OUK das siebenund20ste ± einladend & beleuchtend ± Okt/Nov 00 archive

Archive : Music that has to be collected ...

Wir schreiben das Jahr 1999. Scheinbar ein ganz normaler Tag im Vinyl Only Plattenladen in Heidelberg. Doch bei genauerer Betrachtung ist etwas ungewöhnliches passiert. Zwischen die Neuzugänge im Bereich elektronischer Musik haben sich neue Vinyl-Exemplare mit einer ungewöhnlichen Signatur angesammelt.

Der kleine rote runde Stempel-Aufkleber auf der Rückseite belegt die für elektronische Musik selten importierte Abstammung des besonders feinen Materials. Die Platten kommen aus Italien, das Label heißt Archive, benennt die laufenden Nummern mit document und ist musikalisch so weit vorne, daß man guten Gewissens von Innovationen, neuem Jazz, usw sprechen darf. Eine Menge der veröffentlichten Musiker kommen aus England (angeblich Ost-London :)), und veröffentlichen auch auf anderen Labels wie z. B. 2000 Black. Was bei Archive einen ganz besonderen Reiz ausmacht – neben dem jeweiligen Mut etwas Unerwartetes zu präsentieren und immer wieder neue Territorien zu betreten – ist die eigene soulful Eleganz der jeweiligen Dokumente.

Localizing Archive : Inter Mailand/Verona - London - Detroit - Chicago ...

Einer der beiden Macher von Archive heißt Enrico, veröffentlichte unter dem Namen Volcov schon den einen und anderen Drum’n’Bass-Veredlungs-Klassiker und ergänzt seine Mails abwechselnd mit ‘ez’ und ‘ciao’.

ouk:
Wie bist du zur Musik gekommen und wie hat bei dir alles angefangen?
Enrico: Ende der 80er Jahre fing ich an Platten zu kaufen und nach und nach fing ich an in kleinen Clubs bei Verona aufzulegen. Ich spielte eine Mischung aus frühem Chicago-House und melodischem Detroit-Techno, die Platten, die immer noch mein Haupt-Einfluß sind. Als ich 95 nach Mailand gezogen bin, wurden meine Sets eklektischer. Dort traf ich Frank Siccardi, der mich fragte, ob ich ein paar Drum’n’Bass-Tracks für ihn machen könnte, und so wurde das Label Sonica geboren. 1997 bin ich nach London gezogen, wo ich ein Jahr später Archive gründete.

ouk: Bist du immer noch an Drum’n’Bass interessiert? Gibt es Sonica noch?
Enrico: ‘Quality’ Drum’n’Bass mag ich immer noch - Reinforced, Photek, Total Science, Digital, Paradox. Sonica ist immer noch existent und wir werden Anfang Oktober eine Sonar Circle veröffentlichen. Wir hatten aufgrund von Schwierigkeiten mit der Distribution gestoppt, aber mein Partner Frank hat niemals aufgehört in Mailand und Italien Drum’n’Bass zu spielen. Ich wünschte mir, es gäbe mehr Titel, wie "Sex in space" (Seiji auf Reinforced).

ouk: Weißt du warum so viele Künstler, die früher mal sehr herausragende Platten gemacht haben, auch angefangen haben so viele schlechte Musik zu veröffentlichen?
Enrico: Ich kann die Drum’n’Bass-Szene im Moment nicht richtig beurteilen. Ich verbringe nicht genügend Zeit damit sie zu beobachten. Für mich war der schlimmste Moment, als Bad Company, Usual Suspects, Ed Rush & Optical ihr lautes, sinnloses, leeres Material rausgehauen haben. Vielleicht machen sie es immer noch. Ich will es lieber gar nicht wissen.

