Auch der mächtigste Löwe muß einmal zu Boden gehen ...
Um es gleich vorwegzunehmen: nur weil einschlägige Musiker und Labels inzwischen von der Mainstreampresse besprochen werden, darf dieser noch lange kein verstärktes Interesse an elektronischer Independent-Musik zugeschrieben werden. Puff, aus der Traum. Auch wenn es mit Sicherheit ein wunderbares Gefühl für einen Promoter ist, wenn eine der großen Zeitungen einen seiner Schützlinge bespricht. Wie das wohl bei Eddie Gomez damals war? Damals, als man noch für ein Tonträgermedium produzierte, das im Stande ist, ein mehr als zufriedenstellendes Spektrum des Frequenzbereichs abzubilden und zudem noch Wärme und Raum besitzt. Wärme. Wie sehr man sich doch danach sehnt, wenn man einmal verdammt dazu ist, stundenlang CDs hören zu müssen. Dagegen können sechs Stunden Zugfahrt ohne Musik in gar zweierlei Hinsicht angenehm sein - beruhigend und sehnsüchtig machend zugleich. Aber was will ich jemandem erzählen, der seine Produktionen für das mp3-Format auslegt, Qualitätsminderung also in Kauf nimmt, weil er sich davon mehr Geld im Beutel verspricht.
Verwundert muß ich den Kopf schütteln, wenn ich mal wieder ein Interview mit einem Netzmusiker lese und erfahre, daß es nicht auf die Musik, sondern lediglich auf deren Vermarktung ankommt.
Als ob 8-bit klanglich völlig ausreichend wären. Wer wohl den 24-bit, 96 KHz-Hype erfunden hat? Ach was erzähl ich, als ob der Klang von Interesse wäre. Die Industrie normiert und komprimiert - vom Computer direkt in den Gehörgang, möglichst eingängig, möglichst leicht konsumierbar.
Jetzt, wo man Rechtssicherheit genießt und den angeblich unlauteren Wettbewerb ausgeschaltet hat, steht die Musikindustrie immer noch auf der Stelle. Anstatt ein künstlerisch wertvolles Angebot ins Netz zu stellen und den Kontakt mit seinen Kunden aufzunehmen, beschäftigt man sich mit Kopierschutzmaßnahmen und Hetzjagden auf diejenigen, die man gebeten hat eben diese Schutzmaßnahmen zu knacken. Gerade im Netz ließe es sich vortrefflich über die Absichten eines Musikers streiten.
Aufklärung könnte betrieben werden, der wahre Sachverhalt geklärt und propagiert werden. Stattdessen scheinen auch die letzten unabhängigen Netzlabel aufzugeben und ihre eigenen Fähigkeiten fatal zu unterschätzen. Resigniert stimmt man in den klagenden Kanon ein, musiziert wieder einsam vor sich hin und überläßt das Denken einigen selbsternannten Philosophen. Unwissenheit ist des Herrn größtes Kapital, das steht schon in der Bibel geschrieben. Es ist erstaunlich, wieviel Menschen noch immer glauben, die Musik gehöre den Plattenfirmen, den Radios und Fernsehstationen, eben allen nur nicht dem Musiker selbst. Noch erstaunlicher ist es, daß selbst die kleinen Fachmagazine darüber verärgert sind, wenn jemand ganz bewußt Lo-Fi-Musik in mp3-Format veröffentlicht. Wenn fehlende Informationen gekonnt genutzt werden, um Löcher entstehen zu lassen, die es auf einer Platte nie geben wird. Frevel schallt es da durch die Medien und schon hat man einen Sündenbock für die eigene Unzulänglichkeit gefunden. Der Mensch scheint es sich zur Gewohnheit gemacht zu haben, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Lärm zu schlagen.
Doch man muß lesen, um schreiben zu können und man muß hören, um zu sprechen. Ein Dogma, das sich Poptheoretiker aufs dringendste zu Gemüte führen sollten.
Die unseeligen Quasseleien über Aussagen, Hinter- und Beweggründe eines Musikers finden sich - wenn überhaupt - in der Musik und nicht auf dem Noten- bzw. Textblatt. Geradezu diskriminierend übt man sich darin, das angebliche Fehlen einer Botschaft politisch natürlich! als puren Konsum abzutun, weil die Theoretiker selbst nicht besser sind als der Durchschnitt, den sie so gerne beschimpfen. Immer noch die pauschale Trennung zwischen Schönem, Gutem und Wahrem und Kommerziellem aufrechterhaltend, haben sie sich längst diverse Hintertürchen geöffnet, durch die sich eben genannte Kategorisierung vorzüglich umgehen läßt. Das tiefere Verständnis über Musik, wer sie macht und wie sie gemacht wird, fehlt den Kritikern ebenso wie ihren Lesern. ][ mb
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