OUK das zweiund30ste ± saugstark & streifenfrei ± Aug/Sep 01 soulpatrol

soul searching

Auf der Suche nach dem Soul. Soul searching, eben. Eine interessante Aussage, die da auf dem Cover der letzten „Tribes of da Underground“-Compilation zu lesen ist. Hat man den Soul denn noch nicht gefunden? Sucht man immer noch vergeblich nach ihm oder bringt einem diese CD die Offenbarung? Michael Rütten, soviel läßt sich sagen, hat für sich den Soul bereits gefunden. Was ihn nicht daran hindert, anderen bei der Suche zu helfen und dabei selbst vielleicht noch andere, bislang nicht erkannte Facetten zu entdecken. Der Erfolg jedenfalls gibt ihm Recht, denn immer mehr Leute erkennen, daß es wieder (oder immer noch?) mehr gute Musik abseits des industriellen Einheitsbrei gibt. Unterstützen tut Michael Rütten diese Entwicklung durch seine journalistische Tätigkeit bei Groove und Jazzthing, weshalb er sich nicht zu unrecht als ein Sprachrohr der Musik bezeichnet. Aber lauschen wir selbst ...

ouk: Du bist ziemlich aktiv - als DJ, Produzent und als Journalist und Erbe der Reinboth-Kolumne im Jazzthing. Trotzdem bist Du ein wenig der „verlorene Sohn“, was Erwähnung in der Presse und Öffentlichkeit angeht. Hältst Du Dich sehr zurück?

mr: Ich bin natürlich, was die eigenen Magazine angeht ... ja, da hält man sich schon zurück. Ich habe das beim Flyer damals erlebt und erlebe das jetzt bei der Groove genauso, daß Du als Mitarbeiter immer hinten anstehst, egal was Du machst. Gerade darüber habe ich mir neulich Gedanken gemacht - gut, daß Du es ansprichst -. Mit Eurer Anfrage für dieses Interview ist mir eigentlich erst aufgefallen, daß ich ja ganz interessante Sachen mache. Aber mit meiner journalistischen Tätigkeit lege ich mir da wohl selbst einen Strick. Aber bis zu einem gewissen Punkt war ich schon immer Fan der Understatement-Rolle. Inzwischen denke ich aber, bin ich an einem Punkt angelangt, wo ich gerne mal etwas mehr an die Öffentlichkeit gehen würde.

ouk: Du lebst ja auch ausschließlich von Deinen diversen musikalischen Tätigkeiten.

mr: ja, richtig.

ouk: Gerade auch durch Deine journalistische Arbeit hast Du ja einen sehr guten Einblick in die Szene und die diversen Netzwerke, von denen immer die Rede ist. Wie sieht es denn da nun aus ...

mr: Dieses Netzwerk gibt es tatsächlich und es funktioniert auch sehr gut. Erfreulicherweise funktioniert es aus der Begebenheit heraus, daß man sich irgendwann mal kennengelernt hat, man die gleiche Liebe zur Musik festgestellt hat - mit diversen Nuancen natürlich - und daraus ergibt sich meistens, daß man sich sehr sympathisch ist, CDRs hin- und herschickt, andere pusht, sich selbst vorstellt, andere zum Auflegen einläd ... manchmal denke ich auch, daß das Ganze wie in einer Kapsel funktioniert. Es gibt jetzt Compost, die haben „gebreakt“ sozusagen, die sind jetzt schon drüber, einen Level höher quasi. Aber gerade der Michi betreibt das Networking schon seit Jahren. Und dann gibt es eben noch diverse andere Verdichtungen. Hamburg mit Mojo, Jazzanova in Berlin, Ihr seid in Tübingen ... es gibt dann aber auch Orte, die irgendwie außen vor sind. Köln zum Beispiel, wo das alles nicht so funktioniert. Da gibt es zwar Groove Attack und Vinly Vibes, aber die sind irgendwie komplett vom restlichen Geschehen der Stadt abgeschnitten. Und dann gibt es natürlich den Kontakt nach London, über Gilles Peterson. Am besten denke ich, läßt sich das alles anhand des Sonar-Kollektivs in Berlin und der West-London-Possie beschreiben. Da sehen sich die Leute täglich, arbeiten mal mit dem, mal mit jenem zusammen. All die anderen Städte sind dann eher so Parzellen für sich. Was sich dann erst später entwickelt hat - bei mir zumindest - ist das Radio-Ding. Ich habe mir über die Jahre hinweg auch einen sehr großen Email-Verteiler aufgebaut und es ist unglaublich, wie das funktioniert. Da zeigt sich der wahre Wert des Internet als Kontakt- und Kommunikationsmedium.

ouk: Besteht durch diese Vernetzung nicht auch die Gefahr, daß bestimmte Leute vollkommen ignoriert bzw. nicht beachtet werden?

mr: Mmmh, ja ... ich verstehe was Du meinst. Aber ich kann jetzt natürlich nur lokalen Bezug nehmen und über Frankfurt berichten. Wir sind schon auf der Suche nach neuen Leuten, nach Nachwuchs sozusagen. Ich setzte mir jetzt natürlich kein Alter, an dem ich aufhören werde, aber wenn sich junge Leute damit beschäftigen, reflektiert das natürlich auch das, was du machst. Aber generell kann man schon sagen, das die Szene sehr kompakt und abgeschlossen ist.

ouk: Welche Rolle nimmst Du denn bei Infracom ein?

mr: Nun, Jan und Namé hatten schon sehr lange darüber nachgedacht, wie sie mich bei Infracom integrieren könnten. Da ich nun mal DJ bin, schlug ich einfach vor, mich Compilations machen zu lassen, woraufhin ich dann die „Tribes of da Underground“-Geschichte übernommen habe. Natürlich fungiere ich in gewisser Weise auch als A&R, da ich unterwegs immer sehr viele Demos zugesteckt bekomme.

