OUK das einund30ste ± beäugend & irdisch ± Juni/Juli 01 Llorca

Ich war wegen dieses Interviews ein bißchen besorgt. Ludovic Llorca war für mich bis vor ein paar Monaten einfach ein schöner, bedeutungsloser hispano-französicher Name gewesen. Die „Newcomer“-Platte hat der Anonymität ein Ende bereitet und wenn ich jetzt den Name höre/lese fallen mir Begriffe wie, Jazz, House, Soul und F-Communication ein.

Besorgt? Was kann ich einen jungen House-Produzent am Telefon fragen, dessen Name ich erst seit ein paar Wochen einordnen kann? Eins ist mir bewußt geworden: Mütter spielen bei der Entwicklung eines Musikmenschen eine tragende Rolle. Ich frage mich nur, was die Mutter von Daniel Benavente gehört hat? (p.s.: neues Thema für’s Forum: meine Mutter, meine Musik und ich ... )

ouk: Ich habe in den Liner-Notes der CD gelesen, daß du alle Musikstücke mit Fast Tracker programmiert hast, ist das wahr?
Llorca: Ja, das stimmt. Ich habe damit alle Stücke programmiert.
ouk: Warum das? Warum hast du nicht etwas aktuelleres oder benutzerfreundlicheres genommen?
Llorca: Ich besitze und kenne ebenfalls andere Programme, aber ich benutze ausschliesslich Fast Tracker. Ich bin so an diese Software gewohnt, daßss ich sie einfach weiter benutze.

ouk: Ich dachte es wäre vielleicht eine Frage der Ästhetik, oder?
Llorca: .... mmh, nein, ist es nicht. Es ist wahr und richtig, dass Software wie Cubase oder Logic Audio viel konventioneller oder normaler sind und dass Fast Tracker keine schönelle und freundliche Benutzeroberflaeche hat, aber wie gesagt, ich bin einfach daran gewohnt.

ouk:
Seit wann benutzt du Fast Tracker denn schon? Ich habe über dich gelesen, daß du anscheinend mit 11 Jahre angefangen hast. Erzähl es mir.
Llorca: Als ich 11 war, bekam ich meinen ersten Computer und spaeter kamen viele andere dazu. Auf all meinen Rechnern war immer Fast Tracker installiert: auf meinem Commodore 64, auf dem Amiga ebenfalls (dort hiess das Programm allerdings Soundtracker) und späaeter auf dem PC war natueürlich auch ein »Tracker, voilá! Das bedeutet aber nicht, dass ich nicht informiert bin ueber die neuen Erscheinungen und Entwicklungen ...

ouk: Es gehört bei dir sozusagen zur Tradition. Reden wir weiter über deine CD: auf der CD sind nicht nur 9, sondern ...
Llorca: Ja sicher, es sind in der Tat 10 Stuecke darauf ...

ouk:
...es handelt sich um eine kleine Überraschung, vielleicht bereits der neue Remix von „I cry“ mit Mandel Turner, oder?
Llorca: Um genau zu sein, ist der 10. Track auf der CD die Originalfassung gewesen. Ich hatte damals das Problem, dass ich nicht genau wußsste, wie ich das gleiche Stüueck auf einer CD 2 mal unterbringen sollte ... dann kam mir die Idee mit einem versteckten Stüueck.

ouk: Auf der Trackliste steht eben „I cry“ „original mix“ und das ist für mich eine klare Andeutung auf einen bevorstehenden Remix. Deshalb dachte ich, diesen schon entdeckt zu haben. Hat das Stück „Live Elemente“?
Llorca: Ja. Die Gitarre zum Beispiel ist live gespielt, der Rest ist programmiert ...

ouk: Mit Fast Tracker, natürlich ...
Llorca: Ja, sicher.

ouk: Das erste Stück auf der CD heißt „the „noble sound“ und der Monolog erinnert mich an die berühmte Rede von Martin Luther King ...
Llorca: Ja, es koennte eine von seiner vielen Reden sein, wegen den vielen Metaphern vielleicht auch .. aber es ist keine Martin-Luther-King-Rede. Es ist eine Rede, die ich auf einer CD hatte und sie hiess »The Autopsy of Arthur himself« oder so was aehnliches. Ich fand sie fuer meine CD lustig und passend, weil es eine zweideutige Rede ist: einerseits kannst du sie so deuten, dass es zu einem Jazzpuristen passt, oder zu jemandem, der sehr auf Jazz fixiert ist; andererseits besagt die Rede, dass es Leute gab, die mutiger gewesen sind als die meisten und dass sie den anderen in der Musik den Weg gezeigt haben und dass dann die anderen den mutigeren gefolgt sind. Was ich in der Rede passend finde, ist, dass wenn ein Jazzer meine CD hoeren wüuerde, er bestimmt sagen wuerde, dass ich einer bin, »der folgt« und nicht jemand, der den Weg zeigt. Es ist alles selbstironisch gemeint. Die Entscheidung, diese Rede als erstes Stueck zu wählen, soll einfach zeigen, dass ich mich nicht als derjenige füuehle, der einem den Weg zeigt ...

