OUK das achtund20ste ± zackig & wählerisch ± Dez/Jan 00 Hefner

Hefner

an   evening   with   Lee   Jones   and   Jason   Swinscoe ...

Mittlerweile ist ja geklärt, warum die Massen von D&B zu 2Step abwandern: damit die Frauen auf Partys auch wieder Spaß an der Musik haben.

Ist ja auch was dran, der Jungsanteil auf den immer noch gerne ultrahart gefahrenen D&B-Partys ist doch wieder ziemlich übergewichtig (und ich rede hier von nicht besonders charmanten, sondern ganz schön zugeknallten und kaum gesellschaftsfähigen Jungs). Bei Lee Jones a/k/a Hefner dagegen sieht es so aus, als stünde er in dieser Frage auf der richtigen Seite. „Oh ja, der ist sehr niedlich“ sagt eine Arbeitskollegin, als ich ihr erzähle, wen ich gleich zu einer halbe Stunde plaudern in einem Kreuzberger Café treffe. Und sie freut sich, als sie hört, daß sein Debut-Album Residue, ebenso wie die beiden bereits auf Inertia veröffentlichten 12-inches ein überaus bekömmliches Werk geworden ist - das beste aus House und Breakbeat-Science auf einer grünen Wiese versammelnd, auf der rosa Kaninchen eine gute Zeit haben. Das jedenfalls war meine erste cinematographische Assoziation, und dieser Rahmen scheint angemessen, den Lees Begleiter beim Interview und dem Anstehenden DJ-Set am Abend, ist Jason Swinscoe, Betreiber des Cinematic Orchestra. Man kennt sich, will demnächst verstärkt zusammenarbeiten, und überhaupt ist’s zu zweit lustiger. Beide verdauen bei meiner Ankunft einen offenbar sehr umfangreichen Brunch, haben seltsamerweise PEZ-Spender in der Homer-Simpson-Ausführung dabei und sprechen sehr, sehr leise ...

ouk: Heute nacht trittst du als DJ auf?
Lee: Ja.

ouk: Was ja irgendwie nur deine Zweitberufung ist, nach Producer.
Lee: Ja, das hat sich so entwickelt, accidentally. Die Leute nehmen immer an, du bist DJ, wenn du eigentlich Producer bist. Ich komme klar damit.

ouk: Hast du auch Pläne für eine tatsächliche Live-Performance?
Lee: Ja, im Moment proben wir dafür in London. Probieren aus, wie das geht, live. Ich kriege da ein paar Tips von Jason. Es ist nicht ganz einfach, weil es eben Studiomusik ist, die live reproduziert werden soll. Wir benutzen Backing Tracks.

ouk: Ich fragte mich, wer die Vocals einsang?
Lee: Das ist José. Sie singt auch mit der Band. Die „Male Vocals“ sind Samples. Die sie dann später übernehmen wird.

ouk: Wird das Setup um Drums erweitert?
Lee: Ja, es gibt Livedrums, Bass und Keyboards, während ich bestimmte Samples antrigger und ein bißchen Gitarre spiele. Wir packen so viel rein wie’s zu fünft eben geht. Wir könnten mit dem Kram leicht zehn Leute beschäftigen, aber irgendwann wird’s zu doof, wir versuchen es simpel zu halten.

ouk: Und du musst dem Drummer erklären, wie er die gechoppten Beats zu spielen hat.
Lee: Nun, es ist unglaublich, er hat’s schon raus. Ich habe dem Drummer und dem Bassisten das Album gegeben, und eine Woche später hatten sie’s raus! Es ist verrückt: diesen ganzen Kram zu produzieren und dann hörst du es plötzlich von diesen Musikern gespielt! Das habe ich geschrieben! Und dann klingt es noch besser!

ouk: In der Tat?
Lee: Oh ja, es klingt besser zusammen. Speziell die Basslines. Ich höre jetzt erst, wie sie eigentlich klingen. Im Studio fummel ich sie aus lauter Teilchen zusammen, aber es klingt erst richtig flüssig, wenn es live gespielt wird.

ouk: Einige Producer sind so stolz auf ihre Beats, sie würden nie einen Drummer ranlassen.
Lee: Nun, ich denke, es ist gut, Leuten etwas zu geben, wenn sie es dann weiterentwickeln. Ich gab ihm die Sachen ja nicht, damit er sie 1:1 reproduziert, es war eher etwas, mit dem er starten konnte.

ouk: Das klingt, als kämst Du aus einem Bandbackground.
Lee: Nein gar nicht, ich habe nie in einer ernsthaften Band gespielt. Unser erster Gig wird auch mein erster Gig sein. Was mich etwas nervös macht.

