OUK das zweiund30ste ± saugstark & streifenfrei ± Aug/Sep 01 andrea parker

ANDREA PARKER

Sie hat viel zu tun, sie hat viel veröffentlicht (diverse Singles auf R&S, Sabrettes und Mo Wax, das Album „Kiss My Arp“, ebenfalls auf Mo Wax, eine DJ-Kicks-Edition und einen kongenialen Steve-Reich-Remix) und ist dennoch irgendwie unterrepräsentiert, bei uns, auf dem Kontinent. Mit der EP „The Dark Ages“ verschaffte ihr das belgische Label für elektronisch-experimentelle Köstlichkeiten einen Wiedereintritt ins öffentliche Bewußtsein. Weiterhin regieren wummerige Bässe in ihrem Universum, fein flirrende Snares und Hi-Hats und die flauschigsten, melancholischsten Atmosphären des Vereinigten Königreichs. Anlässlich einer Buchung in der Berliner Maria wollten wir wissen, was von Mrs Parker in den nächsten Monaten zu hören sein wird ... und bekommen zunächst mal die Meldung, daß sie noch einen Moment zum Durchatmen braucht, sie hat sich eine unerquickliche Erkältung eingefangen, findet im Backstagekühlschrank ein erkältungsgemäßes Fruchtsaftgetränk und ist zunächst mal auf der ganzen Linie verschnupft. Das beinhaltet auch, daß sie mit einer resoluten Einsilbigkeit alle Themenkreise abhakt, die sie jetzt nicht diskutiert haben will. ‘No Bullshitting’ ist angesagt, aber als einige Gesprächsackgassen später das Plastikzeug von der Schnapsflache entfernt ist, entfaltet sie den vollen Charme einer Mischung aus, sagen wir, Kelly McDonald (die aus Trainspotting) und Diana Spencer (die aus dem kaputten Auto). Mit Schnupfen halt. Ungefähr hier schalten wir uns ein...

 

ouk: Der Sound zwischen Deiner Mo Wax-LP, den Singles und der neuen EP „The Dark Ages“ ist ziemlich derselbe geblieben. In deinen Sets schöpfst du aus einem sehr viel weiteren Spektrum, und dann gibt es noch diese Phillip Glass-Connection. Warum bleibst du diesem Sound so verbunden?

ap: Nun, als ich zu Mo Wax gekommen bin, habe ich auch nicht plötzlich HipHop gemacht, wenn du verstehst, was ich meine. Eine Menge Leute ändern ihren Style, sobald sie zu einem neuen Label kommen. Ich bin ein ziemlicher Hip-Hop und Elektro-Freak, Es wird immer so einen Elektro-Einschlag geben in meiner Musik, 808 Drummachine und so weiter. Ich stehe auf eine Menge Styles, eine Menge Musik, und den einen Tag arbeite ich mit Phillip Glass und am nächsten Tag mit DJ Godfather. Ich achte also ein bißchen darauf, daß die Leute meinen Sound erkennen können. Außerdem ist mein Equipment echt alt, die Synthesizer und so, das führt wohl auch irgendwie dazu, daß die Sachen sich ähneln. Ich liebe Arps und diese ganzen Analogsynthesizer. Ich benutze halt nur analoges Zeug. Ich sample keine Breakbeats oder Discobeats, was die meisten machen. Ich benutze Drummachines.

ouk: Wie ist das mit dem Vehältnis von Text und Musik? Damals brachtest Du eine Vokal- und eine Instrumentalversion raus, die EP enthält nur instrumentales Material. Gibt es zu den Stücken trotzdem auch Texte?

ap: Tatsächlich habe ich mit den Vocals erst spät angefangen. Manchmal will ich eben singen, manchmal nicht. Der Grund für die beiden Versionen war der, daß die Instrumentals leichter im Club zu spielen sind. Die EP ist von vornherein instrumental konzipiert gewesen. Aber es wird wieder ein Vocal-Album geben, auf dem es einige Features geben wird, und ich selbst werde auch wieder singen.

ouk: Wer wird zu den Gästen gehören?

ap: Oh, das kann ich noch nicht sagen, aber ich habe welche ins Auge gefasst.

ouk: Deine ganzen Aktivitäten mit Ryuchi Sakamoto, Steve Reich, Phillip Glass und Bang on a Can sind...nicht besonders gut dokumentiert.

