OUK das einund30ste ± beäugend & irdisch ± Juni/Juli 01 Jovonn

Zurück in der Dunkelheit

Um Housemusik und Artverwandtes aus New York resp. New Jersey ranken sich seit eh und je die seltsamsten Geschichten. In kaum einem anderen Genre wurden und werden Menschen, Labels und Musik so schnell zu „Legenden“ oder Mystizismen erklärt. Eine Unzahl bizarrster Kleinstlabels leistet dem natürlich nur noch weiteren Vorschub. Irre Sammler und Gralshüter tun ihr übriges dazu – ruckzuck hat man eine Bouillabaisse, aus der Musikliebhaber wie Statusfetischisten gleichermaßen gierig löffeln. JoVonn Armstrong – Produzent, Musiker und Labelowner in Personalunion– ist eine dieser Gestalten.

Dabei hat in den späten Achtzigern eigentlich alles ganz normal angefangen. JoVonn machte seine ersten musikalischen Gehversuche als Background Sänger bei Strafe´s Gassenhauer „Set It Off“. Nebenbei bemerkt: wie sich das für einen anständigen Houseproduzenten aus Übersee gehört, hat er natürlich schon mit zwölf Jahren die ersten Platten aufgelegt und von seinem Vater gelernt, wie man eine auf einer Baßgitarre den Funk zupft. Nach der Zusammenarbeit mit Strafe gab es kein Halten mehr. Mittels MIDI-Equipment sollten die von Salsoul und Philadelphia Records geprägten Musikvisionen in die Tat umgesetzt werden. „Behilflich“ waren ihm dabei Herbie Hancock und Quincy Jones.
„Es gab damals eine sonntägliche Fernsehsendung, deren Namen mir gerade entfallen ist. Jedenfalls wurde die von Herbie Hancock und Quincy Jones moderiert. Du konntest da lernen, wie man mit MIDI-Geräte umgeht. Vom richtigen Anschluß bis hin zu Soundeffekten. Das war wirklich cool und hat mich vor dem Schirm gefesselt.“

Von da an ging es erst einmal steil den Berg hinauf. JoVonn´s Debüt „Turn and Run Away (Runnin´)” erreichte in den Billboard Charts die Top Ten und der Cebil Jeffries Klassiker „Love So Special“ war nicht minder erfolgreich. Tony Humphries und der heavy rotation in dessen KissFM-Mastermix sei dank.

„Als ‚Turn and Run Away’ erschien, spielte es Tony Humphries in seiner Radioshow hoch und runter. Bis zu dreimal pro Sendung. Dem Mann habe ich einiges zu verdanken. Er hat meinen Namen erst auf die Landkarte gesetzt. Aber da bin ich wohl nicht der einzige.“

In der Tat wird Tony Humphries oft als einer der Schlüsselfiguren im damaligen House Geschehen bezeichnet. Durch seine Radioshow und Mammut-Residenz im Club Zanzibar war Humphries Fackelträger und Protegé des „New Jersey Sounds“. Einer Spielart, die von übersteigerten Vokalmonstern bis hin zu recht minimalen und ungeschliffenen Dubs reicht. Diesem Sound-Design sieht sich JoVonn damals wie heute verbunden.
„Heutzutage versucht jeder ziemlich egdy und afro zu klingen. Mir ist das oftmals zu prätentiös. Ein guter Track muss immer etwas rau und ungehobelt sein, stampfende Beats und fette Bässe haben. Er soll dich auf dem Dancefloor bewegen. Daran hat sich nichts geändert.“

Diese Einstellung läßt sich aus fast jeder Produktion raushören, die JoVonn auf Imprints wie Emotive, Estereo, Kult oder seinen eigenen Plattformen Goldtone (Past) und NextMoov Records (Present) veröffentlicht hat. Ein JoVonn Track ist meist klar als solcher zu erkennen. Pumpende Beats, hysterische und irgendwie „daneben“ klingende Piano- und Orgelsoli definieren seinen Sound. Die Bassline spielt die Melodie.

