichtlich mit der Begrenztheit unserer Sprache zu tun. Wie will man Musik in Worten kommunizieren. Das ist ja nicht immer leicht, schon gar nicht, wenn man es möglichst knapp halten will.
Gut. So wird also dieses Irgendwas, das aus den verschiedensten Ecken kam, also dieses Irgendwas, was dann letztlich doch eine mitunter denkbar kleine gemeinsame Basis hat, kommuniziert. Vom Prinzip her schon okay. Jetzt kann halt jeder gucken, was für ihn NuJazz ist. Dieses Spiel ist ja nicht neu. In Detroit Techno oder DrumnBass hat man den neuen Jazz auch schon gesucht. Ansonsten kann man wie bei Acid Jazz wieder alten Wein in neuen Schläuchen verkaufen. Wobei nicht alles, was jemals mit Acid Jazz assoziiert wurde, schlecht war. Aber letztlich geht es ja viel weniger um Jazz als um Fusion. Und genau an diesem Punkt fängt es an, interessant zu werden. Oder es geschieht das Gegenteil. Auch möglich.
Daß man das irgendwie benennen will, ist klar. Nur hätte der Begriff nicht unbedingt so dämlich sein müssen. Was da alles mitschwingt. Ist auch auf eine gewisse Weise prätenziös. Der weitere Weg wird auf jeden Fall einiges Unerträgliches mit sich bringen. Man kann sich ausmalen, was für scheußliche Menschen noch auf diesen Zug springen werden. Aber so ist das. Letztlich geht es immer weiter. Dann sind andere schon wieder woanders und das Spiel fängt von neuem an.
Sad Rockets: Leider weiß ich nicht so recht was NuJazz ist. Ich konnte nicht ein Stück hören und sagen: "Das ist NuJazz." Allerdings fast jedesmal, wenn mir jemand sagte "Das, was gerade läuft ist ´ne Nu-Jazz Platte", war das grauenhaft cheesy Zeugs, das mit meiner Auffassung von Jazz wenig oder nichts zu tun hatte. Bloß ein Kontrabaß, Bläser oder live (wirkende) Percussion in eine House-Nummer einzubauen ist für mich lange nicht Jazz (oder Nu).
Anderseits fallen mir einige Produktionen ein, die wahrscheinlich nicht unter den Namen NuJazz laufen würden, dennoch für mein Verständnis vieles mit (dem Geist von) Jazz gemeinsam haben. Einige Platten aus dem Hause Cheap, von dem Rather Interesting Label oder Sachen von Burnt Friedman, zum Beispiel. Am Ende ist ein Etikett nur ein Verkaufsmittel. Es hilft dem Musikkonsument, angesichts des Überangebots, sich zurechtzufinden und/oder sich mit einer Strömung/-Mode/Crowd zu identifizieren.
Im nachhinein betrachtet waren die interessantesten Musiker immer diejeningen, die sich geweigert haben, bei solchen Namensgebungspielen mitzumachen. Naja, alles Geschmacksache. Und Geschmack ist eine komische Sache, vor allem wenn man welchen hat.
Michael Reinboth: Acid Jazz war und ist in meinen Augen und Ohren ganz eindeutig "retro, d.h. Musik aus den 60ern, 70ern und vielleicht noch 80ern. Acid Jazz - nimmt man das gleichnamige Label von Eddie Piller mal aus - hatte nie den Bezug zu den aktuellen Styles oder neuen Produktionsweisen, -techniken à la DrumnBass, Electro, TripHop und HipHop, Techno oder House. Acid Jazz war nie zukunftsgerichtet, war nie etwas, was sich entwickeln konnte, da es schon eine ungeheuerliche Summe an Ereignissen (Mischmasch) war, sondern bezeichnete lediglich zurückliegende, ich würde sagen Backkatalog-Phänomene. In dem Moment als Gilles Peterson den Begriff "Acid Jazz" quasi als einen spontanen Gag schöpfte, lag ja auch gerade eine alte Single auf dem Plattenteller und keine aktuelle Platte, oder etwa eine Testpressung oder Dubplate! Im Gegenteil zu Acid House (ein klar definiertes kleines Subgenre von House) war Acid Jazz nichts weiter als alte Musik, die bis dato noch keinen richtigen Namen (Schublade) hatte und Rubrizierungen wie Organ-Jazz oder Jazzfunk auch nicht gerecht wurde, zumal sie ja den Bezug zu "Acid", also jugendkulturellen Phänomenen suchte.
