OUK das dreiund30ste ± geradeaus & über Eck ± Okt/Nov 01 hip hop aktuell

Auf dem Berlin Beta Filmfest hatte ich endlich die Gelegenheit, „Slam“ zu sehen, einen auf DV gedrehten Film, bei dem Saul Williams am Drehbuch beteiligt war. Seine Darstellung eines arbeitslosen Gelegenheitsdichters, der wegen 2 Unzen Gras im Knast landet und dort auf die Kraft des Wortes vertrauen muß, um zu überleben, ist von absolut umhauender Dichte und Kraft. Dazu tragen auch der Soundtrack - zu großen Teilen aus dem Gesamtwerk von DJ Spooky - und ein Einblick in die fremde Welt der (US-) Poetry-Slam bei, wiederum mit sehenswerten Einzelleistungen. Leider gewann der Film nicht den Publikums-Preis des Festivals und wird damit auf einen deutschen Verleih wohl weiterhin warten müssen. Übler als das ist allerdings der Umstand, daß Saul Williams Album-Debut „Amethyst Rock Star (eine mit Sicherheit nicht besonders kostengünstige Produktion von Rick Rubin) von der amerikanischen Sony immer noch nicht veröffentlicht wurde. Die Gründe dafür liegen im dunkeln, aber es sieht ganz danach aus, als sei Saul Williams Definition von HipHop als Mindflow der herrschende Definition vom Cashflow tatsächlich im Weg. Im Januar war sein Selbstbewußtsein noch in vollem Effekt: „Ich weiß, daß Leute in diesem Land hungrig sind nach etwas mit Bedeutung. Sogar die Leute, die diesen HipHop Nonsens kaufen suchen nach etwas Common Sense, nach etwas Mystical Sense, nach sich selbst. Die meisten Leute sind in dieser Musik heute nicht reflektiert. Leute werden sich in diesem Album finden, auch ein populäres Publikum wird diese Musik finden, wird sich in dieser Musik finden und es genießen.“ Rick Rubins neuestes Projekt, die...äh: Nu Metal Band System of a Down stieg gerade auf Platz 1 in die US-Charts ein. So läuft’s. Immerhin bekannte sich das Quartett öffentlich zum selbständigen Denken und veröffentlichte anläßlich des Angriffs auf WTC und Pentagon Statements der Mitglieder Serj Tankian und John Dalmayian, in dem sie an ihre Fans ebenfalls eine lesenswerte Aufforderung zum Denken aussprachen (www.systemofadown.com).

Underground Hip-Hop wird von den Marketing-Abteilungen in den USA erfolgreich ins „alternative“ Abseits gepusht. Wie Tom Silverman sagte, als er die Neueinkäufe des SPEX-Korrespondetenten begutachtete: „für Freaks“. Einige Monate sah es so aus, als wäre die Zeit der Freaks gekommen. Nach dem (harmlosen) Spinner MC Paul Barman und dem (mit Sicherheit nicht harmlosen) Weirdo Sensational releaste Matador auch eine Split-Single mit Techno Animal und New Jerseys Dälek. Seitdem erwartete ich monatlich die guten Nachrichten vom Matador-Debut der Band aus New Jersey. Die Band selbst auch, wie sie mir an einem der heißesten Tage des Jahres erzählte: „Matador machte diese Single mit uns und sagte, als nächstes schicken sie uns einen Vorvertrag. Auf den warten wir heute noch.“ Oktopus, dälek und DJ Still hingen zu diesem Zeitpunkt noch schwer in den Seilen, da sie den Vorabend offenbar mit ein paar Bier und den Gastgebern des Abends, der Audio-Chocolate-Crew herumbrachten. Das erste Album Negro, Nekro, Necros kam auf einem US-Hardcorelabel raus, jetzt würden die aufmerksamen Beobachter europäischer Elektronik mit hohem Splitterbeatgehalt am liebsten zu Warp. Sie sind dicke mit Scott Herren (Prefuse 73, Savath & Savalas) und „der will mal schauen, was gääääähh(n)t“, so MC Dälek. Der Live-Auftritt im Mudd Club kündet von Großem. Unterstützt von Oktopus an Laptop und diversem Hardware-Zeug und dem schwer rockenden DJ Still, knärgelte und schrie Dälek sich durchs Programm, mit dem tonnenschweren Megaton als Schlußnummer. Versteh einer die A&R-Truppe von Matador.

