Turntablerocker
Als Ex-Produzent der Kolchose-Urformation Die Krähen und gefragter Remixer ist der Stuttgarter DJ Thomilla genausowenig aus der HipHop-Szene der Landeshauptstadt hinwegzudenken wie sein Kollege Michi Beck aka DJ Hausmarke, der sich vor allem durch seine Arbeit mit den Fantastischen Vier einen Namen gemacht hat.
Als Turntablerocker gehören sie zu den beliebtesten DJ-Teams im deutschsprachigen Raum. Nun haben sie den Weg ins Studio gefunden, um das im Februar 2001 erscheinende Album Classic einzuspielen.
Entgegen mancher Erwartung überraschen die beiden mit einem Dance-Album ohne Raps und Gesang irgendwo im Graubereich zwischen Old-School-Elektro, House und HipHop, womit sie an ihre äußerst variablen DJ-Sets anknüpfen und sich damit von der teilweise allzu engstirnigen Denkweise der HipHop-Gemeinde abgrenzen.
ouk: Das Supersoundsingle-Logo und der Titel Classic weisen einem den Weg und beim Hören eurer Platte hat man dann auch ständig das Gefühl, das habe man schon mal gehört, so eine Art Wiedererkennungseffekt, ohne die Platte je gehört zu haben. Warum dieser Vergangenheitsbezug?
Michi Beck: Wir wußten am Anfang nicht, wie die Platte schließlich aussehen wird, nur wie wir vorgehen wollten. Wir wollten ein Album ohne Raps machen und dabei unsere gesammelten Einflüße in neue Stücke umsetzen, also 80er Funk, Elektro, Oldschool-HipHop u.s.w. Diese Stilrichtungen liegen ja auch nicht so weit zurück, daß man sich nicht daran erinnern könnte. Wir haben auch nicht versucht, möglichst unbekannte Dinge zu samplen, wie man das jetzt eher bei HipHop-Backtracks machen würde. Wir haben aber meist nur Teile übernommen und die dann arrangiert, so daß dieser Effekt entsteht, daß man das Gefühl hat, daß man das irgendwoher kennt. Wir haben die Sachen auch teilweise nachgespielt. Deshalb sind wir auch mit einer Band ins Studio gegangen. Das Konzept der Platte, dieses Zwischending aus HipHop und House, hat sich dann einfach ergeben. Es war also nicht, wie oft beim HipHop, eine Philosophiefrage. Wir haben die Sachen für uns einfach so umgesetzt, daß sie funktionieren, daß die Musik für sich spricht.
ouk: Wolltet ihr damit innovativ sein?
Michi Beck: Alles, was man macht ist ja irgendwo innovativ. Bei uns liegt die Innovation wohl weniger in den Sounds, als in dieser Genrelosigkeit. Aber es ist sicher nicht so, daß wir House neu erfinden wollten.
ouk: War dieser vocalreduzierte Ansatz auch ein Mittel, um im Ausland Beachtung zu finden?
Thomilla: Nicht unbedingt, aber mit Texten wären wir gleich wieder festgelegt worden, in ein Image gepresst und hätten dann wieder straight vorgehen müssen oder sollen.
Michi Beck: Deutsche Sprüche bringst Du eben immer gleich mit einem Gesicht in Verbindung und da ist dann sofort dieses Image dabei. Mit den Vocalsamples auf Classic wird niemand in Verbindung gebracht. Diese Stimmen sind eher sekundär und dienen eher als Instrument. Deswegen auch englische Samples. Bei deutschen Texten wird vielmehr darauf geachtet, was gesagt wird und nicht, wie es klingt und wie es zusammen mit der Musik funktioniert. Außerdem ist Englisch ja auch so etwas wie die Universalsprache der Popmusik.
ouk: Wie sieht es dann mit Bookings im Ausland aus?
