OUK das achtund20ste ± zackig & wählerisch ± Dez/Jan 00 bla & blub

Fünf ist Trümpf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Als erstes: Nein! Das Depot ist weder abgerissen, noch geschlossen und ist auch nicht seiner Existenz in Tübingens Industriegebiete-Ausläufern an der Eisenbahnstraße gefährdet. Man kann sich also unbeschwert dem 5. Jubiläum, daß sich am 9. Dezember auf den Tag genau jährt, widmen und all das Treiben und Feiern der letzten fünf Jahre samt seinen dazugehörigen Gast-DJs und Residents, Bands, Bardamen und -männern, Türstehern und Besuchern Revue passieren lassen, ja eigentlich muß. Die zahlreichen und oftmals prominenten Gäste, die sich über all die Jahre die Klinke in die Hand drückten, an anderer Stelle schon oft genug erwähnt, kommen dabei gar nicht als erstes in den Sinn, denn das besondere an diesem Club war und ist das Zusammenspiel von Idee und Umsetzung, DJs und Tänzer, Machern und Konsumenten – sowohl an Tagen absoluter Überfüllung wie auch bei gähnender Leere – in ihrer stetigen Abhängigkeit voneinander, wohl wissend, daß der eine den anderen am eigenen Schopf aus dem Stimmungstief ziehen und somit den Abend in eine vorher nicht abzusehende Richtung driften lassen kann, weshalb man sich auch beim Entdecken eines Mangels sicher sein kann, daß sich mindestens zwanzig andere den Kopf darüber zerbrechen werden. Eine Gegeben-heit, die heutzutage im Clubgeschehen nicht mehr selbstverständlich zu sein scheint, dabei kann sie gerade dann wirkungsvoll zum Einsatz kommen, wenn der Reiz an einem Club aus unerklärlichen Gründen nachzulassen scheint. Vielleicht unterscheidet sich das Depot gerade deshalb von so vielen anderen Clubs in seiner (weiteren) Umgebung, von zahlreichen Szene-Blättern wird es jedenfalls stets als einzigartiges Juwel in Sachen Clubmusik empfohlen. Das ouk schließt sich dem an und fordert gratulierend – wenn nicht 5 – dann doch mindestens 2,5 weitere Jahre! ][ mb

09.10.2000. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Und wieder ist es Stuttgarts Travellers Club, der mit einem besonderen Programm einlädt. Doch schon wenige Minuten nach der Öffnung der Pforten ist der bestuhlte Raum bis an den Rand gefüllt. Alle warten dicht gedrängt, jeden zur Verfügung stehenden Platz bevölkernd, auf die Lesung von Francoise Cactus. Vielen wohl eher bekannt (zusammen mit Brezel Göring) als Stereo Total. Doch dieses Mal sollen ihre literarischen Werke im Vordergrund stehen. Mit diesem gewissen, charmanten französischen Akzent führt Francoise schnell das gierig schweigende Publikum in die Welt der Hauptcharaktere Marie-Jeanne Simone und ihrer Freundin Sissi Schneider. Langsam entstehen vor dem geistigen Auge die Umrisse des Pariser Vorortes Issy les Moulinettes, in welchem der Detektivroman besonderer Art spielt. Zeitweise dezent mit Geräuschen aus Brezels Klangküche untermalt, versinkt der ganze Raum in der fiktiv prickelnden Welt des Romans „Zitterpartie“ (rororo-Rotfuchs 20994). Fast schon in der Art von „Hanni & Nanni treffen auf Douglas Adams im Schloß Schreckenstein„ führt sie mit einigen kurz dargebrachten Erläuterungen die Zuhörer bis zu dem spannenden Punkt, als die beiden bei einem Fotografen recht zweideutige Angebote mit Nachdruck erfahren. Doch dann ein nüchternes Verebben der Stimme und der liebevolle Hinweis an alle Interessierten, sich selbst in die Tiefe des Buches zu begeben. Eine kurze musikalische Darbietung ihrer Stereo Total´en Schaffenswelt steigert noch die unglaubliche Begeisterung unter den Anwesenden. Danach verschwinden schnell die platzverschwenderischen Stühle und die von außen an der Scheibe plattgedrückten Nasen können nun ebenfalls in warmer Atmosphäre dem zweiten Teil der Lesung folgen. Diesmal sind es Auszüge aus dem „Abenteuer einer Provinzblume“ (rororo-Rotfuchs 20950). Nun begleiten alle Mitzi, die vor einer verzweifelten Beziehung nach Deutschland flüchtend, in der Berliner Szene eine zweifelhafte Karriere als Schlagzeugerin und Sängerin einer Mädchenband startet. Witzig und schräg dargeboten, verzaubern auch diese kurzen Passagen das begeisterte Publikum. Kaum klingt ihre erzählende Stimme erneut aus, da startet auch schon des musikalischen Programms zweiter Teil. Doch kaum zu bändigen forderte das verzückte Publikum eine Zugabe nach der anderen, so daß sich aus der kleinen Zugabe ein komplettes Konzert noch im Anschluß entwickelte. Mit den Stimmbändern durch eine heranrückende Erkältung gänzlich am Ende, löst sich dann unter den wehmütigen Blicken des zur endlosen Fortsetzung bereiten Brezel Görings, das literarische Zusammentreffen zaghaft auf. Verständlicherweise will wohl niemand so richtig diese phantastische Welt verlassen. ][ g