ouk: Werdet ihr zuerst in London auftreten?
Lee: Nein, in Schottland.

ouk: Das ist eine gute Idee, da kannst du in Ruhe abfucken.
Lee: Genau, heh, die paar Zeitungen, die darüber berichten, sind eh nicht so wichtig.

ouk: Was ist denn dein eigentlicher Background?
Lee: Ich hatte Pianostunden in der Schule, das war eher klassische Musik. Ein paar Freunde brachten mich zur Gitarre. Ich habe mit Musik nicht viel zu tun gehabt, bevor ich 20 war. Ich habe auch nie „richtig“ Musik gehört. Popmusik halt, später Jazz, dann Hip-Hop. Generell habe ich eine „klassischen“ Herangehensweise. Was eine Erleichterung ist, um mit einer Band zu arbeiten.

ouk: Geht das nicht alles flöten, sobald ein Sampler im Spiel ist? Tonarten, Tuning und all das?
Lee: Ja, es gibt so ein paar Tracks, die nicht so ganz in Stimmung sind, weil das Sample gestrecht ist. Am besten ist, man macht sich seine eigenen Samples.

ouk: Das Cinematic Orchestra ist dagegen eine richtige Band?
Jason: Ja, seit zwei Jahren. Aber wir waren erst lange im Studio. Unser erster Gig war im Mai dieses Jahres.

ouk: Wie seid ihr beide zusammen gekommen?
Lee: Ich habe einen Mix gemacht für C.O.
Jason: Ein gemeinsamer Bekannter, Fink, veröffentlich auf N-Tone.

ouk: Hast du nicht auch auf N-Tone veöffentlicht?
Lee: Ja, gemeinsam mit Fink. Wir haben uns schon auf der Hochschule kennengelernt. Und begannen dort, uns kräftig gegenseitig zu promoten. In England wird dann gewöhnlich schnell ein Movement draus. Was natürlich Quark ist. Wir sehen ein paar Sachen ähnlich, aber unsere Musik ist doch ziemlich unterschiedlich.

ouk: Jaja, die Movements. Sagen wir doch Nu Jazz. Kannst du mit dem Label irgendwas anfangen?
Lee: Nun, Jason macht Jazz, ich mit Sicherheit nicht. Wenn’s nicht improvisiert ist, ist es auch kein Jazz. Später, live, wird da vielleicht was draus. Jetzt gibt es höchstens sowas wie einen „jazzy“ Sound.

ouk: Eine andere Gemeinsamkeit sehe ich in der Mischung aus Intellektualität, Schönheit und Progress.
Jason: Ich finde den Nu Jazz ziemlich bescheuert. Es gibt ein paar Leute, die sind like-minded, machen zeitgenössische Musik. Jazz ist einfach ein Einfluss für mich, so wie Filme. Da kommt gerade eine Menge tolles Zeug raus.

ouk: Es ist nicht unbedingt dancefloortauglich. Was dich doch als DJ heute vor ein paar Probleme stellt?
Lee: Ich wünschte schon, ich könnte ein paar eigene Sachen auflegen, aber unterm Strich produziere ich nicht wirklich für den Dancefloor. Meine Produktionsweise ist einfach beeinflusst von Dance-Music.
Jason: Es wäre ja ganz schön, wenn der Dancefloor sich ändern würde. Im Moment kriegst du den Floor noch leer mit einer I.G. Culture-Platte. Aber andererseits haben die Leute sich schon an ganz andere Sachen gewöhnt.
Lee: Es gibt einen Club in London, Plasik Palace, wo sie ein tolles Sound-System haben, ziemlich klein. Die Leute wollen da gerne eher jazzorientierte Musik hören, im Gegensdatz zum „4 to the floor“-Stuff. Und da kann man ganz verschiedene Sachen spielen.

ouk: Wie weit werdet ihr heute gehen?
Lee: Das wissen wir halt nie. Das merken wir erst, wenn’s so weit ist. Da müssen wir einfach ein Auge auf die Leute haben und schauen, wo’s hingeht. Vergeß ich manchmal. Wenn die Technik mich zu sehr in Anspruch nimmt, oder die Musik, vergeß ich manchmal, hochzuschauen, was die Leute so machen. Wir werden eher Dancemusic spielen, House-music, just for a change. Es ist nichts schlimmes an House. Ich kann mir den ganzen Abend House reinziehen, solange es stilistisch etwas variiert.
Jason: Es ist einfach eine der tollsten Tanzmusiken, weil es zum Tanzen designt wurde. Es entwickelt sich, seit Jahren, immer weiter.
Lee: Ja, unglaublich, du denkst es sei sehr beschränkt, aber genau aus der Beschränkung heraus, wird es immer wieder vitalisiert. Brillant.
Jason: Ich spiele aber auch ‘ne Menge alten Kram.

