| das neunund20ste ± gefühlvoll & schlagkräftig ± Feb/Mär 01 | Playhouse |
HERZLICH WILLKOMMEN IM PLAYHOUSE KOCHSTUDIO . . ."Ein guter DJ ist in der Regel auch ein Genießer!"
ouk: Wie viele Interviews habt ihr in letzter Zeit geben müssen? Ata: Zwei... nee, drei... also, vier. Heiko: Waren es nicht drei? Ata: Weiß nicht... na ja, es kommt auf jeden Fall nicht so oft vor. ouk: Reagiert ihr auf jede Interviewanfrage? Ata: Nee, machen wir nicht. Heiko: Wenn wir ein Interview geben, muß bzw. sollte das auch uns was bringen. Ich hätte absolut kein Interesse daran, der Bunten ein Interview zu geben. Ata: ... oder Fritz. ouk: Ihr seid ja jetzt schon mehr als zehn Jahre aktiv... Heiko: Ja, kann man so sagen. Unsere drei Labels gibt es jetzt seit acht Jahren. ouk: ... und inzwischen ist das alles ja bestimmt nicht mehr nur ein Hobby, oder? Ata: Richtig. Angefangen hat das ganze als eine Art Hobby unter Freunden, in etwa so wahrscheinlich, wie ihr auch euer Magazin angefangen habt. Ich glaube auch nicht, daß einer von uns vieren damals daran geglaubt hat, daß einer von uns jemals damit sein täglich Brot verdient. Tut auch heute noch keiner von uns. Das hat sich einfach so ergeben. Inzwischen sehen wir aber einen Horizont, den wir vorher gar nicht gesehen haben. ouk: Es arbeiten alle von euch also noch nebenbei. Ata: Alle müssen nebenher arbeiten, ja. Es gibt keinen, der ausschließlich vom Label lebt. Heiko: Ich arbeite zwar mittlerweile vier Tage die Woche im Labelbüro, aber ohne mein DJ-Dasein würde ich nicht auskommen. ouk: Damit fing ja auch alles an. Ata: Ja. Das DJ-Dasein war ganz klar als erstes da. Irgendwann haben Heiko und ich dann gesagt: "Komm, laß uns ein Label gründen", womit dann unsere eigene kleine Odyssee begann. Aber ich glaube wir haben bald das Ende der Reise erreicht. Heiko: Mensch, eine Odyssee hat eigentlich gar kein Ende. Ata: Gut, dann haben wir ein erstes Ziel erreicht. ouk: Welches da wäre? Ata: Ich glaube, unser Ziel ist es, sehr, sehr professionell zu werden. Wir sind schon ein paar Schritte weitergekommen, aber unser Ziel ist es, ein richtiges Plattenlabel zu werden. Eine richtige Firma eben, was es jahrelang nicht war. Es gehört einfach ein bißchen mehr dazu als einfach nur Platten rauszubringen. Und das ist, glaube ich, langsam gegeben. ouk: Und das heißt dann auch, davon zu leben? Ata: Das heißt natürlich auch, davon zu leben. Denn sonst sollten wir das in den nächsten zwei Jahren nicht mehr machen. Als Hobby kannst Du das nicht dein Leben lang betreiben. Das funktioniert nicht. ouk: Klar, andererseits seid Ihr unabhängiger, wenn Ihr nicht davon lebt und Ihr müßt weniger Kompromisse eingehen. Wenn man das ganze als Firma betreibt, geht doch bestimmt etwas verloren. Ata: Hm ... ja, schon ... aber wir werden jetzt ja nicht hergehen und irgendeinen Künstler unter Vertrag nehmen, nur um damit Geld zu verdienen. Das haben wir niemals gemacht und werden wir auch nie machen. Alles was wir machen, kommt von Herzen. Und wenn's mal dabei ist, dann ist es dabei - wenn nicht, dann ist es halt nicht dabei. So ist unsere Philosophie. Wir werden also ganz sicherlich nicht irgend etwas tun, um auf Zwang hier Geld zu verdienen. Wenn's nicht klappt, gehen wir halt wieder in den Club auflegen. Heiko: Die prinzipielle Frage bei uns war nicht "Gründen wir eine Firma?". Wir hatten Platten aufgelegt und irgendwann dann selbst Platten herausgebracht. Aber irgendwann - das war so Ende `97 - landeten wir in der Situation, wo wir uns fragen