Michi Beck: Wir waren zwar jetzt in Tokio und auch mal in Frankreich, aber eigentlich werden wir fast nur nur im deutschsprachigen Raum gebucht. Das ist aber auch klar, weil wir ja bisher Musik gemacht haben, die nur im deutschsprachigen Raum gehört wird.
ouk: Kommt diese teilweise Abkehr vom HipHop auch daher, daß ihr von diesem Extrem-Hype genervt seid?
Michi Beck: Wo Licht ist, ist auch viel Schatten. HipHop und bei mir auch so 80er-DanceGeschichten sind unsere Roots, sowohl beim Auflegen als auch beim Produzieren und deshalb werden wir damit auch immer die engste Verbindung haben. Aber es stimmt schon, diese Overdose gerade sorgt für Quantität statt Qualität. Auch dieses ganze Rumgetue von wegen Realness und Street Credibility, das sind Begriffe, die inzwischen genausoviel Aussagekraft haben oder Pop geworden sind, wie Zahnspange oder Bravostarschnitt. Da besteht kein Unterschied mehr. Auf dem Schulhof ist dann Realness gleichzusetzen mit Pferdepostern. Aber das heißt ja nicht, daß alles scheiße ist. Es wird nur schwieriger, das alles zu filtem. Vielleicht auch deshalb haben wir eine Platte gemacht, bei der wir keine Message rüberbringen und keinem Image entsprechen müssen. Ich wußte auch nicht, was ich bei diesem ganzen BlaBla noch erzählen sollte. Aber es gibt natürlich immer noch Highlights, wie z.B. die Platte von Torch, vielleicht auch weil er acht Jahre Zeit hatte, in denen er die Schnauze gehalten hat. Daß gerade jede Plattenfirma irgendeinen Rapper signt, ganz egal, was er zu erzählen hat, hat mich auch ein bißchen müde gemacht. Also, ich glaube schon, daß es dieser Wahnsinns- boom war, der uns dazu gebracht hat, auch mal etwas anderes zu machen.
ouk: Es fällt auf, daß ihr im Gegensatz zu vielen Kollegen nicht diesen aufgesetzten Streetslang angenommen habt...
Michi Beck: Ja furchtbar. Also Leute wie Afrob oder so, die reden schon immer so, die sind halt so, aber wenn jetzt irgend ein 16jähriger Gymnasiast so tut, als ob er die Straße mit Löffeln gefressen hat, dann ist das einfach albern und doof. Dieses ganze ‘hart sein’ und möglichst cool und real und street, obwohl man es nicht ist, ist einfach lächerlich. Wir waren noch nie so, was man dann auch im Club bemerkt. Es geht einfach nicht um ‘throw your guns in the air’, sondem halt um ‘bootie shaking’. Wir versuchen dann auch nicht möglichst reale und undergroundige Sachen aufzulegen, sondem Zeugs, das qualitativ gut ist und im Dancekontext steht. Wir spielen natürlich auch undergroundige Sachen, aber immer mit dem Ziel den Partyhype aufrechtzuerhalten und ich finde, darum geht es, wenn Du Clubmusik machst oder auflegst. Es gibt ja auch diese Message- oder Pseudo-Message-Herangehensweise, bei der man sein Ding durchzieht, ganz egal, was die Leute davon halten, aber wenn ich gebucht werde, möchte ich die Party rocken und das war auch der Ansatz bei der Platte.
ouk: Gehen dann die Kompromisse beim Auflegen soweit, daß ihr auch Zeugs spielt, das euch gar nicht gefällt?
Michi Beck: Nein, auf keinen Fall. Es geht eher dahin, daß wir gerne noch freier auflegen würden. Wir spielen ja auch runtergepitchte Housenummem, die wir dann in ein HipHop-Set einbinden und beispielsweise mit alten Elektrosachen kombinieren. Das ist für die HipHop-Kids dann manchmal zuviel.