ouk: Zum Beispiel?
Jason: Alte, funky Soundtracks, etwas Ska, bisschen Reggae, Jazz, Funk.

ouk: In Berlin ein Sure Shot. Wie sind denn - europaweit - die Unterschiede? Hab ihr schon genug Material zusammen für einen musiksoziologischen Überblick?
Lee: Ja, in Paris, Mittwoch. Househousehouse, das war das einzige, mit dem ich da weiterkam.
Jason: Dagegen in Mailand neulich, konnte ich housy starten, um dann so in Richtung Compost einzuschwenken, was da völlig korrekt ankam. Auf halber Strecke habe ich eine Runde ollen Ska gespielt, einen Specials-Track. Allgemeines Stutzen, aber dann ging’s gut. Immer wieder lustig. In Frankreich habe ich auch mal nach einer langen Housestrecke straight Bigband Jazz gespielt, Quincy Jones oder so. Muss halt immer mal wieder sein, den Spaß muß ich mir gönnen.

ouk: Lee, was passierte eigentlich zwischen dem N-Tone-Ding und dem ersten Lebenszeichen, das ich so wahrnahm: dem 4 Hero-Remix?
Lee: Ich hatte zwei 12-inches auf Inertia draußen. Ich habe in dieser Zeit viel geschrieben, ohne gleich alles zu veröffentlichen. Viele Platten kommen da also noch nicht zusammen. Ich bevorzuge Qualität gegenüber Quantität.

ouk: Ich habe diese Phase deswegen nicht mitbekommen weil ich dummerweise immer davon ausgegangen war, du seist diese amerikanische Folkband.
Lee: Ach herrje.

ouk: Als ich las, daß es diese Folkband gibt, dachte ich, der 4-Hero-Remix sei ein Ausrutscher.
Lee: Na super. Es ist schon ein Ärger, ich weiß nicht genau, was da in der Sache genau passieren wird.

ouk: Habt ihr euch mal getroffen?
Lee: Das wäre wohl keine gute Idee, es könnte gewalttätig werden. Wir habe beide gerade ein Album draußen, also sind wir gegenwärtig in denselben Magazinen und so weiter. Ziemlich verwirrend. Es läuft wohl darauf hinaus, daß derjenige gewinnt, der mehr Platten verkauft.

ouk: Im Moment liegst du ja wenigstens bei den Kritikern ganz gut.
Lee: Oh ja, es gab böse Reviews für sie

ouk: Was für Acts gibt es noch auf Inertia.
Lee: Em...eigentlich keine...außer mir und meinem Bruder.

ouk: Noch so ein Quality over Quantity-Ding.
Lee: Ja, schon. Es wäre nett, ein bißchen mehr Gesellschaft zu haben. Andererseits ist es gut, daß sie sich nicht verzettelen und sich sozusagen jederzeit um mich und meinen Kram kümmern. Das ist schon klasse. Mittlerweile suche ich auch selber nach neuen Künstlern. Wir hätten gerne was auf Vocal-Basis. Ich suche genau genommen nach einer Art Singer/Songwriter, den/die ich produzieren könnte. Und damit dem Label helfen würde, sich zu entwickeln. Ich produziere sehr gerne. Manchmal weiss ich nicht weiter in meinem eigenen Kram. Da ist jemand willkommen, der weiß, was er will, und ich muß ihm dabei helfen, und mich auf diese Weise einbringen. Einen Style entwickeln.

ouk: Hast du da schon Erfahrungen?
Lee: Oh ja, im Moment bin ich an einem Projekt mit sehr songorientierten Sachen, eine Sängerin, die ich für Junior Boys Own produziere.

ouk: In deinem Geschäft ändern sich die Dinge mit extremer Geschwindigkeit. Hast du die Chance, mehr als ein Jahr im voraus zu planen?
Jason: Jetzt wird’s interessant.
Lee: Ich versuche auch immer, einen Schritt voraus zu sein, aber niemand kann sagen, was nächstes Jahr angesagt ist, von daher ist es am besten, dabei zu bleiben, wo du gerade dran bist. Eigentlich ist es okay, daß alles so schnell geht, schon weil ich selber schnell gelangweilt davon bin, immer beim gleichen Style zu bleiben. Ich brauch auch immer was anderes, um mich zu begeistern. Andererseits mußt du einen unverkennbaren Style entwickeln, damit die Leute dich wiedererkennen.

