OUK das einund30ste ± beäugend & irdisch ± Juni/Juli 01 Bomb the bass

Ob wir ihn überhaupt wiedererkennen würden? Das letzte Photo, das ich von Tim Simenon kenne, ist schätzungsweise 12 Jahre alt und aus der BRAVO, ungefähr zu der Zeit, als Neneh Cherry’s “Buffalo Stance” in der Mittelstufe rulte. Vielleicht hatte er sich ja mittlerweile einen Vollbart stehen lassen. Oder war erkahlt. Vielleicht war er abgemagert, aufgedunsen oder irgendeinem Mode-Phänomen gefolgt, das ihn von den Business-Typen in der Lobby des Amsterdamer Hotel Amerika ununterscheidbar machte? Vielleicht wohnt er schon seit einem halben Jahr in diesem Haus, das eben dabei ist, seinen Ruf als gemütliche Rock’n’Roll-Absteige mit aller Macht abzustreifen? Schließlich hat er uns zum Interview hierherbestellt. Aber zwischen den Bautrupps und Anzügen erkennen wir uns dennoch gegenseitig sofort: an der Sportswear, an der 12-inch-gemäßen Ausformung unserer Taschen. Und er sieht immer noch so aus wie früher. Zum Gespräch ziehen wir uns vor dräuenden Regenwolken und mittaglichem Touristengewimmel in ein studentisches Café zurück. Da er schnell zu verstehen gibt, dass ein Bomb The Bass-Album zwar durchaus in der Mache, aber noch lange nicht spruchreif ist, widmen wir uns zunächst der Vergangenheit.

“Beat Dis” war ein Smasher, einer jener Tracks, die wir pauschal als ‘Mixe’ bezeichneten, auch wenn wir schon ahnten, daß zwischen Jive Bunny and the Mastermixers und Bomb the Bass ein kleiner Unterschied bestand. Die dazugehörige LP “Enter The Dragon” steht heute neben “Blue Lines”, “33 45 78”, “Club Classics Vol. I” und “Bass Is Maternal” in der Reihe zeitlos allgemeingültig genialer Manifeste britischer Tanzmusik. Sampleverrückt, deep und mit Leichtigkeit durch die Styles (Reggae, Hip-Hop, House, Soul und selbst das auch beim Wild Bunch sehr beliebte Songwriting von Burt Bacharach) fegend. Soviel zu den Fans. Für Simenon war es auch das Album, das ihn zu anderen Produktionsmethoden zwang.

„Da waren Tonnen von Samples drin. Beat Dis erschien in Amerika auf 4th & Broadway, aber sie hatten Angst, die ganze Platte rauszubringen. Damals gabe es kein Sample-Clearing im heutigen Maßstab. Und als sie Sly and the Family Stone hörten, sagten sie: ‘Das können wir uns nicht leisten, wir kriegen das Geld nicht wieder rein, das diese Samples kosten!’ Also kam die Platte nicht raus. M/A/R/R/S hatten das gleiche Problem. Eine lange Liste Problemsamples.“

Da alles danach aussah, als müsste Bomb the Bass ab jetzt selber für die Samples sorgen, und da auch Sugarhill-Chefin Sylvia Robinson durchblicken ließ, daß „ihre“ Musik nicht ohne weiteres zur Verfügung stand, entschied sich Tim Simenon für eine ganz dialektische Problemlösung:

„Ich war ein Fan von Adrian Sherwoods Sachen, aber der wahre Grund, warum ich Doug Wimbish und Keith Le Blanc wollte, war, daß sie die Hausband von Sugarhill waren. Die haben auf White Lines gespielt, auf Scorpio. Das war meine Assoziation. Und da sie gerade viel mit Sherwood gearbeitet haben, waren sie viel in London, wo wir auch noch das selbe Studio benutzten: Matrix. Ein tolles Kellerstudio, in dem wir immer abhingen. Das war 1990.“

Mit LeBlanc und Wimbish ging Simenon Anfang der Neunziger sogar auf eine seltsame kleine Europatour, die ihn auch in deutsche Kleinstclubs führte. Während die Rhythmusgruppe drauflosrockte, LeBlanc mit metallener Präzision, Wimbish mit dem ihm eigenen, zupackenden und schwerelosen Funk, fuhr er Samples und Effekte ab - rauher, straighter Tackhead-Style, der auch deutliche Spuren auf dem zweiten Bomb the Bass-Album “Unknown Territory” hinterließ, auch in Hinsicht auf eine die gesamte Albumlänge umfassende Soundidee. Heute noch hörenswert im Hinblick auf Spuren späterer „BigBeat“-Aktivitäten sind die Remixe von J. Saul Kane (Depth Charge). Geplant war von all dem aber nicht viel:

