OUK das dreiund30ste ± geradeaus & über Eck ± Okt/Nov 01 tagebuch einer revolution

Was denkt sich wohl so eine Gruppe von Menschen, wenn sie fünf Mark bezahlt, um sich mit einem Glas Weizenbier in der Hand auf die Tanzfläche zu setzen und sich partout weigert, zu weichen?
„He, laß mal gut sein, wir wollen uns unterhalten, ja? Miteinander reden. Und sag mal dem DJ, er soll ein bißchen leiser machen!“.

Menschen aus einer anderen Welt? Oder aus einer anderen Disko? Verirrt in ihrem alltäglichen Konsumrausch?
Geleitet von dem, was ihnen die Presse vorkaut, diktiert und vorinterpretiert. Es gibt keine objektive Meinung in den Medien, schon gar nicht, wenn diese sich auf Grund außerordentlicher Ereignisse zur Meinungsbildung gezwungen sehen. Dumm frißt der Leser, was ihm vorgeworfen wird. Links verbrüdert sich mit Rechts und plötzlich ist alles klar, die Welt einfarbig - noch nicht einmal schwarz-weiß.

Ich trat ein und es war leer. Ganz wie ich es erwartet hatte. Und doch schlich sich da eine Enttäuschung in meinem Körper empor. Doch bevor sie alles vereinnahmen konnte, sog ich die Musik in mich auf und stellte fest, daß noch nicht alles verloren war - was allerdings nicht an der Musik lag. Wir gehen stets auf die selben Parties, wir tanzen zur immer gleichen Musik. Es ist äußerst traurig wissen zu müssen, daß selbst weltoffenen Menschen der Hang zum Konformistischen innewohnt, wenn sie erst einmal einer extremen Situation oder andauernder Zermürbung ausgesetzt sind. Angesichts des immens großen Angebots an Musik, den riesigen, unübersichtlichen Discount-Läden, angesichts einer Strategie, die darauf abzielt, den Konsumenten zu verwirren - verwundert es da noch, daß sich der Kunde aus dem Geschäft zurückzieht und die Umsätze sinken? Das Ziel, lediglich die verkauften Stückzahlen zu erhöhen, wendet sich irgendwann immer gegen sich selbst. Begreift keiner, daß sich niemand mehr zurechtfindet, niemand mehr zuhört? Kann man Musik mögen, wenn man täglich Menschen belästigt und ausfragt, wenn der einzige Gedanke darin besteht, zu erfahren, ob eine Platte besprochen wird oder nicht. Als ob mehrmaliges Anrufen mich eher dazu bringen würde, eben diese Platte anzuhören. Das sture Abarbeiten von festgeschriebenen Formeln hat noch nie zum Ziel geführt. Wie froh bin ich da über all diejenigen, mit denen ich über die letzte Party, das schlechte Bier oder einfach nur über das Leben unterhalten kann. Es sei Euch hiermit gedankt!

Zu viele Fragezeichen in diesem Text, zuviel Überbau in den Köpfen anderer. Darf man wirklich noch davon ausgehen, daß es so etwas wie „Sprachfreiheit“ gibt. Wurden wir nicht längst unseren Worten beraubt? Ja, jeder schreit und alle sprechen und plötzlich ist eine ganze Nation betroffen - wortlos. Denn schweigend trauert es sich am besten. Musik wird in Schubladen gesteckt, weil es so einfacher ist, sie zu beschreiben und man dem Plattenverkäufer nicht umständlich irgendeine Melodie vorsummen muß. Nach der Schublade kommt die Suche nach dem Sinn. Wo ist die politische Aussage, hat diese Musik Stil, kann ich sie als Waffe gegen bestehende Systeme benutzen. Es ist geradezu lächerlich, das sich jene Theoretiker mit der Popmusik ausgerechnet die Art von Musik ausgesucht haben, die am meisten vom vorherrschenden System abhängig ist. Da trägt Sid Vicious ein Hakenkreuz auf seinem T-Shirt und die unter Rausch und Glücksgefühlen stehende und zur Musik tanzende Menge soll in der Lage sein, daraus eine „Message“ abzuleiten. Musik für sich sprechen lassen. Ohne Zitate. Nicht den Philosophen auf die Musik, sondern die Musik auf den Philosophen anwenden. All das ist schwer vorstellbar und zeigt zugleich wie festgefahren unsere Gedanken sind. Dies in Worte zu fassen, ist keineswegs leicht. Wer möchte schon als lyrischer Spinner abgestempelt werden. Wer wagt es schon, beim Hören von Musik von der Erschließung eines neuen Universums zu sprechen (beim Hören wohlgemerkt, nicht nach der Lektüre eines Buches, das zufällig dieses Thema behandelt) und allein damit die Daseinsberechtigung eines 33.000 Mark teuren Burmester-Vorverstärkers zu erklären. Die allgemeine Presse ist es nicht gewohnt, wenn jemand ungeniert daherredet, gänzlich unzensiert und frei von jeglicher Norm. Sie irrt, wenn sie der Meinung ist, einen philosophischen Überbau generieren zu müssen, damit ihre Leser die (angebliche) Botschaft in der Musik verstehen. Man braucht dem Musiker keine Aussage in den Mund legen, weil er diese bereits umgesetzt hat. Klar und deutlich zu hören in seiner Musik, nicht in seinen Worten.

Hört zu, fühlt die Musik, beschreibt sie. Aber bitte hört auf darüber nachzudenken, wie sich mit ihr der nächste Krieg gewinnen läßt. ][ mb


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