ap: Wir machen Liveshows, das gibt’s nicht auf Vinyl. Ich remixe sie live, unterlege die Musik mit Beats und sowas. Und ich habe diesen Steve Reich-Remix gemacht für Nonesuch-Platte.

ouk: War die Musik dieser Leute wichtig für Dich, bevor Du mit ihnen gearbeitet hattest?

ap: Ohja, Reich und Glass, Laurie Anderson waren wichtig, genauso wie Kraftwerk, The Art Of Noise. Insofern war es ganz schön toll, mit ihnen wirklich zu arbeiten.

ouk: Was sind Deine Pläne für die nächsten Monate?

ap: Es gibt einen neuen Track, der auf einer Fuel-Compilation rauskommen wird, er heißt Game Over, ich mache einen Remix für De La Soul und habe gerade Mira Calix geremixed, für Warp und überhaupt eine ziemliche Menge Remixe. Ich fange gerade mit einem eigenen Label an, es heisst Touchin’ Bass. Die erste Veröffentlichung wird natürlich etwas von mir sein, gemeinsam mit DJ Assault und DJ Godfather, sowie einem DJ Godfather-Remix. Und einige andere Künstler werden dort veröffentlichen, darunter DJ Panic. Außerdem stelle ich eine Detroit-Techno-Bass-Compilation zusammen.

ouk: Respekt, das klingt nach einer Menge Arbeit. Wie machst Du das alles alleine?

ap: Keine Ahnung, offensichtlich bin ich verrückt.

ouk: In Deutschland bist Du etwas unterrepräsentiert.

ap: Seit ich Mo’Wax verlassen habe, hat sich eine Menge Zeug angesammelt, aber es muss alles erstmal veröffentlicht werden

ouk: Legst Du ausschließlich auf, wenn Du gebucht wirst, oder machst Du auch Live-Sets

ap: Ich habe das in der Vergangenheit gemacht, aber auf der Mo’Wax Platte hatte ich ein 40-köpfiges Orchester dabei, da kann ich nicht viel machen. Das kommende Album wird diese Möglichkeit offenhalten.

ouk: Hast Du als DJ angefangen?

ap: Nein. Ich habe Musik geschrieben, bevor ich gedeejayt habe.

ouk: Welcher Style?

ap: Hardcore.

ouk: Breakbeat?

ap: Ja, genau, bevor es Jungle gab.

ouk: Wie bist Du damit zusammengekommen, wo bist Du da hingegangen?

ap: Ich habe mir immer eine unglaubliche Menge Musik geholt, gehört, verschlungen. Ich habe als Session Singer angefangen und für irgendwelche Hardcore-Producer gesungen. Als ich aufs College kam, hatte ich keine Lust mehr, immer nur anderer Leute Musik zu singen. Ich nahm an einem Cubase-Kurs teil und fing an, selber Musik zu schreiben.

ouk: Irgendwelche berühmten Platten von damals, auf denen Du gesungen hast?

ap: Nun, einige, aber ich benutzte verschiedene Pseudonyme...

ouk: ...die Du nicht verrätst.

ap: Exakt (lacht).

ouk: Wann hast Du mit dem Auflegen angefangen?

ap: Ich habe in einer Videoproduktionsfirma gearbeitet, die Musik für Werbefilme gemacht haben. Und da war ein Typ, der einen ganzen Schwung Soundeffekt-Platten in den Müll schmeißen wollte. Ich sagte, was zur Hölle machst du da, die will ich haben! Und ich schmuggelte sie raus und haute ab. Ab da habe ich alte Sound-FX-Platten gesammelt, Moog-Platten, Sachen aus den 70ern. Ich habe mit vier Decks gearbeitet, auf dem einen liefen die Moogs, auf dem anderen die Streicher, afrikanische Percussion auf dem dritten. Als ich noch kein richtiges Equipment hatte, habe ich so auch meine ersten Tracks gemacht.

ouk: Was Du beschreibst, ist doch genau die Methode, aus der heraus das entstand, was Du nicht machst: Sampling. Was Du machst ist eigentlich Komponieren. DJ-Producer dagegen neigen eher zum Sampling. Wie stehst Du zu der Diskussion, die Matthew Herbert ausgelöst hat, die These, daß Sampling eine faule Art des Produzierens ist?