mußten, ob wir das ganze jetzt richtig aufziehen, oder sein lassen ... oder einfach so weitermachen, wie bisher. Mit all dem Aufwand war es inzwischen aber sehr schwer, so weiterzumachen, wie bislang. Außerdem war es so, daß die Musik, an die wir geglaubt haben und die wir aufbauen wollten, an einen Punkt gelangt war, wo wir gesagt haben, wenn wir jetzt auf die nächste Ebene wollen, dann müssen wir einfach professioneller arbeiten, als Firma auftreten und unternehmerische Schritte einleiten. Davor hat alles funktioniert, man hatte ein paar Platten, mit denen haben wir uns irgendwann soweit eine finanzielle Unabhängigkeit geschaffen, daß wir keine Kompromisse machen mußten. Es kamen immer neue Künstler hinzu, ohne daß wir groß was unternehmen mußten und irgendwann kam der Moment, daß wir gesagt haben: "Na ja, jetzt wollen wir schon, daß das ganze etwas ansehnlicher wird". Dann haben wir eben auch mal einen Carl Craig angerufen und um einen Remix gebeten, etc. ... und dann kam zu dieser Zeit natürlich auch noch die Blaze-Geschichte zustande - Lovely Dae - und da waren wir dann an einem Punkt, da mußten wir einfach professioneller werden. Wir mußten nach Amerika fliegen, hatten mit Leuten zu tun, die aus einem anderen Kulturkreis kamen und eine andere Vorstellung von "Business" hatten als wir. Mit denen mußten wir auch Verträge abschließen, was vorher für die meisten Künstler von uns nicht wichtig war. Wir haben viele Sachen ohne Verträge gemacht. Es ging darum, was machen zu wollen. ouk: Das mit Blaze war also der Wendepunkt. Heiko: Ein bißchen. Da kamen mehrere Sachen zusammen, aber Blaze war ein Punkt, wo wir gezwungen waren, uns professioneller zu verhalten. Es war gleichzeitig auch die erste Kooperation mit einem Major - mit Polydor, seinerzeit Motor - da mußten wir uns einfach auf den Hosenboden setzen, Verträge richtig lesen und, und, und ... Jetzt ist es eben so, daß man Künstler wie Isolée, LoSoul oder AlterEgo, die ja alle schon eine Geschichte haben, daß die bei sich hat und mit denen was erreichen möchte. Man muß eben ständig Entscheidungen fällen. Das wiederum bedeutet, daß ich ein Stück Freiheit aufgebe, um im Büro zu sitzen und dort einem ganz gewöhnlichen, trockenen Job nachzugehen. ouk: Das Büro residierte ja bereits an diversen Plätzen. Ata: Ganz am Anfang war es in einem Schallplattenladen, dem Delirium, dann war es jahrelang bei mir, dann mal bei Heiko. Heiko: Es war eine große Ansammlung von Ordnern und ein Schreibtisch. Ata: Das sind so die Schritte. Erst zu Hause, dann gibt's irgendwann Stunk, dann geht das nicht mehr, dann kommt dann das Büro. Wenn du das erste mal ein Büro betrittst, dann sagst du dir: "Mein Gott, jetzt müssen wir tausend Mark für ein Büro abdrücken", dann sieht das gleich ganz anders aus. Und so kommt das dann alles zustande. ouk: Ihr habt seit jeher viel Aufwand mit euren Produktionen betrieben, habt stets einen sehr guten Sound, nie billig gepreßt. Heiko: Ne, überhaupt nicht, obwohl wir das anfangs alles aus eigener Tasche gezahlt haben. Die erste Acid-Jesus-CD, die allererste CD, die wir gemacht haben, haben wir beide von unserem privaten Geld bezahlt. Ata: Wir versuchen auch immer bestes Vinyl herzubekommen, gute Cover zu designen, ein gutes Mastering abzuliefern, einfach jede Platte individuell spitzenmäßig zu machen. Es gibt da glaube ich auch nur sehr, sehr wenige, die uns da das Wasser reichen können. Es gibt keine Platte die raus geht, bei der irgendwas nicht stimmt - das gibt es einfach nicht!