ouk: War das auch bei Taxi so?

mr: Nicht ganz. Jan hatte aus unerklärlichen Gründen eine Maxi geschickt bekommen, diese erste ominöse Taxi-Maxi. Als wir sie beide angehört haben, dachten wir beide, daß wir diese Menschen unbedingt kennenlernen müssen. Kurz darauf bin ich nach London gefahren und habe all die LPs und Maxis, die es von ihnen ja bereits gab, in Second-Hand-Läden entdeckt. Die haben das damals wohl auf eigene Kasse gemacht und keiner hat sich dafür interessiert. Oder sie waren in dem anfangs angesprochenen Netzwerk nicht drin. Inzwischen bekommen sie sehr viel Feedback.

ouk: Taxi treten auch live auf, obwohl doch generell die Live-Geschichte schon fast wieder gegessen ist. Zumindest haben sehr viele gemerkt, daß es nun doch nicht so einfach ist, vom Studiomusiker bzw. Produzenten zum Live-Musiker zu mutieren.

mr: Das ist nie einfach. Les Gammas sind da ein Ausnahmebeispiel, aber da war auch von Anfang an ein Musiker dabei, was ja eigentlich nicht der Fall ist. Man macht learning-by-doing, kann dann irgendwann ein Stücke machen, kann Musik machen und jetzt soll man plötzlich live spielen. Und dann rätselt man natürlich erst einmal über die Umsetzung. Es gibt ja aber auch wieder mehr und mehr Bands - Betonung auf Bands. Damit verbunden gibt es dann auch wieder mehr Konzerte.

ouk: Läßt sich das dann noch in einen Club-Abend integrieren?

mr: Ich denke, der Trick dabei ist, den Live-Auftritt zuerst stattfinden zu lassen. Dann kommen auch die Leute. Wobei der Les-Gammas-Auftritt bei der letzten Compost-Popkomm-Party ein voller Erfolg war. Ich denke das kommt auch immer auf den Live-Act drauf an. Zero 7 spielen mit 11 Mann, das ist ein richtiges Konzert, daß kannst Du nicht später ansetzten. Auch bei der Cinematic-Orchestra-Tour im letzten Jahr hat es sich gezeigt, daß ein solches Konzert um 01:00 Uhr der Killer der Party sein kann. Das hat ja eigentlich gar nichts mit Club zu tun. Taxi hingegen lassen sich sehr gut integrieren, weil deren Musik zwar live ist, aber diesen House-Touch besitzt. Die Entwicklung weg von der Instrumentalmusik, hin zum Song finde ich aber eine sehr schöne Entwicklung. Ich war da auch sehr zufrieden mit der Zusammenstellung der letzten „Tribes“, die dies ja in gewisser Weise verfolgt hat.

ouk: Soundmäßig gleicht sich doch momentan eine Produktion der anderen, oder?

mr: Ja, leider. Es gibt sehr wenig Down-Tempo-Sachen, was ich sehr schade finde. Der Compost- bzw. Jazzanova-Sound hat sich scheinbar durchgesetzt, was auch sehr schön ist, nur muß man halt langsam aufpassen, daß sich die einzelnen Produktionen nicht zu gleich anhören. Da werden aber Jazzanova mit ihrem Album etwas machen, was keiner erwartet. Aber verglichen mit London - nicht alles was da rauskommt, ist gut. Man nimmt da irgendwie Teil an einem Prozeß, der gerade stattfindet. Die Jungs finden sich erst noch. Das neue Trüby-Trio-Stück „High Jazz“ finde ich da auch eine willkommene Abwechslung, raus aus dem Bossa-Sound. Aber eigentlich gab es das schon immer. In den Neunzigern war es der Talkin’Loud-Sound, jetzt ist es eben der Compost-Sound. Das Publikum will aber auch ganz gerne so einen Sound den ganzen Abend über hören. Oftmals sind die Leute überrascht, wenn Du schon wieder einen Schritt weiter bist.

ouk: Mit deinem Set auf der Compost-Popkomm-Party im letzten Jahr bist Du ja auch aus dem üblichen Rahmen ausgeschert.

mr: Ja, richtig. Ich hatte da einfach keine Lust, auch noch Bossa-Nummern zu spielen. Aber es hat sich ja gezeigt, daß das Publikum durchaus auch an (Detroit) Techno-Produktionen interessiert ist. Aber ich komme ja auch aus Frankfurt und bin da einfach auch anderes gewöhnt. Allerdings mixe ich auch nicht mehr den ganzen Abend über, sondern bin wieder mehr „freestyle“, mache mehr Cuts. Dabei kann ich auch viel mehr Stimmung erzeugen. ][ mb

 

... music - 12+1 out of at least 50.

Stevie Wonder "Songs In The Key Of Life/Innervisions" (Motown)
A Tribe Called Quest "Low End Theory" (Jive)
Roy Ayers "Everybody Loves The Sunshine" (Polydor)
Carl Craig "At Les" (..fällt mir gerade nicht ein...die DLP mit der 3D-Brille...)
Kellee Patterson "I'm Gonna Love you Just A Little Bit More"
Da Lata Live in Frankfurt Februar 2001
Dollar Brand "Kalahari" (Mandla)
Soul II Soul "Club Classics Vol. 1" (Virgin)
Curtis Mayfield "Live" (Curtom)
Nuyorican Soul "Black Gold-4 Hero Rmx" (Talkin Loud)
Pharoah Sanders "Love Is Everywhere" (ABC Impulse)
Two Banks Of Four "City Watching" (Sirkus)
Yusef Lateef "Love Theme From Spartacus" (Prestige)


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