ouk: Du machst eine Archive-Club-Nacht in Mailand. Wie kann man sich das vorstellen ?
Enrico: Wir machen verschiedene Archive-Abende im Monat in diesem ziemlich wilden Squatt Club mit dem Namen Pergola. Hier wurde Drum’n’Bass nach Italien gebracht und es hat ein unglaubliches Soundsystem. Luca, ein Freund von uns betreibt den Laden und er ist eine treibende Kraft hinter Drum’n’Bass und eklektischen Sounds in Italien. Die neue Saison werden wir Anfang Oktober mit Chateau Flight eröffnen und Dego wird monatlicher Resident werden. Der Sound ist total eklektisch, so daß die DJs ihren Spass haben und die Crowd ist wirklich open minded.

ouk: Du hast mal gesagt, daß du kein anderes italienisches Label erwähnen kannst, was etwas vergleichbares macht. Gibt es nichts anderes? Wie siehst du euch positioniert?
Enrico: Es gibt Labels wie Irma z.B., welche auch gute Projekte machen, aber ich denke, daß unsere Haltung eine andere ist. Bei der Archive-Nacht versuchen wir den Gästen neue Sounds beizubringen, eigentlich nur gute Musik zu spielen und ihnen so etwas besonderes zu geben. Luca hat auch einige Radio-Shows, in denen er diesen Sound pusht. Trotzdem gibt es noch eine Menge zu erledigen.

ouk: Du sagst, daß du der Menge etwas beibringen möchtest. Viele DJs und Künstler betonen ihre Aufgabe als Entertainer, um im gleichen Atemzug den Aspekt des ‘Unterrichtens’ zu verdammen. Wie stehst du zu dieser Haltung?
Enrico: Für mich geht es beim DJing nicht nur darum, die groovigsten und knalligsten Tracks zu spielen, um die Crowd zu bedienen. Ich spiele gerne eine Mischung aus Tracks, die sowohl die Popos wackeln lassen, als auch soulful sind. Ich versuche das Publikum spüren zu lassen, daß sie einer speziellen Nacht beiwohnen, wo wir ihnen immer etwas besonderes und neues geben wollen. Schwieriges Thema ... ich weiß ... ;-)

ouk: Wie war die Zeit, die du in London verbracht hast?
Enrico: Ich hatte zwei sehr feine Jahre dort. Ich traf wunderbare Leute wie Alex Attias, Dego, Ian O´Brian, Modaji, Mike Slocombe und viele andere, die mich wie zuhause haben fühlen lassen. Zu den meisten der Künstler, die in das Label involviert sind, habe ich eine sehr gute Beziehung, in vielen Fällen eine echte Freundschaft. Ich hatte die Chance mehr über Musik zu lernen und konnte viele neue Eindrücke sammeln. Ich vermisse London sehr, wegen dem Vibe und den Leuten, was ich allerdings vom Essen nicht behaupten kann.

ouk: Warum spricht man oft von diesem ‘West-London-Thing’? Ist das nicht albern oder dumm, wenn man die Londoner West/Ost-Geschichte kennt. Warum ist es überhaupt nur ein ‘London-Ding’? Ist das nicht auch eine komische Art von Markt-Protektionismus ?
Enrico: Die Haupt-Figuren sind nun einmal dort geboren worden und aufgewachsen. Das ist Fakt. Ich denke, es ist schwierig einen anderen gemeinsamen Nenner zu finden, weil die Künstler so unterschiedlich sind. Man kann es mit dem Detroit-Sound-Phänomen vergleichen. Journalisten, Geschäfte, Händler etc. - alle wollen eine Umschreibung. Bei Archive denke ich, daß wir verschiedenen Pfaden folgen. Aber wenn sie uns West-London nennen wollen, habe ich kein Problem. Immer noch besser als Ost-Mailand! Als Definition gefällt mir das ohnehin besser, als ‘Broken Beats’.
Enrico: Ich sehe mich selbst nicht als Techno oder Nu-Jazz oder sonst irgend etwas.
Ich bin nur ein eklektischer DJ, der ein eklektisches Label führt. Wir bekommen unsere Inspiration von klassichem House (Mr Fingers, Blaze, Lil’ Louis), Detroit Techno (Carl Craig, Mad Mike) und Drum’n’Bass (4Hero, Photek) plus einigem an Soul und Funk. Von Cheap habe ich seit Jahren nichts mehr gehört, also weiß ich nicht, was sie machen. Planet-e ist ein exzellentes eklektisches Label mit der gleichen Einstellung zur Musik. Es ist ein Journalisten-Problem, ob man es ‘Nu-Jazz’, ‘Nu Detroit’ oder sonst wie nennt. Wir werden von den Jazz-Köpfen sowieso als Techno-Label bezeichnet. Und ich fühle mich auch sowieso näher zu Underground Resistance als zu Talkin Loud! - With some friends I refer to myself with the nickname of "not jazz enough -

