| das einund30ste ± beäugend & irdisch ± Juni/Juli 01 | Jovonn |
Zurück in der DunkelheitUm Housemusik und Artverwandtes aus New York resp. New Jersey ranken sich seit eh und je die seltsamsten Geschichten. In kaum einem anderen Genre wurden und werden Menschen, Labels und Musik so schnell zu Legenden oder Mystizismen erklärt. Eine Unzahl bizarrster Kleinstlabels leistet dem natürlich nur noch weiteren Vorschub. Irre Sammler und Gralshüter tun ihr übriges dazu ruckzuck hat man eine Bouillabaisse, aus der Musikliebhaber wie Statusfetischisten gleichermaßen gierig löffeln. JoVonn Armstrong Produzent, Musiker und Labelowner in Personalunion ist eine dieser Gestalten.
Von da an ging es erst einmal steil den Berg hinauf. JoVonn´s Debüt Turn and Run Away (Runnin´) erreichte in den Billboard Charts die Top Ten und der Cebil Jeffries Klassiker Love So Special war nicht minder erfolgreich. Tony Humphries und der heavy rotation in dessen KissFM-Mastermix sei dank. Als Turn and Run Away erschien, spielte es Tony Humphries in seiner Radioshow hoch und runter. Bis zu dreimal pro Sendung. Dem Mann habe ich einiges zu verdanken. Er hat meinen Namen erst auf die Landkarte gesetzt. Aber da bin ich wohl nicht der einzige. In der Tat wird Tony Humphries oft als einer der Schlüsselfiguren im damaligen House Geschehen bezeichnet. Durch seine Radioshow und Mammut-Residenz im Club Zanzibar war Humphries Fackelträger und Protegé des New Jersey Sounds. Einer Spielart, die von übersteigerten Vokalmonstern bis hin zu recht minimalen und ungeschliffenen Dubs reicht. Diesem Sound-Design sieht sich JoVonn damals wie heute verbunden. Diese Einstellung läßt sich aus fast jeder Produktion raushören, die JoVonn auf Imprints wie Emotive, Estereo, Kult oder seinen eigenen Plattformen Goldtone (Past) und NextMoov Records (Present) veröffentlicht hat. Ein JoVonn Track ist meist klar als solcher zu erkennen. Pumpende Beats, hysterische und irgendwie daneben klingende Piano- und Orgelsoli definieren seinen Sound. Die Bassline spielt die Melodie. Du findest auf jeder NextMoov Platte einen cleanen Mix. Gut produziert und ordentlich abgemischt. Auf der anderen Seite kannst du dann aber das genaue Gegenteil davon hören. Deshalb habe ich dann auch NextMoov Traxx ins Leben gerufen. Während auf NextMoov Records Vocals erscheinen, soll auf dem Traxx Outlet eben genau das veröffentlicht werden. Bei so viel Bestimmtheit fragt es sich, warum der Mann in den frühen Neunzigern sein unter Jägern und Sammlern mittlerweile äußerst gesuchtes - Goldtone Label einstellte und nicht schon längst mit Louie Vega und Konsorten Preiselbeersaft in groben Mengen zu sich nimmt? Das mit Goldtone hat eigentlich sehr gut angefangen. Als ich das Label ins Leben rief, haben mir die Leute meine Platten aus der Hand gerissen aber dann ließen die Verkaufszahlen nach. Da habe ich einfach beschlossen, die ganze Sache einzustellen und ausschließlich für andere Labels zu produzieren. Bis ich komplett den Rückzug antrat. Diesen begründet er übrigens mit dem Siegeszug von Techno bzw. Rave Culture, die auch New York nicht unberührt ließ und einige Leute wie z.B. Blaze dazu veranlaßte erst mal ein wenig kürzer zu treten. Dieser ganze Technokram war einfach nur schrecklich. Ich meine, hör dir das Zeug doch nur mal an. Um es simpel auszudrücken: Krach über einem 4/4 Beat. Ein zweijähriges Kind vor einem Synthesizer kann dieses Zeug zustande bringen. Referenzen wie die Belleville Three und ähnlicher elektronischer Motown Soul können da auch nichts mehr geraderücken. Der Begriff Techno ist für JoVonn rotes Tuch und Feindbild zugleich. Scheinbar wurden hier Gefühle tief verletzt. Da bleibt der sonst so zurückhaltende und höfliche Mensch stur. Auch sonst zeichnet ihn ein für New York wohl manchmal typischer Lokalpatriotismus aus. Man ist fest verortet in der hiesigen Dance Community. Was außerhalb dieses Kontextes oder in Übersee passiert ist von wenig Belang. So zählen dann auch die üblichen Verdächtigen zu seinen Favoriten. Blaze und Timmy Regisford, die Basement Boys aus Baltimore und Tony Humphries mitsamt seinem Yellorange Camp. Letzterer zeichnet sich übrigens auch für JoVonn´s erneuten Schritt ins Scheinwerferlicht verantwortlich. Als Humphries sein Yellorange Label startete, bat er mich um ein Stück. Das wurde dann AJ Can´t Get Enough und ich war wieder dabei und verspürte die Lust erneut eine eigene Basis zu haben. Gesagt, getan. Produzenten- und DJ-Tätigkeiten wieder aufgenommen und NextMoov gestartet. Zusammen mit DJ Deep der europäischen House Eminenz mit Unfehlbarkeitsanspruch schlechthin konnte er ja dann auch nach kurzer Anlaufzeit den mittelschweren Hit Back in the Dark auf der Pitch Black EP verbuchen. Kennen und schätzen lernten sich die beiden übrigens Anno ´92 in den New Yorker Dancetracks Gemäuern, wo der Franzose sofort einen ehrfürchtigen Kniefall aufs Parkett legte und sein Idol nach Paris einlud. Heutzutage ist JoVonn jedenfalls back in business, motiviert und höchst beschäftigt. Regelmäßige Gastspiele bei Bang the Party in Brooklyn, seine NextMoov-Danceparty-Mix-CD-Reihe oder der vollgestopfte Studiostundenplan zeugen davon. Klotzen, nicht kleckern will er. Fans und solche, die es werden wollen, haben also noch einiges zu erwarten. Auswahldiskographie: JoVonn -Turn And Run Away (Runnin´) Blvd. East/Kaaye -Shout (NextMoov Records) ist im unsortierten Schallplattenladen erhältlich. Blvd. East feat. Da Family -Never Knew (NextMoov Records) folgt im Juni/Juli. |
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