ouk: Mit Sicherheit sind die kommenden Ereignisse an die Entwicklung der technischen Vorraussetzungen gebunden. Irgendwann mußt du keine schweren Kisten mehr mit dir rumschleppen, sondern einen bequemen Datenträger.
Lee: Ja, das wird lustig, und sehr viel besser für den Rücken. Man wird halt sehen, ab wann wirklich alles vom Laptop kommt. An Ort und Stelle, in Echtzeit remixen und so. Der Unterschied zwischen Liveset und DJset wird verschwinden.
Jason: Irgendwie denke ich, daß Turntables immer da sein werden. Auf der anderen Seite ist da dieser Gedanke, direkt zu remixen, ein paar Tracks downzuloaden und dann zum Auftritt zu gehen..... aber es ist ein komischer Gedanke. Es hat etwas kaltes. Und du hast keine physische Verbindung zum Material, wie beim Vinyl. Livebands, Musiker, Turntables - es wird wirklich merkwürdig,wenn all das wegfällt.

ouk: Bis sie dir den Helm aufsetzen, den Datenhandschuh....
Lee: Oh ja, virtual reality deejaying. Auch nicht übel
Jason: hmpf
Lee: Und es wird virtuelle Clubs geben. Du musst deine Wohnung nicht mehr verlassen, um in die coolsten Clubs der Welt zu gehen.

ouk: Stell dir vor, lauter Leute sitzen nebeneinander, und jeder ist in einem anderen Club.
Lee: Es ist eine ziemlich düstere Version. Aber egal, du kannst das Equipment nicht dafür verantwortlich machen, wenn deine Musik keinen Soul hat, das steht wohl fest. Du kannst das in den Computer bringen.
Jason: Computer haben lange Zeit die Soundästhetik diktiert. Das ändert sich gerade: Du kannst jetzt ALLE Soundvorstellungen, einschliesslich „warmer“ Sounds verwirklichen und der Computer muß dir dabei helfen, da sein Begriffsarsenal enorm erweitert ist.

ouk: Ihr beide, speziell Lee, seid nicht gerade Freunde der darken Stimmungen.
Lee: Nee, haha, nicht wirklich. Ich habe diese Aggression nicht. Nach wie vor gibt es nichts geileres als in so einen Club zu gehen, in dem die Anlage dich mit einem Matrix-Track einfach platt macht. Einfach nur die Power. Aber so was kann ich einfach nicht schreiben. Hätte ich dafür ein Studio, in dem ich richtig Krach machen könnte, dazu rumspringen ... dann würde ich vielleicht reinkommen. Aber mein Studio ist ein meiner Wohnung. Die Musik muss da eher leise bleiben. Deswegen die Musik.

ouk: Würdest du zustimmen, daß britische Musik immer ziemlich nahe an Landschaftsplanung bzw. räumlichen Parametern entlang geht?
Lee: ... Nun, ich bevorzuge den Film-Vergleich. Situationen, Charaktere ... das sind diese träumerischen, aber nicht irrealen Stimmungen, die mich beeinflussen.

ouk: Ihr steht beide auf Filmscores, richtig?
Lee: Die beste Samplequelle. Filmscores sind das beste.
Jason: Wahre Bibliotheken.
Lee: Geniale Einzelgeräusche.
ouk: Irgendwelche Hinweise?
Lee: Death Wish, mit Herbie Hancock-Soundtrack. Oder Quincy Jones, zum Beispiel: How to steal a Diamond.
Jason: Bernard Herman, guter Soundtrack, da haben wir viel gesampelt.

ouk: Schon mal davon gehört, dass Leute wirklich Ärger bekommen wegen ungeklärter Samples von Soundtracks?
Jason: Auf einer DJ Food-Platte fanden die Manager von Quincy Jones mal ein Sample, daß sie wieder von der Platte nehmen mußten.
Lee: Oh Shit

Das Gespräch driftet in cinematographisches Teegeplauder und Namedropping ab, und da will auch schon die Kollegin ihren Job machen. Am Abende geben sich die beiden ohne viel Werbungstrara ein Set in der WMF-Lounge. Erstmals seit langer Zeit bekomme ich hier den Eindruck eines tatsächlichen Feedbacks zwischen den DJs und auch dem Teil des Publikums, der nicht unmittelbar (und so seltsam pflichtbewußt, wie in Mitte üblich) tanzt. Es geht um Vibes, Wärme, und alte Rocksteady und Ska-Nummern, die das Team tatsächlich aus der Kiste holt. Hoffentlich bleibt von dieser unbekümmerten Haltung noch etwas übrig, wenn Hefners Band einsatzbereit ist. ][ eric mandel


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