Thomilla: Wir legen jetzt aber nie etwas auf, das wir nicht kaufen würden. Nur manchmal spielen wir einen Track, der uns deswegen auf die Nerven geht, weil wir ihn beim Touren täglich aufgelegt haben, den wir aber eigentlich gut finden.
ouk: Es scheint ziemlich untergegangen zu sein, daß DJ Razor in London das Finale der DMC-Weltmeisterschaften erreicht hat. Wie steht ihr zum Turntablism?
Michi Beck: Das ist so ein ganz anderes Ding, da können wir nicht mithalten. Da steht eher das Handwerkliche im Vordergrund, bei uns liegt das Hauptaugenmerk auf Clubbing.
Thomilla: Ich schau mir das geme auf Video an und merke dann oft, daß ich es gar nicht mehr kapiere, was die da machen, obwohl ich es vielleicht geme mal ausprobieren würde. Razor hat das für sich entdeckt, aber es ist halt nie so groß gewesen, auch nicht als David Fascher ‘90 und ‘91 Weltmeister geworden ist. Der war übrigens mal hier in Stuttgart, danach sind dann noch die Fanta 4 aufgetreten.
Michi Beck: Stimmt. Also ich respektiere und schätze das sehr. Da kippt mir dann schon manchmal die Kinnlade runter. Aber das können wir einfach nicht und wollen das vielleicht auch gar nicht können. Würden wir uns jetzt ein Jahr zuhause hinstellen, könnten wir bestimmt auch eine adäquate Battle-Show hinbekommen. Vielleicht nicht so gut wie Razor und Kollegen, aber das ist einfach ein anderer Ansatz. Da rockst du dann halt eine halbe Stunde.
ouk: Wo liegt der Schwerpunkt, Produktion oder DJing?
Thomilla: Von Mai bis Oktober waren wir nur am Produzieren. Jetzt legen wir wieder mehr auf. Das hält sich so die Waage.
ouk: Bleibt es bei diesem Ausflug oder kommt da noch mehr in dieser Richtung?
Michi Beck: Wir wollen auf jeden Fall eine zweite Turntablerocker-Platte herausbringen. Ich denke mal, die wird an die erste anknüpfen, aber sicher wieder etwas anders werden. Vielleicht schneller oder wieder langsamer oder beides.
ouk: Seht ihr euch als Botschafter der Stuttgarter HipHop-Szene?
Thomilla: Naja, wir sind Stuttgarter, wir leben hier, aber wir sehen uns jetzt nicht so richtig als Repräsentanten dieser Stadt.
Michi Beck: Als es mit dem 0711-Club so richtig fett wurde, haben wir dann ja auch aufgehört dort aufzulegen und waren öfter unterwegs. Aber klar sind wir von hier. Nur inzwischen hat sich auch viel in Grüppchen aufgeteilt, so daß sowieso alle irgendwie ihr eigenes Ding machen.
ouk: Glaubt ihr an Außerirdische?
Thomilla: Ja ich mag einfach diesen ganzen Science-Fiction-Scheiß. Ich bin ein Außerirdischen-Fan. Die meisten sind grün angezogen und haben eine Mütze auf.
ouk: ... und einen Schnurbart.
Thomilla: Wir könnten auch nur eine Erfindung von Außerirdischen sein. So eine Art Experiment. Und die sitzen irgendwo, beobachten alles und finden es total interessant, was bei uns so alles passiert.
Michi Beck: Es wäre vermessen, zu glauben, wir wären die einzigen. Wenn Du im Urlaub Zeit hast und eine halbe Stunde in den Himmel guckst und über all das nachdenkst, diese Unendlichkeit und die Zeit und so weiter, also das sind solche Dimensionen, daß die Wahrscheinlichkeit einfach unglaublich gering ist, daß hier mal jemand vorbeikommt. Die ganze Menschheitsgeschichte könnte zeitlich gesehen ja nur ein Furz sein. Aber irgendwo gibt es bestimmt anderes Leben.
][ motik
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