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PLÄDOYER FÜR MEHR MC-FREIE ZONEN IM DRUMNBASS
POINT OF VIEW
Hier kommt der Konsument und Musikkritiker zu Wort, der gerne (auch zuhause) DrumnBass hört und zu entsprechenden Veranstaltungen geht, sich aber nicht als direkter Szene-Insider versteht und gerade deshalb weniger oft auswärtige und massenbevölkerte DrumnBass-Parties aufsucht, weil ihm dort die MCs eine zu große Rolle spielen. Von derart gewickelten Menschen gibt es übrigens mehr als so mancher denkt, nur eben naturgemäß weniger wahrgenommen von der den MCs zujubelnden Hardcore-Fan-Posse.
Es soll hier ausdrücklich betont werden, daß ich trotz aller Kritik beim überwiegenden Teil der MCs keinen Zweifel an der Seriosität ihrer künstlerischen Ambitionen und der Ernsthaftigkeit ihres Engagements hege.
MUTATIONS OF MC-FUNCTIONS
Die Entwicklungen bei Selbstverständnis, Funktion und Stil der MCs haben im Laufe der Zeit zu z.T. recht unterschiedlichen Ausprägungen ihrer Darbietungen geführt. Alle Variationen (über die ihr in den MC-Statements dieses Specials mehr lesen könnt) aber gehen auf jamaikanische und/oder angloamerikanische Vorbilder zurück, deren determinierende soziokulturelle und auch musikstilistische Parameter von Festland-Europäern kaum wirklich nachempfunden werden können - sprich: das Zusammenwirken von Musik und MC wird nicht als zwingend schlüssig erlebt, zumal DrumnBass zunächst weitgehend ohne MCs ablief. Somit beschränken sich die wahrgenommenen Kriterien für die Bewertung von MC-Darbietungen auf Aspekte ihrer musikalischen Seite, also dem Klang der Stimme und der Art ihrer rhythmischen und melodischen Phrasierung, sowie ihrer Entertainer- und Moderator-Qualitäten, wobei letztere in einem Kontext, der unbedarft ist von eigener subkultureller Betroffenheit, schnell aufgesetzt und fremd wirken können. Deshalb hat die deutsche MC-Szene auch nach wie vor Schwierigkeiten, einen überzeugenden eigenständigen Stil zu entwickeln. Die unreflektierte 1:1-Übernahme vorgefundener formaler Gestaltungselemente paßt nicht auf die hiesige Rezeptionsstruktur, die mittlerweile weit über Hardcore-Szene und eingefleischte Massenrave-Kultur hinausgeht. In ihr mögen sich zwar neue Interaktionsformen zwischen Publikum und MCs mit beliebten repetetiven Ritualen ergeben haben, doch wirkliche Vermittlungsfunktionen üben die MCs trotz eigener Beteuerungen kaum mehr aus, da sich DrumnBass inzwischen längst von seinem einstigen Nischenkultur-Dasein emanzipiert hat. Wer einen MC zur Vermittlung der aufgelegten Musik braucht, ist entweder unwillig oder unfähig, die Musik selbst auf sich wirken zu lassen. Das Bedürfnis nach Vermittlung setzt ja eigentlich eine Störung der Beziehung zwischen Publikum und DJ voraus. Worin aber soll die bitte bestehen(außer wenn der DJ schlecht auflegt)? Ist das bei einem House-DJ auch so? Und selbst, wenn ja: warum gibts dann dort zumindest in Deutschland keine MCs, wo es sich doch auch über einen (instrumentalen) House-Track problemlos rappen läßt? Den schon immer formulierten Anspruch der MCs, Sprachrohr der Musik zu sein (obwohl doch Musik immer für sich selbst spricht!), finde ich daher reichlich anmaßend und gleichzeitig entmündigend für den Konsumenten. Und schon für ein altes Kinderspiel gilt als Grundlage die Weisheit, daß eine Information um so verfälschter wird, je mehr Stationen sie durchläuft.
