OUK das zweiund30ste ± saugstark & streifenfrei ± Aug/Sep 01 jenseits von bits und bytes

JENSEITS VON BITS UND BYTES

Wirklich schade ist es, wenn einem guten Spiel eine verwirrende Anleitung zu Grunde gelegt wird, die den Einstieg zu einem wahren Interpretationsabenteuer werden läßt. Natürlich sind kurze Anleitungen immer eher ein Garant dafür, schnell in die neue Welt eindringen zu können und sich dort auch sicher bewegen zu können, doch kann es auch vorkommen, daß zu kryptische Formulierungen diese Welt nur wirklichen ´Kämpfern mit dem Inhalt´ eröffnen. So verschließt sich bestimmt einer großen Gemeinde das taktische Wunderwerk MERIDIAN von Leo Colovini (Piatnik Spiele). Auf nur einem, beidseitig bedruckten, Blatt wird der an sich simple Einsetz- und Zugmechanismus erläutert. Dies jedoch dermaßen umständlich und verschachtelt, daß ein mehrfaches Lesen und angeleitetes Durchspielen einen unglaublichen Stundenaufwand erfordert. Als Belohnung befinden sich allerdings dann die 2-4 Handelsfirmeninhaber in der Inselwelt des südlichen Archipels, welches auf dem Spielbrett in 10 Meridiane unterteilt ist. Nun gilt es nach den endlich erkannten Regeln seine Handelsfirmen auf den Inseln zu errichten. Um aber der Habgier der Kaufleute Einhalt zu gebieten, darf pro Meridian immer nur eine Firma auf das Brett gebracht werden. So muß man sich schon genau entscheiden, wann man welche Größe einer Filiale angedeihen läßt, da die 20 Turmteile eines Jeden schnell zur Neige gehen. Die Niederlassungen können dabei unterschiedlich stark, durch aufeinandergestapelte Turmelemente eingesetzt werden. Dies ist aber ausschließlich für die Spielphase entscheidend, da es am Ende bei der Wertung nur darauf ankommt, wer die meisten Niederlassungen auf einer Insel errichten konnte. Dabei können sich die Spieler nur bedingt für die einzelnen Meridiane entscheiden, da ein jeweiliger Satz von 13 Karten nach und nach die Plazierungsalternativen eröffnet. Ein taktisches Spiel für Vielspieler und vor allem Freunde von Reversi, Go/Gobang und Backgammon. Eventuell macht auch die kurze aber spannende Spieldauer von ca. 30-45 Minuten einiges an Zeit wieder wett, die beim Studium des Regelwerkes verloren ging.

Ein wahres Paradebeispiel für eine gelungene Anleitung stellt das Regelwerk von Alan R. Moons & Aaron Weissblums CAPITOL (Schmidt Spiele) dar. Ausführlich formuliert und dennoch nicht alle Grenzen sprengend, finden sich schnell die 2-4 Baumeister in den neun Präfekturen Roms zur Zeit des zweiten Jahrhunderts v. Chr. zurecht. Zug um Zug errichten die Spieler mittels ihrer Dach- und Bausteinkarten neue Gebäude am Rande des Spielplanes, bis sie diese, entsprechend ihrer Baugenehmigungskarten, auf dem jeweiligen Bauplatz einsetzen dürfen. Dabei entscheidet das erste fertiggestellte Haus einer Präfektur welche Dachform zukünftig im Sinne eines einheitlichen Bebauungsplanes hier zu verwenden ist. Die Höhe richtet sich ebenfalls nach den bereits erbauten Gebäuden und darf maximal um eines erhöht werden. Interessant ist vor allem, daß die Spieler so lange ihren Bauvorhaben nachkommen können, so lange sie noch Karten auf ihrer Hand haben. Doch oft ist es ratsam, sich nicht gänzlich zu verausgaben und lieber vorher zu passen, da die Auktionsphasen gegen Ende einer Spielrunde anhand der Kartenwerte (1-8) wichtige Bauwerke in die Regionen bringen lassen. So können Brunnen, Amphitheater und Tempel sowohl Kartenhand als auch Punktewertungen erheblich beeinflussen und mit zu einem spielentscheidenden Element werden. Eine simple Wertungsphase ermöglicht auch schon im Laufe der jeweiligen Runde mögliche Folgen des eigenen und des Handelns der Mitstreiter gut zu überblicken und im voraus zu planen. Nach dem alt bekannten Mehrheitsprinzip ist einzig die Anzahl der Bausteine unter den Dächern einer Farbe in der abzurechnenden Region entscheidend, so daß im Verlauf einer Partie größere Häuser stark an Bedeutung gewinnen. Trotz der mannigfaltigen Ebenen, auf denen der Spielmechanismus basiert, ist es wohl nicht zuletzt auch dank des übersichtlich gestalteten Spielmaterials den Autoren gelungen ein flüssiges Bauabenteuer zu kreieren, welches eine Spieldauer von ca. 60 Minuten beansprucht und so viele Revanchen nach sich ziehen kann.