ouk: Was also ist die Philosophie hinter Archive?
Enrico: Ich liebe Musik einfach. Ich versuche die Musik, die ich liebe, mit anderen zu teilen. Ich will keine Philosophie mit meinem Label betreiben. Ich bin nur an der emotionalen Seite von Musik interessiert.

ouk: Wie hast du Theo Parrish kennengelernt?
Enrico: Ich habe ihn vor längerer Zeit mal angerufen, nur mal um ihm zu sagen, wie sehr ich seine Musik liebe. Dann, als ich in den Ferien in den USA war, bin ich ihn in Detroit besuchen gegangen. Er ist ein wirklich netter Kerl und wir haben uns gut verstanden. Ich denke er hat meine Einstellung schnell verstanden. Ansonsten: Ich denke, daß er weiterhin immer besser und besser werden wird.

ouk: Wie waren deine Eindrücke von Detroit?
Enrico: Ich bin nur zwei Tage geblieben. Wir verbrachten viel Zeit in Plattenläden und bei Theo. Detroit ist eine Geisterstadt.

... Immer noch besser als Ost-Mailand!

ouk: Warum bist du wieder nach Verona zurückgezogen? Wirst du dort bleiben?
Enrico: Es gab viele Gründe: das Essen, der Fußball, die lächerlich hohen Preise in London, die Familie, Freunde, die Arbeit und meine Clubnacht.

ouk: Du hast "Economics" studiert. Warum? ;-)
Enrico: Um die Rechnungen zu bezahlen!

ouk: Was sind für dich die wichtigsten Dinge im Leben?
Enrico: In keiner Reihenfolge: Familie, Fußball, Freunde, Musik, Trainer zu sein!

ouk: Thema Fußball: Wie hast du die EM erlebt?
Enrico: Ich habe sie sehr genossen, von den letzten Minuten des Finales mal abgesehen. Ich gehe ein/zwei mal pro Monat ins Stadion um mein Heim-Team aus Verona und Inter Mailand zu sehen.

ouk: Was haben wir von Inter Mailand in der Zukunft zu erwarten?
Enrico: Es kann nicht schlimmer werden als die letzte Saison. Mit Vieri und demnächst Ronaldo können wir es schaffen wieder etwas zu gewinnen. Auf jeden Fall sind wir immer besser als AC Mailand.

ouk: Was haben wir von Archive in der Zukunft zu erwarten?
Enrico: Wir werden weiterhin progressive soulful Musik auf Archive herausbringen, neue Talente fördern und Künstler wie Domu und Nubian Mindz mit Alben herausbringen. Der Fokus liegt auf Qualitätsmusik, ‘Music to be collected for the years to come’. Genauso werde ich auf meinem neuen House-Label Neroli EPs von verschiedenen Künstlern veröffentlichen, damit ich die unterschiedlichen Schattierungen von House Music erkunden kann. Essentielle DJ-Tools für die, die es wissen.

ouk: Do you have some alltime-top10?
Enrico: Doing all time favourite lists is well hard! To many tracks are really important. I'll do an alltime-top10-artists instead:

a. Larry Heard
b. Carl Craig
c. 4Hero
d. Mad Mike
e. Roy Ayers
f. Minnie Ripperton
g. Stevie Wonder
h. Lil’ Louis
i. Blaze
j. Miles Davis

][ Ido


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