tagebuch einer revolution
Desire spawns madness,
madness collapses into disaster.
Wer behauptet, nach dem Fall der Sowjetunion hätten wir das Ende der Geschichte erreicht, dem kann man keinen Glauben schenken. Als Zeuge unglaublich schnell voranschreitender Veränderungen und Entwicklungen muß man sich um jedes Stück Stetigkeit glücklich schätzen. Allein die unzähligen Debatten über Napster, mp3 und digitale Vermarktung alle leidenschaftlich aber auch intensiv geführt verdeutlichen den Fortschritt in der Veränderung unseres Systems. Die Frage nach Eigentum spielt dabei genauso eine Rolle, wie Sinn und Unsinn von Wiederholungen, Wiederkehr und Repräsentanz. Baudrillards Satz Um die Krise der Repräsentation zu überwinden, muß man das Reale in der reinen Wiederholung einschließen besagt ja nichts anderes, als daß die Kopie genauso wertvoll ist wie das Original. Denn wo existieren Ideen als solche wirklich? Eine CD in ihrer Verpackung, ein Buch im Regal, ein Konzert sind nur dann nützlich, können nur dann zu Ideen und Erfahrungen werden, wenn der Geist des Lesers bzw. des Hörers daran beteiligt ist. Ideen und Gedanken existieren in Köpfen. Kontrolliere ich Deine Ideen, kontrolliere ich dich. Doch sind es noch meine Gedanken, wenn sie ein anderer denkt? Oder ist es eine Art Aufmerksamkeit die ich im Austausch für meine Ideen erhalte? Die Gegner werden nicht zögern, die wenige Freiheit, die uns die digitale Revolution erstritten hat, mit Füßen zu treten. Sie werden zum Kampf bereit sein, die Welt mit ihrer Propaganda überfluten, um das zu verhindern, was in ihren Augen Diebstahl ist. Denn Aufmerksamkeit wird in Zukunft die Welt regieren, wie ein Popstar Herr auf der Bühne ist.
Stars ziehen ihre Fans in ihren Bann. Ich schreibe, damit man mich liest. Es dominiert, wer Aufmerksamkeit erhält und das zeigt sich nirgends besser, als auf dem Gebiet der Musik. Online-Portale geben mehr Geld für Werbung aus, als sie durch ihren Börsengang einnehmen konnten, Napster, mp3.com &Co. machen selbst aus dem kleinsten Gerichtsverfahren eine Hiobsbotschaft und wer jeden Abend 2Step schreit, kurbelt nicht nur die Verkaufszahlen nach oben, sondern sorgt auch über Nacht für eine neue Hypeblase. Und obenauf ich. Da wo mich alle sehen, wo ich immer hin wollte - an den Quell der Aufmerksamkeit. Interessant, daß es immer dieselben sind, die schreien, die Geister rufen um sie nacher nicht mehr verjagen zu können. Es sind auch immer die selben, die diesen Geistern ihre Aufmerksamkeit schenken, sie anrufen, weil sie sie nicht herbeirufen können. Welcher Freestyle-DJ spielt denn heute schon noch mehr als drei DrumnBass-Stücke an ein und dem selben Abend?
Die Rolle die 2Step im modernen (elektronischen) Musikgeschehen einnimmt, spiegelt ein Bedürfnis der (Musik)Gesellschaft nach Seele wieder nach einer Seele die sich bereits verkauft hat, wenn sie jemals eigenständig war. Ein wenig Aufmerksamkeit oder wenigsten etwas, zu dem man sich bekennen kann. Ein paar verzerrte Bässe und mehr oder weniger dazu passende MTV-Vocals sind aber noch keine Zukunft, schnelle Junglebeats kein revolutionäres Ding mehr. Aus einer glamourösen Schiki-Micki-Party wird dank unermüdlicher Promoter und aufwendiger Videos der neue Underground-Sound natürlich aus London.
Der vermeintlichen NuJazz-Fraktion soll dies zu gute kommen, wird sie endlich von einer lähmenden Standortdebatte entledigt, in der die falschen Fragen auf die falschen Vorurteile treffen. Musik ist nichts für Schubladen, bedarf keiner Kontrolle und keiner Zensur. Der Inhalt steht frei von objektiver Kritik, denn die Probleme lagern auf einem ganz anderen Feld.
Während rosarote Telekomer zu den angesagtesten Housebeats telefonieren und sich anschließend über die geringe Besucherzahl wundern, spinnen andernorts Jeanshersteller, Automarken und Discountboutiquen ihre Intrigen, um ihrerseits möglichst viel Aufmerksamkeit und damit zahlende Kunden in ihre Läden zu locken. Marktschreier posten selbst in fremdsprachigen Mailinglists ihre Promotionrundmails und verkünden stolz ihren eben unterzeichneten Plattenvertrag.
Die wahren Fragen die wir uns stellen müssen, lauten ganz anders: Wie legt eigentlich Norman Cook auf, ab wann darf ein DJ DM 3000,- verlangen und warum kriegt Moodymann für einen Remix $10.000?? ][ mb
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