Nach Acid Jazz ist viel passiert! Zuviel um es in einen Rahmen oder eine Schublade zu pressen. Weil die Presse und der allgemeine Bürger aber durchaus solche braucht, soll er sie haben. Gerade im Hinblick auf Fächer im Plattenladen, Maxi-Kolumnen oder Alben-Besprechungen macht dies Sinn. Deshalb finde ich Nu-Jazz als Begriff auch okay, wenngleich ich aber sagen muß, daß es immer besser ist, derart Begriffe zu vermeiden oder zu umschreiben!
Ich selbst habe vor Jahren diese NuJazz-Musik mit den Begriffen "Future Sounds Of Jazz" belegt oder im Jazz-Thing meine Kolumne "Jazz-Not-Jazz" benannt. Auch diese beiden Begriffe finde ich nach wie vor okay, aber wie das so ist, auch wenn man zu früh mit etwas kommt, bestraft einen das Leben.
Wie gesagt, das Phänomen NuJazz gibt es nicht erst seit gestern, sondern seit circa 10 Jahren (die Serie "Future Sounds Of Jazz" ist bereits 6 Jahre alt!). Eine Ausdehnung in alle Richtungen hat schon immer stattgefunden. Dieses ist immanent auch ein Kriterium von Jazz im allgemeinen. Jazz ist und sollte eine offene Musik sein, die Rock, Pop, Dance, Club, Live- oder Studioelemente, alle technische Entwicklungen vereinnahmt.
Daß sich jetzt erst der Begriff NuJazz als ein Term herauskristalisiert, der allgmein von Spex bis ouk, von Gilles Peterson bis meinerselbst akzeptiert wird, liegt sicherlich nicht am Begriff selbst (hätte wie gesagt auch Jazz-Not-Jazz oder Club-Jazz oder sonstwas sein können), sondern daran, daß erst in den letzten Monaten aus immer mehr Masse auch eine absolute Klasse hervortrat, die es zu beachten, archivieren und analysieren gilt. Ich glaube, der Vorteil des Begriffes NuJazz liegt darin, den klassischen Jazz-Hörer (sofern er denn überhaupt "open minded" ist) auf etwas aufmerksam zu machen, das vielleicht doch nicht so uninteressant ist.
Aber auf der anderen Seite müssen wir uns fragen: wollen wir das überhaupt? Wollen wir wirklich, daß dann jede Dixie-Jatz-Combo sagt, sie mache jetzt NuJazz. Gott bewahre! Also, machen wir einfach weiter sehr gute, interessante neue Musik, und hören nicht auf andere, die da bestimmen wollen, ob das ins Kröpfchen oder Töpfchen kommt.
Lars Vegas: Natürlich findet Gilles diesen Begriff gut, denn er muß eine Masse Platten verkaufen, die ansonsten dem Konsumenten nicht anders näher zu bringen sein würden. Der Konsument (genauso wie der Plattenladen um die Ecke und auch der Ketten-Store) benötigt natürlich ein Etikett, unter dem er einen Stil kategorisieren kann. Unter diesem Aspekt ist das mit dem NuJazz ja recht sinnvoll, allerdings denke ich, daß dieser Ausdruck, sowie alle anderen Definitionsversuche (Neofusion/Broken Beats, etc.) recht irreführend sind. Denn einer der Hauptaspekte des "NuJazz" ist die Fusion mit allem bisher Dagewesenen, sprich die Summe aller Genres. Daß Jazz ein Hauptaspekt dabei ist, sei unbestritten. Jedoch sind House, Drum'nBass, Detroit Techno, Disco, Boogie, Fusion, sogar Pop an Einflüssen herauszuhören, so daß der Begriff NuJazz doch ein wenig einseitig ist. Und wie sagte Alex Attias (Mustang/Catalyst) kürzlich in einem Interview: Was macht man in zwei, drei Jahren? Ist NuJazz dann Old-Jazz?
Leider weiß ich auch keinen besseren Namen, so wird man wohl damit leben müssen. Dennoch finde ich New Fusion akkurater, denn es läßt der Musik und deren Definiton einen größeren Freiraum. NuJazz ist nicht unbedingt einfache Musik, und wenn ein aufmerksamer Zuhörer nach den Einflüssen der jeweiligen Produzenten forscht, was meiner Meinung nach dessen vollste Absicht ist, so wird er sich mit der Summe der bisherigen Erfahrungen des Produzenten konfrontiert sehen. Deswegen ist eine einseitige Definition nicht wünschenswert. "NuJazz" soll ja gerade "die Ohren wachsen lassen", den Hörer toleranter machen. Amen.