INNOVATION AND MASSES
Für gewagt halte ich auch den Versuch, die ursprünglich religiös inspirierte Inbrunst des Soul Rap (vgl. dazu Fab Five Freddy: Flesh Fly Flavor, Stamford 1992) in dem Sinne auf MCs zu übertragen, daß diese den oftmals kalt empfundenen DrumnBass-Sounds einen wärmeren, runderen Anstrich gäben. Vielmehr scheint es sich hier um ein Phänomen mangelnder Verträglichkeit neuer Sounds bei denjenigen zu handeln, die bekannte, v.a. gesangsorientierte Rezeptionsmuster in neue Musikstile rüberretten wollen, um so die radikale Andersartigkeit ihrer Wirkung abzumildern, was ihnen zudem gleichzeitig ihre innovative Brisanz nimmt. Außerdem wirkt auf mich selbst ein spartanischer Maurizio-Techno-Track keineswegs kühl, während dagegen das Ver-MCen sphärischer Stücke von beispielsweise Peshay, Roni Size oder LTJ Bukem deren Flair mehr unterkühlt als erwärmt.
Mir drängt sich eher der Verdacht auf, daß mit der fortschreitenden Popularisierung von DrumnBass und seiner Verankerung in vertraut genormten Erlebnisritualen auf Parties und Groß-Raves ein zwar zeittypischer (Stichwort Mediokratie), aber den eigentlichen, subjektdekonstruierenden Implikationen elektronischer Musik entgegenströmender Personenkult v.a. um MCs eingesetzt hat, der eine sich gefährlich von der musikalischen Substanz entfernende Eigendynamik gewonnen hat. Gerade aber die konsequenter als bei früheren musikhistorischen Umwälzungen erfolgte Abkehr von solchen Individualisierungstendenzen hat die enorme stilistische Vielfalt moderner Dancefloor-Musik erst ermöglicht. Gewinnen jedoch Gegenströmungen, die von Oberflächenphänomenen dieser Art bestimmt sind, weiter an Bedeutung, werden DrumnBass-Parties zunehmend von massenkompatibler Verflachung gekennzeichnet sein und der weiteren Produktion dafür geeigneter Tracks Vorschub leisten.
Schon bei der im geschichtlichen Teil (s. Historical Aspects) erwähnten Spaltung von DrumnBass 1992/93 wurden warnende Stimmen abgetan, die angesichts des ständig steigenden Tempos, Synthesizer-Sound-Wänden und beschleunigter vocals seine Stigmatisierung als music for kids befürchteten, wie Kingsley Marshall und Damon Hancock in ihrer history of drumnbass bemerken. Und MC Jakes(seit 1993 bei Ruffneck Ting) bezeichnete im DrumnBass-Blatt Knowledge Magazine die Amerikaner als lächerlich, weil sie 3000 Leute in einen Raum stecken, die dann dort verrückt spielen. Ähnliche Gedanken drängen sich mir manchmal auf, wenn sich in Mannheim oder anderswo ähnlich große Mengen zu Non-stop-MC-Gewittern ihre redundante Breakbeat-Rave-Weihe verpassen lassen.
FREEFORM AND FILL-INS
DrumnBass basiert auf Rhythmusskeletten, die nicht nur Konstruktionsprinzip, sondern die eigentliche Sinneinheit der Musik sind ... Die Löcher zwischen den Rhythmusskeletten lassen Raum für die Projektionen der Wahrnehmenden frei. Mehr noch: ohne die aktive Teilnahme, die aus Wahrnehmung Mitautorschaft werden läßt, fällt die Musik auseinander. Die Flächen werden von den Tänzern mit den vorangegangenen Beats per Minute unterlegt; sie zappeln im Rhythmus weiter. So werden diese Scheinpausen trotz ihres schwebenden Charakters wieder in die starre Konstruktion der Percussion eingebunden ... Gerade in den rhythmusfreien Sequenzen werden die nicht hörbaren Loops in den Bewegungen des Körpers erlebbar gemacht und so in das psychische System des Tänzers eingespielt. Gleichzeitig stürzen durch den suggestiven Charakter der Flächen und ihrer hinterhältigen emotionalen Kraft Bilder und Visionen aus dem Speicher des psychischen Systems im Tänzer zusammen. Eine Art rauschhafte Wahrnehmungsekstase entsteht.