DMC/TECHNICS WORLD DJ CHAMPIONSHIPS LONDON . . . . . . . . . . . . . . . .
In meterhohen Lettern konnte man lesen, was er wohl selbst noch nicht ganz glauben konnte. DJ Razor, Germany, stand auf der riesigen Leinwand. Fast ein bißchen verloren wirkte da der Stuttgarter auf der Bühne des Skypalace im Londoner Osten. Doch weder die imposante Kulisse, noch die gespannte Erwartung der 3500 Turntablism-Fans aus aller Welt konnten den bescheidenen Studenten der Medieninformatik beim Finale der besten 12 DJs der Welt aus der Ruhe bringen. Konzentriert und technisch brilliant, brannte er ein Skills-Feuerwerk der Extraklasse ab und brachte damit die kleine Schwester des Milliardengrabs Millenium-Dome zum Sieden. Razor ist damit der erst fünfte Deutsche nach David Fascher, Sahin, Membrane und Ray D., dem es gelang die Eliminations bei den DMC-Weltmeisterschaften zu überstehen. Insgesamt war dies nur ein kleiner Ausschnitt eines großartigen Wochenendes, daß ein überzogenes Konto mehr als nur wert war. Denn so unbedarft sich DMC-Deutschland bei der Ausrichtung der deutschen Vorausscheidung präsentierte, so professionell und dem Ereignis angemessen erwies sich die Organisation der Finals im Skypalace/Millenium Dome. Dem Publikum bot sich in der riesigen Halle eine beeindruckende Kulisse für diese Veranstaltung, die an zwei Tagen die nächste Stufe der Plattenspielerbedienkunst präsentierte. Am ersten Tag fand die neu eingeführte One-to-one Battle for World Supremacy und das Team-Final statt. An ersterer beteiligten sich illustre Namen wie Noise, Crazy B., Mousse, Jay K. und Snake Eyes. Im Finale standen sich aber die bisher noch unbekannten Skully (England) und Kohd (Frankreich) gegenüber. Durchgesetzt in dieser hochklassigen Battle hat sich schließlich der Franzose, der sich seinen besten Run für das Finale aufgehoben hat, während der Brite hier zwar überzeugte, aber seine Glanzleistungen in Viertel- und Halbfinale zeigte. Platz drei ging an Snayk Eyz. Der Höhepunkt des Wochenendes waren die vor allem in punkto Musikalität und Wordcuts mehr als begeisternden Teamfinals, bei denen die Allies gleich mit zwei Teams am Start waren. Vornehmlichstes Ziel der meisten Finalisten schien es zu sein, den Titelverteidigern von den Scratch Perverts, Tony Vegas und Primecuts, den Abend durch übelste Disses zu verderben. So waren beliebte Stilmittel das sich über diese lustig machende Nachahmen der Gegner und zum Teil extrem böse Wordcuts. Am Ende hatten A-Trak und Craze von den Allies die Nase wohl auch deshalb vorne, weil den auf Platz 2 gewerteten Scratch Perverts einiges mißlang. Enttäuscht und offensichtlich „pissed&147; verweigerten sie gar die Annahme ihres Preises. Immerhin entschuldigte Tony Vegas dieses Verhalten tags darauf. Der dritte Platz ging etwas unverdient an die britischen Mixologists. Hier hätte man eigentlich die Disskönige von den Allies um Infamous und Develope erwartet. Leider fanden die Eliminations der Einzelkonkurrenz am nächsten Tag unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt, so daß wir lange bangen mußten, ehe wir von Razors Qualifikation erfuhren. Eingerahmt war dieses Finale von Auftritten des legendären Grandwizzard Theodore, von Beatbox-Ikone Rhazel und von den Local Heroes Mark B & Blade. Für einen Platz unter den ersten drei reichte es nicht für DJ Razor, aber viel fehlte nicht und viel wichtiger: mit dieser Leistung hat er sich in der Weltspitze etabliert. Sieger war am Ende völlig unstreitig der alles überragende Craze, der damit zum dritten Mal hintereinander Weltmeister wurde und sich mit diesem Titel vom Battlebusiness zurückziehen wird. Auf Platz 2 kam der wie immer musikalisch absolut überzeugende Dexta von down under, Platz 3 ging an den klar überbe-werteten Mr.Thing, der hier eindeutig von seinem Heimvorteil profitierte. Hier hätten der Amerikaner Klever oder der total durchgeknallte „Aphex Twin“ des Turntablism, der Japaner Hanger stehen müssen. Den phantastischen Abschluß dieses unglaublichen Wochenendes im Pfefferminzbratenland besorgten die DJs Kid Koala und P.Love, die hier Turntablism in Vollendung darboten. Man kann sicher sein, daß dieses Set in jedem Konzerthaus der Welt auch von konservativen Musikliebhabern mit Beifallsstürmen bedacht worden wäre. Smooth und technisch perfekt, ein Genuß. Am Ende blieb nur eine Frage offen: Wo zum Henker waren all die Vertreter der sogenannten deutschen HipHop-Hauptstadt Stuttgart, als sich ihr Homie anschickte, den größten Erfolg seines Lebens zu verzeichnen? Nicht einem war das die Reise ins nun wahrlich nicht ferne London wert. So waren es gerademal zwei Münchner und zwei &132;Fußvolk&147;-Stuttgarter, die sich für Razor die Seele aus dem Leib schrien. Irgendwie schon ein Armutszeugnis für das 0711-Imperium, oder? ][ motik


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