ap: Dem stimme ich zum Teil zu. Aber andererseits stehe ich auf HipHop, was im wesentlichen durch konsequentes Sampling getragen wird. In der Big Beat-Szene gibt es da wirklich entsetzliche Beispiele für Sampling, oder bei Daft Punk und allem, was danach kam: einen alten Discoloop nehmen und dann mit den Filtern rangehen. Ich vertrag das nicht, den ganzen Sound eigentlich. Nur weil ich selbst keine Samples benutze, mache ich keinem einen Vorwurf deswegen. Aber Fatboy Slim, Chemicals ... das ist nicht mein Stil. Ich bin Old School. Früher haben viele HipHop-Producer Drummachines benutzt. Heute nehmen alle die alten Breaks, und dieses endlose Recycling langweilt mich. Es kommt eben drauf an. Einige beherrschen das Sampling, aber wenn andere hergehen, und das Sample völlig unverändert lassen, das kotzt mich an. Aber es gibt diese irren HipHop Sachen ... ich mag zum Beispiel dieses Miami-Zeugs, Techno Bass, was DJ Godfather und DJ Assault machen, da sind Tonnen von Samples drin, aber die haben einfach einen eigenen Sound.

ouk: Was ist mit der funktionalen Seite Deiner Platten. Was ist in Deinem Kopf für ein Szenario, wenn Du eine 12-inch produzierst?

ap: Horrorfilme! (lacht) Meine Musik ist immer so dark, ich bin sicher, irgendwann entdeckt sie jemand für Horrorfilme. In der Regel waren es bisher immer irgendwelche düsteren Dokumentationen. Mein erster Track auf Sabrettes wurde allerdings für eine Toilettenwerbung in Thailand benutzt.

ouk: ...was eine sehr positive Sache ist. Wer hat als erster DJ Deine Platte gespielt? Kannst Du dich erinnern? War es Andy Wetherall?

ap: Nein, Alex Patterson von The Orb.

ouk: Deine Tracks sind immer ein bißchen zu langsam für die üblichen House- oder Technosets.

ap: Ja, sie sind eigentlich nicht für den Floor gemacht. Ein paar D&B-Freunde von mir setzten sie ein, indem sie sie auf 45 spielen.

ouk: Wo hast Du am liebsten aufgelegt?

ap: Lost!!! In London. Da gab es drei Floors, einer davon sehr Detroit-mäßig, Jeff Mills und so, einen experimentellen Raum, und dann noch mal Chicago.

ouk: Irgendwelche anderen Favourites?

ap: pffff....ich weiss nicht, am liebsten spiele ich außerhalb von London...die Staaten, Hong Kong, Deutschland ist ganz schön.

ouk: Wie präsent bist Du in den Staaten? Was machst Du da?

ap: Ganz unterschiedlich. Manchmal spiele ich HipHop, manchmal Elektro, manchmal auch reine Miami Bass-Sachen. Aber ich habe eine Menge Leute getroffen. R.E.M. kamen zu einem meiner Gigs, und Luscious Jackson. Und Man Parrish! Das war verrückt.

Demnächst wird sie mit R.E.M. eine USA-Tour bestreiten, und sie gibt zu, deswegen etwas nervös zu sein, schließlich geht es da um Fußballstadien. Als das Gespräch in Richtung leichter Albernheit, ehrliche Geständnisse und unbedeutende Lästereien abgleitet, achtet sie darauf, daß das Aufnahmegerät ausgestellt ist ... sie ist so professionell! Tscha, und vielleicht hätten wir noch lange dagesessen, die Pulle leergemacht und die Erkältung ausgetrieben, bis es Zeit für ihr Set wurde, aber da drängelte auch schon wieder eines dieser siebenköpfigen Internet-TV-Teams rein, und wir sagten artig Tschö und gute Besserung und bereiten uns mental auf ihr Set vor. Schade, daß es so leer war. Es gab Anthony Rother, irgendwas verwischt-melancholisches aus dem eigenen Labor, Elektrofunk aus der Weiße-Handschuhe-und-3D-Brillen-Epoche...und jede Menge Booty-Musik von frischen Platten ihrer Detroit-Kumpels. Die schmale Britin und die unartigen Jungs mit ihren fetten Kofferraum-Subwoofern, was für eine coole Connection. Mrs. Parker und ihr lasterhafter Kreis, wie der deutsche Verleih einst das Dorothy Parker-Biopic Mrs Parker’s Vicious Circle übersetzte. Jennifer Jason Leigh hat da mitgespielt. Ja, Korrektur: Mit „Mischung aus Diana Spencer und Jennifer Jason Leigh“ ist sie vielleicht noch besser beschrieben. ][ mandel



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