Es gibt immer eine Basisidee. Und die ist: anfangen. Und sobald die Aufnahmelampe leuchtete, haben sie einfach gespielt. Alle Songs entwickelten sich im Prozess. Ich mag Songs, aber kann gleichzeitig nicht Gitarre spielen oder Keyboards. Gottseidank gibt es Technologie, sonst würden wir hier nicht sitzen. Sie hilft mir, dahin zu kommen, wo ich hin will. Ich suche nach Leuten, die tolle Melodien, gute Texte kreieren können. Und mein Job ist es, dafür den Background, die Atmosphäre zu gewährleisten, in dem sie singen und spielen können. Schau auf die Credits, alle Songs sind co-written.“

Drei Jahre später knallte in den Supersommer 94 “Clear”, die verfeinerte Version dieser Arbeitsweise. Oder besser: die reifere. So reif eben, daß wir in Amsterdam erwarteten, einen gealterten Tim Simenon anzutreffen. Auf Clear überwogen die schweren, darken Stimmungen. „Darkheart“ zum Beispiel, ein industriell pumpender Reggae, der auf der Textebene genau die Darkness aus der Welt treiben will, „Empire“ war ein Vocal-Feature für Sinead O’Connor, die darin mit Thatchers und Majors England abrechnete. Der große Abräumer war aber „Bug Powder Dust“. Wer hätte bis dahin damit gerechnet, dass ein Cut-Up aus William Borroughs-Motiven mal der Tanztee-Knaller der Saison sein würde. Aber wer hat den Kruder&Dorfmeister-Mix bitteschön nicht geliebt? Düsterer Höhepunkt des Albums: der Track „5 ml Barrel“, in dem der britische Autor Will Self ein paar Kostproben aus seinem Buch Grey Area zum besten gab. Harter Stoff um zu allem bereite Junkies, aus dem weder Danny „Trainspotting“ Boyle, noch die Coens, vermutlich auch nicht Mel Brooks eine Kino-Komödie bauen könnten. Aber wieder einmal wurde gerade im künstlerischen Erfolg der Platte klar, daß es SO nicht weitergehen kann.

„In Amerika kam “5 ml Barrel” gar nicht erst raus (auf der US-Version gibt es außerdem einen 7-inch-Mix von Darkheart, der das Stück in leckeren Roots Reggae kleidet, e.m.). Was ich echt nicht kapiere. Und das hasse ich, wenn sowas passiert, nur weil du bei dieser Plattenfirma bist und nicht die Kontrolle hast über die Ereignisse!“

Die Erwartungen bei Island für den Nachfolger zielten ungefähr auf eine Platte voller „Bug Powder Dusts“ im K&D-Style. Und enge Erwartungen sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was Simenon bedienen wollte. Er vertrieb sich die Zeit mit Remix-Arbeiten und Produktionsjobs, unter anderem für Curve und Depeche Modes “Ultra”, während die Luft bei Island immer dünner wurde.

„Als ich 1994 unterschrieb war es ein sehr gutes Label. Chris Blackwell war noch da und Island hatte ein tolle Geschichte. Ich war sehr stolz, damit assoziiert zu sein. Mit der Zeit änderte sich das Personal, es wurde eine Corporate Company, die Musik, an der ich arbeitete wurde nicht verstanden. Und ich will nicht mit Leuten zusammenarbeiten, die nicht verstehen, was ich mache. Als ich merkte, woran ich war, machte ich einen schnellen Rückzieher.“ ...kurzes Innehalten, ein Schluck aus dem Weinglas...“Nicht so schnell, eigentlich, denn es dauerte insgesamt sieben Monate, bis alle rechtlichen Angelegenheiten durch waren.“
Der zweite Befreiungsschlag war die Emigration nach Amsterdam. Hier wohnt seine Freundin, von hier kommt man mit Leichtigkeit nach Belgien oder Deutschland, und im Gegensatz zu London, wo er das Gefühl hatte, bereits alles irgendwann schon mal gemacht zu haben, ist alles ziemlich frisch und motivierend.

