tagebuch einer revolution
In letzter Zeit passiert es immer öfters, daß ich mit Housestücken das Publikum zum Höhepunkt treibe. Eigentlich sollte es nicht so sein, eigentlich sollten meine Jazzplatten den Leuten den letzten Kick geben ... Claas Brieler, Jazzanova, irgendwann im August 1999.
Die bunten Abende werden weniger. In den uns bekannten Clubs mehrt sich das Gleicherlei - in Musik und Namen. Wer sich die Zeit nimmt, das Geschehen etwas genauer zu betrachten, kann bereits heute die Bookings der nächsten neun Monate voraussagen. Doch die wahre Perversität der Menschheit erfährt man immer erst dann, wenn man denkt, das Schlimmste bereits erfahren zu haben. Das Ausfegen zurückgebliebener Alkoholleichen ist da noch gar nichts. Wer Larry Young spielt, gilt als altmodisch und notorisch. Wer hingegen den Remake, der sich lediglich in der neu eingespielten (oder besser: nachprogrammierten) Schlagzeug-spur vom Original unterscheidet, auf den Teller legt, hat nicht nur die Menge am Tanzen, sondern auch noch sämtliche Kritiker, DJ-Kollegen und Altmeister hinter sich. Es ist erstaunlich, wie schnell sich in solchen Dingen ein Konsens bildet. Gestern noch äußerst kritisch gestimmt, nimmt man morgen alles gelassen hin und stimmt in den eintönigen Kanon des Nützlichen ein. Etwas mehr Poesie wagen.
Sich entfernen vom alltäglichen Allerlei, dem vorgekauten Einheitsbrei der einem aus allen Magazinen, Fernsehern und HiFi-Lautsprechern entgegenspringt.
Es geschieht und entsteht soviel kleines, unbemerktes aber verdammt geiles da draußen, daß man sich bei seiner Arbeit als Chronist eben dessen manchmal geradezu lächerlich vorkommt. Die Ironie des Schicksals, Musikliebhaber zu sein, wird dadurch erst richtig geprägt. Was schert mich aller musikalischer Müll angesichts der herrlichen Stücke, die ich zu hören in der Lage bin. Was kümmern mich all diese seelenlosen Fratzen im Musikfernsehen, wenn ich bedenke, wieviel wunderbare Musik ich nie zu Gehör bekommen werde. Gedanken, die sich irgendwann spät nachts durch ein Gehirn graben können. Weg damit. Nur kein Trübsal blasen. Die Welt ist schon schwarz genug.
Tiefschwarz! So gelangen die bereits auf dem Abstellgleis des Hit-House ausrangierten Stuttgarter also doch noch ans lang ersehnte Ziel: Gleichsam unter den Größen des Undergrounds zu stehen. Es könnte einem übel aufstoßen, würde man sich über solcherlei Vorgänge in der Freestyle-Fraktion noch wundern. But no more trouble. Nur noch lautes Geschrei und abgelutschte Disco-Beats. Hier und da ein wenig souligen Off-Beat. Und natürlich das Booking für Jazzanovas Kaleidoskop-Abend im WMF. Hektik macht sich ebenso breit wie routinierte Geschäftsabläufe. Menschliche Kommunikation scheint dabei stets zu kurz zu kommen. Fakten schaffen Tatsachen und so tourt mancher DJ durch Deutschlands angesagteste Clubs, ohne vom Publikum vor Ort jemals gesehen bzw. gehört worden zu sein. Die Booking-Mafia ist gut eingespielt. Die am eigenen Körper erfahrene Nichtbeachtung - zu Recht kritisiert, wird nun mit derselben Vehemenz beantwortet. Man soll nicht Zielen vor dem Schießen, denn man trifft stets den Falschen. Was kümmern mich Menschen, die Tag ein, Tag aus nur wissen wollen, ob ich ihr Produkt rezensiere und deren Bestreben es ist, mir die zu schreibenden Worte gleich aufs Papier zu diktieren. Wieso können wir uns nicht über die Party von gestern Abend unterhalten oder über die Tatsache, daß vor gut zwei Jahren noch jeder Nicht-House-DJ nur schlechtes über diese Musik zu sagen hatte.
House war düster, monoton, langweilig. Musik für verpillte, willenlose Clubgänger. Musik ohne Seele, ein reines DJ-Tool. Knallt wie nix und füllt die Tanzfläche. Manch einer wußte es schon immer besser, erkannte die eingeschränkte Sichtweise dieser Aussage und lachte sich leise ins Fäustchen, als Bekenner oben genannter Aussage die wahre Seele der House-Musik für sich entdeckten. Respekt denen, die ihren Grundsätzen treu geblieben sind. Wie ironisch das doch alles ist. 10 Finger reichen aus, um die Anzahl der wirklich guten und interessanten Houseplatten der letzten 24 Monate aufzählen zu können.
Wie oft man schon darüber geschrieben hat, ich vermag es nicht zu zählen. Und dennoch schreibe ich es wieder, wie schon damals, als das Ende des Tunnels nicht sichtbar zu sein schien. Es hat dann doch noch alles eine Wendung genommen. Wie immer, wenn man sich einer aussichtslosen Situation stellt. Ein plötzlicher Ruck. Als es bereits so aussah, als ob nichts mehr zu retten wäre, als alle bereits verloren geglaubt waren. Der Zyklus kam als erstes und wird als letzter gehen - auch diesmal wird er recht behalten. Es wird immer wieder Menschen geben, die eingesperrt im Dunkeln ein Licht entzünden, um auch diesen Teil der Dunkelheit zu erleuchten ... und am Ende paßt auch der Text wieder in seinen Rahmen. ][ mb
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