ouk: Wer ist für welchen Bereich zuständig? Heiko: Ata und ich haben das ganze gegründet, wobei wir zuerst ein Projekt namens Ongaku hatten und diesen Namen dann für's Label beibehalten haben. Ongaku ist japanisch und heißt Musik. Während der Ata damals noch in dem Klamotten- und Plattenladen Delirium eingebunden war, habe ich mich hauptsächlich um die Infrastruktur gekümmert. Verträge, Künstlerbetreuung etc. ... sämtliche Entscheidungen - also auch welche Platte veröffentlicht wird - fällen wir aber zu viert im Kollektiv. In dem Moment, wo eine Person sagt: "von der Platte halte ich aber überhaupt nichts", kommt sie nicht raus. Ata: In der personellen Zusammenstellung hatten wir auch sehr viel Glück. Der Jörn ist ein exzellenter Tonfachmann, Heiko und ich können als DJs sagen, was geht und was nicht, ich gestalte die Cover ... wir sind ein sehr gutes Team, das wir uns so gar nicht leisten könnten. ouk: Gibt es denn eigentlich eine Verbindung bzw. einen Verknüpfungspunkt zwischen den Labels und dem Robert Johnson? Ata: Es gibt schon eine Beziehung, die wir aber noch nicht richtig gelebt haben. Wir haben am Anfang einen Klangelektronik-Abend aufgezogen, was aber nicht richtig funktioniert hat. Jetzt läuft der Freitag unter dem Namen "Electric Circus" als offener elektronischer Abend, wo du natürlich viel machen kannst. Heiko ist da z.B. einer der Residents. Sicherlich könnten wir den Abend jetzt als Labelabend bezeichnen, tun wir aber nicht. Der Freitag ist jedenfalls der elektronische, technoide Abend, im Gegensatz zum Samstag, der ganz im Zeichen von House steht. Heiko: Wobei wir Techno ganz anders definieren, als das die meisten Menschen wahrscheinlich machen würden. Der Freitag ist praktisch zu einer Art Lounge geworden, in der getanzt werden darf und soll, aber man soll auch die Möglichkeit haben, dort einer Musik zu begegnen, die man sonst so nicht zu hören bekommt. Dadurch, daß ich außerhalb von Frankfurt eigentlich nur als Techno-DJ gebucht werde, weiß ich, daß fast überall immer nur dieser Einheitsbrei läuft. Wir animieren auch unsere Künstler auszugehen und sich andere Sachen anzuhören, wobei sich da das Robert Johnson natürlich hervorragend für eignet. ouk: Eine sehr triviale Frage: Warum Robert Johnson? Ata: Du meinst den Namen? Nun, ich lege mir da immer selbst eine sehr hohe Meßlatte, wenn es um was neues geht. Einen Namen zu finden oder ein Wort, das dann feststehen muß für etwas, was man dann über Jahre hinweg benutzt, halte ich für sehr schwierig. Bei Ongaku war es noch recht einfach, weil ich mich damals, vor zehn Jahren, extrem für japanische Kunst interessiert habe. Da habe ich dann einfach einen Duden zur Hand genommen und nachgeschaut, was "Musik" auf japanisch heißt. Beim Robert Johnson war das viel komplizierter und wir waren bereits tief in die griechische Geschichte eingedrungen, um einen Namen zu finden. Es lief dann aber, wie es in solchen Fällen immer läuft: ich war zu einer Veranstaltung eines Künstler-Freundes von mir eingeladen und ich redete mit ihm über mein Problem, als ich spontan zu ihm sagte, daß ich den Club nach einem Countrymusiker benennen möchte. Worauf er einfach "Robert Johnson" antwortete. Natürlich wußte ich auch erst nicht, wer Robert Johnson war, aber es stellte sich heraus, daß seine Lebensgeschichte und seine Musik einfach so perfekt zu unserem Konzept paßten, daß wir uns dafür entschieden haben. Es war auch sehr wichtig für uns, einen Namen mit Geschichte und Profil, also einen richtigen Namen, zu haben und nicht nur eine der heute so zahlreich vorhandenen "leeren Hüllen". Beim Wild Pitch-Club damals war es übrigens genauso, weil wir eben große DJ-Pierre-Fans waren. Heiko: Wobei Wild Pitch auch für unsere Vorstellung einer perfekten Clubnacht stand, auch wenn sich diese für viele sehr konservativ anhören mag. Ein Abend, an dem es früh aber ruhig losgeht und der sich dann langsam immer mehr und mehr steigert. Und nicht, wie es nun bestimmt schon seit fünf Jahren gang und gebe ist, daß ab ein Uhr nur noch auf die Leute eingeprügelt wird, oder gar von Anfang an