Man muss "NuJazz" - und solange wir keinen besseren Namen gefunden haben, nennen wir es jetzt mal so - also vielmehr bzw. besser als "NuFusion" bezeichnen und nicht zwanghaft irgendwelche Jazz-Anleihen darin suchen. Versuchen diverse Musiker, die sich mit diesem Genre beschäftigen, nicht auch in meist recht minimale und Drum-betonte Stile wie House, Techno, Drum'n'Bass etc. mehr musikalische Komplexität und klassische Musikelemente hineinzubringen? Schließlich wird ja auch immer mehr mit Live-Musikern gearbeitet, wobei ich finde, daß wir in dieser Hinsicht (vor allem eben in Sachen Spieltechnik, aber auch in Sachen musikalisches Verständnis) noch Meilen von z. B. Herbie Hanckock, der ja gerne von Leuten wie Dego als Vorbild genannt wird, entfernt sind.
Michael Reinboth: Der Einwand, daß doch niemand an Herbie Hancocks Qualitäten heranreicht, ist richtig, aber auch ein Schumi kann die Formel 1 nicht gewinnen, wenn die Technik nicht zu 100% funktioniert. Was die Dancefloor-Produzenten (Bedroom Producer) betrifft, so sind das die Rennställe und Hancock der klasse Fahrer. Es gibt auch Wunderkinder des Dance-floor, nur spielen die kein Instrument im klassischen Sinne. Eigentlich ist ja nur diese Kombination interessant, die von einem Bedroom Producer-Gott und Herbie Hancocks Technik und Feeling. Also Schumi im McLaren Mercedes. Aber davon sind wir weit entfernt, denn das ist wie in der Musik ein Generationenkonflikt. Da jeder Musiker, der etwas auf sich hält, insbesondere gerade Jazzmusiker, heute allzugerne sagen, sie wollen nicht nach einem "Klick" spielen, oder nach vorgefertigten Patterns, d.h. z.B. Break nach acht Takten. Und daß man ihre "Fähigkeiten am Stück" später im Studio in Loops zerschneidet, gar filtert oder pitcht finden sie oft auch gar nicht gut, also lassen sie es. Also fährt Schumi Ferrari, weil das ja Jahrzehnte cool war!
Also braucht es junge, frische, neue, exzellente Musiker, die mit dem 90er Clubsound aufgewachsen sind. Mittels Sampling hat man zunächst versucht den "Vibe" zu reproduzieren (das hat einige Retro-Kutschen wie Acid Jazz und Easy Listening ins Rollen gebracht !), jetzt ist es an der Zeit, ein perfektes Verhältnis (Amalgamation Of Sounds) von programmierten Parts und selbst gespielten Parts zu erreichen (4 Hero, Neon Phusion, Beanfield, Phil Asher etc.).
Auch der Freeform Remix von Isolées "Beau Mot Plage" ist ein vorzügliches Beispiel aus analoger und digitaler Amalgamation unter Verwendung von Samples, analogen Beats, Gespielten und Programmiertem unter Beachtung einer Songstruktur.
Es sei hier mal am Rande etwas Interessantes bemerkt, das aus zwei unterschiedlichsten Perspektiven zeigt, daß eine Reproduktion der Kombination von Programming und Live nicht so einfach nachzuempfinden und nachzumachen, damit wiederum zu sampeln und reproduzierbar ist. Und darum geht es im Jazz auch: einzigartig zu sein, komplex zu sein, nicht reproduzierbar zu sein, wie auch in der Formel 1: das Risiko zu kalkulieren, trotzdem spontan und flexibel zu sein. Und darum braucht es Musiker, gute Fahrer!
1) Kraftwerk lassen nur Coverversionen oder Bearbeitungen / Remixe ihre Stücke zu, bzw. geben diese frei, wenn sie sich ganz stark, fast zu 100% an die Songstruktur des Originals halten. Der Freiheit des Jazz wird ebenso der Riegel vorgeschoben wie dummen Pop-Versionen oder sich quasi selbst spielenden Synthie-Muzak-Versionen! Ich finde das bei von analogen Computern generierter Musik auch konsequent und logisch, insofern es sich um Popsongs handelt (=gespielt) und nicht um "Tracks", "Tunes" oder "Tools".