ouk: Wer ist deiner Meinung nach derjenige, dem du folgst, der der dir den Weg gezeigt hat?
Llorca: Es gibt viele ...

ouk: Zum Beispiel?
Llorca: Ich zitiere oft Charles Mingus, aber es gibt noch viele andere ...

ouk: Charles Mingus ... du hast einiges von ihm für deine neue CD gesampelt, oder?
Llorca: Ja, das ist richtig! Ich habe 2 bis 3 verschiedene Charles-Mingus-Samples benutzt.

ouk:
Ich kann es mir gut vorstellen! Dein Name ist Ludovic, du produzierst ebenfalls für F-Comm, was ich mir dabei noch vorstellen kann, ist, daß oft Vergleiche oder Parallelen gezogen werden, zwischen dir und Navarre ...
Llorca: Ja, oft.

ouk: Nenne mir oder sag mir einfach ein paar Wörter um den Unterschied zwischen eurer Musik zu definieren.
Llorca: Ich denke die musikalische Struktur von Ludovic Navarre ist eher dem Jazz und Blues aehnlich. Meine Musik ist traditioneller und hat eine richtige Songstruktur. St. Germain produziert absolut keine Songs, eher Tracks, die ihre Wurzeln im Jazz oder Blues haben. Meine Musik dagegen ist funkiger ...

ouk: ... souliger vielleicht auch.
Llorca: Ja, sicher. Souliger und funkiger.

ouk: Wie würdest du dich definieren: eher als DJ oder als Produzent?
Llorca: Ich betrachte mich eher als Produzent und ich habe auch als solcher angefangen.

ouk: Erzähle mir mehr über die Begegnung mit David Duriez.
Llorca: Das war zu Zeiten, als ich schon mit Musikproduktionen angefangen hatte, damals besass ich einen Amiga, aber ich habe mich damals gar nicht fuer das DJ-Ding, die House-Music oder gar Techno interessiert ...

ouk: Bist du gar nicht im Clubs gegangen?
Llorca: Ja, doch. Aber nicht unbedingt in House- oder Techno-Clubs. Als ich 1991 David kennenlernte, zeigte er mir, was Techno und House ist und damit entdeckte ich diese Musik. Dafuer zeigte ich ihm, wie man Musik mit einem Computer produziert ... es kam so zu einem Austausch. Ploetzlich wurde ich DJ und David Produzent.

ouk: Was heißt es für dich DJ zu sein - ist es eher eine Leidenschaft oder eine nützliche Möglichkeit, um deine Musik den Leuten näher zu bringen?
Llorca: Es ist auf jeden Fall eine Leidenschaft, aber die ist nicht so stark ausgepraegt wie die fuer die Produktion! DJ zu sein ist fuer mich wichtig, das mag ich sehr und ich habe unheimlich viel Spass dabei, aber trotzdem ist es mir nicht so wichtig wie das Produzieren.

ouk: Wie legst du eigentlich auf? Spiegeln deine Sets deine neue Produktion wieder, oder eher nicht?
Llorca: Es haengt vom Publikum ab. Aber im allgemeinen lege ich haerter auf: meistens wollen die Leute haertere Musik in Clubs hoeren, aber ich versuche immer funky und groovy zu bleiben.

ouk: Ich muß zugeben, ich kenne deine früheren Produktionen nicht, aber ich habe irgendwo gelesen, daß du früher eher Techno und im Vergleich zu „Newcomer“ härter produziert hast. Wie hat sich diese Entwicklung ergeben? Hast du in der Plattensammlung deiner Mama Jazzplatten entdeckt?
Llorca: Als ich David Duriez kennenlernte und als wir dann spaeter zusammenarbeiteten, haben wir Techno und sogar Trance fuer ein kleines franzoesisches Label produziert. Das hiess ... mmh ...

ouk: Peekaboo?
Llorca: Ja, genau. Ich habe dort meine ersten Veroeffentlichungen herausgebracht, aber sie wollten, dass ich weiter Techno produziere, waehrend ich aber House produzieren wollte ...

