OUK das neunund20ste ± gefühlvoll & schlagkräftig ± Feb/Mär 01 Tagebuch einer Revolution

Wer bestimmt eigentlich was deep ist?

Wer entscheidet eigentlich über
„boogieness“ oder „nicht boogieness“ im House?

Die Presse und der mit ihr verbundene Journalismus sind da sicherlich mit an erster Stelle zu nennen, gerade in Zeiten, in denen sie immer mehr zu plakativen Projektionsflächen der gewieften Marketingmanager verkommen. Nicht etwa, daß die Chefredakteure dieser Welt ihr Gehalt direkt vom Labelchef beziehen würden. Es ist die angebliche Schnellebigkeit unserer Zeit, der Konkurrenzdruck und der Versuch, stets der Erste und Beste zu sein, der die Verleger und Redakteure dazu bringt, ihr Blatt quasi kostenlos ins Marketing-Strategie-Programm der großen (und auch kleinen) Labels und Vertriebe einzufügen. Der übliche Schwindel: Die Präsentierung von Fiktion als Tatsache, präsentiert als Fiktion. Recherchiert wird dabei schon lange nicht mehr. Wir lesen also in einem Blätterwald voller lebloser, zusammenhangloser Neuigkeiten, Zitate und Geschichten und stürmen dabei die nächst höhere Instanz. Nachdem die Indie-Rock-Postillen nicht nur ihr Gefallen an unserer Clubkultur im Allgemeinen und dem System „Techno“ im Besonderen gefunden haben, sondern massenhaft Schreibende und Machende direkt aus dem System-Umfeld in die eigenen Reihen gelockt wurden, beginnen nun die großen, seriösen Polit- und Life-Style-Magazine unserer Gesellschaft den Untergrund und seine Erlebniskultur zu entdecken. Begünstigt natürlich durch den Aufstieg Berlins zur Weltmetropole, dem auch Berlins vielfältiges Nachtleben zu Teil wurde. Ich spreche hier vom System „Techno“, weil Techno schon lange nicht mehr automatisch heißt, daß man sein Haus verläßt, um auszugehen, sich schwitzend im lautstarken Club die Nacht um die Ohren schlägt, um am nächsten Morgen mit verkniffenen Augen vor der aufgehenden Sonne ins Bett zu flüchten. Sicherlich ist der Club oder zu mindest das Ausgehen noch immer zentraler Bestandteil des Systems, auch wenn hier Techno als Musikstil austauschbar (sei es nun durch Drum’n’Bass, House oder eine andere Art elektronischer Musik) ist und das Prinzip auch für einen Abend gilt, an dem nur 60er Funk & Soul läuft. Doch längst ist es kein fremdes Bild mehr, auf Großvaters Couch sitzend, im Kreise seiner Geschäftskollegen die neueste Lounge-Compilation in den Player zu schieben. Dazu gibt es Tee und anschließend wird mit Fremden über Gilles Petersons neueste Trend-Entdeckung diskutiert. Vielleicht muß man erst erkennen, daß Platten wie „Ping Pong“ (Swayzak) oder „Plutonia“ von Alex Attias (Vision Rec.) in ihrer Aussage einer Dramaturgie viel näher kommen und damit zum Zuhören viel besser geeignet sind, als irgendein zusammengewürfelter Tech-Jazz-Sampler oder die neueste Brasilica-CD.

Generell aber läßt sich ein Quasi-Euphorismus in der Szene genauso herbeischreiben, wie der Pop-Trübsinn in München, den laut Spiegel (6/5.2.01) das Compost-Label mit seinem Duo Fauna Flash aus den Köpfen der lustlosen Clubgänger blasen will. Das Fusion dabei nicht der Stil der Zukunft sein wird, impliziert das Hamburger Blatt genauso, wie die schauerliche Schlichtheit des Begriffs, der gleichzeitig Titel des neuen Fauna-Flash-Albums darstellt. Dabei hat sich die Vermarktungsmaschine auf der Suche nach neuen Trends längst selbst überholt. Ständig werden neue „Hauptströme des Untergrunds“ von der nur auf sie lauernden Presse nach oben geschrieben, mittlerweile in einem Tempo, daß es durchaus vorkommen kann, daß der Trend, wie im Falle von 2Step, bereits kommerziell gemolken ist, bevor er überhaupt die Rezeptoren der Szenegänger erreicht hat. Wir erleben also eine beispiellose Kommerzialisierung von Kultur zu maßgeschneiderten kulturellen Erlebnissen, professionellen Massenveranstaltungen und persönlicher Unterhaltung. Da gibt es nun also Platten die „eigentlich gut“ sind, Platten die „gut und eine runde Sache“, „solide“, „durchschnittlich gut“ oder einfach nur „gut“ sind. Schlechte Platten gibt es sowieso keine mehr und wenn ich sie schon selbst nicht mag, dann muß sie doch wenigstens den anderen gefallen. So schlittern in diese Kommerzialisierung nun also Namen wie Kruder & Dorfmeister, Jazzanova oder Roni Size - stellvertretend für eine Vielzahl ihnen im Geiste Gleichgesinnter - weil ihr zu Recht geernteter Erfolg Früchte trägt und sie vom Kult- zum Pop-Objekt und damit auch zum Objekt der Begierde für die zahlreichen Günstlinge, Mitläufer und Nutzobjekte werden, die die Schatten jener Vermarktungsmaschine beherbergen.
Dabei weiß der aufgeschlossene DJ schon lange, daß er die Platten der oben genannten nicht wirklich braucht, um ein spannendes Set zu bestreiten und er weis genauso, daß sich die Dinge gerne im Kreise drehen. Eine stets nachrückende Schar von jungen Aktivisten, die die interessanteren Leerstellen einnimmt und weiterentwickelt, sorgt dafür, daß das System stets lebensfähig ist, egal ob dessen Teilnehmerzahl wächst, gleichbleibt oder abnimmt. Weshalb auch ich wieder aufatmen kann. Die Zeit bleibt niemals stehen, die Ewigkeit gehört uns nicht. Lichtgeschwindigkeit, Zeitraffer, Innovation in einer halben Stunde, daß ist es was unsere Gesellschaft heute will. Der Aberglaube an Musik mit Inhalt bleibt freilich weiterbestehen. Auch wenn man inzwischen gelernt hat, daß gute Menschen nicht zwangsläufig gute Musik machen müssen. In einer Zeit des Übermuts gilt es das Gegenteil zu finden, bis der Übermut selbst ins Gegenteil driftet. Dieser Zyklus ist nichts neues, genauso wenig die Konstanz zwischen Künstlertum und den Absatzmärkten, in denen man sich als konsumierender Aktivist und aktiver Konsument bewegt. Letztendlich kommt es immer nur auf die Sichtweise der eigenen Position an, nicht auf die Position selbst. ][ mb


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