Eine gesellschaftliche Herausforderung gänzlich anderer Art eröffnet PYTHAGO (Refo-Verlag). Hier versuchen die 1-6 Spieler im Rahmen eines zeitlichen Limits, vorgegeben durch den Ablauf einer schön geformten Sanduhr, abstrakte, geometrische Formen nachzulegen. Bodo Formes ließ sich bei der Entwicklung dieses aktionsreichen und spannungsgeladenen Legespiels von dem bereits im alten China entwickelten Sieben-Steine-Rätsel leiten. Im Gegensatz zu vielen Puzzle- und Tangramspielen zielt diese Variante wesentlich stärker auf die Fähigkeiten Konzentration und logisches Denkvermögen ab. Auf 36 Aufgabenkarten, die unterteilt in 24 eher leichtere und 12 schwere Vorlagen als Startstapel dienen, können dann die Spieler ihr Verständnis für geometrische Zusammenhänge unter Beweis stellen. Vor allem die Möglichkeit, in der Variante des Gesellschaftsspieles stärkere Mitspieler durch absichtliches Falschlegen in die Irre zu führen, oder aber auch schwächere durch Hilfestellungen auf den richtigen Weg zu bringen, zaubern ein unterhaltsames Erlebnis hervor. Als äußerst witzig kann sich schon das erste Erkunden des Spielmaterials erweisen, wenn es dann darum geht, die sieben geometrischen, hölzernen Einzelformen wieder in die dafür vorgesehene Verpackung zu bringen. Auch wenn der Autor bereits eine Erweiterung unter dem Namen PYTHAGO MASTER EDITION auf den Markt gebracht hat und sich noch weitere in Ausarbeitung und Planung befinden, stellen bereits die mitgelieferten Karten endlose Herausforderungen dar. Stellen doch selbst eigenständig gefundene Lösungen der Aufgaben nach kurzer Zeit fast gleiche Denksportaufgaben dar. Völlig faszinierend ist dabei die perfekte Paßgenauigkeit, mit welcher sich die Spielsteine lückenlos zu der vorgegebenen Form zusammenfügen.

Als letztes noch eine kurze Anmerkung zu dem Thema WER WIRD MILLIONÄR. Letztes Jahr fast zur gleichen Zeit brachte der Jumbo-Verlag das gleichnamige Spiel zur Erfolgsserie um Günther Jauch heraus. Nun, gerade mal ein paar Monate ins Land gezogen, gesellen sich einige legale und illegale Trittbrettfahrer hinzu. Die illegalen wird es wohl kaum irgendwo mehr geben, da einstweilige Verfügungen schnell das Schmarotzertum im Keim erstickten. Auf Seiten der lizensierten Neuerscheinungen werden uns bald die Juniorausgabe (ebenfalls von Jumbo) sowie eine elektronische Variante aus dem Hause Hasbro beglücken, die mit der Synchronstimme von Thomas Magnum aus der mittlerweile fast verbannt wirkenden Hawaii-Serie das Wohnzimmer erfüllt. Gespannt darf man sein, ob die vom Original vorgelegten Verkaufszahlen von ca. 500.000 Stück erneut erreicht werden, oder könnte sich womöglich eine Sättigung in der Bevölkerung breit gemacht haben? ][ g


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