ouk: Wie war das dann bei F-Comm?
Llorca: Ich habe vor ein paar Jahren eine Kassette dort hingeschickt, ohne grosse Erwartungen: ich dachte, die werden mir nie antworten. Ich dachte, sie waere nicht gut genug, um ueberhaupt eine Antwort zu bekommen. Ich hatte die Kassette nur zufaellig hingeschickt, wirklich ohne Erwartungen ... und kurz darauf bekam ich doch eine Antwort von Eric, der sehr interessiert war und sogar andere Sachen von mir hoeren wollte. Dann habe ich ihm eine weitere Kassette zugeschickt und auf dieser Kassette war dann das erste Stueck, das auf F-Communication von mir veroeffentlicht wurde.

ouk: Was hältst Du von dieser Bossa-House-Explosion?
Llorca: Ich denke nicht, dass es wirklich so eine Richtung wie Bossa-House gibt. Ich denke eher, dass House heutzutage mit vielen anderen musikalischen Richtungen verschmilzt, weil House eine Musik ist, die gerade immer noch im Reife- oder Entwicklungsprozess ist und daher ergeben sich zur Zeit so viele verschiedene musikalische Vereinigungen bei House. Noch ein Grund ist, dass Leute, die noch vor ein paar Jahren House absolut abgelehnt haben, finden, dass es eine sehr interessante Musik ist und sie entdecken diese ploetzlich. Im Grunde genommen ist Bossa-House wieder eine dieser vielen Mischprodukte, wie Latin- oder Jazz-House auch, aber so ist House-Musik eben. Und außerdem finde ich Bossa-House sehr interessant.

ouk: Deine früheren musikalischen Vorbilder oder Helden waren diejenigen, die Musik für Videospiele produziert haben. Ist das immer noch so?
Llorca: Ja, ja, sicher. Ich spiele immer noch sehr gerne und ich bewundere diese Leute, vor allem eine Gruppe namens »Maniacs of Noise« und einen anderen Produzenten, der »JCH« hiess.

ouk: Hast du schon Videogamemusik produziert?
Llorca: Videogames ... mmh ... nein nicht wirklich, aber fuer Rechner. Das ist sehr lange her, als ich meinen Commodore 64 hatte und damit anfing zu produzieren. Ich habe diese Produktionen immer noch, es sind ungefaehr 10 Stuecke.

ouk: Dein Lieblings-Videogame zur Zeit?
Llorca: Quake 3! Ich habe ausserdem viele Emulatoren und viele Arcade-Spiele, die ich auch sehr gerne spiele, zum Beispiel »Kung Fu Masters«.

ouk: Wenn man in Deutschland an moderne französische Pop-Musik denkt, denkt man vor allem an den sogenannten „Filter-House“ und natürlich an Leute wie Etiénne de Crécy oder Daft Punk. Was hältst Du von dieser Musik?
Llorca: Ich denke nicht viel Gutes darueber! Etiénne de Crécy und Daft Punk sind absolut nicht mein Fall! Weisst du, ein Stueck Disco-Musik zu sampeln und damit einen Loop zu machen, ist sehr einfach. Du brauchst dafuer nicht mehr als 5 Minuten. Sagen wir so, ich hatte nie Interesse daran, so eine Platte zu produzieren.

ouk: Ist diese Musik noch sehr angesagt in Frankreich?
Llorca: Nein, immer weniger!! Es wird dich vielleicht ueberraschen, aber Etienne de Crécy ist populaerer in Deutschland als in Frankreich.

ouk: Warum dies?
Llorca: Weil ich denke, dass in Frankreich der Goldrausch vorbei ist. Viele Leute haben keine Lust mehr auf diese Art von Musik. Viel zu viele Leute haben schnell idiotischen House produziert, um schnelles Geld zu machen. Ich denke ueber die Sache wirklich nichts Gutes.

ouk: Was bringt dich zur Zeit zum Tanzen?
Llorca: A Tribe Called Quest! Das Stueck heisst »Sir piers ... Bonita Applegum« Es ist ein HipHop-Stueck auf House geremixed. Es ist phantastisch.

ouk: Zur Zeit läuft im ouk-online-forum eine Diskussion über „MC oder nicht MC“. Kennst du dich damit aus und wie ist deine Meinung über das Thema?
Llorca: Ich habe dies schon ein paar mal erlebt, aber nicht so oft. Bei House-Parties ist dies nicht ueblich, aber ich habe trotzdem schon MCs bei House Parties gehoert.

ouk: Und, wie fandest du es ?
Llorca: Ich finde es gut, solange der MC nicht zu viel Raum in Anspruch nimmt! Er darf eben nicht immer über alle Stücke sprechen. Ich denke ein MC muß das kleine Extra bleiben ...

ouk: Ich danke Dir für das Interview.
Llorca: Merci! ][ edl


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