„Ich mache hier eigentlich das gleiche wie in England. Ich lege häufiger auf, was Spaß macht, aber ich arbeite auch an neuer Musik. Keine Produktionsjobs, sondern eigene Sachen, also Bomb The Bass, aber auch für mein zweites Alias: Flow Creator. Es gibt hier eine gute Breakbeat-Szene, aber auch viele Lounges, ab und zu gehe ich in den Melkweg oder ins Paradiso. Von London hatte ich einfach genug. Ich wollte ein Veränderung in meinem Leben. Ich hatte das Gefühl, daß ich in London alles schon mal gemacht habe. Und in Amsterdam gibt es einen Vorteil: alle hier sprechen Englisch. Ich gebe dem ganzen zwei Jahre, und wenn ich es dann noch mag, bleibe ich hier. Ich fand es immer SO wichtig, in London Musik zu machen. Was irgendwie snobbish war, denn irgendwann merkte ich, dass die meisten Sachen, die ich richtig gut fand, von woanders kommen, und nur zu einem sehr kleinen Teil aus London. London ist in dieser Hinsicht nach aussen hin sehr abgeschottet. In Europa dagegen, wird neue Musik viel emphatischer aufgenommen. Meine Einstellung ist, so offen wie möglich zu bleiben. Ich meine, meine ganze Musik basiert auf Einflüssen, auf Austausch, Ereignisse, die ich innerlich gespeichert, aufgenommen habe, und die ich dann in meinem Style wieder rauslasse.“

Europa hätte auch einen Clear-Nachfolger emphatisch aufgenommen, aber im Nichtstattfindenlassen dieses Ereignis machte Tim Simenon sogar den Stereo MCs Konkurrenz. Erst im Winter letzten Jahres kamen die guten, wenn auch etwas unglaublichen Nachrichten: Simenon ist nicht mehr bei Island, macht jetzt sein eigenes Label und wird Arbeiten auf Thomas Morrs Berliner Label veröffentlichen. Und sie stimmten alle. ‘Clearcut’, seine Nummer mit Lali Puna ist zwar nur ein Stück (die Remixe stammen aus den mit Morr verbundenen Werkstätten), aber eben ein in seiner Schlichtheit schwer kickendes; dabei haben sich die Beteiligten niemals leibhaftig getroffen. Die Entscheidung zur Zusammenarbeit fiel von Simenons Seite auf die gleiche Weise wie mit all seinen Kollaborationen: die Musik Lali Punas hatte ihm einfach gefallen, und über seinen Vertrieb kam er in Kontakt mit Thomas Morr.

Wundersamerweise hat sich draußen das Wetter zum besseren gewandt: einer der ersten richtigen Frühlingstage bricht über Amsterdam herein, und die einzigen Wölkchen von Relevanz kommen von den Amsterdamern, die ihren ersten Spliff rauchen.Wir machen noch einen kleinen Spaziergang und streifen dabei ein paar Plattenläden. Beim House- und Techno-Dealer in der Spuistraat sind alle Decks besetzt. Knisterdub aus Berlin hat hier bereits sein eigenes Fach, auch Hausmusik-Produkte sind im Nu ausfindig gemacht. Einer der - natürlich durch die Bank männlichen - Plattenaddicts hat sich zum Vorhören gerade die ‘Clearcut’ 12-inch rausgesucht. Von den Ladenbetreibern wird Tim respektvoll gecheckt und über die Vorfeiertagsaktivitäten der Mannschaft in Kenntnis gesetzt (in der Nacht zum Königinnentag werden landesweit alle Niederländer auf ihre Weise zu Unternehmern in Sachen Party bis zum Morgengrauen). Ein paar Straßen weiter, beim Breakbeatspezialisen, ist die Stimmung dahingehend etwas gedämpft. Der Betreiber erzählt, dass er von größeren Drum’n’Bass-Veranstaltungen bis auf weiteres Abstand nimmt: zuviele Bekannte hätten ihn das letzte mal zugunsten der Geburtstagsfeier ihrer Oma oder eines Nickerchens auf dem Sofa hängenlassen. Von Amsterdam halte er ohnehin nicht soviel, der Laden sei der Versuch, eine Marktlücke zu stopfen, was hier aber niemand so recht würdigen mag. Er selbst fährt jeden Abend mit dem Auto nach Rotterdam zurück. Die alte Spannung zwischen den beiden Städten ist immer noch in vollem Effekt - inklusive der Klischees: die soften, kiffenden Amsterdamer hören Goatrance und House, in Rotterdam, wo man sich gerne ‘street’ gibt, knatterten schon immer die Breakbeats: Gabber, Happy Hardcore, Jungle und derber Hip-Hop sind dort die ruling Sounds, bei nationalistischen Feyenoord-Fans ebenso wie bei den surinamischen und türkischen Jungs und Mädels. Wir biegen in eine kleine Gasse ein, in der ein Dubreggae-Laden, diverse Head- und Coffeshops den Weg in einen relaxten Nachmittag weisen und üben uns noch etwas in niederländischer Soziologie und Plattentratsch. „In der Tasche habe ich gerade vor allem Hip-Hop-Breaks, Elektro und Uptempobreakbeats,“ outet sich Tim noch als quasi-Rotterdamer, verspricht, das WMF kommenden Monat in diesem Sinne zu rocken, und verschwindet schließlich in einer der Türen. ][ mandel


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