Tagebuch einer Revolution
Am Ende des Tunnels aber sehe ich Licht, doch kann ich mich nicht draufzubewegen, denn die träge Masse um mich herum weiß nicht, wohin sie will. Die Diktatur der Mehrheit aber läßt sich nur schwer verdrängen und was heute Mehrheit ist, wird all zu oft durch Macht und Geld bestimmt.
All zu deutlich wird dies beim dauerpräsenten Thema mp3 bzw. Napster. Major-Plattenlabels sowie diejenigen Musiker, die die Rechte an ihren Stücken besitzen (z.B. Metallica) versuchen mit aller Gewalt die freie Distribution von Musik zu unterbinden. Daß dabei auch heftigst diffamiert wird und imaginäre Feindbilder aufgebaut werden, versteht sich von selbst, denn die Dolchstoßlegende über die destruktive Wirkung von Netzportalen, die der Kreativität den Hahn abdrehen würden, wird vorallem von jenen fabriziert und genährt, die von der Kreativität anderer leben! Die Macht der Mächtigen besteht aus Lügen und Luftschlössern und ihr Gewinn basiert auf der Möglichkeit, Musik auf Tonträger bannen und somit besitzen und verkaufen zu können. Vor 100 Jahren jedoch war es noch undenkbar gewesen, Musik besitzen zu können und selbst vor 50 Jahren war der Schallplattenverkauf noch lang kein Massenmarkt - Musiker verdienten ihr Geld durch das Aufführen von Musik, nicht durch die Aufnahme dergleichen. Heute hat sich daran nicht viel geändert, denn den Gewinn durch den Verkauf von Tonträgern streichen in der Regel die Plattenfirmen ein. Auch das Internet ist nur bedingt ein Ausweg, denn digitale Musik läßt sich all zu leicht kopieren und was ich umsonst haben kann, kaufe ich nicht. Bleiben noch zwei Möglichkeiten: entweder Live auftreten oder DJ werden. Doch gemach ...
Jetzt wo Napster tot ist und sich die Musikindustrie mit einem hämischen Grinsen gemütlich zurücklehnt, mögen auch wir eine Auszeit nehmen. Einen Zwischenstopp einlegen, nicht um sich auszuruhen oder etwa aufzugeben. Die Revolution wird kommen, keine Frage. Sich sammeln, organisieren, Meinungen der Öffentlichkeit kundtun. Wie John Perry Barlwow bereits bemerkte: Die gewöhnliche Öffentlichkeit ist auf der Seite von Hollywood. Sie glaubt, daß sie und Hollywood sich gegen einen Haufen Hippies und Kommunisten schützen. Dich hat man einen Hippie genannt, mich einen Kommunisten. Aber wen interessiert das heute noch. Unsere Szene ist ja sowieso ganz anders und eigentlich will ich nur gute Musik hören und tanzen. Die Medienwelt hat sich dem längst angepaßt, liefert der Menge die gewünschten Serviceleistungen und bespricht den neuen Lagerfeld-Duft, als ob er eine Platte wäre. Jeden Tag ein neuer Trend, jeden Tag drei neue Platten, sonst bin ich meines Lebens nicht mehr froh. Die Prahlerei mit Platten wird gekonnt zur Aufpolierung des eigenen Images benutzt, die größte Promo-Ansammlung gewinnt. Man darf sich in der Tat fragen, ob mancher DJ nicht unter der Last seiner Weißpressungen zusammenbrechen wird. Doch auch diejenigen, die sich nicht permanent der Öffentlichkeit aufdrängen, scheinen ab und an ihre Probleme zu haben. Für mich hat es längst den Anschein, daß mancher DJ sich gezwungen fühlt, die neuesten Scheiben aufzulegen, auch wenn sie sämtlichen auferlegten Qualitätsmaßstäben nicht gerecht werden. Es handelt sich dabei also entweder um das Verlangen, den anderen bzw. der Mehrheit zu genügen, oder es darf von äußerst maffiösen Strukturen ausgegangen werden. Gibst Du mir, so geb ich Dir, aber wehe Du gibst jemand anderem dein Herz. Da tut es richtig gut, wenn einem gesagt wird, daß King Britt zu mainstreamig für ouk wäre.
Hätte ich eine traditionelle, journalistische Motivation, die mich zum Schreiben dieser Zeilen treibt, wäre ich nun an den Punkt angelangt, an dem ich mich entweder den Fakten zuwenden oder den allgemeinen Konsens in den Himmel loben müßte. Überhaupt scheint sich die Presse wie ein Aal hin- und herzuwenden, je nachdem, wie es für sie gerade günstig ercheint. Frohlockend wurde da von verschiedenen Seiten schon das Ende der angeblichen Bum-Bum-Bum-Musik und der Four to the Floor-Dominanz in Deutschlands Clubs und auf Deutschlands Plattentellern herbeigeredet, nur um den Weg frei zu machen für ... ja was eigentlich. Es gibt genügend elektronisch modernistischen Freestyle, genauso wie es genügend Vertreter des alten Funk und Soul gibt, je nachdem wieviel Mühe man bei der Suche zu investieren bereit ist. Und wenn man denn einmal tolerant genug betrachten werden würde. Doch as eine ist zu abstrakt, das andere zu plump und eingesessen, also findet man sich wieder bei House ein, was sich inzwischen sogar die vermeintliche NuJazz-Fraktion eingestehen muß, auch wenn sie sich mit Begriffen wie Boogiehouse oder jazziger House heraußzureden versucht.
Das Fazit also, mal wieder, sei smart und charmant, mogel dich durch und laß dir ja nicht in die Karten schauen. Doch ohne Know-How kommt man auch damit nicht weit, Schummeln will gelernt sein. Frech kommt weiter, mieß gewinnt. Die Meinung der großen Mehrheit wird von eingen reichen und mächtigen erkauft, die Lobby baut ihr Nest inmitten der dummen Schäfchen, mein tragbarer Mini-Disc-Recorder hat zwar einen digitalen Eingang aber keinen digitalen Ausgang. So kann es nicht funktionieren, so kann es nicht gemeint sein ... ][ mb
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