Mit diesen treffenden Worten beschreibt Ulf Poschardt in seinem Standardwerk DJ Culture (rororo 1995/97) die abstrakte, mit dem Konsumenten eine essentielle Korrespondenz eingehende Faszination des DrumnBass. Der diese Faszination konstituierenden Einforderung von Mitautorschaft beim Schließen der freigelassenen Räume kann auf unterschiedliche Weise nachgekommen werden: der Tänzer tut es (für sich) mit seinen Bewegungen, der Nur-Zuhörer (für sich) mit seinem aktivierten psychischen Assoziationsspektrum und der Schatten-Percussionist (für sich) mit seinen trommelnden Gliedmaßen - alle drei Typen in toleranter autistischer Selbstreferentialität. Nur der MC drängt allen anderen seine interpretatorische Variante beim Ausfüllen dieser konstitutiven Implikationen zwischen den Rhythmuseckpfeilern auf. Damit erschwert bzw. verunmöglicht er häufig vielen das Ausleben ihrer eigenen Optionen und raubt der Musik einen Teil ihrer multidimensionalen Freigeisterei. Es ist an der Zeit, einmal deutlich zu betonen, daß MCs so gesehen nicht nur unterstützend, sondern auch vehement behindernd (z.B. als Tanzbremser) wirken können, und zwar unabhängig von Qualität und Einsatzdichte ihrer Beiträge.
MUSICAL TASTE AND DIFFERENT STYLES
Vergleichen läßt sich die MC-Praxis in diesem Zusammenhang auch mit den Improvisationen von Solisten bei (z.B. Jazz-)Jam Sessions. Diese finden allerdings in der Regel halböffentlich (im Unterschied zum Konzert) oder ganz abgeschieden im Übungsraum statt. Auch ich begleite daheim gerne ein CD-DJ-Set mit unentwegten Läufen auf meinem Baß, weil es einfach großen Spaß macht. Doch ich bin weder der Ansicht, daß dies auf Dauer für ein größeres Publikum interessant wäre (und zwar ungeachtet meiner spieltechnischen Kompetenz), noch daß die einzelnen Tracks davon wirklich profitieren würden.
DrumnBass ist, wie elektronische Musik überhaupt, ein überwiegend instrumentales Genre. Es ist natürlich hauptsächlich eine Geschmacksfrage, ob man diese Spielart den Produktionen mit vocals vorzieht. Aber auch unter DrumnBass-Hörern gibt es viele, die Gesang bestenfalls als ein Instrument unter vielen verstehen, auf das problemlos auch mal ganz verzichtet werden kann, vor allem, wenn es sich in einem monoton leiernden Psalmen-Gewand präsentiert.
Ein weiteres (ebenso subjektives) Wort zu den lyrics: Da Stimmen für mich im Normalfall nur Träger von Melodien und Sounds sind, interessieren mich die mittransportierten messages eigentlich kaum, zumal sie (wie allgemein bei Live-Gesang) akustisch meist eh nicht zu verstehen sind. Und wenn sie inhaltlich über Szene-Themen (Stichwort Selbstreferentialität, das aber durch die zitierende Produktionstechnik der Tracks viel spannender mit Leben erfüllt wird als durch die zwangsläufig fragmentarische Semantik der MCs) hinausgehen und darauf aufmerksam machen, daß es auch eine Welt außerhalb des DrumnBass gibt (aus der ich ja eigentlich gerade hin zur Party geflüchtet bin!), dann wird die musikzentrierte Selbstbezogenheit, die einen Teil der Fortschrittlichkeit von DJ-Musik ausmacht, tendenziell untergraben.