Unterhaltungsprogramm herrscht. Wir hingegen hatten schon immer die Vorstellung gehabt, daß sich ein Abend ganz langsam aufbauen sollte und sich die Stimmung der Musik der Stimmung der Leute anpassen sollte. Die Leute kommen ja in der Regel nicht bereits auf höchstem Energielevel in den Club, sondern noch nüchtern. Zwar mit vielen Erwartungen, aber erstmal nüchtern. Inzwischen bin ich auch viel öfters bereit, die Leute mal mit einem Break zu schocken, um danach was anderes zu spielen. Das ist die eigentliche Herausforderung. Einfach nur Beat an Beat aneinanderreihen, kann inzwischen jeder. ouk: Seit ihr da nicht schnell als "Eigenbrödler" abgestempelt worden? Ata: Ja klar. Das war schon immer so. Wir haben im XS-Club angefangen, House aufzulegen und schon da mußten wir uns viel anhören, von wegen warum wir hier Barmusik spielen und so. Das war noch zu den Hochzeiten von Trance und Techno, als die Leute gar nicht darauf achteten, was eigentlich aus der Anlage kam. Es ging einfach nur um Party und BumBumBum. Deshalb habe ich es auch immer besonders schwer, wenn ich draußen bin, auflege und das Publikum nicht kenne. Dann dauert das meistens erst mal eine Weile, bis ich die Leute auf Trab gebracht habe, auch von der Motorik her. Super Beispiel war Madrid vor vier Wochen, als der DJ vor mir wahllos irgendwelchen rockigen Elektro-Chicks-on-Speed-Schnick-Schnack gespielt hat. Völlig ohne Linie. Als ich dann House aufgelegt habe, waren erstmal alle verdutzt, warum es jetzt geradeaus weitergeht. Erstmal. Anderthalb Stunden habe ich echt geschwitzt, bis ich sie auf den Knien hatte. Die letzte Stunde hab ich dann den Garaus gemacht. ouk: Wie lange wäre für dich dann ein ideales Set? Ata: Drei Stunden Minimum, ab fünf wird's schmackhaft. Vorher bringt's nichts. Heiko: Die ersten zwei Stunden sind die Pflicht, dann kommt ein bißchen Kür und danach kannst du spielen. Geschafft hat man es eigentlich erst dann, wenn das Personal an der Bar tanzt. Ata: Wir haben irgendwann einmal gelernt bekommen, daß es wichtig ist, nicht die Tanzfläche im Auge zu behalten, sondern die Bar. Solange sich da drum herum alles räkelt und freut, ist alles okay. Die meisten, die auf der Tanzfläche sind, sind wegen des Tanzens gekommen, denen geht es gut. Aber die an der Bar mußt du kriegen. Es ist auch ein gutes Gefühl, wenn man am Ende des Sets von der Bar bestätigt bekommt, daß es gut war. Heiko: Kommt natürlich auch immer drauf an, in was für einem Club du spielst und was für Personal an der Bar steht. Ich kann mich da an Sachen erinnern, da haben mir die Haare zu Berge gestanden. ouk: Wie viele Leute wollten Dich wegen den Neonröhren im Robert Johnson schon umbringen? Ata: ... (lacht) ... ich zähle sie lieber nicht. Aber ich erzähl mal, was es mit den Neonröhren auf sich hat. Als wir den Raum vorgefunden haben, waren die Neonröhren nämlich schon drin, das war die alte Lichtinstallation. Sie sind also das Einzige, was noch übrig geblieben ist, von dem, was der Raum vorher darstellte. Zweitens haben diese Neonröhren für mich einen besonderen Reiz, weil sie RGB darstellen. Außerdem bin ich ein alter Kraftwerk-Fan und habe eine sehr gute Beziehung zu Neonröhren. Es gibt ja sehr viele, die finden Neonröhren abscheulich, mich faszinieren sie. Wir wollten auch absolut kein Hi-Tech, also irgendwelche Scanner, Beamer oder sonst was im Club haben und auch die wunderschöne alte Spiegelkugel wollte verbannt sein, also entschieden wir uns für die Neonröhren. Leider funktionieren sie nicht ganz so, wie wir uns das vorstellen. In den 70ern gab es eine Technik, die die Röhren schlagartig angehen ließ. Diese Technik gibt es aber heutzutage nicht mehr und obwohl wir unsere Röhren für hunderte von Mark haben umbauen lassen, zuckeln sie immer noch wie eine alte Oma. Deshalb werden wir die Neonröhren demnächst ersetzen bzw. nur noch am Anfang und am Ende zur Generierung einer Grundstimmung verwenden. In Zukunft werden wir dann die Monitore als Lichteffekte verwenden. Aber ich glaube, die Ziege ist jetzt fertig ... ][ edl, mb |
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