„Du findest auf jeder NextMoov Platte einen ‚cleanen’ Mix. Gut produziert und ordentlich abgemischt. Auf der anderen Seite kannst du dann aber das genaue Gegenteil davon hören. Deshalb habe ich dann auch NextMoov Traxx ins Leben gerufen. Während auf NextMoov Records Vocals erscheinen, soll auf dem Traxx Outlet eben genau das veröffentlicht werden.“

Bei so viel Bestimmtheit fragt es sich, warum der Mann in den frühen Neunzigern sein – unter Jägern und Sammlern mittlerweile äußerst gesuchtes - Goldtone Label einstellte und nicht schon längst mit Louie Vega und Konsorten Preiselbeersaft in groben Mengen zu sich nimmt?

„Das mit Goldtone hat eigentlich sehr gut angefangen. Als ich das Label ins Leben rief, haben mir die Leute meine Platten aus der Hand gerissen aber dann ließen die Verkaufszahlen nach. Da habe ich einfach beschlossen, die ganze Sache einzustellen und ausschließlich für andere Labels zu produzieren. Bis ich komplett den Rückzug antrat.“

Diesen begründet er übrigens mit dem Siegeszug von Techno bzw. Rave Culture, die auch New York nicht unberührt ließ und einige Leute wie z.B. Blaze dazu veranlaßte erst mal ein wenig kürzer zu treten.

„Dieser ganze Technokram war einfach nur schrecklich. Ich meine, hör dir das Zeug doch nur mal an. Um es simpel auszudrücken: Krach über einem 4/4 Beat. Ein zweijähriges Kind vor einem Synthesizer kann dieses Zeug zustande bringen.“

Referenzen wie die Belleville Three und ähnlicher elektronischer Motown Soul können da auch nichts mehr geraderücken. Der Begriff Techno ist für JoVonn rotes Tuch und Feindbild zugleich. Scheinbar wurden hier Gefühle tief verletzt. Da bleibt der sonst so zurückhaltende und höfliche Mensch stur. Auch sonst zeichnet ihn ein für New York wohl manchmal typischer Lokalpatriotismus aus. Man ist fest verortet in der hiesigen Dance Community. Was außerhalb dieses Kontextes oder in Übersee passiert ist von wenig Belang. So zählen dann auch die üblichen Verdächtigen zu seinen Favoriten. Blaze und Timmy Regisford, die Basement Boys aus Baltimore und Tony Humphries mitsamt seinem Yellorange Camp. Letzterer zeichnet sich übrigens auch für JoVonn´s erneuten Schritt ins Scheinwerferlicht verantwortlich.

„Als Humphries sein Yellorange Label startete, bat er mich um ein Stück. Das wurde dann AJ „Can´t Get Enough“ und ich war wieder dabei und verspürte die Lust erneut eine eigene Basis zu haben.“

Gesagt, getan. Produzenten- und DJ-Tätigkeiten wieder aufgenommen und NextMoov gestartet. Zusammen mit DJ Deep – der europäischen House Eminenz mit Unfehlbarkeitsanspruch schlechthin – konnte er ja dann auch nach kurzer Anlaufzeit den mittelschweren Hit „Back in the Dark“ auf der Pitch Black EP verbuchen. Kennen und schätzen lernten sich die beiden übrigens Anno ´92 in den New Yorker Dancetracks Gemäuern, wo der Franzose sofort einen ehrfürchtigen Kniefall aufs Parkett legte und sein Idol nach Paris einlud.

Heutzutage ist JoVonn jedenfalls back in business, motiviert und höchst beschäftigt. Regelmäßige Gastspiele bei „Bang the Party“ in Brooklyn, seine NextMoov-Danceparty-Mix-CD-Reihe oder der vollgestopfte Studiostundenplan zeugen davon. Klotzen, nicht kleckern will er.
„Ich möchte NextMoov Records zu einer festen und verläßlichen Adresse im Geschäft machen. Die Leute sollen wissen, daß NextMoov für den wahren Underground steht.“

Fans und solche, die es werden wollen, haben also noch einiges zu erwarten.
][ janson

Auswahldiskographie:

JoVonn -Turn And Run Away (Runnin´)
(Warner Bros.)
LY -Back 2 Zanzibar (Nite Grooves)
When Worlds Collide -Deep (Goldtone)
JoVonn -Pitch Black EP (NextMoov Traxx)
JoVonn -Circle Dance (Track Mode)
Smoke Room EP (Goldtone)

Blvd. East/Kaaye -Shout (NextMoov Records) ist im unsortierten Schallplattenladen erhältlich.

Blvd. East feat. Da Family -Never Knew (NextMoov Records) folgt im Juni/Juli.

www.nextmoovrecords.com


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