Auch mit der anpreisenden Funktion des MCs habe ich ästhetische Schwierigkeiten, da kein Freund von Marktschreierei. Schon die früheren Ansagen, z.B. von Albrecht Metzger, im WDR-Rockpalast erlebte ich als peinlich-plagiatorisches Unterfangen von Moderatoren, Pseudo-Proll-Elemente auszuleben. Weitere Vergleichsmöglichkeiten, die sich hier aufdrängen, sind nervige Announcer bei Boxkämpfen oder ungehemmt plappernde Wrestling-Kommentatoren - platt pushende Strohfeuer-Gladiatoren im Pro 7-Werbeblock-Format.
FAILURES IN PRACTICE AND DIFFERENCES IN PERCEPTION
Wenn man sich die abgefragten Statements der MCs in diesem Heft anschaut, bemerkt man durchaus einige selbstkritischen Äußerungen von ihnen zu Punkten, die von vielen Leuten an ihrer Praxis moniert werden. Auch MCs prangern nämlich schwarze Schafe aus dem eigenen Stall an, wenden sich gegen eine Übertreibung des selbstdarstellerischen Elements, gegen den Overkill einzelner Dauerlaberer oder unsinniger MC-Battles, unangebrachtes Konkurrenzgebaren gegenüber DJs, langweilige Skandier-Litaneien oder rhythmische Inkompetenz. Nicht unglaubhaft zeigt man auf Mängel in der eigenen Zunft, um zu verhindern, daß einzelne Vertreter das Ansehen eines ganzen Standes beschmutzen. An diesem Punkt könnte man sich durchaus einig werden, wenn es nicht in Bezug auf Häufigkeit und Ausmaß dieser konstatierten Mängel einen entscheidenden Unterschied in der Wahrnehmung gäbe. Für die einen nämlich sind das nur ärgerliche Ausnahmen, für die anderen dagegen eher das bestimmende Bild. Wer recht hat, wissen nur die Götter (oder nicht?).
CONCLUSIONS
Man kann noch anführen, daß der MC im Rahmen erneut zunehmender Bedeutung von Live-Acts in der Dancefloor-Party-Kultur durchaus einem Trend der Zeit entspricht. Ebenso kann nicht bestritten werden, daß die Präsentation von MCs häufig unter mieser Soundqualität (fehlender Monitor) leidet, die sie nicht selber verschuldet haben. Desweiteren soll nicht verschwiegen werden, daß auch MC-Skeptiker ab und zu Gefallen am Treiben der Mikrofon-Jongleure haben können. Mir persönlich sagt z. B. die Art, in der MC Conrad mit dem Produzenten LTJ Bukem zusammenarbeitet, durchaus manchmal zu.
Auch will ich niemandem seinen Spaß an DrumnBass-Parties mit MCs verderben. Dort sind teilweise sehr wohl eigenständige und interessante Ausdrucksformen entwickelt worden, die von der jugendlichen Crowd offensiv zelebriert werden und ihr soziokulturelle Identifikationsmöglichkeiten bieten, ohne deren radikale Propagierung musikalische Veränderungen nicht stattfinden.
Aber laßt uns anderen DrumnBass-Liebhabern auch unseren Teil des Spaßes! Wenn MCs, dann klar dem DJ dienend untergeordnet und auch mal eine Stunde (oder mehr!) während der Primetime völlig schweigend. Der beste DrumnBass-Act, den ich je miterlebt habe, nämlich der legendäre erste Auftritt von Kemistry&Storm, Januar 1997 im Tübinger Depot, der mich wie kein anderer verzückt, bewegt und emotional aufgewühlt hat, hätte von MCs, welcher Coleur auch immer, nur verdorben werden können. Und häufig träumte ich auf DrumnBass-Parties Mensch, hätte das ein toller Abend werden können, wenn nicht der MC...!. Darum, nehmt sie ernst, die Forderung: Mehr MC-freie Zonen im DrumnBass! ][ hve
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