„Date of Birth“, der zweite Release der Arsonists auf Matador ist dagegen nur ein schwacher Trost: nachdem zwei Mitglieder die Band verlassen haben, ist die Band aus Brooklyn mittlerweile zu dritt. Ihren Ruf als „krankester Live-Act“ der Gegenwart konnte von mir leider noch nicht überprüft werden, aber dazu wird es in den kommenden Monaten Gelegenheit geben. Die Arsonists sind definitiv wohlmeinende Rapper, die keinen Sinn darin sehen, einen Lifestyle zu glorifizieren, der mit ihrem nichts zu tun hat. Stattdessen treten sie lieber in Schulen auf und geben Hip-Hop-Grundkurse inklusive Benimm-Lektionen. Und was erzählen sie den Leuten, was HipHop ist, die Essenz des ganzen? „Schwer zu sagen. Wenn ich morgens aufwache, ist HipHop schon da. Wenn ich meine Haare checke - HipHop!“, philosophierte Swel, der seinen Afro an diesem Tag zu zwei Puscheln gebunden hatte und damit ein bißchen wie Micky Maus aussah. Das und viele lustige Konzertgeschichten verklickerten sie, auf römische Sitzliegen (bekannt aus Asterix) gefläzt in einer vergnüglichen halben Stunde. Die Platte selbst vertieft das ganze natürlich, auch wenn sie nicht so supermodern klingt, wie wir uns das vorgestellt hatten. „We be about“ ist ein gemütlich auf einem Piano-Loop schunkelnder Posse-Track und ein gute Wahl als Single. Der wahre Höhepunkt von Date of Birth kommt eigentlich am Schluß: eine Quizshow im Schnelldurchlauf, ähnlich wie Dr. Dres Hörspiel-Klassiker „Sack Pyramid“, aber komplett in time, mit verteilten Rollen auf den Beat gerappt, inklusive Commercial Break.

Fetter ist die Party Music von The Coup. Die Produktion geht auf einem genialen Mittelweg zwischen Spearhead, Prince und Automator, die Lyrics bleiben dennoch absolut entzifferungswürdig und politically aware. Leider wird 75 Ark das Album mit Verspätung, also erst im November, in die Läden bringen: Ein neues Artwork muss her, da auf dem ursprünglichen Entwurf das World Trade Center explodiert. Ein denkwürdiges Zeichen dafür, wie Fiction und Non-Fiction, Symbole und Zeichen durcheinandergeraten, wenn High-Tech-Gesellschaften, so wie jede Gesellschaft, Symbole, Metaphern und (Film-) Bilder für ihre Wünsche und Alpträume massenweise produzieren. Wie Mike Ladd (infesticons) sagte „Was wir jetzt haben ist ein post-futuristisches Konzept ... das ist weder gut noch schlecht, es ist einfach die Situation, mit der wir umgehen müssen. Leute, die Science Fiction schreiben oder von der Zukunft träumen, tun das nicht mehr in Erwartung der Zukunft, sondern manifestieren die Zukunft, produzieren sie hier und jetzt.“ Das gilt ebenso für die Massen von Filmen von Godzilla bis A.I., bis hin zur Metaphorik der unterschiedlichsten Musiker von DJ Spooky bis Biggie Smalls: NYC war hier immer ein Kriegsschauplatz und sein vielfach durchgespielter Untergang eine stets funktionierende (= mit Kitzel konsumierbare) Metapher. The Coup setzen ihre Schwerpunkte etwas anders. Boots Riley von The Coup in einer Stellungnahme: “Die Absicht war, das World Trade Centre als Symbol des Kapitalismus zu benutzen und keinesfalls als realistische Darstellung.” Es ist das „Babylon Burning“, eine Forderung, deren vorzeitiger Vorgeschmack auf Erfüllung allerdings den größten Teil ihrer Propagandisten etwas überfordern dürfte. Aber sorry, Leute, so wird es wohl aussehen, wenn Babylon wirklich brennt. Für islamistische Hardliner (an denen es in der Öffentlichkeit so sehr mangelt, daß die Bilder der feiernden Palästinenser in den besetzten Gebieten dafür herhalten mußten. Bilder, von denen in email-Rundbriefen bereits bezweifelt wird, ob sie tatsächlich aus diesem Jahr stammen und nicht von 1991) ist es darüber hinaus das Zentrum der halluzinierten jüdischen Weltverschwörung. Gerade für Rapper, die dem immer wieder mehr oder weniger entschlossen aufgesessen sind, gibt es da möglicherweise etwas Nachholbedarf, ihr Positionen zu überprüfen. Schon um solche Diskussionen führen zu können, das Bewußtsein dafür zu schärfen, daß Frontlinien dieses Krieges auch durch die amerikanische Gesellschaft verlaufen, wäre das Cover in einer besseren Welt unverändert veröffentlicht worden.

Nicht verzichten darf ich an dieser Stelle auf zwei Alben, die mit „Party Music“ um den Rang der Hip-Hop-Scheibe des Jahres konkurrieren: das Album von Cannibal Ox, nach dem Ende von Company Flow, El-P’s neues Lieblingsprojekt, ist schon draußen und wie erwartet die Wucht in Tüten. Afro-Techno-Future-Hip-Hop mit den verquastesten Metaphern und den erdigsten Breakbomben der Saison. Wer das Ding nicht schon als Import an Land gezogen hat, kann noch mal loslaufen ... und bei der Gelegenheit gleich nach der zweiten Roots Manuva Ausschau halten: Im vergangenen Jahr als Gast bei 23 Skiddoo, Leftfield und tausendundeinem Ninja-Tune dabei, ist das hier sein wirklich gigantischer Wurf: Ragga-getränkte Riddims, Vocals wie Balsam und jedes Stück ein Hit. ][ mandel


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