2) Die Remixe von Herbie Hancocks "Rock It" waren allesamt mehr schlecht als recht und so ein Stück kann man nicht adäquat remixen. Es hat eben genau diese, wie auch die Kraftwerk-Klassiker, nicht nachzuempfindene Kombinationseigendynamik ("Vibe") aus gespielten und programmierten Elementen.
An dieser Mischung aus Technik und Gefühl, aus Gerät und menschlichem Körper, aus Gentechnik und Humanismus, aus Bestimmungen, Motoren und menschlicher Fahrkunst arbeiten wir alle verzweifelt. Mit welchem Ziel? In der Formel 1 nach ganz vorne zu kommen.
Holger Klein: Mit zunehmender zeitlicher Distanz erscheinen mir sämtliche Begriffsfindungen immer dämlicher - das erstmal vorweg. Mit Fusion assoziiere ich wenig Gutes. Interessant ist für mich persönlich letztlich nur das, was nicht endlos ausfranst, was - um es mit einem Anglizismus zu sagen - tight ist. Ob da Jazz-Elemente dabei sind oder nicht, was bedeutet das schon? Titonton Duvante, Carl Craig oder Morgan Geist sind für mich mehr Jazz als einiges, was uns in diesen Monaten als bahnbrechend serviert wird.
Dem Phänomen an sich nähere ich mich von zwei Seiten: zum einen von House kommend, zum anderen von DrumnBass. Und da wurde gerade von den üblichen Verdächtigen aus dem Londoner Westen manch interessanter Gedanke formuliert. Eben Tracks, die sich über ungeschriebene Gesetze hinwegsetzen, die weder das eine noch das andere sind. Für Jazz hat all das aber nun wirklich keine Bedeutung. Überhaupt: Nichts gegen Live-Instrumente, aber grausam wird es zumeist dann, wenn versucht wird, munter darauf los zu improvisieren. Nicht enden wollende Soli waren die Pest der 70er. Wer sich auf Herbie Hancock oder Sun Ra bezieht, der darf das gerne tun, nur sollte man nicht der Versuchung erliegen, sich selbst zu überschätzen. Sonst wirds lächerlich banal.
Lars Vegas: Natürlich versuchen recht viele Leute mit Live-Musikern zu arbeiten, allerdings werden diese schön "in Scheiben geschnitten", und das liegt einfach meistens daran, daß man kein geeignetes Sample gefunden hat, und sich dieses einfach einspielen läßt. Allerdings ist es absoluter Wahnsinn so Keys spielen zu wollen wie Herbie. Wer braucht das? Wir brauchen nur einen Herbie, und der erledigt seine Arbeit seit 40 Jahren. Denn: "NuJazz" ist unter anderem Jazz ohne Soli! ...und das mit dem Minimalismus: Viele Produzenten haben auch durch die Drum'nBass-Erfahrung gelernt, daß Reduktion der Weg zum Ziel ist. Wie sagte Jean Cocteau so schön: "I consider that style is the ability to express complicated things in a simple way, not vice versa."
Neon Tse Tse: Die äußerst geschmackvolle, sich stark ähnelnde Instrumentierung, als auch Strukturierung vieler Werke, macht bei aller Nu-heit im Namen auf Dauer dann doch ein wenig schläfrig...
Soweit also die ersten Erörterungen, denen wir im nächsten Heft weiter auf den Zahn fühlen wollen. Im übrigen kann, wer will parallel zur Heft-Diskussion auf unserer Web-Site (http://www.ouk.de) mitreden.
][ mb, neon tse tse
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User-Agent: Microsoft Outlook Express Macintosh Edition - 5.0 (1513)
Date: Tue, 01 Aug 2000 21:36:05 +0200
Subject: SOS Jazzanova needs help...
From: "daniel w. best" <dwb@sonarkollektiv.de>
To: charts/ world Newsletter 1 <dwb@sonarkollektiv.de>
Mime-version: 1.0
Hello everybody, we need help!
Jazzanova is bringing out their Remixes and we
need help defining the music for the press info.
Does anybody have an idea?
e.g.: a hybrid fusion of worldwide influences
- Noodles (Groove Chronicles) (Beat this!)
other comments:
- Daniel
(P.S It is not Nu-Jazz!!!! - Jazzanova)
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